VSK

Mit gemischten Erwartungen habe ich die erste LP von VSK auf meinen Plattenteller gelegt. Nicht nur, weil ich schon immer ein begeisterter Hörer der Versauten Stiefkinder bin, und VSK ja die Fortführung der Band ist, sondern auch weil ich wirklich gespannt war, wie die Klassiker im neuen Gewand klingen werden. Bis auf ein paar Livemitschnitte hatte ich mir nämlich noch nichts davon zu Gemüte geführt. Nun ist das gute Stück erschienen und was soll ich sage. Das Teil fegt so einiges vom Tisch. Grund genug, ein paar Fragen zum neuen Album, zur Band, vor allem aber auch zur aktuellen Lage los zu werden, die mir Sänger Julian dann auch in Windeseile beantwortet hat.

UglyPunk: Hallo erstmal… Eigentlich sollte ja bekannt sein, dass VSK der legitime Nachfolger der Versauten Stiefkinder ist. Wie kam es dazu, wieder durchzustarten?

Die Ursprungsmitglieder der Versauten Stiefkinder Reni und E-Hans hatten einfach wieder Bock auf die alten Songs und so haben sie sich neue Mitstreiter gesucht, die der Band nahe standen, um wieder als vollständige Band zu funktionieren

UglyPunk: Hatten von den anderen, allen voran Liesel & Oberleder keine Lust mehr? Wurden die anderen überhaupt gefragt, ob Interesse besteht, nochmals los zu legen?

Bei Oberleder bestand aus zeitlichen Gründen seinerzeit kein Interesse. Mit Liesel war es aus zwischenmenschlichen Gründen undenkbar und zu den restlichen Stiefkinder-Mitgliedern bestand kein Kontakt mehr. Daher wurden befreundete Musiker gesucht und gefunden. Wir treten ja auch aus Gründen nicht mehr als Versaute Stiefkinder auf, sondern eben als VSK.

UglyPunk: Ihr wohnt ja all ein Stücken auseinander wie gestalten sich denn da die Proben?

E-Hans und Reni proben regelmäßig in Freiberg zu zweit und darüber hinaus schieben wir alle zusammen etwa alle zwei Monate ein Wochenende in Celle bei Martin ein. Da schließen wir uns dann zwei Tage mit den Instrumenten ein. Das sind dann sehr intensive Proben aber es funktioniert gut. Weiterhin proben wir meist am Tag vor einem Liveauftritt.

UglyPunk: Auf der Platte sind die meisten Lieder neu aufgenommene Versionen alter Stiefkinder-Songs. Nach welchen Kriterien habt ihr denn die Songauswahl getroffen?

Wir haben einfach Songs aus der Stiefkinder-Diskografie ausgewählt, auf die wir am meisten Bock hatten. Sicher gibt es da noch viel mehr Hits, als die Lieder, die auf unserem aktuellen Album vertreten sind. Aber vielleicht nehmen wir die irgendwann auch noch mal neu auf. Wer weiß.

UglyPunk: Es finden sich aber auch fünf neue Stücke auf dem Album wieder, die sich nahtlos in die Klassiker einfügen, auch wenn ich manchmal typische Rasta Knast-Harmonien herauszuhören denke. Wer ist denn für das Songwriting verantwortlich?

Die Riffideen der neuen Songs kommen von Martin und E-Hans. Sicher ist dabei ein gewisser Rasta Knast-Einschlag nicht zu leugnen. Martin und Nils sind ja feste Mitglieder der Band. Am Ende hatte aber jeder seinen Beitrag bei den neuen Songs. Spätestens wenn wir im Proberaum dann alles zusammengebunden haben, hat jedes Bandmitglied seinen eigenen Fußabdruck hinterlassen.

UglyPunk: Die Aufnahme ist recht kraftvoller, brachialer und deutlich mehr auf HC ausgerichtet, die früheren Aufnahmen hatten dagegen einen ursprünglichen Streetpunk-Charme und bestechen durch ungeschliffene Rohheit. Warum war diese Modernisierung notwendig?

Eine solche „Modernisierung“ war nicht notwendig, aber wir wollten den Songs eine neue Note verleihen. Die frühen Aufnahmen hatten ihren Charme und die neuen haben diesen sicher auch. Am Ende bleibt es wie so oft Geschmackssache. Aber ich denke, Martin hat im Studio produktionstechnisch das Maximum rausgeholt. Jedenfalls sind wir super zufrieden mit seiner Arbeit und der Sound ist genauso, wie wir ihn uns gewünscht haben.

