SHIRLEY HOLMES

SHIRLEY HOLMES sind ein quitschfideles, knalliges und energiegeladenes Trio aus Berlin, welches gerade ein verrücktes Album in eine verrückte Zeit platziert hat. So war das von Mel (Gesang / Gitarre), Miss Ziggy (Gesang / Bass) und Chris (Drums) natürlich nicht geplant, denn die Mission mit ihrem aktuellen Album lautete, mit poppigen Indie-Punk mal wieder musikalische Schubladen zu sprengen und zugleich die Bühnenbretter der Republik zu zerlegen. Ersteres tun sie mal wieder erfolgreich, zweiteres werden sie nachholen und bis dahin wird sich so einiges an Energie aufgestaut haben, die dann völlig losgelassen wird. Die Wartezeit bis dahin kann Mensch sich u.a. mit diesem kleinen Ugly Punk / SHIRLEY HOLMES Frage- und Antwortspielchen hier vertreiben, auch Interview genannt. Bitteschön!


Ugly Punk: Euer aktuelles Album “Die Krone der Erschöpfung“ ist gerade frisch erschienen. Viele Musiker und Bands vergleichen den Aufnahmeprozess und die Veröffentlichung ja mit einer Geburt. War es eine schwere, erschöpfende bei euch? Eine die sich hingezogen hat? Immerhin erschien die erste Single-Auskopplung “Binichbinich“ ja fast genau ein Jahr vor der Albumveröffentlichung.

Shirley Holmes: Es war eine längere Geburt, ja, das lag aber vor allem daran, dass wir Miete und Brötchen durch Jobs finanzieren müssen, also nicht alle Zeit in die Band fließen kann, und dass wir viel live gespielt haben UND auch noch räumlich voneinander getrennt sind, so dass alles immer etwas aufwändiger ist. Dieser bunte Mix hatte aber positiv zur Folge, dass die Platte Zeit hatte, sich zu entwickeln – sie ist sozusagen mit uns gewachsen. Das war auch deshalb wichtig, weil „Die Krone der Erschöpfung“ die erste SHIRLEY HOLMES-Platte ist, die wir in dieser Konstellation gemacht haben, denn Chris ist erst während des letzten Albums “Schnelle Nummern” dazugekommen. Der Entstehungsprozess der „Krone“ war sehr intensiv, wir haben uns dabei als Band noch mal näher und besser kennenglernt und uns noch mal neu „eingegroovt“, als Musiker*innen wie als Menschen.

Ugly Punk: Mit dem neuen Werk seid ihr bei Rookie Records gelandet. Keine schlechte Adresse. Wie kam der Deal zustande?
Shirley Holmes: Wir kennen Jürgen von Rookie Records schon lange, er hat Promo für das erste Album „Heavy Chansons“ gemacht, seitdem gab es immer mal wieder Kontakt.  Außerdem ist Jürgen fleißiger Leser des Schörlie Newsletters. Als die VÖ der Platte konkreter wurde, was natürlich auch im Newsletter nachzuverfolgen war, hat er uns ein Angebot gemacht, das wir nicht ablehnen konnten ; ) Das war sehr cool und genau zum richtigen Zeitpunkt!

