SICK OF SOCIETY


Einige Jahre ist es her, dass ich SICK OF SOCIETY das erste und bisher auch einzige mal Live gesehen und auch überhaupt etwas von der Band gehört habe. Hatte mir dann gleich noch drei CDs und eine DVD abgegriffen und kurz darauf ein Interview mit den Jungs gemacht. In der Zwischenzeit ging es turbulent zu im Hause SICK… Und ein neues Album ist nach sechs Jahren auch am Start. Grund genug also, um mal wieder ein paar kurze Fragen zu stellen.

Mirko: Bereits vor vier Jahren hatte ich Euch im Interview. In der Zwischenzeit hat sich viel getan bei Euch. Zum Beispiel ist Fizzi nicht mehr dabei, dafür habt ihr mit zwei Gitarristen nachgerüstet. Wie kam es dazu, dass Fizzi die Band verlassen hat?
Oliver:
Erst einmal DANKE, dass wir Dir nach 4 Jahren wieder Rede und Antwort stehen dürfen. Freut uns natürlich sehr. Nun zu Deiner Frage… das war natürlich nicht so geplant. Wenn das Leben nicht so wäre, wie es tatsächlich ist und wir in einer ideellen Welt leben würden, dann würdest Du dieses Interview jetzt auch mit Fizzi führen. Fizzi musste ganz unerwartet aus gesundheitlichen Gründen die Segel streichen. Ein Versuch es doch noch mal mit der Band zu probieren hat leider nicht geklappt. Du kannst Dir vorstellen, dass das für Steini und mich ein extremer harter Schlag war. Von Fizzi kam die ganze Musik… er war der musikalische Treiber der Band. Wenn so ein wichtiger Teil von heute auf morgen wegbricht, dann kann dir das schon mal die Füße unter dem Boden wegziehen. Für mich persönlich war das eine echt bittere Zeit. Ich kenne Fizzi seit 1988 und hab seit dieser Zeit immer mit ihm Musik gemacht. Und wenn ich ehrlich bin fehlt er mir noch heute, auch wenn wir super neue Leute in der Band haben, die sowohl musikalisch als auch menschlich absolut zu uns passen. Aber Fizzi hat mich in Sachen Musik einfach sozialisiert und ist ein ganz wichtiger Mensch in meinem Leben… da ist in jedem Fall eine Lücke entstanden… die wir aber zum Glück was die Band angeht mehr als adäquat füllen konnten. So, jetzt die Tränen wegwischen und weiter im Text.

Mirko: War Euch sofort klar, dass Ihr weitermachen werdet, da SICK OF SOCIETY ja schon ein eingespieltes Team war?
Oliver:
Naja, sofort haben wir nicht weiter gemacht. Zu dem Zeitpunkt stand eine UK-Tour mit DIE SIFFER und eine kleine Tour in Deutschland mit ADAMS APPLE an. Die Sachen mussten natürlich alle abgesagt werden. Aber Steini und ich waren uns danach schnell einig, die Sache so nicht enden lassen zu wollen. Zumal wir ja anfänglich dachten, Fizzi kommt irgendwann zurück. Wir haben dann relativ schnell mit Alex – unserem Live-Mischer – einen Ersatz gefunden, der uns temporär aushalf. Je länger das dann so ging und absehbar war, dass Fizzi nicht mehr zurück kommt, mussten wir uns in der Tat um einen Plan B kümmern. Das haben wir zum Glück gebacken bekommen…

