HYPAAKTIV+


Vor einigen Jahren ist das Debüt der fränkischen HC-Punk-Band HYPAAKTIV+ erschienen, das durch rustikalen Sound und klare politische Texte bestechen konnte. Nun, fünf Jahre später ist das zweite Werk der Band erschienen und knüpft genau da an, wo die erste Scheibe aufgehört hat. Gelegenheit für mich, der Band ein paar Fragen zum Album, aber auch zur aktuellen politischen Lage zu stellen.

Mirko: Hallo zusammen. Fangen wir doch mal ganz profan an. Stellt Euch doch kurz mal vor. Wer seid ihr, wo kommt ihr her und wie habt ihr euch zusammen gefunden? Könnt ihr mal einen kurzen Abriss Eurer Bandgeschichte geben?
HA+:
Na klar, gerne doch…Wir sind Hypaaktiv+ aus Nürnberg (+1x Fürth “Fäddd“). Uns gibt es seit 2011. Unseren Sound würden wir selbst als schnellen Polit-Punk mit Wechselgesang beschreiben und kennengelernt haben wir uns alle bei ElitePartner ; ) … nein, also wir kennen uns alle schon ziemlich lange und sind auch schon alle mehr als 10 Jahre befreundet. Gegründet haben wir uns eigentlich in einer Kneipe, aus den Resten von D.A.U.H (Hubi & Mat) & Freibeuter AG (Mic & Schulz) + Maler, der vorher noch keine Musik gemacht hat. Nachdem wir mehr als 6 coole Jahre, 2 Alben & unzählige Konzerte zusammen durchgebracht haben, hat unser Drummer „Dino“ alias Schulz aus Zeitgründen die Band verlassen. Seit November 2017 haben wir mit Merlin einen tollen, neuen Drummer gefunden – ansonsten hat sich an der Bandbesetzung nichts geändert.

Mirko: Mit „Racist World“ habt ihr gerade die zweite Veröffentlichung raus gehauen. Einige Jahre sind seit Eurer ersten CD in‘s Land gestrichen. Warum haben wir so lange für die neue Platte warten müssen?
HA+:
Das ist vor allem der mangelnden Zeit geschuldet. Ein Paar von uns arbeiten im Schichtdienst, einer spielt noch in einer anderen Band und 3 von uns engagieren sich noch bei den Ultras der RollerGirls Nürnberg, usw… Da ist es nicht immer einfach Termine für Bandproben zu finden. Hinzu kommt noch, dass wir allgemein auch nicht die Schnellsten sind ; ). ABER: „Was lange währt wird endlich gut!“, oder wie war das?

Mirko: Ihr habt sowohl englischsprachige als auch deutschsprachige Songs auf der Platte. Dabei stört mich, wie bei vielen deutschen Bands, das die englische Aussprache doch manchmal ziemlich dialektbehaftet ist. Wäre es nicht besser, lieber alles in der Sprache zu schreiben und zu singen, die man auch beherrscht?
HA+:
Naja, wenn wir auf Fränkisch singen würden, dann wäre es auch irgendwie seltsam ; ) Wir haben nichts dagegen wenn man beim Englischen den Dialekt raus hört … und bekanntlich prägt der Musikgeschmack auch die eigene Musik.

Mirko:  Der Titel „Racist world“ spricht ja für sich. In der Tat beschäftigt Ihr Euch inhaltlich in vielen Songs des Albums mit dem Thema Rassismus, Populismus und Hetze, sowie den daraus folgenden Konflikten. Wie erklärt Ihr Euch, dass weltweit der Nationalismus solch starken Zuspruch erfährt?
HA+:
Das ist eine schwierige Frage… Grundsätzlich denken wir, dass es auf jedem Kontinent und in jedem Land Menschen gibt, die unzufrieden sind, egal ob aus finanziellen, privaten oder wirtschaftlichen Gründen. Populisten nutzen diese Unzufriedenheit natürlich zu Ihren Gunsten und hetzen dann gegen die Menschen, die eh nichts haben und sowieso ganz unten stehen. Populisten geben die vermeintlich einfachen Antworten auf die Fragen der verunsicherten Bürger. Natürlich ist es tendenziell einfacher einem „Rattenfänger“ nachzulaufen & nachzuplappern als selbst zu denken. Für viele Menschen ist die nationale Zugehörigkeit vermutlich das Einzige, worauf sie denken noch stolz sein zu können und was sie von den „Anderen“ abhebt. Dabei ist die Nationalität keine Leistung. Und am Ende ist es bekanntlich auch einfacher die Schuld bei Anderen zu suchen.