Ugly Punk: Eure aktuelle Single “Wieder Sehen“ bekommt ja durch die aktuellen Umstände eine ganz ungeahnte Bedeutung. Inwiefern trifft euch die Corona-Krise als Band? Sind gemeinsame Proben noch möglich? Empfindet ihr, wie ich jetzt schon des Öfteren hörte, dass VÖ´s gerade weniger als zuvor wahrgenommen werden, weil dieses eine große Thema einfach alles überschattet und einnimmt?
Shirley Holmes: Als Band trifft es uns insofern, dass seit März alle unsere Konzerte ausgefallen sind und noch mindestens ein gutes Stück in die zweite Jahreshälfte hinein ausfallen werden. Dass mitten in der Release-Phase einer neuen Platte plötzlich alle Gigs abgesagt werden müssen, ist natürlich schon…äh…suboptimal. Aber wir versuchen es sportlich zu nehmen und verbuchen es mit Blick auf die Welt um uns herum als Luxusproblem. Aber ja, es zwickt schon hier und da. Geprobt haben wir seit Anfang März nicht mehr, dafür gibt’s seit einiger Zeit ZOOM Partys zwischen Berlin und Bremen. Dass VÖs weniger wahrgenommen werden von den Redaktionen, hat nach allem, was wir momentan hören, weniger mit mangelndem Interesse zu tun als eher damit, dass manche Medien und Magazine ums Überleben kämpfen und Redaktionen und Ausgaben zum Teil verkleinert werden müssen, was natürlich bitter ist. Bei uns läuft aber gerade Vieles auch gut, wir hatten schon dufte Features, und es gibt auch viel Zusammenhalt und gegenseitigen Support der Bands und Künstler*innen untereinander, das ist schön und ein sehr gutes Gefühl!

Ugly Punk: Während sich bei eurem ersten Release deutsche und englischsprachige Lyrics noch einigermaßen die Waage hielten, gehören die Songs in englischer Sprache mittlerweile zur Ausnahme? Gibt’s da spezielle Gründe für oder ergab sich das einfach so?
Shirley Holmes: Das hat sich über die Jahre einfach so ergeben, was sicher auch an sich verändernden Hörgewohnheiten liegt und daran, dass deutsche Lyrics inzwischen insgesamt viel akzeptierter sind, auch von uns selbst. Englisch klingt zwar weiterhin meist besser, weil weicher und cooler. Aber deutsche Texte eröffnen uns einfach mehr Möglichkeiten, Dinge auszudrücken, mit Sprache zu spielen undundund. Englische Lyrics sind für uns zur Zeit uninteressanter aber vielleicht ändert sich das auch wieder.

Ugly Punk: Eure Texte tragen gerne mal eine speziellere Handschrift und lassen auch mal Platz für eigene Interpretationen. “Das Licht“ versteht sich (bzw. verstehe ich) als fragendes, suchendes Lied. Sucht ihr den Sinn des Lebens? Was versprecht ihr euch von dem Licht, auf das ihr wartet? Oder steht “Das Licht“ einfach für etwas helles, Positives, dass euch aus einem Tief, also einer dunklen Zeit holt?
Shirley Holmes: Beide Interpretationen sind herzlich willkommen. Allerdings entspringt der Text einem sehr persönlichen Lebensthema einer bestimmten Schörlie, und das ist tatsächlich die Suche nach dem Sinn der Veranstaltung „Da sein“ oder auch „Hier sein“. Zu wissen, was man alles nicht will im Leben, ohne aber, positiv, zu spüren, was man will und warum, sich dabei ja trotzdem im Raum bewegen zu müssen, führt dazu, dass man manchmal den Kontakt zu sich selbst verliert. Da steckt bestimmt auch ein bisschen Selbstmitleid drin, das wird aber hoffentlich durch die nötige Portion Selbstironie ausreichend neutralisiert, spätestens durch die Zeilen „Wie komm ich raus aus diesem Keller? Die Dunkelheit schadet meinem Teint. Mein linker, linker Platz ist frei, ich wünsche mir ein Licht herbei”.

Ugly Punk: Wenn ich das richtig überblicke, stehen hinter euch weder Management noch irgendwelche Agenturen und ihr schmeißt den Laden komplett selbst. Auf der anderen Seite haben an euren Produktionen aber schon Menschen mitgewirkt, die auch schon für DIE TOTEN HOSEN, JENNIFER ROSTOCK oder NENA gearbeitet haben. Und an die Festivals, die ihr mitunter so bespielt / bespielt habt, ist ja auch nicht mal so nebenbei ran zu kommen. Woher die ganzen Beziehungen?
Shirley Holmes: Das hat verschiedene Gründe. Zum einen waren wir schon vor SHIRLEY HOLMES in anderen Bands aktiv und kennen aus dieser Zeit den einen oder die andere. Und mit Schörlie waren wir von Anfang an sehr aktiv und wussten, was – oder besser: dass! – wir wollen. Wir haben immer viele Konzerte gespielt, hatten sehr viel Spaß dabei – Hilfe, wir reden in der Vergangenheit, stop! – und darüber ergeben sich immer wieder neue Sachen. Und wenn wir Menschen oder Festivals toll finden, schreiben wir sie an. Bumms. Mittlerweile stoßen wir da aber zeitmäßig stark an Kapazitätsgrenzen und sind deshalb extrem froh, auf Labelseite durch Jürgen/Rookie und beim Booking durch Barbara (Rodrec) Supersupport zu bekommen.

