EAT THE BITCH – DESILLUSIONIERT

EAT THE BITCH – DESILLUSIONIERT
(Eigenproduktion)

Manch überkorrekte(r) wird sich vielleicht aus irgendwelchen obskuren Gründen am Namen der Hamburger Band stören, aber was juckt das schon den gemeinen Punk. Die vorliegende CD hat bereits im letzten Jahr das Licht der Welt entdeckt und ist nun auch bei mir auf dem Tisch gelandet, um sich einer näheren Betrachtung zu unterziehen.

Zu hören gibt es stürmischen HC-/Anarchopunk, der voller Wut steckt und sich in politischen Texten über den Status Quo auskotzt. Thematisiert wird alles, was dem gesellschaftskritischen, linksorientierten Menschen so auf den Sack geht. Durch den angepissten weiblichen, nennen wir es Gesang, werden die Statements glaubwürdig herausgeschrien. Hier paart sich Verzweiflung mit Wut und Aggression, sowie einem Hauch Hoffnungslosigkeit. Unterstützt werden die anklagenden Worte von deftigem, meist recht einfach strukturiertem HC-Punk, der vom Sound her teilweise vielleicht etwas dumpf klingen mag, dadurch aber auch ziemlich roh und ungeschminkt wirkt. Dabei drängen sich Vergleiche mit Bands wie F*CKING ANGRY oder ICH-SUCHT förmlich auf, wobei allerdings genannte Bands meiner bescheidenen Meinung nach leicht im Vorteil liegen. Denn EAT THE BITCH gehen etwas ungestümer zur Sache und klingen daher nicht ganz so ausgereift. Dies ist aber sicherlich Geschmackssache.

Authentischer HC-Punk, der was noch zu sagen hat. Die Attitüde stimmt, der Umsetzung muss im Angesicht ähnlich gelagerter Bands allerdings schon noch etwas Luft nach oben attestiert werden. Ergo: In der Aussage wichtig, musikalisch aber sicher noch ausbaubar. Mirko

www.facebook.com/etb.band

MISSSTAND – I CAN´T RELAX IN HINTERLAND

MISSSTAND – I CAN´T RELAX IN HINTERLAND
(Aggressive Punk Produktionen)

Klagenfurt – die Punkband MISSSTAND hat am 01.09. ein neues Album via Aggressive Punk Produktionen veröffentlicht. Und was für eins! Man könnte meinen, in Klagenfurt gäbe es nicht viel zu klagen, aber die hinterländische Bergidylle scheint zu trügen, denn relaxt klingt irgendwie anders. Überhaupt scheint die Band bei einem Blick auf die Konzertographie und zukünftige Gigs ziemlich selten zu relaxen. Die Kilometer, die das Trio in den letzten paar Jahren abgerissen hat, hat so manch aktive Band nicht in 30 Jahren Bandgeschichte auf dem Tachozähler, aber das wäre wieder ne´ andere Schublade und tut hier nicht zur Sache.

Mani, Patze und Dani blicken äußerst kritisch, angepisst, aber auch fragendend im Hinterland (und auch darüber hinaus) um sich. Die Vorboten „Keine Liebe für dein Scheissland“ und „Hinterland“ eilten bereits über YouTube voraus und ließen den Inhalt erahnen. Überwiegend zähnefletschender, angriffslustiger, politischer Deutschpunk mit klaren Aussagen, der aber durchaus auch persönliche Themen behandelt, die Religionsfrage stellt oder Sehnsüchte hat. In fast jedem Song kriegen MISSSTAND dabei den Bogen von aggressiv gespielten Strophen hin zu melodischen und mitsingkompatiblen Refrains, die sich gleich mit dem ersten Durchlauf einfräsen. Richtig, richtig geil zecken mich die Stücke „Hinterland“, „22:22“ und „Im Dreck“ an. (Und wir liegen im Dreck, haben nichts mehr zu verlieren, denn von hier unten kann man immer noch die Sterne sehen).

