EIN PAAR WOCHEN IN ECUADOR (TEIL 1)

EIN PAAR WOCHEN IN ECUADOR (TEIL 1)

Im Mai hab ich mich mal wieder auf Reisen begeben und mir diesmal ein etwas entfernteres, exotischeres Ziel ausgesucht. Allerdings war die Auswahl diesmal relativ einfach, denn seit mehreren Jahren unterstütze ich die Hilfsorganisation PLAN International und habe ein Patenkind in Ecuador. Deshalb habe ich beschlossen, mein Patenkind zu besuchen, die Projektarbeit vor Ort kennen zu lernen und dies gleich mit einer abenteuerlichen Reise durch das ecuadorianische Hochland zu verbinden. Begleitet wurde ich auf diesem erlebnisreichen Trip von meiner Schwester und ihrem Freund, was doch etwas ungewöhnlich ist, da ich es doch bevorzuge, alleine zu reisen. Da mein Reisetagebuch mehr als 30 kleingedruckte Seiten umfasst, habe ich meine Erlebnisse hier etwas eingedampft und auf drei Berichte verteilt.

Quito

Unser Flug startete bereits um 6 Uhr morgens von Stuttgart über Amsterdam nach Quito, der offiziell höchstgelegenen Hauptstadt der Welt. Wenn jetzt jemand klugscheißen will, sei beachtet, dass Lhasa die Hauptstadt eines leider nicht als selbstständig anerkannten Landes ist und La Paz von vielen irrtümlicher Weise als die Hauptstadt Boliviens angesehen wird, ist sie doch nur Regierungssitz. Am Flughafen wurden wir von unserem Hostel-Wirt persönlich abgeholt und mit seinem SUV durch ein unvermittelt einsetzendes, heftiges Gewitter zu unserer Schlafstätte in Quito chauffiert, wo wir die ersten Tage vor dem Besuch bleiben wollten. Das Etablissement war ein wirklich schönes, gemütliches, zentral gelegenes Haus in Familienbetrieb, in dem man sich wirklich ausgezeichnet akklimatisieren konnte, freundlichst aufgenommen wurde und dennoch nur wenige Dollars bezahlt hat. Seit dem Jahr 2000  hat Ecuador übrigens keine eigene Währung mehr, denn seitdem ist offizielles Zahlungsmittel der US-Dollar. Grund dafür sind etliche Finanz- und Bankenkrisen, die auf Misswirtschaft des Staates zurückzuführen sind, wodurch sich Ecuador notgedrungen in direkte Abhängigkeit der USA begeben hat. Entgegen den Warnungen in den Reiseführer kann man sich in Quito übrigens auch nach Einbruch der Dunkelheit relativ sicher bewegen, wenn man ein paar Dinge beachtet. Also nicht alleine durch einsame Gassen laufen, keine Wertgegenstände zur Schau stellen und selbstsicher,  aber nicht überheblich, auftreten. So kann man das Nachtleben in Quito gefahrlos erleben. So zumindest unsere Erfahrung. Klar, auch hier laufen, wie in jeder Großstadt, zwielichtige Gestalten herum, aber wer sich dessen bewusst ist, weiß auch potentiellen Gefahren aus dem Weg zu gehen. Somit war der Aufenthalt in der Hauptstadt für uns (auch Nachts) doch ziemlich entspannt.


In den nächsten zwei Tagen haben wir drei wirklich empfehlenswerte Dinge unternommen. Zum ersten wäre da die Gondelfahrt mit dem Teleferico an den Fuß der Zwillings-Vulkane des Pichincha, die Hausberge Quitos. Die Gondel bringt einen auf ca. 4000 Meter Höhe, von wo aus diverse Wanderwege belaufen werden können. Da wir doch ziemlich schnell auf diese Höhe ‚aufgestiegen‘ waren, war uns dreien doch ein wenig schwummrig, als wir die ersten Schritte machten. Das war schon ziemlich gewöhnungsbedürftig. Da merkt man doch ziemlich schnell die dünne Luft. Schon wenn man in die Hocke geht und wieder aufsteht ist man ein wenig außer Atem. Allerdings hat man von hier aus einen atemberaubenden Blick über Quito und die dahinterliegenden Berge. Hier hatten wir auch erstmals Kontakt mit einer indigenen Bevölkerungsgruppe, die uns in ihrer großen Hütte mit ausgezeichnetem Grillgut verköstigt hat. Leider war die Kommunikation auf Grund unserer mangelhaften spanischen Sprachkenntnisse ziemlich eingeschränkt. Dies sollte uns auch auf der weiteren Reise noch die ein oder andere Herausforderung bereiten, denn mit Englisch kommt man hier nicht sehr weit. An der Talstation des Teleferico befindet sich noch ein kleiner Jahrmarkt, den wir noch besucht haben. Allein der optische Zustand der Fahrgeschäfte würde jedem TüV-Prüfer die Haare zu Berge stehen lassen und so haben wir auf eine Fahrt damit verzichtet. Stattdessen sind wir mit dem Taxi für wenig Geld und in einer aufregenden Fahrt durch engste und verdammt steile Gassen zur nächsten Sehenswürdigkeit gefahren.

