DIANA + FELIX (A Global Mess)

Bin ja auch gerne unterwegs und so war ich schon gespannt auf das A GLOBAL MESS Buch. Felix und Diana waren mehrere Monate in Südostasien unterwegs und haben darüber einen lesenswerten Reise- und Erfahrungsbericht geschrieben. Dazu noch eine selbstgemachte Dokumentation als Film. Aber dazu gibt‘s ja ein Review (HIER) auf unserer Seite.
Für mich auf jeden Fall ein sehr interessantes Projekt und da ich noch ein bisschen mehr dazu erfahren wollte, hab ich die beiden einfach mal angeschrieben. Was dabei herausgekommen ist, könnt ihr hier nachlesen:

UglyPunk: Hallo zusammen. Eigentlich finde ich solche Einstiegsfragen ja bescheuert. Zumindest bei Bands. Da Euer Wirken dahingehend eher gering ist, möchte ich Euch bitten Euch erst mal kurz vorzustellen.
Diana:
Ich bin Journalistin und war von 2013 bis 2015 u. a. Mitherausgeberin des PUNKROCK! Fanzines. In den Jahren darauf habe ich in verschiedenen Redaktionen gearbeitet, doch mit der Zeit wurde der Wunsch immer größer, freiberuflich zu weiterzumachen. 2018 habe ich meinen Redakteurinnen-Posten schließlich gekündigt und kurz darauf ist die Idee zu „A Global Mess“ entstanden.
Felix:
Ich bin Musikmanager und habe seit 2010 für Plattenfirmen & Medienunternehmen gearbeitet & Musik veröffentlicht. 2018 habe ich meinen Job gekündigt um die „A Global Mess“ Reise anzutreten und mich anschließend selbstständig zu machen. Seit kurzem treibe ich mein Unwesen in Berlin.

UglyPunk: Euer Entschluss, dieses Projekt zu starten basiert ja eigentlich auf einer, im wahrsten Sinne des Wortes, Schnapsidee. Für viele dann am nächsten Morgen nichts weiter als eine bescheuerte Idee, wenn man sich denn überhaupt noch daran erinnert. Was hat Euch dazu bewogen, das Projekt dann tatsächlich in Angriff zu nehmen?
Diana:
Es war einfach der richtige Zeitpunkt, da wir uns gerade beide aus den Fesseln einer Festanstellung befreit hatten und darauf brannten, mal wieder etwas vollkommen anderes zu tun. Außerdem sind wir schon lange befreundet und haben zwischendurch auch zusammen in einer WG gewohnt. Rein zwischenmenschlich konnte also nicht viel schief gehen. Plump gesagt, hatten wir einfach Bock auf ein kleines Abenteuer und die Möglichkeit, uns kreativ auszutoben.
Felix:
Ich glaube ein wichtiger Punkt war außerdem, dass wir genau wussten wo wir uns gegenseitig ergänzen und welche Schwächen der/die andere ausbügeln kann. Wir konnten uns einfach von Anfang an gegenseitig den Rücken freihalten.

UglyPunk: Subkultur ist ja ein breites Spektrum. Hattet ihr Euch da im Vorfeld einen speziellen Schwerpunkt gesetzt? Man hat ja auch Vorstellungen und Erwartungen, wenn man so ein Projekt in Angriff nimmt.
Diana: Da wir beide seit unserer Jugend mit Punkrock sozialisiert worden sind, war natürlich klar, dass dieser eine große Rolle einnehmen wird. Vor Ort hat unser Background uns dann auch oft geholfen, da wir sofort als Gleichgesinnte wahrgenommen wurden und die Gesprächsthemen auf der Hand lagen. Dennoch wollte wir von Anfang an mehr als das zeigen, denn ein rebellisches Lebensgefühl ist ja nicht nur unter Punks zu finden, sondern auch unter Skateboarder*innen, Graffitikünstler*innen und im Hip Hop. Im Grunde waren wir für alle Subkulturen offen, die Frage war nur, ob wir sie auch finden würden.
Felix:
Im Prinzip spiegelt „A Global Mess“ genau die Subkulturen wieder, mit denen wir auch selbst zu tun haben. Und auch irgendwo in genau demselben Verhältnis. Wie Diana gesagt hat, Punkrock ist irgendwie unsere Homebase, aber natürlich bewegen wir uns nicht ausschließlich in genau dieser Blase, sondern man schaut auch mal über den Tellerrand hinweg. Prinzipiell muss man aber schon sagen, dass AGM ein sehr subjektiver Blick in Subkulturen ist und keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit hat.