Und als wäre ein Album mit der vollen Ladung Deutschpunk nicht genug, packt Aggressive Punk Produktionen als Bonus auch noch den Vorgänger „Die netten Jahre sind vorbei“ dazu. Hier fällt dann, bei der Wahl der Gastsänger, auch die Cliquenwirtschaft auf. KOTZREIZ und ALARMSIGNAL vor drei Jahren und dieses Mal FAHNENFLUCHT. Bleibt also alles in der Aggro-Punk-Labelfamilie. Und klingt auch so. So wie ältere Songs von ALARMSIGNAL, FAHNENFLUCHT oder auch POPPERKLOPPER. Wenn Aggressive Punk Produktionen im Promoschreiben von der Deutschpunk-Newcomer-Platte des Jahres munkeln, munkeln sie keineswegs übertrieben, denn nichts anderes liefern MISSSTAND hier ab. Ich glaube in Österreich würde man trocken sagen: „Dieses Album geht sich aus!“ Spike

www.facebook.com/missstand

SANDOW – ENTFERNTE WELTEN

SANDOW – ENTFERNTE WELTEN
(Major Label)

Abgesehen von einem Hörspiel ist dies das erste Album der bereits in den 1980er-Jahren in Cottbus gegründeten Band um Autor, Regisseur, Produzent und Komponist Kai-Uwe Kohlschmitt. Kultstatus erreichte die Indie- und Experimentalband mit ihrem Song „Born in the GDR“, welcher mir bisher nicht geläufig war. Das neue Album ist ein Konzeptalbum, welches sich mit entlegenen Orten der Welt beschäftigt.

Dass die Band, wie ich las, nicht unbedingt massentauglich ist, zeigt auch dieses fett aufgemachte, 70-minütige Album, das sowohl als CD als auch als Doppel-LP erhältlich ist. Viel anfangen kann aber auch ich mit diesem Oeuvre, welches einen hohen künstlerischen Anspruch für sich proklamiert, nicht. Die Songs sind vertrackt und enthalten eine große Anzahl ungewöhnlicher Klänge sowie tiefsinnige Texte die von einem hohen Grad an intellektueller Poetik und Lyrik geprägt sind. Diese „Meisterwerke“, wie es das Anschreiben formuliert, sind mir aber einfach nicht zugänglich. Nicht nur textlich, sondern auch musikalisch. Eingängig sind die Lieder keinesfalls und mir einfach zu komplex. Der künstlerische Anspruch steht eindeutig im Vordergrund, weshalb die Scheibe wirklich nur für eine gewisse Randgruppe empfänglich sein dürfte. Diese vermute ich sowohl im avantgardistischen Bereich aber auch bei Teilen der Indie-Wave-Szene, die kryptischen Gedankengängen offen steht.

Für mich ist die Scheibe eigentlich so gut wie unhörbar und ganz subjektiv gesprochen würde ich sagen: „Geh mir weg mit dem Scheiß“. Manch andere(r) verliert sich aber vielleicht in den Klängen, die mir ziemlich auf die Nerven gehen. Was SANDOW aufgenommen hat, kann man sicherlich als Underground bezeichnen, als anspruchsvoll gewiss auch, ebenso aber als ziemlich anstrengend. Für mich jedenfalls – und ich glaube für die meisten unserer Leser(innen) – ist die Scheibe ziemlich schwer zu ertragen. Mirko

www.sandow.de

100 KILO HERZ – S/T

100 KILO HERZ – S/T
(Eigenproduktion)

Nach zweijährigem Bestehen feiern die sechs Leipziger mit dieser EP ihr Debüt. Die große Besetzung rührt daher, dass zur klassischen Rock-Besetzung auch zwei Bläser am Start sind. Man könnte also denken, dass hier klassischer SKA-Punk auf die Hörer wartet. Die fünf Songs, die sich auf der Scheibe befinden, tendieren aber deutlich in die melodiöse Punkrock-Ecke anstatt zum Off-Beat, der lediglich den letzten Track prägt.

Musikalisch versprüht man viel gute Laune, textlich geht es dagegen auch mal etwas nachdenklicher zu, was sich aber ganz gut ergänzt. Die Songs zeichnen sich durch eingängige Melodien aus, die schnell ins Ohr gehen aber nicht abgedroschen klingen. Aber da Ausnahmen ja die Regel bestätigen, bedient man sich im etwas pubertären (und für mich insgesamt schwächsten) Lied „Teenager ohne Angst“ auch mal dem altehrwürdigen Slogan „Hey ho – let‘s go“. Die anderen vier Beiträge gleichen dies durch gutes Songwriting und ansprechendere, teils persönliche Texte wieder aus, die auch einen Hauch von Melancholie gut vertragen.

