EIN PAAR TAGE IN ALBANIEN (Teil 2)

EIN PAAR TAGE IN ALBANIEN (Teil 2)

Tirana (erster Tag)

Nach einer erneut etwas konzentrationsbedürftigen Fahrt, die wieder ein paar halsbrecherische Überholmanöver und mehrere Verkehrskontrollen zu bieten hatte, war ich bereits um 10:40 Uhr am Mutter-Teresa-Flughafen und hab die Karre da abgestellt, wo ich sie auch übernommen hatte. Also direkt vor dem Flughafengebäude. Kaum war ich aus dem Wagen gehüpft und hatte mir meinen Rucksack umgeschnallt, kam noch vor Betreten des Flughafengebäudes ein Typ auf mich zu gelaufen und verlangte nach Schlüssel und Parkkarte, was ich auch beides bereitwillig ausgehändigt habe. Da der Typ optisch nicht als Mitarbeiter der Autovermietung zu erkennen war, hätte das aber auch irgendwer sein können, dem ich da den Wagen anvertraute, dachte ich mir kurz darauf. Wie sich am Schalter herausstellte, war es glücklicher Weise aber wohl doch ein Mitarbeiter der Autovermietung; denn auf meine Vertragskopie wurde zügig folgendes geschrieben: „car brought back“, das Formular abgestempelt und das war‘s auch schon mit der Rückgabe. Fünfzehn Minuten später saß ich bereits im Bus, der mich innerhalb einer halben Stunde ins Zentrum von Tirana brachte, wo ich dann eine Stunde früher als geplant eingetroffen bin. Tirana ist erst seit 1920 ist die Hauptstadt Albaniens und wuchs auch erst von da an zu einer Großstadt heran. Zuvor umfasste das heutige Stadtgebiet lediglich einige Dörfer mit nur wenigen tausend Einwohnern. Mittlerweile leben dort über 500.000 Einwohner, die alle sehr gediegen, freundlich und zuvorkommend waren. Naja, nicht alle, aber diejenigen, die ich getroffen habe waren dies ausnahmslos.

Das Hostel lag in einem Hinterhof, knapp 200 Meter von der Bushaltestelle entfernt, wo ich mich auch umgehend hinbegeben habe. Leider war der Big Boss noch nicht da, wie mir die einer Fremdsprache nicht mächtige Aushilfe zu verstehen gab, so dass ich leider noch nicht einchecken, dafür aber mein Zeug ablegen konnte, was ich in vollem Vertrauen auch gemacht habe. Hab mich dann gleich in die City begeben und mich etwas umgeschaut, bis der Chef kommen sollte. Als erstes habe ich mich in der lebhaften Stadt, die viel quirliger ist als der Rest, den ich bisher von Albanien gesehen habe, etwas orientiert und das Büro der Busgesellschaft Metropol aufgesucht, um mich über die anstehende Fahrt nach Skopje zu informieren, was auch ziemlich schnell und unkompliziert vonstatten ging. Das Büro liegt direkt am Zogu Boulevard, der  Prachtstraße im Zentrum, benannt nach dem ehemalige albanischen Präsidenten Ahmed Zogu, der sich selbst im Jahre 1928 sogar zum ersten und einzigen König Albaniens krönte. Als im Jahr 1939 Albanien von den italienischen Faschisten besetzt und unter deren Kontrolle gebracht wurde, floh er ins Exil, behielt aber seinen Titel. Offiziell legte der Zogu sein Amt erst mit der Machtergreifung der Kommunisten im Jahre 1946 nieder, behielt aber seinen Titel.

Direkt dahinter befindet sich der Skanderbeg-Platz umringt vom opulenten Bau des Historischen Museums, einer Moschee, dem Bankenmuseum, einigen Regierungsgebäuden und der Kulturpalast. Auf dem Platz selbst war ein Weihnachtsmarkt mit Fressständen und ein paar Fahrgeschäften aufgebaut, der auch schon zur Mittagszeit ganz gut gefüllt war. Nachdem ich etwas über den Markt geschlendert bin, zog es mich weiter zur benachbarten, riesigen orthodoxen Kathedrale und dem dahinter, in einem kleinen Park gelegenen Casino. Alles eigentlich sehr nett anzusehen. Mittlerweile war es aber Zeit, wieder zurück ins Hostel zu gehen um endlich einchecken zu können. Auf dem Weg dorthin, direkt vor der Kunstgalerie wurde ich allerdings unvermittelt von einem albanischen Fernsehteam abgepasst. Auf meine Antwort hin, dass ich leider kein albanisch spreche, meinte die charmante Reporterin: „we can also do it in english“. Also habe ich bereitwillig meine Meinung zum politisch hochbrisanten Thema ‚persönliche Grußkarten zu Weihnachten und Neujahr‘ abgegeben. Ob ich damit wohl im albanischen TV gelandet bin – wer weiß? Noch leicht irritiert von diesem Erlebnis bin ich dann im Hostel angekommen und konnte auch einchecken. Nachdem ich meinen Rucksack im Bettkasten verstaut und das Vorhängeschloss zugemacht hatte, fiel mir auf, das dieses gar keinen Schlüssel besaß. Der freundliche Chef hat aber ruck-zuck selbiges mit Hammer und Schraubenzieher auf rustikale Weise wieder geöffnet worauf ich meine Habseligkeiten mit meinem eigenen, mitgebrachten Vorhängeschloss sicherte. Mein ständig furzender und rülpsender Zimmergenosse aus Trump-Land fand das alles augenscheinlich ziemlich amüsant.