Als zweites sei daher also ein Besuch der Altstadt, dem Centro Historico empfohlen, welches zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Nicht nur, dass sich hier viele schön anzusehende Gebäude, Plätze und religiöse Bauten und befinden, hier spielt sich das tägliche, quirlige Leben ab. Tausende Menschen zwängen sich durch die Gassen, lungern auf dem zentralen Plaza Grande herum, gehen ihren Tätigkeiten nach, kaufen ein, bieten Waren an usw. Hier findet man alles, was den Charme einer lebendigen Stadt aus macht. Hinzu kommt, dass es wirklich Spaß macht durch die zum Teil verwinkelten, teils wieder extrem steilen Gassen zu schlendern und die Menschen bei ihrem rastlosen Treiben zu beobachten. Über allem ragt die nördlich des Centro Historico gelegene Basilika. Aber auch andere Kirchen wie die San Francisco oder La Compañia de Jesús sind wirklich sehenswert. Als wir uns langsam auf den Rückweg in unsere Unterkunft begeben wollten zog allerdings aus dem Nichts ein plötzliches Gewitter auf, wie ich es noch selten erlebt habe. Ohrenbetäubender Donner und Blitze, die einem wirklich Angst machen können. Das war schon `ne heftige Nummer. In null komma nichts befanden wir uns eingezwängt zwischen hunderten Menschen unter einem Vorbau, wobei plötzlich jeder Straßenhändler, sogar die Eisverkäufer, Regenponchos und Schirme im Angebot hatte und diese auch lautstark feil bot. Und das so penetrant, dass ich irgendwann fast freiwillig ungeschützt in den Regen gerannt wäre. Nach einer halben Stunde war das Gewitter dann abgezogen, so dass wir unseren Weg in die Unterkunft endlich antreten konnten.

Der dritte unverzichtbare Ausflug führt den Besucher nach Mitad del Mundo, der Mitte der Erde.  Dieses Monument liegt ca. 30 km nördlich von Quito und ist direkt auf dem Äquator errichtet. Dachte man… Leider haben sich die Experten im 19. Jahrhundert um 240 m verrechnet und somit ist das sich dort befindliche Monument und die zu sehende Äquatorlinie leider nicht korrekt. Das hält die Touristen aber nicht davon ab, bescheuerte Bilder zu machen, auf denen sie auf beiden Seiten stehen. Ich will mich da übrigens nicht ausschließen. Zudem gibt es dort mehr als offensichtlich gefakte, physikalische Versuchsanordnungen, die beweisen sollen, dass man sich direkt auf der Nulllinie befindet. Ist halt Touristenquatsch. Genauso wie die stündlich in traditionellen Klamotten auftretenden Personen, die man für‘s heimische Fotoalbum ablichten kann. Über den wirklichen Äquator sind wir aber dennoch gefahren, da unser Bus von Quito ist auf der Hinfahrt außerhalb der Sichtweite des Monuments am Ort unseres Begehrens vorbeigerauscht ist, weshalb wir uns plötzlich im 4 km außerhalb gelegenen Busdepot des Städtchens wieder fanden. Durch die bereits erwähnte Sprachbarriere hatten wir dann ein wenig Mühe, das Monument dann aber doch noch zu erreichen. Neben dem Monument befinden sich noch etliche Pavillons, in denen kulturelle und naturwissenschaftliche Themen angerissen werden. Zudem erhält man einen interessanten Einblick in die Kakaoherstellung.