Uglypunk: Die Aufnahmen haben sich ja über mehrere Monate hingezogen. Woran lag‘s?

Da Martin ein eigenes Studio hat, konnten wir uns mit dem Aufnehmen Zeit lassen. Das ist natürlich ein sehr glücklicher Umstand und wir konnten so lange einspielen, bis wir wirklich zufrieden waren. Ein weiterer Grund für den länger dauernden Aufnahmeprozess ist auch hier die große Distanz zwischen den Orten, in denen wir leben. Da kann man eben nicht mal schnell ins Studio fahren, sondern das setzt schon eine gewisse Planung voraus, gerade wenn man eben auch Familie und Kinder hat.

UglyPunk: Die Platte wurde von Tobi und seinem Twisted Chords Label veröffentlicht. Wie seid ihr zu Tobi gekommen und was hat Euch bewogen, die Platte dort zu veröffentlichen?

Tobi hat sich bei uns gemeldet, nachdem er den von uns veröffentlichten Vorabsong „Der Wind hat sich gedreht“ gehört hatte. Dieser gefiel ihm und er wollte mehr hören. Als das Album dann im Kasten war, haben wir ihm die Aufnahmen geschickt und so kam eins zum anderen. Wir sind sehr froh, dass diese Zusammenarbeit zustande gekommen ist. Twisted Chords ist meiner Meinung nach eines der wichtigsten deutschen Labels im Punkbereich und neben Releases von Abfukk, Amen 81 und Mülheim Asozial, fühlen wir uns pudelwohl. Außerdem läuft mit Tobi alles super unkompliziert und verbindlich ab. Da gibt es nix zu meckern.

UglyPunk: Die früheren Texte waren ja schon sehr kämpferisch. Vor allem über „Schlag zurück“, für mich schon immer ein absoluter Hit, habe ich mir aber auch immer wieder Gedanken gemacht. Würde ich tatsächlich – mit allen Konsequenzen – in den Untergrund abtauchen und was muss kommen, um diesen Weg zu gehen? Wie sieht das bei Euch aus?

Wir stehen bis heute hinter dem Text und er spricht ja auch ein Stück weit metaphorisch und lässt durchaus Interpretationsspielraum. Wir alle wissen nicht, was die Zukunft bringt und daher können wir nie sagen, wie weit wir bereit sind, zu gehen. Niemand kann sicher sagen, ob irgendwann eine faschistische Gesellschaftsform wiederkehrt und spätestens dann wäre es durchaus notwendig sich aus dem Untergrund heraus zu organisieren, um Widerstand leisten zu können. Aktuell geht es den meisten Menschen ja noch gut in der westlichen Welt, aber das kann sich auch schlagartig ändern. Ich sag es noch mal ganz einfach und beispielhaft: Man kann durchaus überzeugter Pazifist sein, aber wenn man ständig von Nazis aufs Maul bekommt, entwickelt man irgendwann ein anderes Verhältnis zur Gewalt. Unser Handeln und unsere Bereitschaft etwas zu tun, ist von unserer Umwelt abhängig. Und unabhängig davon, was dieser Song für uns bedeutet, hat er dich ja auch zum Nachdenken angeregt, wie weit du bereit bist zu gehen und damit hat der Song ja sehr viel erreicht.

UglyPunk: Was hat sich denn in der sächsischen Provinz, (Versaute Stiefkinder stammen ja ursprünglich aus Freiberg/Sachsen) aber auch in Eurem Leben und Lebensstil, von damals, Anfang/Mitte der 90er-Jahre, bis heute verändert?

Natürlich sind wir älter geworden und haben teilweise Familien. Klar, wird man dann etwas ruhiger im eigenen Lebensstil. Dennoch ist es wichtig, wachsam zu sein und den Mund aufzumachen. Die ostdeutschen Verhältnisse haben uns geprägt und zu den politischen Menschen gemacht, die wir bis heute sind. Die sächsische Provinz hat sich eigentlich kaum verändert. Es gibt bis heute militante und gefestigte Nazistrukturen. Nazis von damals haben inzwischen Kinder und nicht selten kann man beobachten, dass eine Demo dann zum gemeinsamen Familienausflug wird.

UglyPunk: Zur Zeit befinden wir uns noch mitten im Shutdown wegen der soganannten „Corona- und Covid19-Krise“. Wie beurteilt ihr hier die staatlichen Maßnahmen, die getroffen wurden?