Mirko: Wie hat sich die Suche nach neuen Gitarristen denn gestaltet? Zwischendurch gab es ja immer wieder verschiedene Live-Aushilfen.
Oliver:
Wenn man Falko und Chris mitzählt, die ja jetzt fix in der Band sind, hatten wir in der Übergangsphase 4 Leute, die bei uns Gitarre gespielt haben. Neben Alex, den ich vorher schon erwähnt hatte, war auch noch Böhrni (Schlagzeuger von LESTER) mit am Start. Ein langjähriger, guter Freund der Band aus München. Super Typ und extrem guter Multiinstrumentalist. Alex und Böhrni sind dann auch mit mir zusammen nach Indonesien, um die SOS-Tour dort zu spielen. War eine sehr abwechslungsreiche und turbulente Zeit bis wir wieder ein stabiles Line-Up hatten. Ich habe damals viel gelernt, bin aber in jedem Fall mehr als froh, dass wir wieder in ruhigere Fahrwasser gelangt sind, was das Line-Up angeht. Zu Deiner eigentlichen Frage: Chris haben wir einfach übers Internet gefunden. Er hat aufs Anforderungsprofil gepasst, wir haben ihn eingeladen, er wurde für gut befunden und schon war er dabei. Falko war eine naheliegende Lösung, da Steini und ich schon seit fast 15 Jahren mit ihm zusammen bei Cross X spielen. Anfänglich war er nur Aushilfe, aber da es auch gepasst hat, wurde er kurzerhand angeheuert. Mit 2 Gitarristen sind wir jetzt auch flexibler. Natürlich versuchen wir immer zu viert zu spielen, aber wg. Familie, etc. klappt das nicht immer. Somit haben wir jetzt auch immer die Option mit nur einem Gitarristen als Trio zu spielen… also wie früher. Das  funktioniert soweit echt gut. Wir sind zufrieden! Oder Chris, wie hast Du Situation mit Suche bzw. den Einstieg bei uns erlebt?
Chris:
Naja, im Grunde genommen ist das schon so gewesen, wie Du es gerade geschildert hast, Oli. Da ich mich bei meiner anderen Band, in der ich übrigens auch noch aktiv bin, etwas unterfordert gefühlt habe, habe ich mich Anfang 2016 auf die Suche nach „neuen Herausforderungen“ begeben. Oli hat mich dann bei so einem „Dating-Portal“ für Musiker ausfindig gemacht und mich direkt angeschrieben. Nach der zweiten gemeinsamen Probe stand dann auch schon die Idee im Raum, dass ich doch zwei bis drei Shows mitspielen und mich hinterher entscheiden soll, ob ich bleibe oder nicht. Nach der fünften Probe hieß es dann nur: „Heute machen wir noch Bilder für Facebook!“ – Ich habe die Handschellen klicken hören und die Sache war offiziell, da es aber musikalisch und vor allem menschlich gut gepasst hat, war mir das ganz recht so!

Mirko: Oliver, Du hattest die Indonesien-Tour erwähnt, wie ist es dazu gekommen?
Oliver: Auf die Idee bin ich gekommen, als ich in einem Interview gelesen habe, dass es dort eine echt fanatische Punk-Szene gibt. Der Gedanke daran hat mich dann auch nicht mehr losgelassen und ich habe einfach nur mal aus Spaß im Internet nach potentiellen Veranstaltern gesucht. Das war vor ca. 5-6 Jahren. Es hat dann auch nicht lange gedauert und ich habe den richtigen Mann gefunden. Indra veranstaltet dort nahezu alle Bands, die von außerhalb kommen und er hatte auch daran Interesse uns nach Indonesien zu holen. Tja, ich glaube anfänglich wurde ich für die Idee auch belächelt und die Line-Up Probleme im Anschluss haben es auch nicht leichter gemacht. Zum Glück hatten Alex und Böhrni Zeit und Interesse das Ding mit mir durchzuziehen (Kurz unser alter Bassist war als Reisebegleiter und Tourfilmer auch mit dabei). Anfang 2016 war dann auch vor Ort alles in trockenen Tüchern und mir mussten nur noch bis September warten, dass es losging. Dazwischen haben wir 5 – 6 mal zusammen geprobt, eine Test-Show gespielt und am 9.9.2016 ging es endlich los in Richtung Jakarta. Hört sich einfacher an als es letztlich war. Aber das was ich mir im Regelfall in den Kopf setze ziehe ich auch meistens durch. Deshalb auch der lange Atem! Aber ich muss schon ehrlich sein… ohne Alex und Böhrni hätte ich das Ding niemals durchziehen können. Bin den 2 Kollegen noch immer sehr dankbar dafür!!!