Da die Zeit mittlerweile schon etwas vorangeschritten war, habe ich mich wieder auf gemacht und wollte in Richtung Universitätspark laufen. Leider war zu diesem Zeitpunkt wohl irgendetwas mit meinem Orientierungssinn nicht so ganz in Ordnung weswegen ich etwas vom richtigen Weg abgekommen bin. Leider habe ich das aber erst nach einem längeren Fußmarsch und dem darauf folgenden Studium des Stadtplans bemerkt. Hätte ich vielleicht vorher mal drauf schauen sollen. Bin daraufhin in einen Supermarkt, hab mir ein Vesper und ein paar Sachen zum Kochen geholt und wollte mir dann ein gemütliches Plätzchen für eine wohlverdiente Rast suchen. Leider war dies gar nicht so einfach. Plötzlich stand ich nämlich im schwer bewachten Botschaftsviertel. Ein weiterer Blick auf die Karte hätte hier vielleicht auch n icht geschadet. Eigentlich ist das Viertel aber nur eine, dafür ziemlich lange Straße, in der fast alle in Albanien ansässigen Botschaften beheimatet sind. Als ich die Straße hinter mir gelassen habe war mir die Gemütlichkeit aber auch weitgehend egal und so hab ich mich auf eine Bank an der Hauptstraße gesetzt um mich ein wenig zu stärken. Danach bin ich zurück zum Skanderbeg-Platz, um dem Historischen Nationalmuseum, das 1981 eröffnet wurde, einen Besuch abzustatten. In dem riesigen Gebäude aus der kommunistischen Ära gibt es die Geschichte Albaniens von der Zeit der ersten Besiedlungen (vor ca. 60.000 Jahren) bis heute zu bestaunen. Natürlich ist dies nur ein grober Überblick, der dennoch recht interessant war. Außerdem musste ich auch hier wieder feststellen, dass der Beruf des Museumsaufseher/in wohl der langweiligste Job ist, den es gibt.

Als ich zwei Stunden später wieder ins Frei getreten bin, war es schon dunkel und so bin ich einfach nochmals die Strecke abgelaufen, die ich schon am Mittag begangen hatte, denn im Dunkel sahen die beleuchteten Fassaden im Zentrum doch recht ansprechend aus. Mittlerweile war auch der Feierabendverkehr in vollem Gange und die Straßen komplett verstopft. Dennoch herrschte nicht wirklich Stillstand. Denn man fährt und läuft halt, wo gerade Platz ist, schaut aber trotzdem, dass alle irgendwie voran kommen. Man drängelt also, nimmt aber auch Rücksicht auf andere, so dass alle trotz dem Hohen Verkehrsaufkommen voran kommen. Ampeln (die ich hier erstmals im Land sah) waren da eher zweitrangig, dafür wurde hier die Hupe als Signalgeber präferiert. Als Fußgänger musste ich auch nie wirklich Angst haben, gefährdet zu sein. Da konnte man auch einfach mal auf die Straße latschen da die Leute Autofahrer wirklich aufgepasst haben und zur Not einfach um mich herum gekurvt sind. Nach dem sehr schönen abendlichen Rundgang, der mich auch noch über den Gemüsemarkt mit seiner reichhaltigen Auswahl und schön präsentierten Waren geführt hat, bin ich dann wieder ins Hostel, um mir meine Thunfisch-Pasta in der dürftigen Küche, die über gerade mal eine Herdplatte und einen Topf verfügt, zuzubereiten und mich danach alsbald ins Reich der Träume zu begeben.

