WIE DER PUNK NACH STUTTGART KAM

WIE DER PUNK NACH STUTTGART KAM

UND WO ER HINGING

(Simon „Sid“ Steiner / Edition Randgruppe / Incognito Records)

Hamburg, Berlin, vielleicht auch noch die Chaostage-Stadt Hannover. Diese Städte gelten als die Hochburgen des Punks. Wer kümmert sich da schon um das provinzielle Stuttgart. Das große Dorf mit seinen spießigen Einwohnern, dort wo der sprichwörtliche Hase begraben ist. Aber auch hier gab es eine rege Szene, die teilweise sogar berüchtigt war. Längst überfällig war daher diese multimediale Aufarbeitung über die Punkszene in Stuttgart, vor allem aber deren Anfänge. Das über Crowdfunding finanzierte Projekt hat sich nun in den Hallen des Württembergischen Kunstvereins präsentiert und zeigt ein nahezu allumfassenden Überblick dieser, unserer Subkultur, die zwar immer noch besteht, sich mittlerweile aber doch stark gewandelt hat. Zumindest in der schwäbischen Provinz.

In den frühen 1980er Jahren hat sich in Stuttgart jedenfalls eine Szene entwickelt, die anderen Metropelen in nichts nachsteht. Zahlreiche Hausbesetzungen, derbe Auseinandersetzungen mit Faschos aber auch Bands wie NORMAHL, CHAOS Z, TRIEBTÄTER oder ÄTZER 81, die in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs und der Umgebung ihren Ursprung haben, zeugen von regem Aktivismus in Sachen Punkrock. Diesem hat sich Simon Steiner, der selbst aus der frühen Punk-Indie-Wave-Szene stammt nun angenommen und eine hervorragende Dokumentation über die Ursprünge des Punks im Südwesten Deutschlands zusammen gestellt. Hierzu hat er sich nicht nur durch hunderte Fanzines gewühlt, Fotos, Demotapes, Platten und Flyer gesammelt, sondern auch mit – wie sagt man so schön – Zeitzeugen gesprochen, aber auch die Entwicklung bis zum heutigen Tag mitverfolgt.

Dabei herausgekommen ist ein „Buch“ inklusive beiliegender CD sowie eine Dopppel-LP, die den fast vergessenen Soundtrack dieser Zeit enthält. Die Anführungszeichen rühren daher, dass es sich dabei um elf Hefte im etwas vergrößerten A4-Format handelt, die in einem schön aufgemachten Pappschuber beheimatet sind; Also im Prinzip kein Buch darstellen, sondern szenekonform im typischen Fanzine-Stil daher kommen. Ziemlich fett aufgemacht ist das ganze, ebenso wie parallel dazu erhältliche Doppel-LP, die in Co-Operation mit Incognito Records veröffentlicht wird. Daneben enthält der Schuber eine CD, die ebenso vollgepackt ist mit Liedern früher Punkbands aus dem süddeutschen Raum. Allerdings haben die Veröffentlichungen auch einen stolzen Preis, der den modernen Schnorrer oder Hartzer bestimmt eine Woche lang hungern lassen.

Passend zur Veröffentlichung dieses allumfassenden Geschichtsmonuments wurde nun auch eine Ausstellung in den Räumlichkeiten des Württembergischen Kunstvereins eingerichtet, die einen tollen Überblick über den Untergrund von damals bis heute bietet. Im Laufe der dreiwöchigen Ausstellung wird es auch einige Veranstaltungen geben. So zum Beispiel eine Podiumsdiskussion, bei der damaligen Hausbesetzer und Punks auf die Einsatzleiter der SOKO-Punk der Stuttgarter Polizei treffen, aber auch Konzerte, bei denen frühen Bands in einem einmaligen Revival auf Vertreter der heutigen Szene treffen. Die Eröffnung der kleinen, aber feinen informationsreichen Ausstellung war ein wirkliches Ereignis. Punks der verschiedenen Generationen fanden sich ein und man traf alle möglichen Leute, die man teils Jahre nicht gesehen hat. Der Ausstellungsraum war vollkommen überfüllt, so dass es fast unmöglich war, sich alles in Ruhe anzuschauen, weswegen ich mich einen Tag später nochmals in die Ausstellung begab, um dies nachzuholen. Bei der Eröffnung wurde dafür gefeiert, sich an viele Anekdoten erinnert und kam einem riesigen Klassentreffen gleich, bei dem die Szene sich selbst feierte. Eine wirklich großartige Zusammenkunft, bei der man auch die „guten alten Zeiten“ nochmals aufleben lies.

Zum Buch kann ich leider nicht viel sagen, da es sicher noch eine Zeit braucht, bis ich die insgesamt 360 Seiten durch habe. Also wenden wir uns der musikalischen Beilage zu. Die dem Buch beiliegende CD enthält sage und schreibe 37 Songs von ebenso vielen Bands aus Stuttgart, dem Umkreis aber auch aus Tübingen und Reutlingen, wo ebenfalls eine sehr aktive Szene existierte, sowie aus dem nahen Pforzheim. Alle Beiträge sind in den Jahren 1980-83 entstanden und bieten einen guten Überblick über die Szene Aktivitäten. Zudem spiegelt die Zusammenstellung die große Experimentierfreudigkeit dar, die damals vorherrschte. Hier ist nichts vom gelackten Einheitsbrei der heutigen Zeit zu hören. Das ist Underground pur, bei dem sowohl bekannte, auch heute noch aktive Bands zu hören sind, großteils aber vergessene oder bisher nie Gruppen vorgestellt werden. Teilweise ziemlich schräge Sachen wechseln sich hier mit aggressivem, asseligem Punk ab, melodische Lieder im Zuge der NDW aber auch Düsteres und elektronisches findet Platz. All das was den lebhaften Untergrund eben ausmacht. In meinen Augen eine wirklich großartige Zusammenstellung. Die Doppel-LP enthält viele Songs, die auch auf der CD zu hören sind, aber auch einige weitere Bands und andere Lieder der bereits auf dem Silberling vertretenen Gruppen. Zusätzlich enthält die LP Infos zu allen vertretenen Bands.

Was soll man noch zu diesem opulenten Werk sagen. Hier haben sich die Macher, allen voran Initiator und Autor Simon richtig den Arsch aufgerissen um diese allumfassende Dokumentation über den Punk der frühen 80er-Jahre im und rund um den „Kessel“ zusammen zu stellen. Da war es nur zu erwarten, dass auch die Eröffnung der Ausstellung ein grandioses Erlebnis war, das viele Erinnerungen wieder aufleben lies.

http://stuttgartpunk.de/