Mirko: Wann und wie lange wart ihr dort und wie sind waren eure Erfahrungen? Man hört und liest ja immer spannende Geschichten.
Oliver:
Es waren insgesamt 7 Shows über ganz Java und der finale Gig dann auf Bali, wo wir im Anschluss auch gleich noch ein paar Tage Urlaub rangehängt haben – insgesamt ca. 2,5 Wochen. Show Nr. 7 musste leider abgesagt werden, weil die lokalen Behörden der Meinung waren, es läge keine offizielle Genehmigung vor, dass Ausländer in dem Laden spielen dürften. Wir hatten demnach 15 Minuten Zeit die Lokalität zu räumen oder wir hätten mit Konsequenzen rechnen müssen. Die Staatsmacht allgemein in dem Land ist mit Vorsicht zu genießen. Gleich am zweiten Abend erhielten wir eine freundliche Einladung den Sheriffs auf Revier zu folgen. Vor der Überfahrt nach Bali durften wir erleben wie kreativ man im Umgang mit Bürokratie sein kann und wie pragmatische Lösungen hierfür aussehen… tja, ich glaube jeder weiß was damit gemeint ist. Spannend war es zu jeder Minute, weil einem die Bedingungen dort jederzeit alles abverlangen. Egal ob Hitze, die ewig langen Fahrten zum nächsten Ort auf unsagbar schlechten Straßen, das herausfordernde Equipment, einfach alles… aber auf der anderen Seite triffst du ungemein nette Leute, mit denen man gleich ins Gespräch kommt und du nimmst Erfahrungen und Erlebnisse mit in die Heimat, die dir niemand mehr nehmen kann. Für mich persönlich aber war die Erkenntnis, dass trotz der für uns herausfordernden Bedingungen, die Leute vor Ort glücklich sind und wir in Deutschland doch einfach nur versnobt und verweichlicht sind – jammern auf allerhöchstem Niveau! Ach ja, es gab im OX-Fanzine einen dreiseitigen Tourbericht. Keine Ahnung ob der auch online einsehbar ist. Einfach mal im Netz stöbern

Mirko: Zur neuen Platte. Diese schließt musikalisch direkt an das letzte Werk an. Sind die Lieder alle unter der neuen Besetzung entstanden oder über die letzten Jahre hinweg?
Oliver:
Bis auf zwei Songs stammen alle Lieder noch von Fizzi. Zwei Songs wurden von der neuen Besetzung geschrieben. Das positive dabei ist, dass gerade diese 2 Songs in Reviews immer wieder besonders hervorgehoben werden. Das motiviert natürlich für die Zukunft. Schön zu wissen, dass es musikalisch auch ohne Fizzi funktioniert. Aber man muss ehrlich sein… die neue Besetzung tritt ein sehr großes musikalisches Erbe an. Fizzi war für mich immer ein sensationeller Songschreiber. Er hat den Bogen einfach raus und ist über die Jahre immer besser geworden. Es wird sicher eine spannende Herausforderung für uns vier an dem Punkt mit neuen Songs weiterzumachen. Es gibt schon einige Ideen, die wir allerdings noch nicht ausarbeiten konnten. In den nächsten Wochen dürften wir aber endlich anfangen an neuem Material zu basteln. Mal sehen wie lange es dieses Mal dauert, bis wir wieder was vorzuweisen haben.
Chris:
Ich bin schon ziemlich heiß und auch gespannt auf die nächste Zeit. Wir „Neuen“ haben jetzt schon einige Ideen, die gut funktionieren könnten, in den Pool geworfen. Was dabei herauskommt, wird sich zeigen. Neue Mitstreiter bringen schließlich immer auch irgendwie neuen Sound. Persönlich habe ich den Anspruch frischen Wind in die Bude zu bringen, ohne den bestehenden Grundsound von Sick of Society zu stark zu verfälschen oder zu verändern. Insofern war es ganz cool für „Perlen vor die Säue“ bereits bestehende Songs und Ideen der alten Besetzung auszuarbeiten. So konnte man sich schnell auf einen gewissen Sound eichen.