Tirana (zweiter Tag)

Nachdem ich das kostenlose Frühstück, welches wider erwarten doch relativ reichhaltig und frisch war, zu mir genommen hatte, bestieg ich den öffentlichen Bus, der mich für einen lächerlichen Betrag in den Stadtteil Porcelan brachte.  Hier befindet sich die Kabinenbahn – die längste ihrer Art auf dem Balkan – die mich auf den Dajti, den Hausberg im Norden der Stadt beförderte. Nach knapp zwanzigminütiger Fahrt war ich oben, bzw. ungefähr 600 Höhenmeter unterhalb des 1613 m hohen Dajti und seines Nachbargipfels angelangt. Der Gipfel selbst ist militärisches Sperrgebiet, auf dem sich auch einige Sendemasten (wie auch am Hang des Berges, hier aber nur die des Rundfunks) befinden und darf im Gegensatz zum Nachbar, dem Maja e Tujanit, nicht bestiegen werden. Das sonstige Gebiet steht als Nationalpark und Erholungsgebiet unter Naturschutz. Dennoch sind hier (zumindest im Sommer) einige Aktivitäten wie Mountain Biking, Klettertouren, Wanderung oder Paragliding möglich. Zudem gibt es einen Adventure-Park, wo man sich in familienfreundlichem Ambiente in einem Hochseilgarten austoben kann. Aber auch einige Schießstände (mal wieder) gibt es hier oben, wo man gegen einen geringen Betrag rumballern kann. Überhaupt hört man des öfteren solches Geballer, wobei ich mich erst fragte, warum die jetzt schon Silvesterknaller in die Luft jagen. Dabei waren allen Orts reichlich vorhandenen Schießstände. Deshalb trifft man nicht selten auf irgendwelche Leute, die mit ihren (Sport)Kanonen über der Schulter herum rennen.

Von der Bergstation der Gondelbahn und auch von den Wanderwegen aus hat man derweil einen phänomenalen Blick über die Stadt und so habe ich mich entlang der Bergflanke auf einen kleinen Spaziergang begeben, der mich über Pferdeweiden und durch die Bergwälder bis zur Burg Dajti geführt hat. Mittlerweile war auch die Sonne herausgekommen und bei 17°C bin ich mit meiner dicken Jacke ganz schön in‘s Schwitzen gekommen. Vor allem nach dem Aufstieg zur Burgruine, von der man enttäuschender Weise aber nur noch die Grundmauren erahnen kann. Stände dort kein Schild, würde man die Überreste der Mauern wohl erst gar nicht entdecken. Auf Grund des Wetters konnte ich den Rest meines Weges dann sogar im T-Shirt fortsetzen und habe beim Blick über die Landschaft gar nicht bemerkt, dass ich mich plötzlich im Sperrgebiet befand. Erst als ich an einer Schranke stand, die ein grimmig drein schauender Soldat mit Maschinenpistole bewachte, wurde mir dies bewusst. Als mir auf dann auf freundliche Art deutlich gemacht, dass ich doch bitte umzukehren hätte, habe ich dies auch bereitwillig gemacht. Nach fast dreistündigem Marsch war ich dann zurück an der Gondelstation und habe mich, nachdem ich noch ein wenig einem Fotoshooting für Brautkleider zugeschaut hatte, wieder auf Talfahrt begeben.

Unten angekommen entdeckte ich, unterhalb der Talstation etwas versteckt, ein Museum, das ich ganz spontan noch besucht habe. Dabei handelt es sich um das Bunk‘art, das sich als absolut lohnenswert erwies und jedem Interessierten nur empfohlen werden kann. Bin froh, mir das angesehen zu haben. In den 1970er-Jahren wurde hier vom kommunistischen Regime unter Diktator Enver Hoxha ein riesiger unterirdischer Atombunker angelegt, der nach dem Sturz des Regimes in ein Museum umgewandelt wurde. Ein kleiner Teil der Ausstellung innerhalb des Bunkers behandelt die Besatzung durch die italienischen Faschisten ab 1939 sowie die Invasion der Nazis zum Ende des zweiten Weltkriegs. Der Großteil beschäftigt sich jedoch mit der kommunistischen Diktatur und dem Wirken Hoxhas, der das Land über vierzig Jahre als Vorsitzender PAA (Partei der Arbeiter Albaniens) mit eiserner Faust regierte. Eine Geschichte, die mir – und vielen anderen sicher auch – bisher kaum bekannt war/ist. Wer denkt hierzulande schon an Albanien, wenn man vom „Eisernen Vorhang“, dem „Ostblock“ oder dem „Warschauer Pakt“ spricht. Aber Albanien stand ja auch nicht direkt unter sowjetischem Einfluss, sondern hat unter Honxha seine eigene, kleine Terrordiktatur für sich bewahren können. Abgesehen davon enthält der wirklich riesige Bunker neben den komfortablen Räumen für die Parteibonzen, die in Originalausstattung präsentiert werden, sogar ein eigenes Theater inklusive Logen. In den einzelnen Parzellen des Bunkers befinden sich die Ausstellungsräume, die ausführlich sowohl über die Besatzung als auch über das kommunistische Regime informieren. Zu sehen gibt es neben dutzenden Bildern und Fotos auch Devotionalien aus diesen Zeiten sowie Kunst- und Videoinstallationen. Für mich war der Besuch in der Anlage nachhaltig beeindruckend, informativ und auch nachdenklich machend. Zudem bekommt man des öfteren ein ziemlich beklemmendes Gefühl, wenn man sich in diesen Räumen aufhält. Nach dem Verlassen des Bunkers hab ich mir deshalb vorgenommen, das zweite Bunk‘art-Museum, welches sich in der Innenstadt befindet, auch noch anzuschauen.