Wir beurteilen die staatlichen Maßnahmen durchaus kritisch. Man muss hier aufpassen, dass die aktuell getroffenen Entscheidungen, wie die Einschränkungen im Bereich der Grund- und Bürgerrechte (beispielsweise die Einschränkungen der Versammlungsfreiheit) am Ende der aktuellen Krise auch wieder zurückgenommen werden. Bedenklich ist natürlich auch die ungefragte Weitergabe von Handydaten und das Verlangen so mancher BundesbürgerInnen, nach einer starken Hand. Den notwendigen Abstand zwischen zwei Menschen sowie grundlegende Hygieneempfehlungen einzuhalten, ist unserer Meinung nach notwendig und vollkommen sinnvoll. Aber wenn in den Supermärkten viele dutzende Menschen auf einen Haufen kommen und der Verkäufer sich in seiner Freizeit dann nicht mit seinen FreundInnen treffen darf, dann wirken diese Entscheidungen recht willkürlich.

UglyPunk: Nicht wenige sehen hier eine zu große Einflussnahme des Staates auf das öffentliche Leben mit der Tendenz zur Diktatur. Einige, vor allem rechts-populistische Staatschefs nutzen ja tatsächlich die Gelegenheit, um ihre Macht auszubauen (z.B. in Ungarn). Seht ihr solch eine Gefahr hier auch?

Wir haben in Deutschland noch den Vorteil, dass wir bisher „nur“ eine streng konservative Regierung haben und eben noch keine extrem rechte. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Verschärfungen der Polizeigesetze und der Abbau des Asylrechts von eben solchen „milderen“ Regierungen zu verantworten ist. Von daher ist ein weiterer Machtausbau und eine damit einhergehende autoritäre Formierung des Staates nicht auszuschließen. Wie die Vergangenheit uns lehrt, bedarf es für die Einschränkung unserer Grundrechte nicht mal einer Partei wie der AfD in Regierungsverantwortung – denn das „schaffen“ CDU, SPD, … ganz alleine.

UglyPunk: Von der AfD hört man nicht viel zu dem Thema. Woran könnte das liegen?

Man merkt aktuell, dass die AfD eben keinerlei Antworten hat. Die Krise ist schwer mit den Kernthemen dieser extrem rechten Partei zu besetzen. Dennoch müssen wir aufpassen, dass wir den Begriff der „Solidarität“ nicht an rechte Parteien und AkteurInnen verlieren, welche diesen national besetzen wollen. Und man sieht gerade auch deutlich was eben passiert, wenn die Grenzen dicht sind.

UglyPunk: Was hofft und was glaubt ihr, welche gesellschaftlichen Veränderungen nach Ende der Krise stattfinden? Werden die jetzt als „Systemrelevant“ bezeichneten Menschen und Berufe nun mehr geschätzt werden?

Man kann hoffen, dass einige Menschen nach dem sozialen Entzug etwas netter zueinander werden und dass die aktuelle Solidaritätswelle über die Krise hinaus bestehen bleibt. Aber ich befürchte, dass die sogenannten „systemrelevanten“ Jobs nicht besser bezahlt werden. Viele davon sind eben leider im Kapitalismus kostengünstiger zu ersetzen und genau das wird man tun, wenn sich jemand auflehnt und höhere Löhne fordert. Aktuell haben viele Menschen ihre Jobs verloren und genau diese werden irgendwann gezwungen sein, sämtliche Jobs anzunehmen, wenn sie weiterhin ihre Mieten bezahlen wollen. Außerdem ist es nicht ausgeschlossen, dass sich die Arbeitsbedingungen vieler Menschen noch mehr verschlechtern, um eben die Folgen der bevorstehenden Wirtschaftskrise für das Kapital abzuschwächen. Aber etwas Gutes an der Krise könnte sein, dass unsere kapitalistische Gesellschaftsform vielleicht endlich ernsthaft in Frage gestellt wird.

UglyPunk: Mal ganz provokativ gefragt, denn auch das beschäftigt mich selbst momentan immens: Wie lässt es sich vereinbaren, die momentanen staatlichen Auflagen zu akzeptieren, zu befolgen und diese damit eigentlich auch in gewisser Weise zu befürworten, wenn man eine staatliche Einflussnahme doch eigentlich ablehnt und ein selbstbestimmtes Leben propagiert?