Mirko: Wollte oder musste Steini den Gesang übernehmen? Dieser ähnelt stimmlich dem von Fizzi doch sehr. Ist das beabsichtigt oder einfach nur Zufall?
Oliver:
Steini hat zu Fizzis Zeiten schon einige Songs live und auch auf CD gesungen. Von daher war das eine naheliegende Lösung, weil er das Zeug kannte und weiß wie es zu klingen hat. Steini findet sich mittlerweile auch live immer besser in die Rolle als Frontmann. Fizzi hat in der Hinsicht verdammt große Fußstapfen hinterlassen… die füllst du nicht von heute auf morgen aus. Aber Steini macht seinen Job gut und kommt immer besser in die Geschichte rein. Davon abgesehen ist es auch nicht die Intention Fizzi in der Rolle als Frontmann zu kopieren. Live agiert jeder anders… es ist letztlich nur wichtig natürlich rüber zu kommen ohne Scheu vor dem, was vor dir steht. Aber ich schweife ab… oder!? Kurz und knapp… jawohl, es war beabsichtigt!
Wirklich? Naja, ich habe da einfach zu wenig Abstand. Für mich klingen die zwei Kollegen doch unterschiedlich, aber ich bin da einfach zu nah an der Geschichte dran. Hauptsache es klingt gut… ob gleich oder unterschiedlich ist mir eigentlich egal. Und das Steini auf der neuen Scheibe einen guten Job gemacht hat, kann man nicht bestreiten. Er hat sich da auch voll reingekniet! In Zukunft versuchen wir natürlich auch die zwei Neuen in der Band näher ans Mikro zu holen, um mehr Akzente setzen zu können und auch um Steini etwas zu entlasten.
Chris:
Steini und Fizzi klingen zwar unterschiedlich, wobei tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit da ist. Richtig bewusst ist mir das bei den Aufnahmen zu „Wahnsinn eines Lebens“ und „Biersam für die Seele“ geworden. Steini stand in der Kabine und hat gesungen, ich saß draußen und hab Regie geführt. Als er dann zu mir rauskam, meinte ich zu ihm: „Das hat sich mich jetzt irgendwie an Fizzi’s Gesang erinnert!“. Da war er erst mal selber perplex! Ganz freiwillig hat Steini die Rolle das Frontmannes nicht angenommen. Das Gefühl hatte ich anfänglich zumindest, aber inzwischen macht er das schon ganz gut. Außerdem hat er ja gleich zwei „Co-Piloten“ bekommen… Falko und ich geben auf der Bühne schließlich auch so manchen Witz zum Besten und trällern den einen oder anderen Song. Somit hat Steini genug Zeit mal durchzuatmen oder einen Schluck koffeinhaltige Limonade zu sich zu nehmen.