Zuerst hab ich mich nach meiner Rückkehr ins Zentrum aber nochmals zum Büro der Metropol-Busgesellschaft begeben und meine Fahrkarte nach Skopje für den nächsten Tag erworben. Und da es bereits gegen 16:30 Uhr dunkel wird, hab ich mich auf den Weg gemacht, um doch noch den weitläufigen Park hinter der Universität zu besuchen. Diesmal habe ich den richtigen Weg eingeschlagen, der mich zum Mutter-Teresa-Platz geführt hat, hinter dem sich die Universität befindet. Der Platz ist ziemlich steril, das Universitätsgebäude dagegen latent prunkvoll. Denn läuft man an dem Gebäude vorbei, sieht man, dass sich hinter der herausgeputzten Fassade ein ziemlich profaner, baufälliger Backsteinbau befindet. Mein Weg durch den Park, der hinter dem Bau steil ansteigt war dann aber doch nur von kurzer Dauer, obwohl der künstlich angelegte Park eigentlich recht schön ist und auch zum Rasten einlädt. Denn so langsam setzte die Dämmerung ein und da das Bunk‘art 2 bereits um 18:00 Uhr schließt, wollte ich rechtzeitig dort sein um dort nicht durchhetzen zu müssen. Das zweite Bunk‘art befindet sich in der Nähe des (ehemaligen) Innen- und Sicherheitsministeriums und hat auch einen direkten Zugang dazu. Die Ausstellung hier beschäftigt sich ausschließlich mit der albanischen Polizei(gewalt), der Stasi (Sigurimi) und der Bespitzelung der Bürger durch den Machtapparat. Auch wenn das Museum um einiges kleiner ist, ist es nicht weniger interessant und zeigt deutlich auf, was der Wahnsinn einer Diktatur bedeutet. Der damalige Staatsterror und das Misstrauen gegen alle Andersdenkenden wird dabei eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht und lässt einen wirklich erschaudern.

Mittlerweile war ich schon wieder recht erschöpft und da ich in der kläglichen Küche nicht nochmals Kochen wollte, habe ich mich auf die Suche nach einem Etablissement gemacht, in dem ich zum Abschluss meines Aufenthalts hier der traditionellen albanischen Küche frönen konnte. Ein schwieriges Unterfangen, wie sich herausstellen sollte. Zwar gab es etliche Bars, Cafés und Kneipen, in denen aber nur kleine Snacks angeboten wurden. Daneben gab es einige Restaurants, die alle eher der gehobenen Klasse und nicht wirklich meinem Gustus entsprachen. Etwas wirklich ansprechendes mit gutbürgerlicher, albanischer Hausmannskost war einfach nicht zu finden. Also habe ich mich schlussendlich in Sultans Kebab gesetzt und dort für schmales Geld einen hervorragenden Shish-Kebab mit Krautsalat, Fladenbrot, Kartoffeln & lecker Knoblauchsoße verzehrt, der für das lange Suchen nach einem geeigneten Futtertrog mehr als entschädigt hat.  Gut gesättigt konnte ich mich nun zurück zum Hostel begeben und dort noch meine sieben Sachen packen. Schließlich musste ich am nächsten Morgen früh raus, da der Bus nach Skopje bereits um 6 Uhr morgens starten sollte.