UglyPunk: Hattet ihr denn bereits Erfahrung im Backpacking, oder war auch das eine neue Herausforderung für Euch?
Diana:
Dahingehend blickten wir beide auf zahlreiche Reiseerfahrungen zurück. Ich bin mit meinem Rucksack u. a. durch Australien, Tansania und die U.S.A. gereist, außerdem war ich für eine Reportage mal zwei Monate mit einer Band auf Europa-Tour. Was Unterbringungen und die Herausforderung des Zusammenlebens auf engstem Raum angeht, kann mich nicht mehr viel schocken.
Felix:
Ich war auch zuvor schon zweimal im asiatischen Raum mit meinem Rucksack unterwegs. Da waren wir beide schon ziemlich geübt. Zumal heutzutage durch Smartphones alles viel einfacher geworden ist.

UglyPunk: Stand denn schon vorher fest, welche Länder ihr bereisen wollt? Ihr hattet ja im Vorfeld schon etwas recherchiert und über die sozialen Netzwerke verschiedene Kontakte geknüpft. Inwiefern hat das die Planungen und die Reiseroute beeinflusst?
Diana:
Die Länderroute haben wir vorab gemeinsam festgelegt, da wir ja zumindest die Interkontinentalflüge rechtzeitig buchen mussten. Unterwegs haben wir uns dann von Kontakt zu Kontakt gehangelt und uns ein bisschen treiben lassen. Die Personen, die wir bereits von Deutschland aus angeschrieben hatten, waren an einem neuen Ort dann sozusagen unsere Türöffner*innen. Denn sie konnten uns sagen, was der subkulturelle „Place to be“ war und wen wir unbedingt treffen mussten.

UglyPunk: Wie lange haben denn die Vorbereitungen gedauert und welche Schwierigkeiten hattet ihr bei der Planung?
Diana:
Im Februar 2018 hatten wir die Idee und im Mai ist Felix bereits nach Hongkong geflogen. Tatsächlich war es ganz gut, dass ich erst später nachgekommen bin. So hat Felix gewissermaßen einen Realitycheck vor Ort machen können und ich konnte noch ein paar Ergänzungen für unser Equipment besorgen und ihn von Zuhause bei den ersten Blog-Posts unterstützen, damit er nicht den ganzen Tag in irgendwelchen Internetcafés rumhängen musste.
Felix:
Der Großteil der Vorbereitung war eigentlich die Konzepte auszuarbeiten und zu Papier zu bringen, Partner für uns zu gewinnen, Equipment zu organisieren und so weiter. Den Rest haben wir zum Großteil auf uns zukommen lassen.

UglyPunk: Felix, Du bist ja zunächst alleine aufgebrochen, da Diana noch einige Termine zu absolvieren hatte und erst in Singapur, nach fast der Hälfte der Reise dazugestoßen ist. Warum gab es denn nicht die Möglichkeit, die komplette Reise gemeinsam zu machen?
Diana: Man darf nicht vergessen, dass das Ganze ja auch ein ziemlicher Schnellschuss war. Ich hatte mich gerade erst selbstständig gemacht und musste meinen ersten Aufträgen nachkommen. Dazu gehörten u. a. wöchentliche Band-Interviews für die Seite vom RUHRPOTT RODEO und eine anschließende Berichterstattung vor Ort. Das heißt, selbst wenn ich versucht hätte, meine anderen Aufträge von unterwegs zu erledigen (was rückblickend nie funktioniert hätte), musste ich das Festival abwarten. Außerdem hätte mein Mann mir wahrscheinlich vollkommen zu Recht einen Vogel gezeigt, wenn ich ihn von heute auf morgen für ein Vierteljahr mit unserem Hund alleine gelassen hätte.