Mirko: Diesmal ist, im Gegensastz zu früheren Veröffentlichungen kein einziger englischsprachiger Text auf der Platte zu finden. Seid ihr jetzt (endlich) komplett beim Deutschpunk gelandet?
Chris: Hmm… gute Frage! Für den Moment ist das wohl so und wenn ich an die ersten Songideen denke, die wir jetzt schon wieder in der Pipeline haben, wir das auf jeden Fall erst mal so bleiben. Erstens kann man sich in seiner Muttersprache einfach präziser ausdrücken, was gerade bei politischen Songs nicht ganz unwichtig ist und zweitens fühlt es sich einfach richtig an! Ich weiß nicht, ob ich damit jetzt für alle spreche, aber irgendwann mal wieder englischsprachige Songs zu schreiben und zu veröffentlichen, schließe ich nicht kategorisch aus. Warum auch? Wer kann jetzt schon definitiv sagen, was in fünf oder gar zehn Jahren sein wird? Oli was sagst du dazu?
Oliver:
Du wirst lachen, aber ich hatte in der Tat schon daran gedacht für die nächste Platte wieder was in englischer Sprache zu verfassen. Mal sehen, ob ich das auch wirklich in die Tat umsetzen werde. Ob wir jetzt komplett oder endlich im Deutschpunk gelandet sind kann ich nicht beantworten. Ich sehe es einfach als Zwischenstation, die sich, wie Chris gerade erwähnte, richtig und gut anfühlt. Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen! Ich glaube letztlich waren wir in der Vergangenheit einfach nur zu faul und vielleicht auch zu naiv und dumm gute deutsche Texte zu verfassen. Wir haben uns einfach hinter englischen Phrasen versteckt, die eh niemand interessiert haben bzw. nicht hinterfragt wurden. Wir haben jetzt diese falsche und trügerische Komfortzone verlassen und stellen uns inzwischen Themen, die uns unter den Nägeln brennen und die man in seiner Muttersprache auch deutlicher zu Gehör bringen kann. Ob man es hören will oder auch nicht.

Mirko: In „Kapunktitalismus“ prangert Ihr, wie es der Titel auch vermuten lässt, den Kapitalismus im Punkrock an. Auch Ihr habt die neue Scheibe nicht mehr auf SN-PUNX veröffentlicht, sondern diesmal alles in Eigenregie gemacht. Wünscht Ihr Euch den Punk zurück in den Keller?
Chris:
Puh… zurück in den Keller wäre schon ein bisschen hart! Grundsätzlich finde ich es schon gut, dass Punkrock inzwischen ein breiteres Publikum anspricht, als das früher vielleicht mal war. Schlussendlich profitieren wir als Band ja davon, da uns und unseren Aussagen somit ein größeres Forum geboten wird! Aber zurück zur eigentlichen Frage: Es geht ja in dem Song in erster Linie um überzogene Gagen, überzogene Merch-Preise und so weiter! Es ist ziemlich schade wenn Bands, die wie wir auch, dem Hobbysektor zuzuordnen sind, derartige Gagen verlangen, dass die Veranstalter einfach ablehnen müssen… speziell in einem Genre wie Punkrock, in dem es ja auch viel „um die Sache“ geht! Das hat nichts mit den üblichen Kommerzvorwürfen zu tun, mit denen sich größere Bands immer wieder auseinandersetzen müssen, schließlich leben die davon und können daher auch nicht nur für „’nen vollen Tank und Freisuff“ auftreten. Wir haben nur ein Problem mit „Rockstar-Allüren“ bei Hobby-Bands!
Oliver:
Gut gebrüllt Löwe!!! Dem kann und brauche ich eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Nur vielleicht noch ein paar Worte zu SN-PUNX. Es war ursprünglich ganz klar geplant die Platte wieder zusammen mit Dirk zu machen. Leider verlief die Kommunikation mit der Zeit etwas einseitig, so dass wir uns nach einer anderen Alternative umsehen mussten. Das wir also nicht mehr bei SN-PUNX sind, hat in keinem Fall etwas mit Kohle oder Unstimmigkeiten zu tun. Ich glaube einfach, dass sich Dirk aus dem Biz zurückgezogen hat. Schade drum…