Fahrt nach Skopje

Bereits um kurz nach halb sechs in der Früh hab ich also das Hostel verlassen und sogar der Hostelwirt hatte sich den Wecker gestellt, um mich zu verabschieden. Sehr nette Geste. Der Weg zur Busgesellschaft war ja nicht weit, so dass ich 15 Minuten vor Abfahrt am Bus war, der, besetzt mit 2 Fahrern und 11 Fahrgästen, pünktlich in Richtung Priština (Kosovo) aufbrechen sollt. Die erste Stunde hab ich noch etwas die Augen ausgeruht, bis ich dann umgeben von der herrlichen Berglandschaft im Norden Albaniens wieder erwacht bin. Die Blick über Seen auf die schneebedeckten Berge war wirklich sehenswert An der Grenze angekommen bestiegen  kosovarische Grenzbeamte den Bus und sammelten alle Pässe ein, die es zu kontrollieren galt. Wie üblich bei solchen Fahrten ist natürlich immer jemand dabei, dessen Ausweis Probleme bereitet. So auch hier. Deshalb dauerte es dann auch rund zwanzig Minuten, bis die Problemperson den Bus wieder besteigen durfte und wir die Fahrt nach Priština fortsetzen konnten. Nachdem wir noch einen ansehnlichen Bergrücken passiert und in Prizren zwei Fahrgäste abgeladen hatten, waren wir schließlich um kurz nach 10 Uhr am Busbahnhof von Priština. Dies war auch der einzige Ort, den ich von der Hauptstadt des Kosovo gesehen habe. Der Länderstatus der Republik Kosovo ist immer noch etwas umstritten und das Land bisher nur von 110 (von 192) UN-Mitgliedsstaaten anerkannt. Von Serbien wir der Kosovo noch als autonome Teilrepublik angesehen, die zwar über eine eigene Regierung verfügt, aber formell noch zu Serbien gehört, obwohl die kosovarische Regierung schon vor einigen Jahren eine (einseitige) Unabhängigkeitserklärung abgegeben hat. Daher bedarf es hier  sicherlich noch einiger diplomatischer Verhandlungen.

In Priština angekommen musste ich den Bus wechseln und hatte noch 1½ Stunden Zeit bis zu dessen Abfahrt. Daher haben mich die beiden Busfahrer noch auf einen Kaffee eingeladen und wir haben ein wenig geplauscht. Teils auf englisch, teils auf Deutsch, denn einer der beiden Fahrer hatte vor etlicher Zeit für ein paar Jahre in Hamm gelebt. Nach dem netten Gespräch brachte mich einer der beiden dann zum Gefährt der Mazedonischen Busgesellschaft, das mich weiter befördern sollte und erklärte dem Fahrer, dass ich bereits die komplette Fahrt gezahlt hatte, so dass ich hier keinerlei Probleme mehr mit den Formalitäten hatte. Nachdem ich noch kurz eine gequarzt hatte, ging die Fahrt pünktlich um 11:30 Uhr weiter. Die Landschaft war nicht mehr ganz so aufregend, auch wenn es noch ein paar verschneite Berge zu sehen gab. Daneben aber auch eine riesige Baustelle, wo eine neue Schnellstraße auf einer gigantischen Brückenkonstruktion entsteht, die direkt in die Talschlucht entlang des Flusses Lepenac gebaut wird. An der Grenze zu Mazedonien wiederholte sich dann das Spiel mit den Pässen, und da der zweite Bus gut gefüllt wer, gab es diesmal sogar drei Personen, die von den Grenzern vorübergehend aus dem Bus geholt wurden. Also dauerte es wieder einige Zeit, bis wir unsere Fahrt fortsetzen konnte.

Kurz vor Skopje tauchten wir dann in eine riesige Nebelwolke ab, die über der gesamten Stadt lag. Allerdings stellte sich später heraus, dass dies keineswegs Nebel war, der die Stadt eingeschlossen hatte. Das roch und schmeckte ich bereits am Busbahnhof, wo ich um 14:00 Uhr den Bus verließ. Wie mir der zuvorkommende, junge Hostelmitarbeiter am Abend erklärte, gehört Skopje zu den dreckigsten Städten der Welt und an diesem Tag hatte die Stadt sogar den weltweiten Spitzenwert an Feinstaubverschmutzung errungen, was sich durch eine kurze Recherche im Internet auch bestätigen liess. Es handelte sich also um eine riesige Smog-Wolke, unter der die Stadt verborgen lag. Grund dafür sind die Absonderungen der ansässigen Schwerindustrie, das hohe Verkehrsaufkommen (meist alte Dreckschleudern, die aus anderen Ländern, vornehmlich Deutschland und Russland importiert wurden) und auch, dass hier fast ausschließlich mit Holz oder Kohle geheizt wird. Begünstigt wird die Smogbildung durch die Kessellage der Stadt, weshalb der ganze Schmutz nicht abziehen kann. Jahrelang wurde diese Problematik ignoriert und obwohl in letzter Zeit nach einer Lösung gesucht wird, gibt es bisher keine Verbesserung. Das Hostel liegt nicht weit entfernt vom schäbigen (Bus-)Bahnhof in einer ebenfalls nicht sonderlich ansprechenden kleinen Siedlung, ist innen aber sehr gemütlich und heimelig. Mag sicher auch an dem wärmenden, durchgehend befeuerten Holzofen liegen, welcher ein Teil des genannten Problems darstellt.