Souverän gespielter, teils auch poppiger Punkrock mit viel Melodie, der nicht nur ins Ohr, sondern auch ins Tanzbein geht, dabei meist unpeinlich rüber kommt und einiges an Potential in sich birgt. Somit kann ich für diese flott gespielte Scheibe auch bedenkenlos eine Empfehlung aussprechen. Mirko

www.100-kilo-herz.de

THE CREEPSHOW – DEATH AT MY DOOR

THE CREEPSHOW – DEATH AT MY DOOR
(Concrete Jungle Records)

Das Schicksal hat vieles versucht, aber THE CREEPSHOW sind nicht klein zu kriegen. Gut so, denn deren Alben transportieren immer etwas mehr, als es typische Psychobilly-Bands so tun bzw. THE CREEPSHOW-Alben besitzen in der Regel das Beste von den Größten der Szene. Von TIGER ARMY die melodische Verspieltheit und das sich nicht in eine Schublade pressen lassen, von NEKROMATIX das dreckige Punk-Ding und von den HORRORPOPS, aufgrund des weiblichen Gesangs, ein gehöriges Stück Girl-Power.

Das Album startet auch gleich mal völlig losgelöst mit einem Song der so heißt wie selbiges (also „Death at my door“), gefolgt von „Stick & Stones“, welches auch sofort begeistert und hängen bleibt. Komischerweise flacht die Scheibe nach den beiden wirklichen starken Anfangsstücken ab. „Tomorrow may never come“ in der Mitte packt Einen nochmal, bevor wieder diese „Naja-Songs” kommen. Am Ende dann aber nochmal ein richtiges Highlight. Die Akustik-Nummer „My Soul to keep“ fällt völlig positiv aus dem Rahmen und ich hab´ fast ein wenig Gänsehaut.

Insgesamt gesehen aber nicht das beste Album, das THE CREEPSHOW vom Stapel gelassen haben. Die Höhen liegen hier für mich ganz klar am Anfang und am Ende, den Rest empfinde ich zwischen befriedigend und ausreichend liegend. Spike

www.facebook.com/TheCreepshowOfficial

TOMAS TULPE – IN DER KANTINE GAB ES BOHNEN

TOMAS TULPE – IN DER KANTINE GAB ES BOHNEN
(Bakraufarfita Records)

“TOMAS TULPE, mit seinen ersten beiden Alben noch bei FRANK ZANDER´s Zett-Records unter Vertrag, wechselt zu einem Punklabel.“ Diese Meldung dürfte die gesamte Schlagerszene erschüttert haben. Konvertiert Tulpe jetzt wirklich zu der bunthaarigen, ungewaschenen und arbeitsscheuen Jugendbewegung? Wird er sein Schlagertalent verschwenden und niemals Mallorca erobern?

Tatsächlich erobert TOMAS TULPE längst die Bühnen großer Punkfestivals und bildet auf deren Afershowpartys oder auf deren Zeltplätzen mit seinen Songs längst den Soundtrack für das feierwütige und trinkfreudige Publikum. Und dieser Soundtrack wird mit „In der Kantine gab es Bohnen…“ um 14 Songs erweitert. Anarcho-Schlager gepaart mit NDW-Elektro-Trash, irgendwo zwischen GUILDO HORN, TRIO und EISENPIMMEL, mit Texten, wie sie auch aus der Feder eines HELGE SCHNEIDER´s stammen könnten. Quasi Comedy zum Abzappeln. Oder sagen wir lieber Kabarett zum Abzappeln – das hört sich niveauvoller an. Bei Songtiteln wie „Bananen machen dick“, „Roy Black is back“ oder „Ich hasse Gardinen“ kann in etwa erahnt werden, was hier zu erwarten ist.

Die einen werden ganz viel Alkohol brauchen, um das alles zu ertragen, die anderen trinken ihn ohnehin und nehmen die Platte nicht als Ausrede für ihre Saufangelegenheiten. Feuchtfröhlich geht’s, aus welchem Grund auch immer, ohnehin überall zu, wo TOMAS TULPE auftritt oder aufgelegt wird. Auch wenn vieles Nonsens ist, finde ich es tatsächlich höchst unterhaltsam. Und das sogar ohne Alkohol. Ist halt mal wieder was anderes und fällt völlig aus dem Rahmen. Spike

www.tomastulpe.de