UglyPunk: Wie war denn die Zeit für Euch, einerseits noch nicht mit Felix unterwegs zu sein, andererseits auf Diana warten zu müssen? Schließlich ist es ja Euer gemeinsames Projekt.
Diana:
Wir hatten es aus den genannten Gründen ja von Anfang an so geplant, aber ich würde lügen, würde ich behaupten, es hätte mir nichts ausgemacht. Ab einem gewissen Punkt war Felix voll in seinem Element. Er lernte jeden Tag neue Leute kennen und besuchte unzählige Konzerte, während ich Zuhause in Deutschland saß. Ich fragte mich damals manchmal, ob er nach all der Zeit überhaupt noch offen für eine Begleitung war oder ob „A Global Mess“ für ihn inzwischen zu einem Solo-Projekt geworden war. Aber meine Sorgen waren unbegründet. Es fühlte sich vom Tag meiner Ankunft alles richtig an und wir funktionierten als Team perfekt.
Felix:
Ich war tatsächlich das erste Mal in meinem Leben alleine unterwegs und muss sagen, dass das schon auch eine sehr coole Erfahrung war. Ich glaube auch, dass es mir geholfen hat direkt von Anfang an Leute kennenzulernen, weil ich ja überall alleine aufgetaucht bin. Allerdings war die One-Man-Show auch irgendwann sehr anstrengend. Ich habe ja gefilmt, Interviews geführt, Notizen gemacht, organisiert, gebloggt & gevloggt. Das war alles schon extrem anstrengend. Irgendwann hat mir dann auch jemand gefehlt mit dem ich all diese Erfahrungen zwischendurch reflektieren kann; von daher war ich dann auch sehr froh, als Diana endlich in Singapur ankam.

UglyPunk: Die erste Etappe, die in Bezug auf eine Underground-Szene offenbar nicht viel zu bieten hatte war ja Hongkong, dass damals (also 2018) noch nicht von den folgenden Demonstrationen geprägt war. War für dich, Felix, dort schon etwas von einer Unzufriedenheit spürbar? Die späteren Proteste gingen ja nicht vom (offenbar kaum vorhandenen) Underground aus.
Felix:
Nee, davon habe ich gar nichts gespürt. Ich war aber auch insgesamt nur 5 Tage in Hongkong und habe mich nur mit einem Typen getroffen. Die Stadt war damals extrem ruhig und war der letzte Ort an dem ich so eine Entwicklung erwartet hätte.

UglyPunk: Dennoch hat Dir Hongkong die Tür zu den Philippinen geöffnet. Dort herrscht mit Rudrigo Duerte ein ziemlich durchgeknallter Staatschef. War von den Gefahren, die durch ihn und seine Todesschwadronen ausgehen, für dich, der sich mit den als subversiv geltenden „Subjekten“ abgegeben hat, etwas spürbar?
Felix: Ja, das war natürlich spürbar und auch häufig Thema. Mir wurden einige schreckliche Geschichten erzählt, Künstler*innen haben sehr genau darauf geachtet, was ihre Bilder oder Lyrics über sie preisgeben und Kritik wurde nur sehr allgemein öffentlich formuliert.

UglyPunk: Du warst dort sowohl mit Punks, aber auch mit sowohl illegal agierenden als auch mit staatlich unterstützten Streetartists unterwegs, hattest aber auch die Gelegenheit, im dortigen Radio ein Interview zu geben. Wie kommt es, dass es einerseits harte Restriktionen gegen Subkulturen gibt, anderseits aber auch staatliche Förderung getätigt und ein öffentliches Forum toleriert wird?
Felix:
Es ist halt so, dass auch auf den Philippinen ein Tattoo oder ein Irokesenschnitt niemanden mehr aus der Reserve lockt. Ich kenne dort eine Punkerin, die Abteilungsleiterin ist, einen Punk der Polizist (!!!) ist und so weiter. Sub- und Popkultur sind dort genauso im Mainstream verankert wie hier auch und ich würde nicht sagen, dass die Restriktionen per se gegen Subkulturen sind. Es ist wie immer, es trifft die schwächsten Schichten der Gesellschaft.