Skopje

Nachdem ich mein Zimmer bezogen hatte, hab ich mich gleich in die nur wenige Gehminuten entfernte Innenstadt begeben, wo am Ufer des Vardar etliche Prachtbauten und reich verzierte Brücken zu bestaunen sind, wenn man durch den Dunst denn etwas erkennen kann. Weiter ging es auf den Zentralplatz, auf dem eine gigantische Statue von Alexander dem Großen zu bestaunen ist. Aber auch drum herum ist eine Vielzahl von riesigen, monumentalen Statuen zu sehen. Mit der Zeit kommt es einem vor, als erhalte hier jeder dahergelaufene Honsel sein eigenes, überdimensioniertes Standbild. Direkt auf dem Platz wurde ich von einem Bettler angesprochen, mit dem ich mich dann eine ganze Weile unterhalten habe. In perfektem Deutsch erzählte er mir, dass er in Herrenberg bei Stuttgart aufgewachsen sei, bis seine Familie nach Syrien abgeschoben wurde. Er sei nun auf der Flucht und seine Frau und Kinder säßen in Aleppo in einem Bunker 12 km (!) unter der Erde. Er sei auf dem Weg über Belgrad nach Österreich und brauche nun Geld für eine Fahrkarte nach Serbien, von wo aus ihm österreichische Hilfe zugesichert worden sei. Hab ihm 5 Euro zugesteckt, was ihm aber offenbar nicht genug war. So wollte er nochmal 10 Steine haben. Nun ja, ob das alles so stimmt wie er sagt, kann ich leider nicht beurteilen. Skeptisch war ich schon etwas und immerhin hatte ich ihm ja auch schon Kohle gegeben, als er angefangen hat zu flehen und sogar versucht hat ein paar Tränen herauszudrücken. Bewegend war seine Geschichte ja schon und freundlich war er auch, mit der Zeit dann aber doch etwas arg aufdringlich, so dass ich ihm zum Schluss am liebsten den Fünfer wieder abgenommen hätte. Hab ihm dann jedenfalls alles Gute und viel Glück gewünscht und mich wieder auf den Weg gemacht. So, jetzt dürft ihr mich beschimpfen ob meiner Herzlosigkeit.

Bin dann noch etwas weiter durch das Zentrum gelaufen, vorbei am Mutter-Teresa-Haus und der orthodoxen Kirche. Wie vielleicht schon aufgefallen ist, wird Mutter Teresa (Anjezë Gonxha Bojaxhiu) hier allen Ortens verehrt. Sowohl in Mazedonien als auch in Albanien. Geboren wurde sie nämlich in Skopje und ist somit eigentlich Mazedonierin. Allerdings gehört sie der albanischen Ethnie an, die in Mazedonien etwa 25% der Bevölkerung ausmacht und somit die größte ethnische Minderheit im Land darstellt. Ein halbes Jahr vor Ihrem Tod im Jahre 1997 hatte ich übrigens die Ehre, die Frau persönlich treffen zu dürfen, als ich für vier Wochen in Kolkota (früher Kalkutta) im Sterbehaus ihres Ordens „Missonaries of Charity“ als Volunteer gearbeitet habe. Seitdem stehe ich ihrem Wirken allerdings auch kritisch und eher zwiegespalten gegenüber. Das ist aber eine andere Geschichte. Weiter ging es, zurück über den großen Platz auf die andere Seite des Vardar. Auch hier sind viele, riesige Statuen aufgestellt. Dahinter verbirgt sich der alte Bazar sowie die Burganlage von Skopje. Da es aber immer „nebliger“ wurde, habe ich mich auf dieser Seite des Flusses langsam zurück in Richtung meiner Herberge aufgemacht. Der Weg führte vorbei am riesigen, hell beleuchteten archäologischen Museum und dem Theater mitsamt den auch hier vorhandenen Statuen. Im Dunst hatte die Ästhetik in der nächtlichen Umgebung aber auch etwas für sich, so dass ich mir auf dem menschenleeren Weg hinter den pompösen Gebäuden wie in einem 1960er-Jahr-Gruselfilm mit viktorianischem Ambiente vorkam.

Zerstört wurde diese Atmosphäre durch das riesige Einkaufszentrum, welches ich auf meinem Heimweg noch aufgesucht habe, um mir noch ein paar Nahrungsmittel zu holen. Zurück im Hostel hab ich mich etwas gewärmt, da es draußen doch gut 10°C kälter ist wie die Tage zuvor in Albanien. Nachdem mir der Hostelwirt die bereits erwähnten Probleme mit der Luftverschmutzung näher gebracht hatte wurde lecker gekocht und nach dem Verzehr der äußerst köstlich geratenen Speise habe ich einen Backpacker aus Berlin kennen gelernt. Mit diesem hab ich mich unter anderem noch ausgiebig über BER und S21 unterhalten. Wir haben viel gelacht an diesem Abend!