Mirko: Ihr bezieht deutlich Stellung gegen rechte Umtriebe. Engagiert Ihr Euch außerhalb der Band auch aktiv. Oder anders gefragt. Wie wollt Ihr die Welt retten?
Oliver:
Ich versuche eigentlich immer positiv zu denken. Aber der Realist in mir sagt „Die Welt ist nicht mehr zu retten… auch nicht von uns!“. Wenn man all dem glauben darf, was man täglich so hört und liest, dann lässt das einfach keinen anderen Schluss zu. Anstatt aus der Geschichte klüger zu werden, wird die Menschheit einfach von Jahr zu Jahr noch dümmer. Mir tut es weh, das sagen zu müssen, aber so sehe ich das momentan. Ich hoffe ich liege falsch, aber ich glaube es ehrlich gesagt nicht! Es wäre schön, wenn wenigstens eine handvoll Leute von unseren Texten zum Nachdenken angeregt werden würde. Diejenigen die es allerdings nötig hätten umzudenken, erreichen wir aber leider nicht… naja, wir geben nicht auf und versuchen weiter unser Glück.
Chris:
Ganz schön pessimistisch, was Oli da so erzählt! So weit ist es glücklicherweise bei mir noch nicht! Es ist schon traurig mitzubekommen, was für ein deutlich spürbarer Rechtsruck gerade durch die Gesellschaft geht, hin und wieder gibt es aber so kleine Schlüsselerlebnisse, die dir den Glauben an die Menschheit zurückbringen. Ich wohne in einem kleinen Kaff in der Nähe von Augsburg… eine relativ konservative Kiste! Nichtsdestotrotz hingen dort die AfD-Plakate keine zwei Tage. Das fand ich schon ziemlich cool und es hat mir auch gezeigt, dass noch nicht alle komplett hirnverbrannt sind. Uns bleibt nicht viel anderes übrig, als uns deutlich zu positionieren und in unseren Songs ordentlich dagegenzuhalten. Auch wenn wir bei den Leuten, die es am ehesten nötig hätten, im Regelfall nicht ankommen, vielleicht erreichen wir ja doch mal jemanden und regen ihn zum Umdenken an.

Mirko: Das klingt in der Tat pessimistisch. Aber nur meckern hat ja noch nie geholfen. Und mit Nachdenken etwas zu verändern funktioniert auch selten. Im Großen erst recht nicht, oder vielleicht doch? Was müsste denn passieren, damit sich etwas ändert (Ich erinnere mich da an Euren Song „Zerstöre das System“)? Und vor allem was sollte sich ändern?
Chris:
Meckern hat tatsächlich noch nie was gebracht. Man kann da eigentlich nur mit gutem Beispiel voran gehen, denn letzten Endes sollte sich einfach mal jeder an der eigenen Nase packen und sich ein wenig in Empathie üben! Schon den Kleinsten bringt man bei: „Was du nicht willst, was man dir tut, das füge auch keinem anderen zu!“ Wenn sich daran jeder halten würde…
Oliver:
Mit meiner Aussage wollte ich sicher nicht zum Ausdruck bringen, dass ich nur noch den Kopf in den Sand stecke und warte, bis über mir das Kartenhaus zusammenfällt. Sicher nicht! Sonst würde ich Dir hier auch nicht Rede und Antwort stehen. Auch klar, dass vom Nachdenken allein der Mensch das Rad nicht zum Rollen gebracht hätte… aber stumpfe Aktion ohne Sinn und Verstand war auch noch nie zielführend. Es ist immer zweierlei nötig! Sich Gedanken machen, Menschen wachrütteln und durch kluge Aktionen positive Veränderungen einleiten. Im Kleinen funktioniert das ja oft ganz gut, aber leider halt nicht im großen Stil… was wir derzeit tagtäglich unter Beweis gestellt bekommen! Was sich ändern sollte? Ich könnte ja jetzt sagen, haltet euch an unseren Song „Biersam für die Seele“… im Hinblick auf die Großen gesprochen „Mr. Dump, wenn der Finger mal wieder am großen Atombombenknopf juckt, einfach den Kurzen mit der schlechten Frisur anrufen und zusammen ein Bierchen aufmachen… gerne auch mehr! Am nächsten Tag atmet man sicher wieder lockerer durch die Hose!“… aber das würde wohl der Ernsthaftigkeit Deiner Frage widersprechen. Vielleicht hat Chris ja recht mit der Aussage, wenn alle etwas mehr Rücksicht aufeinander nehmen und jeder wieder beginnen würde sich menschlicher zu verhalten, dann wäre noch was zu retten…