Eigentlich wollten wir danach noch in den Botanischen Garten, der sich in der Neustadt im Norden von Quito befindet. Wir bestiegen also den Bus und mussten hier, wie schon bei der Hinfahrt, umsteigen. Leider war es gar nicht so einfach, den richtigen Bus zu finden und so folgten wir einem Ehepaar, welches sagte, es wolle ebenfalls in die Stadt. Allerdings bog der Bus dann unvermittelt auf eine Umgehungsstraße ab und wir landeten erneut in der historischen Altstadt. Irgendwie blöd. Also haben wir uns dort in einen Bus in Richtung Norden gesetzt. Leider bog auch dieser unvermittelt ab und fuhr wieder gen Süden in ein am Hang gelegenes Wohngebiet und von dort wieder ins historische Zentrum. Den Plan mit dem Botanischen Garten hatten wir da schon abgehakt. Und da wir keine Lust hatten uns nochmals mit dem Bus zu verirren, sind wir eben die drei Kilometer zu Unserer Unterkunft gelaufen. War dann aber auch recht schön, da im Stadtpark, den wir durchquerten doch einiges los war.  Überall freundliche Menschen, dazu einige Fressstände und unaufdringliche Straßenhändler. Leider war unsere Zeit in dieser wirklich schönen Stadt, die zwar nur 2-3 km breit ist, sich dafür aber von Süd nach Nord über mehr als 30 km ausdehnt, abgelaufen. Am nächsten Tag sollte es mit dem Bus ins 90 km entfernte Latacunga gehen, wo PLAN International sein Projektbüro hat.

Latacunga

Bereits um 6 Uhr morgens hat uns das bestellte Taxi abgeholt und einmal quer durch die Stadt zum südlichen Ende, zum Busbahnhof Quitumbe gebracht eine Stunde haben wir durch den teils doch starken Regen gebraucht. Am riesigen Busbahnhof war der Ticket-Schalter für den Bus nach Latacunga schnell gefunden und für läppische 2,25 Dollar pro Person konnten wir das Gefährt, das auch schon fünf Minuten später los fuhr, besteigen. Der Bus lässt allerdings immer wieder weitere Fahrgäste, auch außerhalb der Haltestellen zu- und aussteigen. Das kann dann schon ein wenig nerven, wenn man alle 50 Meter anhält um jemanden auf oder abspringen zu lassen. Viel gesehen haben wir auf der Fahrt nicht, da es stetig geregnet hat.  Um kurz nach 9 Uhr sind wir endlich in Latacunga, der Hauptstadt der Provinz Cotopaxi, die knapp 100.000 Einwohner hat, angekommen. Da wir bereits um 9 Uhr verabredet waren, musste ich kurz im PLAN-Büro anrufen und dann ein Taxi organisieren. Der erste Fahrer hat aber leider, trotz unserer Karte, nicht kapiert wo wir hin wollen, also haben wir uns einen klügeren Chauffeur gesucht, der aber auch schnell gefunden war. Und so begrüßte uns unser Übersetzer Isaac 15 Minuten später in seinem Büro, wo wir auch unser ganzes Gepäck zwischenlagern konnten. Zunächst wurde uns das Projektteam vorgestellt und wir wurden ein wenig gebrieft. Dabei wurde uns alles rund um die Projektarbeit erklärt, die Verhaltensregeln wurden uns nahe gebracht und auch sicherheitsrelevante Aspekte fanden Platz in dem Gespräch. Die Projektarbeit in der Gemeinde die wir besuchen sollten zielt hauptsächlich darauf ab, die Gewalt gegenüber und den Missbrauch von Kindern einzudämmen, was in einigen Volksgruppen aus kulturellen und traditionelle Gründen noch sehr ausgeprägt ist. Aber auch die Diskriminierung von, und die Gewalt gegen Mestizen (Mischlinge zwischen Indios und Nachkommen der europäischen Einwanderer) ist hier an der Tagesordnung. Zudem ist Anzahl von Schwangerschaft Minderjähriger relativ hoch und wird versucht durch Aufklärung zu senken. Hinzu kommt aber auch die Förderung und der Ausbau von Bildungsstätten in den entlegenen Gebieten. Das gespendete Geld fließt direkt in diese Projekte und nicht an die Patenkinder und deren Familien. Die Patenschaft stellt daher eher einen emotionalen Bezug dar, damit in der geförderten Kommune kein Neid entstehen kann und alle am Projekt teilnehmenden Kinder gleichermaßen gefördert werden, auch wenn bisher kein Pate vermittelt werden konnte. Durch die Patenschaft ist allerdings ein persönlicher Bezug zu den Spendern möglich, was für die meisten Kinder auch sehr wichtig ist.