Skopje (zweiter Tag)

Nach dem Frühstück bin ich aufgebrochen um mir die Burg etwas näher anzuschauen, wollte aber davor noch einen kleinen Rundgang durch die Stadt machen. Nachdem ich, wie ich glaubte, den Fluss überquert hatte, bin ich eine ganze Weile einer großen, dreckigen Straße entlang und dann durch ein relativ schäbiges Wohngebiet gelaufen. So langsam hätte ich eigentlich an die Burg kommen sollen, aber in dem Dunst hat man auch nicht wirklich viel sehen können. Viele Leute sind hier übrigens mit Atemschutzmasken herum gelaufen, was angesichts der Luftverhältnisse sicher nicht die schlechteste Idee ist. Allerdings nicht so einfache Schutzmasken wie man sie aus asiatischen Metropolen kennt, sondern halbe Gasmasken mit Luftfilter, von denen manche in ansprechenden, modischen Farben gehalten sind. Teilweise schon ein gespenstischer Anblick. Nachdem die Burg immer noch nicht zu sehen war, bin ich eine Kurve gelaufen und wieder in die ungefähre Richtung aus der ich gekommen war. Vorbei ging‘s an einem kleinen Park, der – wie sollte es anders sein – mit dutzenden Statuen zugepflastert war, bis ich plötzlich am Stadttor, das den süd-östlichen Zugang zum zentralen Platz bildet, ankam. Da war ich doch etwas überrascht, wähnte ich mich doch auf der anderen Seite der Stadt. Mittlerweile wurde mir aber bewusst, dass ich den Fluss am Morgen gar nicht überquert hatte und deshalb in eine komplett andere Richtung gelaufen war. Schön blöd! Kein Wunder dass ich dachte, der Stadtplan wäre falsch, da die Straßen in denen ich mich wähnte komplett andere Name hatten als auf den Schildern stand. Schließlich habe ich es aber doch noch geschafft, den Fluss zu überqueren.

Es ging, vorbei ein zwei monströs großen Denkmälern, durch den alten Bazar, wo einige Händler Souvenirs anboten. Ein nettes, kleines Terrain mit verwinkelten Gässchen und Kopfsteinpflaster. Im Sommer und bei besserer Luft kann man es sich hier sicher auch in einem der Straßencafés gemütlich machen, die am heutigen Tag aber wohl vergeblich auf Kundschaft warteten. Direkt hinter dem Viertel liegt auf einem Hügel die Burg von Skopje, die von außerhalb doch um einiges majestätischer wirkt als von innen. Denn auf dem Gelände angekommen, bemerkt man schnell, dass lediglich die Burgmauern und die Wachtürme noch erhalten sind und es innen nur noch die Grundmauern verschiedener Bauten zu sehen gibt. Also bin ich das Gelände nur kurz abgelaufen, denn auch der Blick über die Stadt war durch den Smog als etwas getrübt zu bezeichnen. Vorbei an der Moschee ging es bergab und wieder auf die andere Seite des Vardar. Direkt am Ufer liegt auch das Parlamentsgebäude in dessen Vorgarten ein riesiges Kämpferdenkmal zu bestaunen ist. Da mir die Luft langsam etwas in den Lungen weh tat, beschloss ich, mich zum Busbahnhof zu begeben und etwas raus aus dem Moloch zu kommen. Von hier aus sollte der Bus zum Matka-Canyon starten. Allerdings habe ich nicht bedacht, dass es zwei Busbahnhöfe gibt, die aber direkt nebeneinander liegen. Natürlich war ich zuerst am falschen Bahnhof, dem für die überregionalen Busse, wo mir aber unkompliziert Auskunft gegeben wurde, wohin ich mich zu begeben habe um den Regionalen Busbahnhof zu finden. Dort angekommen hab ich gerade noch den Bus erwischt, der nur alle neunzig Minuten fährt und habe mir so eine lange Wartezeit ersparen können.

Matka-Canyon

Matka ist ein kleines Bauerndorf, westlich von Skopje gelegen, welches mit dem Bus innerhalb von 50 Minuten zu erreichen ist. Mit jedem Meter, den wir von der Stadt weggekommen sind, wurde der Smog weniger und als wir dort ankamen dann auch komplett verschwunden. Hier konnte man endlich den Himmel wieder sehen und auch mal wieder richtig durchatmen. Vom Ortsende geht es dann ca. 15 Minuten entlang des Flusses Treska bis zum Matka-See, einem der ältesten Stauseen des Landes, der sich in einer Schlucht zwischen den Bergen befindet. Kurz hinter der Staumauer befindet sich ein kleines Kloster und ein paar Restaurants. Von hier starten auch die Spazier- und Wanderwege sowie die Bootstouren, die entlang des Canyons führen. Im Sommer ist das Gebiet ein beliebtes Ausflugsziel und die Umgebung auch für ausgiebige Wanderungen geeignet. Am Ende des Canyons befindet sich zudem eine riesige Tropfsteinhöhle (Vrelo Cave), in der auch zwei Seen zu finden sind. Dies ist aber nur eine von etwa zwanzig Höhlen in der Umgebung und gilt als eine der sehenswertesten Naturlandschaften der Welt. Der Weg dorthin war mir aber doch zu weit und in der Zeit bevor es schon wieder dunkel wurde, nicht zu schaffen. Zudem war, wie ich am Ausgang dann erfuhr, die Höle auch geschlossen. Also bin ich ca.  eineinhalb Stunden entlang der steilen Felswände dem Wanderweg gefolgt. Eine wirklich tolle Landschaft breitet sich hier vor einem aus und da es außerhalb der Saison war, war es auch sehr ruhig und angenehm. Allerdings liegt auch hier, obwohl überall Hinweisschilder und Mülleimer zu finden sind, haufenweise Plastikmüll im Gelände, was doch sehr schade ist und den Ausblick ein wenig trübt.