UglyPunk: In der Subkultur will man sich aber doch schon vom Mainstream abgrenzen, oder?
Felix:
Ja schon. Aber es kommen ja immer wieder Elemente von Subkulturen im Mainstream an. Beziehungsweise besteht der Mainstream ja ausschließlich aus einem bunten Strauß von Elementen die aus verschiedenen Subkulturen geborgt (oder geklaut) wurden.

UglyPunk: Wie hast Du das auf Bali, das ja als Urlaubsparadies gilt, erlebt?
Felix:
Naja, wenn man an Bali denkt, denkt man natürlich zwangsläufig an Yoga und Strände und so. Zumindest ging es mir so. Ich hatte eigentlich nicht geplant dorthin zu reisen, weil ich dachte, dass es bestimmt spannendere Orte gibt. Aber ein Freund auf den Philippinen stellte einen Kontakt zu einem Punk her und so flog ich nach Bali. Dort habe ich einen der wildesten & brutalsten Moshpits meines Lebens erlebt. Es ist immer noch eine meiner Lieblingsszenen in unserem Film, weil ich gar nicht fassen kann wie heftig es einfach abging. Das hatte nichts mit Yoga zu tun.

UglyPunk: Mit SUPERMAN IS DEAD, eine Band, die in Ostasien mittlerweile ziemlich bekannt ist und die Du auf Bali getroffen hast, hat auch dort der Punkrock Einzug in den Mainstream gefunden. Hat der Underground denn deiner Meinung nach durch die steigende Bekanntheit von Punkbands auch größeren Einfluss auf die gesellschaftlichen und politischen Umstände?
Felix:
Super Man Is Dead sind in Indonesien riesig und bereits seit Anfang der 90er mit dabei. Sie sind der real shit, nur dass sie es durch eine sehr tragische Geschichte zu enormer Berühmtheit geschafft haben. Das würde jetzt zu weit gehen, das im Detail zu erklären. Der Sänger JRX hat ein Interview dazu gegeben, das bei uns im Buch und im Film zu finden ist. Jedenfalls nutzt die Band ihre Popularität, um auf soziale und ökologische Probleme aufmerksam zu machen.

UglyPunk: Welche Unterschiede gibt es denn zwischen den Szenen in den verschiedenen Ländern. Diese sind ja auch kulturell doch ziemlich verschieden?
Diana:
Einerseits haben wir die Szenen in den einzelnen Ländern schon sehr unterschiedlich wahrgenommen – so war die in Kuala Lumpur beispielsweise sehr viel politischer als die in Bangkok. Andererseits ist das nicht besonders repräsentativ, da wir nur Momentaufnahmen sammeln konnten. Je nachdem, mit wem man spricht, wird man auch in Berlin zig verschiedene Facetten der dortigen Szene vorfinden. Wieso sollte das in Asien anders sein?

UglyPunk: Welche Rolle spielt denn die Religion und welchen Einfluss hat diese auf den dortigen Underground? Gerade Malaysia und Indonesien sind ja muslimisch geprägt, die anderen Länder christlich oder buddhistisch.
Diana:
Auch dahingehend haben wir verschiedene Einblicke erhalten. Während uns in Malaysia von einer jungen Frau berichtet wurde, dass sie auf der Straße mitunter beschimpft und angespuckt wird, weil sie kein Kopftuch trägt, hat Felix in Indonesien sehr gläubige Punks kennengelernt, für die es keinen Widerspruch zwischen ihrem Lifestyle und ihrer Religion gibt.