Ich für meinen Teil handle gerade eher aus Verantwortung meinen Mitmenschen gegenüber. Es gilt, gewisse Risikogruppen zu schützen, und das sollten eigentlich alle Menschen selbstverständlich tun. Da das aber nicht funktioniert hat und viele Menschen weiter egoistisch gehandelt haben, reagierte der Staat mit Auflagen. Wenn dieser Rechte einschränkt, ist das immer kritisch zu sehen, gerade weil einiges auch recht willkürlich wirkt. Aber wir sind da alle in einer Zwickmühle. Man will eigentlich rausgehen und sich auflehnen. Dem steht jedoch das Verantwortungsbewusstsein den Mitmenschen gegenüber. Das ist ja aktuell das Gefährliche: Der Staat kann gerade diese Situation ausnutzen, da linke revolutionäre Bewegungen durch ihr menschliches und solidarisches Bewusstsein ein Stück weit gelähmt sind.

UglyPunk: Wird Rebellion gegen den Staat (zumindest in Deutschland) damit nicht auch als ein gewisses Luxusgut entlarvt? Immerhin realisiert man nun auch, dass vieles im sozialen und medizinischen Bereich besser funktioniert, als in vielen anderen Ländern. Jetzt mal abgesehen von den miserablen Bedingungen für die in diesen Bereichen arbeitenden Menschen.

Warum sollte Rebellion ein Luxusgut sein? Sie ist notwendig! Leider sind hier immer noch zu wenige, die das so sehen und dazu sind sie oft zu unorganisiert. Hinzu kommt der Egoismus in unserer Gesellschaft, der vor allem auf einen kapitalistischen Drang, sich immer mehr anzueignen, zurückzuführen ist. Die Bereitschaft für das Leben anderer Menschen zu kämpfen und solidarisch zu handeln, ist kaum vorhanden. Und natürlich funktioniert hier auf vielen Ebenen einiges besser als in anderen Ländern. Aber man kann einen deutlichen Sozialabbau in den letzten Jahren beobachten. Auch jene Arbeitsbedingungen in denen Menschen im sozialen oder medizinischen Bereich arbeiten, wurden kaum besser. Im Gegenteil. Eine kleine Gruppe von Kapitaleignern wird jedoch immer reicher. Die Schere klafft weit auseinander und hier müssen wir ansetzen. Solange gesellschaftliche Ungerechtigkeiten immer größer werden, darf man sich nicht zurücklehnen. Sonst ist es absehbar, dass es auch hier noch mehr Menschen deutlich schlechter gehen wird.

UglyPunk: Ein für mich erstaunliches Phänomen ist derzeit, dass viele Menschen, zumindest hier in meiner Umgebung, zunehmend zur Denunziation neigen. Nicht nur in der DDR galt „der schlimmste Feind im ganzen Land, ist und bleibt der Denunziant“. Wie ist das zu erklären?

Wenn der Staat mehr Macht ausübt, steigt auch das Denunziantentum. Das hat uns eben auch schon jene DDR gelehrt. In vielen Menschen in Deutschland steckt eine gewisse Konformität tief drin und staatliches Handeln wird eben nicht von Grund auf in Frage gestellt, sondern man will eher wenig anecken. All jene, die den Staat jedoch kritisch hinterfragen, werden eben „angeschissen“. Und aktuell hat der Staat durch die angeordneten Einschränkungen eben auch noch ein viel größeres Ohr. Hinzu kommt auch hier wieder der tief verankerte Egoismus verbunden mit einer Missgunst. Getreu nach dem Motto: „Wenn ich das nicht darf, sollst du das auch nicht dürfen.“

Uglypunk: Zum Abschluss nochmals zurück zur Band: Habt ihr denn vor in Zukunft weitere alte Songs einzuspielen, oder soll das Gewicht mehr auf neue Stücke gelegt werden? Habt ihr überhaupt vor, weiter zu machen?

Klar wollen wir weiter machen und mit dem Album im Gepäck, haben wir eigentlich erst so richtig Blut geleckt. Dabei ist nicht auszuschließen, dass wir weitere alte Songs neu einspielen, aber ich denke, auf einem weiteren Album werden dann zwangsläufig mehr neue Stücke sein. Jedoch haben wir uns über ein nächstes Album tatsächlich auch noch keine Gedanken gemacht. Da können wir gerne noch mal in einem halben Jahr drüber sprechen.

Ugly Punk: Dann bedanke ich mich recht herzlich, dass Du dir die Zeit genommen hast, meine Fragen mit zu beantworten. Ich wünsche Euch mit der Scheibe viel Erfolg, und dass Ihr (aber auch alle anderen Bands), bald wieder die Bühnen unsicher machen könnt. Hast Du noch was, das Du zum Schluss noch loswerden willst?

Vielen Dank für Dein Interesse an VSK. Wir können es kaum erwarten die neuen Songs auch endlich live zu präsentieren. Bis dahin: Seid nett zueinander, unterstützt Euch und bleibt wachsam!