Nach knapp sechs Kilometern habe ich mich dann auf den Rückweg durch das Flusstal gemacht, wobei es nach kurzer Zeit leider leicht zu nieseln begonnen hat, was den teils felsigen Weg nicht gerade leichter begehbar gemacht hat und man ab und zu wirklich aufpassen musste, wo man hin tritt. Das Panorama hat aber für die Strapazen voll entschädigt. Um kurz nach 16 Uhr war ich dann zurück an der Bushaltestelle und hatte noch eine dreiviertel Stunde Zeit, bis der Bus kommen sollte. Also hab ich noch einen kleinen Rundgang durch das Dorf gemacht, in dem es außer ein paar Bauernhöfen und ein paar Restaurants, die auf den Tourismus ausgelegt sind, nichts weiter gibt. Halt, doch… einen Slalomparcours für Kajakfahre gibt es im hier recht wilden Fluss gibt es auch noch. Als ich wieder an der Haltestelle war, stand dort ein Taxi, dessen Fahrer mich gleich überreden wollte, mich zurück nach Skopje zu bringen, was ich aber, allein wegen des ungleich höheren Fahrpreises, dankend ablehnte. Nachdem wir zusammen eine geraucht und uns etwas unterhalten hatten, bot er mir an, mit ins Taxi zu steigen und im warmen auf den Bus zu warten. Aber auch das lehnte ich dankend ab, denn ich sah ihn schon, nach meinem Einsteigen in das Taxi, die Türen verriegeln und lachend mit mir davon zu brausen, und so doch noch seine Fahrt zu bekommen. Also hab ich lieber draußen gewartet, da der Bus ja auch gleich auftauchen sollte, was er dann auch tat.

Als wir wieder in die Smog-Wolke eingetaucht waren, verließ ich den Bus ein paar Haltestellen früher und bin nochmals in die City, um noch ein bisschen am Fluss entlang zu laufen. Da ich mittlerweile auch etwas hungrig war, bin ich zu einem Burgerstand und hab mir für umgerechnet € 1,60 einen „Hamburger complete“ geordert. Da die Pommes gleich mit auf den riesigen Hackfleisch-Lappen geschaufelt wurden, war das Teil so dick, dass ich es kaum in den Mund bekommen hab und der Verzehr somit auch mit einer gewissen Herausforderung verbunden war. War aber sehr lecker und mehr als sättigend. Vollgefressen und mit schwerem Magen hab ich mich dann zum Abschluss nochmals ins Einkaufszentrum geschleppt, um mir noch zwei  Abschiedsbierchen zu organisieren. Nach deren Verzehr und einer erholsamen Dusche bin ich dann aber auch ziemlich erschöpft ins Bett gefallen.

Abreise

Der nächste morgen brachte dann nicht mehr viel. Nach dem Frühstück habe ich nur noch meine sieben Sachen gepackt und mich auf den Weg zum Bahnhof begeben, von wo aus der Flughafenbus startete. Der Smog hatte sich ein wenig verzogen und heute konnte man sogar ein bisschen die Sonne am Himmel erkennen. So hätte es eigentlich auch die letzten beiden Tage schon sein können, aber was will man machen. Am Alexander der Große Flughafen ging dann eigentlich alles recht flott. Allerdings wurde mir hier die Schere abgenommen, die ich beim Hinflug noch behalten durfte.    Ein Verlust, den ich allerdings verschmerzen konnte. Pünktlich sind wir dann zum knapp zweistündigen Flug zurück nach Stuttgart gestartet und ich ließ vor meinem inneren Auge nochmals eine sehr erlebnis- und erkenntnisreiche Woche Revue passieren, die mir doppelt so lange vorkam, wie sie eigentlich war. Vor allem Albanien und seine hilfsbereiten und freundlichen Menschen wird mir dabei im Gedächtnis bleiben. Und am Tag des Weltrekords in Luftverschmutzung in Skopje gewesen zu sein hat ja auch was für sich.