Eine halbe Stunde später bestiegen wir dann den Jeep des Projektleiters und mit diesem sowie unserem Übersetzer ging es in die Berge, genauer gesagt in die Kommune Apagua, die etwa 60 km entfernt liegt und wofür wir etwa 90 Minuten benötigten. Am Wegesrand stellten wir dann die Karre ab und mussten von dort aus noch ca. 15 Minuten durch die Pampa leicht den Berg hinauf, bis wir an der in 4000 m Höhe gelegenen Hütte an kamen. Der Familienvater stürmte sofort auf uns zu und begrüßte uns überschwänglich. Die Aussicht von hier oben über die umliegenden Berge ist wirklich grandios, die Lebensbedingen dafür umso härter. Die Familie schläft in einer gemauerten Hütte mit Lehmboden und einem Wellblechdach. Viel mehr als zwei Betten befindet sich allerdings nicht darin. Eine flackernde Glühbirne ist das einzige, wofür der Strom reicht. Eine Toilette gibt es nicht, ebenso wie fließendes Wasser. Das Wasser muss in 3 km Entfernung aus einem Tanklaster geholt werden, der all morgendlich in die Kommune kommt. Die Küche ist in einer abgedichteten Strohhütte untergebracht, wo über offenem Feuer gekocht wird. Beißender Rauch hat uns sofort beim Betreten der Hütte die Augen zum tränen und die Lunge fast zum kollabieren gebracht. Hier sitzt die Mutter dann den halben Tag im Qualm und kümmert sich um die Verpflegung der Familie. Nachdem wir in der Schlafhütte auf den Betten Platz genommen hatten, kam dann auch endlich mein Patenkind Miriam zur Tür herein. Ein zierliches, sehr schüchternes und auch sichtbar nervöses Indio-Mädchen von knapp 13 Jahren, mit dem ich seit fast drei Jahren regen Briefkontakt habe.  Nach einer etwas verhaltenen Begrüßung übergaben wir unsere Geschenke, die aus Kulis, Buntstiften, Zeichen- und Schreibpapier sowie Süßigkeiten und ein paar Klamotten bestand, worauf Miriam uns dann doch freudig umarmte. Für die Familie hatten wir auch noch ein Fresspaket mit allen möglichen Dingen wie Reis, Bohnen, Linsen, Nudeln, Kaffee usw. aus Quito mitgebracht und waren froh, das kiloschwere Paket endlich abliefern zu können. Dennoch blieb Miriam weiterhin etwas scheu, während uns ihr Vater voller Stolz seine sämtlichen Urkunden über sein Engagement in der Kommune und seine Zertifikate als staatlich geprüfte Hebamme zeigte. Er hatte dann aber auch einige Fragen, so wie wir natürlich auch. So entwickelte sich ein interessanter Austausch über unser beider Lebenssituationen und die Schwierigkeiten, die vor Ort zu bewältigen sind. Nicht nur für die Familie, die als Viehbauern ihren Lebensunterhalt bestreitet, sondern auch für Miriam und ihren Schulalltag so wie ihre persönlichen Perspektiven. Uns zu Ehren wurde dann noch ein Mittagessen gereicht, das lediglich aus Pellkartoffeln, ein klein wenig Rührei und Tee bestand, für die Familie aber doch ein besseres essen als die üblichen Linsen mit Reis darstellte. Hier merkten wir mal wieder, in welch unglaublichem Luxus wir doch hier leben, wie selbstverständlich dieser für uns geworden ist und wie anmaßend wir dadurch auch sind. Das hat uns schon schwer zu denken gegeben.


Im Anschluss haben wir uns noch unter Vermittlung von Isaac im Freien ein bisschen mit der Familie unterhalten, denn auch Miriam hatte schlussendlich noch ein paar Fragen an den dicken Mann aus Europa, und einige gemeinsame Fotos geschossen. Aus Gründen des Schutzes der Patenkinder kann ich aber leider keines davon veröffentlichen, auch wenn ich es sehr gerne würde. Denn dieses Zusammentreffen war für uns alle ein sehr prägendes Ereignis.