UglyPunk: Abgesehen von den äußeren Einflüssen, inwiefern beschäftigen sich die Szeneangehörigen denn mit Religion und welche Rolle spielt dies in deren Leben?
Felix:
Auch hier kann man keine allgemeine Antwort geben. Manchen ist Religion egal. Manche wehren sich dagegen und andere verbinden Glauben mit ihrer Subkultur. Das Thema ist facettenreich.

UglyPunk: Hier spricht man in Bezug auf Punk aus fremden Regionen ja gerne von „Exoten-Punk“. Wie ist denn die Sichtweise dort auf europäischen oder amerikanischen Punk?
Diana:
Der Punkrock, den wir dort vorgefunden haben, ist unserer Vorstellung davon ähnlicher als gedacht. Aber das ist auch logisch, schließlich haben sie die Bewegung nicht neu erfunden, sondern orientieren sich an denselben Vorbildern (aus den USA und dem UK) wie wir. Das betrifft zum einen die Mode, zum anderen aber auch die Musik. Die meisten Bands, die wir trafen, singen auf Englisch. In den Reviews zu unserem Sampler wird immer wieder betont, wie schade es sei, dass die meisten Songs so „westlich“ klingen. Aber man kann den asiatischen Bands doch nicht vorwerfen, dass sie die eigenen Erwartungen in Sachen „Exoten-Punk“ nicht erfüllen – der Stempel wurde ihnen schließlich ungefragt aufgedrückt. Für mich schwang dabei oft eine „westliche Überheblichkeit“ mit: „Ich habe mir Punk aus Asien so und so vorgestellt, dann hat der gefälligst auch so zu sein…“ Hier beschwert sich ja auch niemand darüber, dass Cecilia von der Baboon Show nicht auf Schwedisch singt.

UglyPunk: Ihr hab oft davon geschrieben, dass teils sehr wenige Frauen auf Konzerten waren, andererseits gibt es aber auch Musikerinnen und auch komplette Frauenbands. Wie seht ihr die Rolle der Frauen in den dortigen Szenen?
Diana:
Die Punkrockszene ist von jeher eine sehr patriarchal geprägte Subkultur, in der Frauen in der Minderheit sind. Die Riot-Grrrl-Bewegung der frühen Neunzigerjahre ist schließlich nicht aus Langeweile entstanden, sondern weil Frauen im Punkkosmos über viele Jahre nicht ernst genommen worden sind. Das ist in vielen Bereichen leider bis heute so und ich musste nicht nach Asien reisen, um mich darin bestätigen zu lassen. Dafür habe ich mich in den vergangenen 20 Jahren zu oft allein unter grölenden Männern wiedergefunden, um mir Festival-Line-ups anzusehen, die ausschließlich aus Kerlen bestanden. In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass sich dahingehend etwas tut. Einige Veranstalter*innen scheinen neuerdings auf eine bessere Frauenquote zu achten und durch Songs wie „Sarah (Frau, auch in ner Band)“ von Akne Kid Joe wird auch musikalisch auf das Thema aufmerksam gemacht. Mit den Radigals, der besagten Frauenband aus Singapur, verhält es sich ähnlich: Diese Musikerinnen sind die Ausnahme in einer männerdominierten Szene und sie betrachten sich als Vorkämpferinnen, um anderen Frauen den Weg zu ebnen.