Mirko: Schon mit Eurer ersten CD „Grauzone – fuck off“ bezieht Ihr klar Stellung. Der Erfolg solcher Bands ist allerdings immer noch enorm, wodurch diese fast schon gesellschaftsfähig werden. Wie seht ihr denn die Entwicklung in der sogenannten Grauzone und deren Bands? Einige dieser dubiosen Bands wehren sich ja auch auf verschiedene Art und Weise gegen den Vorwurf, rechtsoffen zu sein.
HA+:
Also Grauzone Bands sind ja teilweise schon voll gesellschaftsfähig, zumindest die großen unter Ihnen wie z.B. „FreiWild“ … leider! Eine große Mitschuld tragen da unserer Meinung nach auch die Veranstalter der großen Mainstream-Festivals, da sie solche Bands buchen. Zugegeben: manche dieser Bands sind musikalisch nicht schlecht, aber die Texte vermitteln für uns eindeutig die falschen Inhalte und Werte wie z.B. Nationalstolz, Patriotismus, usw… Hut ab vor Künstlern die ihren Auftritt absagen, um nicht zusammen mit politisch zweifelhaften Bands auf der Bühne zu stehen. Wenn Alben solcher Bands bei Fernsehsendern wie RTL angeboten werden, ist es auch nicht verwunderlich, dass sie vor allem so viele junge Leute abfeiern.Wir als Band achten z.B. immer darauf mit welchen Bands wir uns die Bühne teilen. Klar, dass wir nicht immer erst von jeder Band die ganze Bandgeschichte studieren … aber zumindest mal kurz stöbern.

Mirko: Vor allem als „kleine“ aber auch als unerfahrene Band wird man innerhalb der Szene schnell angefeindet, wenn man mal in Läden spielt wo schon solche Bands aufgetreten sind, oder man auf einem Festival spielt, wo die ein oder andere dubiose Bands auftritt. Großen Bands, auch solchen die eindeutig in der linken Ecke verortet sind, wird dies oft verziehen. Wie seht ihr das?

HA+: Wir sind noch nicht angefeindet worden, zumindest nicht dass wir wüssten. Sehr schade, wenn sich Bands wissentlich mit Grauzone-Müll die Bühne teilen. Egal ob bekannt oder nicht, so was geht gar nicht! Aber auch als Band kann man nicht alles wissen. Große kommerzielle Festivals oder Locations bringen das Problem aber leider oft mit sich.

Mirko: Einige argumentieren, man dürfe solchen Bands nicht das Feld überlassen und wollen daher auch bewusst eine politische Alternative zu dem Rotz bieten. Ist dies ein sinnvolles vorgehen um dieser Entwicklung gegen zu steuern?
HA+:
Man sollte solchen Bands definitiv nicht das Feld überlassen! Allerdings würden wir auch niemals die Bühne mit ihnen teilen. Eine politische Alternative bieten? Immer! Besser noch: Aufdecken welche Band für was steht und die Veranstalter auch fleißig darauf hinweisen.

Mirko: Auf dem Cover der neuen Platte habt ihr vier Personen abgebildet. Warum habt ihr gerade diese Personen ausgewählt?
HA+:
Diese Personen spiegeln für uns relativ gut deine vorherige Frage zum weltweiten Zuspruch der Populisten wieder. Sie sind für uns unter anderem das non-plus-ultra des Neofaschismus und großer Diktatoren. Sicher, wir hätten da mittlerweile auch mehr Vertreter dieser Fraktion auflisten können, aber wir waren uns einig, dass diese vier einen „gelungenen“ Querschnitt bilden.