Dann mussten wir aber leider auch schon wieder aufbrechen. Es lag ja auch noch eine längere Fahrt vor uns und wir waren bereits seit 5 Uhr morgens auf den Beinen. Also haben wir uns herzlichst von der Familie verabschiedet und sind bei phantastischem Panorama zurück in die Stadt geeiert. Dort angekommen haben wir uns auch noch genauso herzlich bei unseren beiden Begleitern verabschiedet und artig für die perfekte Organisation des Besuchs bedankt, bevor wir schwer beeindruckt von diesem Erlebnis weiter ziehen mussten. An der nächsten Ecke haben wir dann ein Taxi heran gewunken, das uns zum Hostel bringen sollte. Auf dem Beifahrersitz lag allerdings ein kleines Baby (ich schätze mal so um die 3-5 Monate alt), so dass wir uns zu dritt hinten in die enge Kiste gezwängt haben, aber für die kurze Fahrt ging das schon. Sachen gibt‘s! Im Hostel angekommen wurde uns dann ein Zimmertausch angeboten, bei dem wir 15% Rabatt erhalten sollten, woraufhin wir gleich eingewilligt und noch eine zusätzliche Nacht gebucht haben, da wir uns entschieden hatten, doch noch zwei Touren im Umland zu machen. Nach einem kurzen Spaziergang durch die Stadt, bei dem wir beobachteten wie eine Tussi direkt neben den Eingang der örtliche Kathedrale geschissen hat, waren wir nach diesem erlebnisreichen, überwältigenden Tag ziemlich geschafft.

Quilotoa & Cotopaxi

Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Bus, der leider erst eineinhalb Stunden später fuhr als uns gesagt wurde, zum Kratersee Quilotoa. Während der Wartezeit hatten wir noch einige kleiner Geschäfte und den winzigen Markt am Busbahnhof angeschaut, waren in einem Supermarkt, wo es kiloweise Hühnerköpfe zu kaufen gibt und haben die Schuhputzer bei der Arbeit beobachtet. Nach fast zweistündiger Fahrt waren wir endlich am Kratersee angelangt, der wirklich wunderschön ist. Hier gibt es zwei Optionen. Zum einen kann man zum See absteigen, dort Rudern gehen und den steilen Hang wieder hinauf kraxeln, oder aber den Krater umrunden. Nicht ahnend, dass es doch ganz schön weit ist, haben wir uns für Option 2 entschieden, da hier weniger Fußvolk unterwegs war. Auf dem anfangs noch recht flachen Wanderweg trifft man auf Schafe und Lamas, die friedfertig vor sich hin grasen, aber auch auf einige Hunde, die faul am Kraterrand liegen. Mit der Zeit wurde der Weg aber immer steiler und als wir den Krater zu einem Drittel umrundet hatten, und schon etwas angeschlagen waren, zog leider Donnergroll über uns hinweg. Also entschieden wir uns umzukehren, da der Point of no return ja noch nicht erreicht und auch noch in Weiter ferne lag. Keine fünf Minuten später setzte dann auch der Regen ein, der immer stärker wurde, so dass wir uns auf dem Rückweg bei den Cabañas Shalala, die wirklich so heißen, in der Hütte eines jungen Ecuadorianers einnisteten, der uns mit Tee und wohliger Ofenwärme verwöhnte. Nach dem Regen kam dann der Nebel, so dass wir am Nachmittag, als wir gut durchfeuchtet wieder am Ausgangspunkt unserer Wanderung angelangt waren, kaum noch etwas von dem See sehen konnten und uns ausgelaugt in den Bus zurück nach Latacunga lümmelten. Während der Fahrt stiegen dann immer wieder Indio-Frauen zu, die alle Babys auf den Rücken gewickelt hatten. Nur eine der Frauen hatte, wohlig zugedeckt, ein kleines Lämmchen auf dem Arm hatte. Eine der Frauen setzte sich dann auch neben mich, während mich das Kind auf ihrem Rücken gefühlte 30 Minuten lang, ohne zu blinzeln, mit seinen riesigen Kulleraugen angeglotzt hat. War schon irgendwie niedlich, der kleine Racker.