Mirko: Populisten und Extremisten sind ja nicht unbedingt zugänglich für Argumente. Andere sind lethargisch und mit ihrem Status Quo zufrieden. Und wieder anderen ist sowieso nicht mehr zu helfen. Und damit sind nicht die Ärmsten der Armen gemeint. Lohnt es sich denn da überhaupt noch, etwas verändern zu wollen?
Chris:
Das ist wahr, mit Argumenten beißt man bei solchen Leuten leider immer auf Granit, die wollen aber auch nicht verstehen. Die stehen auf ihr verschwurbeltes Weltbild und jeder, der sie eines Besseren belehren will, erzählt per se nur „Fake-News“. Die drehst du aber auch nicht mehr um. Dennoch ist es falsch, die Flinte ins Korn zu werfen und die Klappe zu halten, obwohl das für die eigenen Nerven meist die bessere Lösung wäre! Hauptsache man bringt die breite Masse, die vielleicht von der bisherigen Politik enttäuscht ist und sich deshalb auf ,Abwegen befindet’ wieder auf den richtigen Kurs. Viele davon verstehen wahrscheinlich gar nicht, wofür AfD, PEGIDA oder Identitäre wirklich stehen! Die können und müssen erreicht werden. Darum sage ich: Ja, es lohnt sich in jedem Fall, etwas verändern zu wollen…
Oliver:
…und dafür die Klappe aufzumachen! Trotz meines Pessimismus gegenüber der Menschheit habe ich noch nicht aufgegeben. Sonst würden ich wohl nur noch belanglose Party-Lieder in Bierzelten verzapfen oder in irgendeiner nebulösen Coverband versauern, anstatt seit 25-Jahren mit PunkRock durch die Lande zu tingeln. Auch wenn viele Leute verbohrt und taub sein mögen, so ist es immer wichtig zu versuchen einen Fuß in deren Gedankenwelt mittels entsprechender Texte zu bekommen. Auch wenn man nur eine einzige Person zum Nachdenken bzw. Umdenken bewegen kann, ist das schon ein kleiner Erfolg! Ja, es lohnt sich in jedem Fall…