UglyPunk: Wie lange hat denn die ganze Nachbearbeitung gedauert, als ihr zurück in Deutschland wart? Wer hat sich um was gekümmert und welche Schwierigkeiten hattet ihr, all das Erlebte zu sortieren und zu selektieren?
Diana:
Mit Buch, Platte und Film hatten wir uns natürlich einiges aufgehalst. Rein beruflich bedingt lag mein Fokus als Journalistin dabei erst mal auf dem Buch und Felix hat sich als Musikmanager um die Zusammenstellung der Platte gekümmert. Der Film war eine Herausforderung für sich. Wir hatten über 150 Stunden Filmmaterial von verschiedenen Kameras, die wir sichten und sortieren mussten. Felix hat sich eigens dafür mit einem dementsprechenden Programm vertraut gemacht und den Film selbst geschnitten, während ich mich an die Übersetzung der Untertitel gesetzt habe. Und das sind soweit erst mal nur die offensichtlichen Aufgaben. Wir mussten ja auch eine Crowdfunding-Kampagne auf die Beine stellen und über sechs Wochen am Laufen halten. Allein das war ein Fulltime-Job. Und parallel zu alldem haben wir auch noch unsere sechswöchige Lesetour in Eigenregie gebucht. Alles in allem haben wir ein gutes halbes Jahr dafür gebraucht – in Vollzeit, mit vielen Überstunden und Nachtschichten, auch an den Wochenenden. Aber ehrlich gesagt, ist es mir noch immer ein Rätsel, wie wir das geschafft haben.

UglyPunk: Im Buch habt ihr auch viele, ich sag mal „Urlaubserlebnisse“ mit aufgenommen, was im Film eigentlich gar nicht vorkommt. Wieso diese Entscheidung?
Diana:
Den Film haben wir von Anfang an als eine visuelle Ergänzung zum Buch gesehen, in dem wir unsere Protagonist*innen für sich selbst sprechen lassen wollten. Für unseren Reisealltag war da schlichtweg kein Platz.

UglyPunk: Wie ist denn bisher die Resonanz auf Euer Projekt? Habe im „Proud to be Punk“-Fanzine gelesen, dass bei der Vorführung des Films in, war es Chemnitz?, gerade mal 3 Leute sich den Film angeschaut haben. Ist das nicht frustrierend?
Diana:
Hahaha! Den Artikel kenne ich gar nicht. Der Abend in Chemnitz war einer von dreien, an dem die Besucher*innenzahl recht überschaubar blieb. Doch die meisten der rund 30 Veranstaltungen waren gut besucht. In Städten wie Dresden, Kassel und Wiesbaden standen die Leute sogar Schlange und es mussten weitere Stühle gebracht werden, um alle Gäste unterzubringen. Außerdem haben wir wirklich gute Presse bekommen. Es gab u.a. einen einseitigen Artikel in der taz und im VISIONS Magazin über uns und wir waren bei verschiedenen überregionalen Radiosendern wie Deutschlandfunk Kultur und COSMO im Studio zu Gast. Diese Resonanz hat uns wirklich sehr gefreut. Vor allem, da wir auf diese Weise auch außerhalb der subkulturellen Szene auf großes Interesse gestoßen sind. So haben wir u.a. die Gelegenheit bekommen, Vorträge auf den großen „Travel Festivals“ in Berlin, Leipzig und Bad Blankenburg zu halten, bei denen z.T. weit über 100 Leute im Publikum saßen. Abende wie Chemnitz gehören dennoch zu einer Tour dazu. Der Veranstalter hat uns damals trotz Festgage angeboten, die Lesung abzusagen. Aber das ist für uns nicht in Frage gekommen, schließlich hatten sich drei Leute von der Couch aufgerafft, um unsere Geschichten zu hören. Und siehe da, einem davon haben sie so gut gefallen, dass wir ihn eine Woche später, bei unserer Filmvorführung in Dresden wiedergesehen haben.