Am nächsten Tag stand eine weitere anstrengende Unternehmung auf dem Plan. Nach dem kostenlosen Hostel-Frühstück, das aus 2 Croissants, einer Banane und einem Glas Saft bestand, bestiegen wir einen Jeep mit Tour-Guide, der uns in den Cotopaxi-Nationalpark bringen sollte. Leider ist es nicht möglich, das Gebiet auf eigene Faust zu erkunden. Der Cotopaxi, nach dem auch die Provinz benannt ist, gehört mit seinen 5897 m zu den höchsten aktiven Vulkanen der Welt. Vorbei an den ausgedehnten Brokkoli-Feldern am Rande der Stadt kommt man nach ca. 30 km zum Nationalpark. Hier fährt man über eine holprige Piste, die unser Fahrer mit einem scherzhaften „Free Massage for you, haha…“ kommentierte, bis auf 4500 m Höhe. Auf halbem Weg liegt ein kleines Museum welches über den Vulkanismus in der Gegend, die heimische Tierwelt und die Folgen für die Region durch die Erderwärmung und die sich häufenden, immer stärker werdenden El Niño-Wetterphänomene aufklärt. Weiter bergauf befindet sich ein riesiges Bassin, das zwischen den Bergen liegt und durch seine karge, aber faszinierende Landschaft, vor allem aber durch seine Weitläufigkeit zu beeindrucken weiß. Mit der Höhe wurde die Wolkendecke dann leider immer dichter und entgegen der Behauptung unseres Guides unter 5000 m schneie es nicht, begrüßte uns auf dem Parkplatz ein relativ starker Schneefall. Dies hielt uns aber nicht davon ab, uns auf den Weg zur Reservats-Hütte in 4864 m Höhe zu machen. Da ich vom gestrigen Wandertag aber noch Hüftschmerzen hatte, wurde der Weg für mich immer mehr zur Qual und auf 4700 m habe ich mich entschlossen, sicherheitshalber den Rückweg anzutreten, während meine Begleiter weiter durch das Schneegstöber nach oben marschierten. Vielleicht sollte ich doch mal ein paar Gramm abspecken. Eine Stunde später trafen wir uns, ein wenig unterkühlt, wieder am Wagen, wo gerade eine Gruppe Verrückter versuchte, mit dem Fahrrad durch den Schnee abzufahren, was offensichtlich nicht jedem gut gelang. Wir hingegen fuhren in das zum Museum gehörende, winzige „Restaurant“, wo sich gerade eine Reisegruppe älteren Semesters gemütlich verköstigte. Also mussten wir noch etwas warten, bis wir uns mit leckerer Kartoffel- und Hühnersuppe sowie Tee aus Koka-Blättern stärken konnten.


Nachdem unser Guide zuerst seine Tochter eingesammelt und uns dann zurück nach Latacunga gebracht hatte, ruhten sich Lea und Manu etwas aus, während ich nochmals zum Busbahnhof gelaufen bin und mich nach den Fahrplänen zu unserem nächsten Ziel erkundigt habe, was sprachbedingt nicht ganz einfach war. Bin dann allerdings auch noch etwas durch das lebhafte Zentrum gelaufen, hab mir die kleine Markthalle und den bezaubernden örtlichen Friedhof angeschaut, aber auch die umliegende Gegend – und auch hier ist es erschreckend, wie viel Plastikmüll herum liegt. Während die Straßen recht sauber gehalten sind, findet sich fast überall auf den Grünflächen und Flussläufen dieser Scheiß. Aber man bekommt hier ja auch jeden Furz in eine Plastiktüte verpackt (auch wenn es nur eine Flasche Wasser ist), das Essen wird oftmals mit Plastikbesteck und auf Styroportellern serviert und im Burgerladen gibt‘s Plastikhandschuhe, damit man sich beim Essen nicht die Griffel versaut. Wenn das die EU wüsste! Abends waren wir dann noch im Café gegenüber des Hostels essen, wobei uns bei der Präsentation der Rechnung nur die Einzelpreise aufgeschrieben wurden. Zusammenrechnen  musste man da schon selbst. Blöd, dass wir erst hinterher drauf gekommen sind, dass wir uns ja auch versehentlich hätten verrechnen können. Aber wir sind ja auch keine Asis.

Fortsetzung folgt…

Mirko