Mirko: Großes Thema sind ja die sozialen Netzwerke und die Presse. Zensur, Fake-News, Shitstorms, Gerüchte, Hetze. Musikalisch hab Ihr dazu keine Stellung bezogen. Daher die Frage: Welchen Einfluss und welche Bedeutung haben Eurer Ansicht nach diese Massenmedien?
Chris:
Segen und Fluch… Prinzipiell bin ich der Meinung, dass uns die sozialen Medien sowie diverse Nachrichtenportale eher Vorteile bringen, da sie es einfach unglaublich erleichtern, informiert zu bleiben, sich auszutauschen, Bescheid zu wissen, etc. Das gilt für die sozialen Netzwerke, wie auch für die Nachrichten im Fernsehen und in den Zeitungen. Leider können sie halt aber auch für negative Zwecke ge- oder viel mehr missbraucht werden, was ja nicht das Problem dieser Medien an sich ist, sondern eins der Menschen und ihren moralischen Abgründen. Ich denke dabei jetzt speziell an die Stichpunkte Shitstorms, Gerüchte oder Hetze die ihren Ursprung ja definitiv in Missgunst, Neid, Hass und Feigheit haben. Auch hier gilt wieder der schlaue Spruch von vorhin: „Was du nicht willst… “!
Oliver:
Großen, sehr großen Einfluss! Weil zu viel und zu schnell jeder Scheiss geglaubt und weiterverteilt wird, der in der Medien-Kanalisation umhergespült wird! Schließlich ist es einfach und billig nur das zu liken, was sich toll anhört und in mein eigenes (evtl. stark limitiertes) Weltbild passt. Hinterfragen, fundierte bzw. vertrauenswürdige Quellen anzuzapfen und sich eigene Gedanken machen ist unsexy, lästig und anstrengend. Ich persönlich versuche mich so weit wie möglich den Massenmedien und hierbei speziell den sozialen Netzwerken zu entziehen. Mir ist es einfach zu anstrengend von unnützen Infos überfrachtet und mit den wirren Gedanken egogetriebener Internetprominenz konfrontiert zu werden. Das funktioniert mal mehr, mal weniger gut. Ganz entziehen ist ja nahezu unmöglich… Hätten wir Deiner Meinung nach hierzu Stellung beziehen müssen? Naja, es läuft so viel falsch auf unserer Welt, da lässt sich einfach nicht jedes Thema abdecken. Aber DANKE für den Hinweis… evtl. findet das Thema ja auf der nächsten Scheibe ein Plätzchen.

Mirko: Schön, dass ich als Inspirationsquelle dienen kann ; )… apropos nächste Scheibe. Was ist denn alles so geplant für die nähere Zukunft?
Oliver:
Nur das, was man so macht, wenn man eine neue Scheibe am Start hat. Promo für das Ding und natürlich so viel live spielen wie möglich. Darf sich gerne jeder Veranstalter melden, der Interesse hat… und keine Angst, die großen Gagen nehmen andere Bands! Ganz klar ist auch, dass wir demnächst auch anfangen werden an neuen Songs zu basteln. Mal sehen, wie lange es dauert bis wir den Nachfolger für „Perlen“ am Start haben. Ist jedenfalls aktuell schön zu sehen, dass trotz 5-jähriger Veröffentlichungspause der Name Sick of Society noch immer einigen szenekundigen Menschen ein Begriff ist. Hat mich persönlich sehr gefreut…
Chris:
Jup, sehe ich auch so! Werbung machen, live spielen, Bierchen trinken, neue Songs schreiben und nochmal ein Bierchen trinken… was man als Band halt so macht!

Mirko: Das war‘s dann aber auch schon. Habt Ihr noch irgendwelche letzten Worte?
Oliver:
Getreu unserem neuen Bandmotto „Bienenstich und Bier“ warten wir auf Eure Einladungen zu einem gepflegten PunkRock-Kaffeekränzchen. Bis diese allerdings eingehen verbleibe ich erst einmal mit einem „DANKE Mirko!!!“ für die Möglichkeit, etwas über die neue Scheibe erzählen zu dürfen. Leute, legt Euch das Ding zu… ein Fehler kann es laut Mirkos Review ja nicht sein!
Chris: Schon wieder Bienenstich?? Ich hätte mal wieder Lust auf ´nen Frankfurter Kranz, so wie ihn die Oma macht! Der passt sicher auch hervorragend zu Bier… zu so einem dunklen, malzigen… könnte was für Dich sein, Oli! Ansonsten nutze ich einfach die Gelegenheit, um Danke zu sagen. Danke an alle die unser Treiben tolerieren oder akzeptieren, es unterstützen und befürworten, auf unsere Konzerte kommen und uns immer wieder buchen, unsere CD’s kaufen und natürlich auch an Dich, Mirko!

Mirko: Nach dem ganzen Gedanke, bedanke ich mich auch für die auskunftsfreudige Beantwortung dieser kurzfristig aus den Fingern gesogenen Fragen und ich hoffe, ich kann SICK OF SOCIETY bald mal wieder live sehen.


www.sickofsociety.de