UglyPunk: Ihr habt, bedingt durch den Corona-Mist, kürzlich eine Session für ein kleines Kino in Hannover als virtuelle Veranstaltung mit Chatrunde abgehalten. Wie waren Eure Erfahrungen, eine solch unkonventionelle Lesung zu halten?
Diana:
Das LODDERBAST Kino hat uns letztes Jahr für eine Filmvorführung mit anschließendem Regisseur*innengespräch angefragt und wir haben einen wundervollen Abend dort verbracht. Wiebke und Johannes leben mit diesem Vintage-Kino ihren Traum und stecken dabei so viel Liebe ins Detail, dass man gar nicht anders kann, als sie direkt ins Herz zu schließen. Sie bieten ihren Gästen ein einmaliges Filmerlebnis auf Cocktailsesseln – mit Weingummi aus Einmachgläsern und Craft Beer vom Fass. Die coronabedingte Schließung hat sie direkt umdenken lassen und dabei ist die besagte Online-Veranstaltungsreihe herausgekommen, bei der sie Filme im Stream zeigen und die Zuschauer*innen anschließend Fragen im Live-Chat stellen können. Zu ihren Gästen zählte u.a. Tatort-Kommissarin Franziska Weisz, daher war es eine große Ehre, dass sie auch uns einen ganzen Abend widmen wollten. Von der Umsetzung her war das sehr entspannt. Wann erreicht man das Publikum schon mal vom eigenen Schreibtisch aus und kann dabei auch noch eine Flasche Wein vernichten?

UglyPunk: So, dann kommen wir langsam zum Ende. Ich bedanke mich schon mal recht herzlich bei Euch und wünsche weiterhin viel Erfolg. Aber ich denke auch so hat es sich für Euch gelohnt, diesen Trip zu unternehmen, den man wohl nicht wieder vergessen wird. Zum Abschluss aber noch zwei kurze Fragen. Habt ihr denn noch Kontakt zu den Leuten, die ihr dort getroffen habt, wissen die, was da am Ende rausgekommen ist und wenn ja, wie hat man dort darauf reagiert?
Diana:
Die Leute wussten natürlich, wofür sie uns die Interviews geben und mit den meisten von ihnen stehen wir über die Sozialen Medien auch noch in Kontakt. Mit manchen mehr als mit anderen, aber das ist ja immer so.
Felix:
Ich habe mit einigen Leuten noch Kontakt über Social Media. Man tauscht sich aus, man schickt sich Musik oder anderen Kram zu den man gerade cool findet. Und gerade jetzt will man natürlich wissen, dass es allen gut geht.

UglyPunk: Und zu guter Letzt… stehen denn weitere Projekte an, ob nun allein oder zu zweit, oder habt ihr jetzt erst mal genug von dem ganzen Stress? Zurzeit ist es ja aber auch relativ schwer, im kulturellen Bereich zu planen.
Diana:
Grundsätzlich können wir uns schon vorstellen, noch mal in eine zweite Runde zu gehen. Doch die letzten zwei Jahre waren sehr tough und wir müssen die Eindrücke, die wir im Rahmen der Reise, der Veröffentlichungen und der Lesetour gesammelt haben, erst mal verarbeiten. Davon ab ist es momentan ja ohnehin nicht möglich, etwas in die Richtung zu planen. Ich schreibe aktuell an einem Buch, in dem ich sexistische Strukturen in unserer Gesellschaft anhand meiner eigenen Erfahrungen aufzeige. Allerdings habe ich gerade erst angefangen, daher gibt es dazu noch nicht viel mehr zu sagen.
Felix:
Ich denke auch, dass es irgendwann einen zweiten Teil geben wird, aber aktuell haben andere Dinge Vorrang. Ich bin gerade nah Berlin gezogen und arbeite ebenfalls an neuen Projekten, die nichts mit AGM zu tun haben. Aber wenn es dann wieder so weit ist, dann auch mit Pauken und Trompeten! Wir können gar nicht anders.

UglyPunk: Falls ihr noch irgendwelche letzten Worte loswerden wollt, habt ihr jetzt die Gelegenheit.
Diana:
Es klingt vielleicht ein bisschen cheesy, aber unser Projekt hat mir gezeigt, dass man manchmal einfach weniger nachdenken und ins kalte Wasser springen muss. Wir hätten uns niemals träumen lassen, wie viele Menschen wir mit unserem Vorhaben erreichen und das Feedback macht uns wirklich sehr glücklich. Danke auch dir für dein Interesse und die spannenden Fragen. Und wer auf dem Laufenden bleiben möchte, findet uns auf Facebook und Instagram unter @aglobalmess.
Felix:
Was Diana sagt.

https://www.aglobalmess.com