Mirko: Politischer HC-Punk spricht ja eher eine gesellschaftliche Randgruppe an. Der Zielgruppe sind meiner Ansicht nach die transportierten Inhalte durchaus bewusst. Wen wollt Ihr mit Euren Songs denn noch aufrütteln oder ist es Euch wichtiger, die eigene Wut heraus zu schreien?
HA+:
Also unsere Musik ist praktisch von Punks für Punks und wir wollen damit auch diejenigen wachrütteln, für die Punk nicht viel mit Politik zu tun hat. Da sind z.B. gefühlt vielen jüngeren Punks manchmal die Inhalte eher Egal. Für uns ist „Punk“ weitaus mehr als Saufen, Pöbeln, auf alles zu scheißen und Spaß zu haben. Gerade diese Grauzonen-Thematik ist ja leider auch innerhalb der Szene präsent. Auf der anderen Seite beinhalten unsere Texte oft eine ganze Reihe an Argumentationen gegen den stumpfen Populismus und Hinweise auf Widersprüche der aktuellen öffentlichen Meinung. Und die eigene Wut raus zu brüllen gehört letztendlich natürlich auch dazu! In unseren Songs geht es hauptsächlich um die Dinge, die uns aktuell beschäftigen.

Mirko: „Nazis auf‘s Maul“ ist eine gerne gehörte Parole. Ebenso wie „Werft den Bonzen die Scheiben ein“ oder „Yuppies, verpisst Euch“.  Lässt sich denn dadurch etwas zum Positiven verändern oder schürt dies nicht noch mehr Konflikte?
HA+:
Punk schürt doch irgendwie immer Konflikte und das finden wir auch gut so. Wie schlimm wäre denn eine Welt, in der alle immer überall alles einfach hinnehmen?! Es ist wichtig gegen rechte Schwachköpfe & Missstände auf die Straße zu gehen. Wenn die Rechten merken in dieses oder jenes Viertel brauchen wir nicht erst zu gehen, da bekommen wir aufs Maul, dann war es ja irgendwo schon ein Erfolg. Genauso bei Farbbeutel-Angriffen auf luxus-sanierte Wohnhäuser – vielleicht verstehen die Investoren und Bauriesen ja irgendwann, dass ihre Objekte unerwünscht sind und sie lieber auf bezahlbaren Wohnraum für alle setzten sollten.

Mirko: Ich denke schon, wenn wir mal die Immobilienfutzis, Spekulanten & Kapitalisten nehmen, dass die das schon wissen. Allerdings wird da doch eher der Ruf nach härterem Durchgreifen durch die Staatsmacht geschrien, als dass diese Leute ein einsehen haben Schließlich haben diese doch einen gewissen politische Einfluss, während diejenigen, die sich auf diese Art wehren, als stumpfe Randalierer dargestellt werden. Oder seht ihr das anders?
HA+:
Für Immobilienhaie und Spekulanten wird es immer Wege geben, egal welche Gesetze die Staatsmacht da beschließt. Wenn aber der große Bauunternehmer keine Abnehmer mehr für seine Eigentumswohnungen im arschteuren und kotz-hässlichen Neubau findet, sehen sie irgendwann alt aus. Wenn du neu in ein „Szene-und In-viertel“ ziehst, dich keiner ernst nimmt, du ständig Farbbeutel ans Haus bekommst und du wöchentlich neue Graffitis entfernen musst, dann überlegst du dir eventuell doch in einen ruhigeren Stadtteil zu ziehen. So wird dann hoffentlich wieder Platz für die Leute, die ihre Wohnungen aufgrund der Mietexplosion verlassen mussten. Manchmal bewegt sich eben nur was wenn‘s weh tut.

Mirko: Der liberale Normalo, der auch mal mit linken Ideen sympathisiert, wird durch solche Aktionen, wie man am Beispiel G20 in Hamburg sieht, doch eher verschreckt als das man ihn auf seine Seite zieht.
HA+:
Nun, auch der hätte sich denken können, dass diese ganze G20-Aktion eskalieren sollte. In dieser Stadt war von vornherein klar, dass es knallt. Das war unserer Meinung nach genau so gewollt. Nun ist der Weg frei für Repressionen und neue Gesetze, die vor allem linke Aktivisten treffen sollen.