Ugly Punk: In nur einer musikalischen Schublade fühlt ihr euch weder wohl noch zu Hause. War die musikalische Mixtur von Anfang das, was ihr machen wolltet oder ergab sie sich daraus, dass jeder von euch verschiedene Genres bevorzugt, die bei SHIRLEY HOLMES schließlich alle miteinander verschmolzen sind?
Shirley Holmes: Wir kamen aus drei sehr unterschiedlichen Ecken, dit Panorama der musikalischen Vorlieben deckt fast das gesamte Spektrum ab. Klar war von Anfang an nur, dass wir alle ein Faible für Melodien, Gitarren und für intensive, energetische Musik haben. Die Mixtur ist sicher nicht das, was wir uns vorgenommen haben, sondern eher das, was wir zulassen, weil sich die Unterschiede beim Songschreiben Bahn brechen.

Ugly Punk: Dadurch, dass ihr einen breiten Spagat zwischen Punk und Pop wagt, der gerne auch noch alles mitnimmt, was dazwischen und drum herum liegt, dürftet ihr mit eurer Vielseitigkeit ja die Hörer_Innen mehrerer musikalischer Lager ansprechen. Oder ist es eher so, dass die Zuhörerschaft auch schon mal irritiert ist, weil zu viel davon und zu wenig davon und dadurch schwerer einzuordnen? Oder gar beides? Kann Vielseitigkeit also auch Fluch und Segen zugleich sein?
Shirley Holmes: Ja, das kann, wenn man nur die Musik hört, schon etwas verwirrend sein und da sind musikalische Lagerdenker immer wieder irritiert. Ein offener Musikgeschmack und Humor sind bei uns sicherlich nicht von Nachteil. Aber am Ende wird so oder so alles durch den SHIRLEY-Spirit zusammengehalten, den muss man halt nur checken. Live stellen sich diese Fragen in der Regel nicht.

Ugly Punk: Da eure Antwort auf die Frage nach musikalischen Vorbildern wahrscheinlich in einer Endlosliste enden würde, frage ich lieber, was sich aktuell so bei euch auf dem Plattenteller dreht oder was eure aktuellen Lieblingslaben sind?
Mel: Das wechselt täglich. Gestern lief meine anno tuck selbstaufgenomme Bad Religion Kassette (Recipe For Hate), mein favourite Alice Cooper tape und Schrottgrenze. Vorgestern gabs Sandra, Sodom und Sisters Of Mercy. Vorvorgestern… Klappeeeeee!!
Chris: Spermbirds – Go to Hell Then Turn Left, Schrottgrenze – Alles zerpflücken, Ilgen Nur – Power Nap, Nils Koppruch – den Teufel tun, WILCO – läuft alles und immer, Tony Allen – Film of Life
Ziggy: Die neue Shirley Holmes, wie hieß die nochmal?

Ugly Punk: Geht ihr einer geregelten (oder ungeregelten) Arbeit abseits von SHIRLEY HOLMES nach? Und überhaupt, was macht ein Shirley Holm so in seiner Freizeit? Spielt er Golf? Spielt er Polo? Sammelt er Briefmarken?
Shirley Holmes: Wir haben geregelte und halb geregelte Jobs. Daneben spielen wir aber natürlich regelmäßig Polo und Bridge.

Ugly Punk: Auch im Jahr 2020 sind Frauen auf der Bühne immer noch deutlich in der Unterzahl. Es tut sich diesbezüglich zwar was, aber das Ungleichgewicht ist ja immer noch recht deutlich. Woran mag das euerer Meinung nach liegen, was müsste sich ändern und wo seht ihr im Gegensatz zu früher schon Veränderungen, die sogar Früchte tragen?
Mel:
Ich glaub, das fängt schon in Kindheitstagen an, wenn der Junge eine Gitarre oder ein Schlagzeug geschenkt bekommt und das Mädchen die Geige oder ein Klavier. Außerdem haben Ewigkeiten die Role Models gefehlt, das prägt natürlich mindestens das Unterbewusstsein. Naja, und dann das ganze gesellschaftliche Sozialisationsgedöns, da kam und kommt man sich ja manchmal wie im Mittelalter vor. Wenn wir irgendwann mal, runtergebrochen, aus dieser Rosa-Blau-Geschichte ausbrechen, wäre das wohl ziemlich von Vorteil für Veränderung zum positiven. Nicht nur für die Grrrls.
Ziggy: Es gibt inzwischen aber glücklicherweise viel mehr Bewusstsein für dieses Ungleichgewicht, dazu trägt u.a. auch die immens gewachsene Solidarität der Musiker*innen untereinander bei, die sich in Initiativen und Netzwerken organisieren.

Ugly Punk: Nun gibt es ja auf Konzerten oder Festivals auch schon mal ein paar People, die weniger cool sind und vielleicht auch bedingt durch Alkohol oder anderen Kram noch mackermäßiger werden, als sie es ohnehin schon sind. Habt ihr, da ihr ja zwei Frauen an der Front seid, auch schon mal blöde Sexisten- oder Macho-Sprüche aus dem Publikum in eure Richtung gehört? Und falls ja, wie seid ihr damit umgegangen oder wie würdet ihr damit umgehen?
Mel: Nü kloar. Wobei mir gerade auffällt, dass schon echt lange niemand mehr „Zieh dich aus“ gebrüllt hat. Mir scheint, als würden wir bei der Location Auswahl einen guten Riecher bekommen haben. Glücklicherweise passiert sowas wirklich nicht mehr oft. Je nachdem wie bescheuert das Gegenüber ist und in welcher Verfassung ich gerade bin, drücke ich einen Spruch zurück, ignoriere es oder bin sprachlos bis leicht verstört und hab dann leider erst Stunden später die angemessene Antwort parat.
Ziggy: Dito. Manchmal steche ich dem Gegenüber dann noch meinen Zeigefinger ins Auge, pule genüsslich den Augapfel raus und verspeise ihn dann. Wissta Bescheid.

Ugly Punk: Gibt es Ziele oder Wünsche, die ihr mit der Band habt? Und was waren so eure persönlichen Highlights, die ihr mit der Band bisher erleben durftet?
Shirley Holmes: Ja, weiter so schöne Sachen erleben, mit Musik in den siebten Himmel schweben, Konzerte spielen, Konzerte spielen, Konzerte spielen. Festivals! Und mal so einen richtig krassen cräzy Mega-Hit schreiben, damit wir keine Jobs mehr brauchen und nur noch Musik machen können. Persönliche Highlights mit der Band gab es dankenswerterweise schon so so viele. Vielleicht mal ganz aktuell: Beim „Wieder sehen“-Video – das etwas aus der Not geboren wurde, da die ursprüngliche Idee nicht funktioniert hat – in unserem Kreis der (Music-) Friends reinfragen zu können, hey, wollt und könnt ihr was selfiemäßiges auf die Schnelle schicken, und dann kommen so viele tolle, warme, schöne Beiträge zurück, so dass wir forever Herzchen in den Augen haben werden, wenn wir dieses Video anschauen. Unbezahlbar.

Ugly Punk: Besten Dank für dit Inti. Ihr dürft dit jetzt mit irgendeinem Sprichwort mit Sinn oder irgendeiner Lebensweisheit beenden.
Shirley Holmes: #LeaveNoOneBehind.

- All Pics by Christoph Mangler -