Mirko:  Ich schau mir ja ganz gerne politisches Kabarett an, wo die Missstände klar angesprochen und auch erklärt werden. Vielen gefällt so was offenbar auch, das nicht gerade als intelligenzfremd zu bezeichnende Publikum klatscht, weil alles auch so schön lustig verpackt ist. Dennoch steht hier kaum einer empört auf und wehrt sich gegen das System. Lediglich die stumpfen „besorgten Bürger“ gehen wütend auf die Barrikaden und lassen sich damit von Neofaschisten instrumentalisieren. Wie könnte man dem denn entgegenwirken?
HA+:
Wir denken, dass dieser Punkt auch etwas mit der deutschen Mentalität zu tun hat. Wir deutschen jammern einfach gerne und sind dann doch zu bequem um Etwas dagegen zu unternehmen. In Ländern wie Frankreich z.B. lassen sich die Menschen nicht so viel gefallen. Hmmm, entgegenwirken? Schwierig! Mehr Aufklärungsarbeit leisten, z.B. auch im Bezug auf die „Fehler im System“ oder den Geflüchteten die Möglichkeit geben zu Arbeiten – die meisten wollen ja, dürfen aber Dank unserer Bürokratie nicht.Viele Mitbürger leben in dem Irrglaube, dass sie eine bessere Rente bekommen wenn weniger Geld für Geflüchtete ausgegeben wird und dass es den Geflüchteten in Deutschland viel besser geht als den Deutschen. Die Gründe warum unser ignoranter Lebensstil zu den Fluchtursachen gehört, kannst du auch in manchen Zeilen unserer Texte lesen.

Mirko: Oftmals hört man aus rechten Kreisen auch Wutgeschrei, der sich gegen das Establishment, gegen Parteibonzen, das vorherrschende System und Kapitalismus richtet. Dinge die auch in linken Kreisen thematisiert werden. Auch in Euren Texten. Hier springen die „Besorgten“ gerne mit auf den Zug auf, während der gemeine Linke verteufelt wird. Woran könnte es liegen, dass die Rechte mit solchen Parolen und Provokationen erfolgreicher ist als die Linke?
HA+:
Das sind vermutlich die Punkte, mit denen die Linke die meisten (oberflächlichen) Leute angesprochen hat. Macht ja wenig Arbeit, dass dann zu klauen und ins eigene Programm aufzunehmen. Die Rechten finden natürlich auch schneller die vermeintlich Schuldigen und müssen sich selten die Arbeit machen, die tatsächlichen Hintergründe und Ursachen aufzuzeigen, wenn es einfacher ist, den Leuten mit Lügengeschichten Angst zu machen.

Mirko: Ich habe mich selbst schon dabei erwischt, wie ich Mutti (vor allem in der Flüchtlingspolitik) in Diskussionen verteidigt und in Schutz genommen habe, obwohl ich selbst oft genug gegen ihre Politik und den von Ihr unterstützten Wirtschaftsimperialismus wettere, der ebenso eine Fluchtursache ist wie Waffendeals und heuchlerische Diplomatie gegenüber Despoten. Hat die Regierung Merkel in der Flüchtlingsfrage gegenüber anderen Ländern wie z.B. Ungarn oder Österreich, die ja deutlich härter im Umgang mit Geflüchteten sind, etwas besser gemacht?
HA+:
Ja, dass in gewisser Weise auf jeden Fall. Aber irgendwie fehlt die Ehrlichkeit, vor allem im Bezug auf die Ursachen und unsere Mitschuld. Denn dann müsste Deutschland weit mehr leisten.

Mirko: Sobald eine Geflüchteter, Migrant oder nicht „Biodeutscher“ eine Straftat begeht, ist das Gezeter in den sozialen Netzwerken groß. Andersherum hält sich die Meute vornehm zurück. Auch in der AfD und Bewegungen wie Pegida u.ä. tummeln sich verurteilte Verbrecher jeglicher Couleur, wobei man hier gerne über deren Missetaten hinweg sieht. Worin seht ihr die Gründe, dass hier hauptsächlich rassistisch „argumentiert“ wird?
HA+:
Na für‘s „Dummvolk“ ist es doch viel schöner, was Negatives über Ausländer zu hören. „Die sind doch eh alle kriminell!“ … und wer hetzt schon gegen sein „eigenes Volk“ oder die eigene „Rasse“? Letztendlich müssen wir momentan leider sagen: „It´s a racist world!“

Mirko: Klare Worte! Gibt es sonst noch was, was Ihr unbedingt los werden wollt? Die berühmten letzten Worte…
HA+:
Stand up speak up – Love Music Hate Fascism!

Mirko: Dann bedanke ich mich für die Beantwortung meiner Fragen, wünsche Euch, auch als Band, alles Gute und hoffe, dass man sich mal auf irgend `nem Konzert wieder trifft. Haut rein!