EIN PAAR TAGE IN ISRAEL (Teil 1)

EIN PAAR TAGE IN ISRAEL (Teil 1)

Unerwarteterweise habe ich den Brückentag nach Fronleichnam frei bekommen und sofort war natürlich der Gedanke da, die Tage zu nutzen, wieder mal ein bisschen was von der Welt zu sehen. Also habe ich mich gleich auf die Suche nach einem interessanten Ziel gemacht. Und da gibt es ja viele. Allerdings wenige, die für 4 Tage geeignet sind. Ebenso unerwartet und ziemlich spontan ist meine Wahl dann auf Israel gefallen. Ein Ziel, dass ich eigentlich überhaupt nicht präferiert habe, aber dorthin gab‘s halt einen wirklich günstigen Flug. Und als Schwabe schlag ich da natürlich zu! Und weil der Rückflug einen Tag später das Gesamtbudget um über 100 € entlastet hat, habe ich mir gleich noch den oft gescholtenen Montag frei genommen um noch mehr zu sparen. Also schnell den Flug gebucht und mir zudem das Sonderangebot im Zeltquartier auf der Dachterrasse eines Hostels, direkt am Strand von Tel Aviv, für ein paar wenige Taler pro Nacht zu Nutze gemacht .

Die Reaktionen auf meine Pläne waren ziemlich unterschiedlich. Diese reichten von „oh wie geil“ über „was willste denn da“ bis hin zu „hoffentlich müssen wir uns nicht bald einen neuen Drummer suchen“ und „bist Du verrückt?, die Israelis würde ich mit nicht einem Cent unterstützen“. Etwas nachdenklich gemacht hat mich lediglich die Aussage meiner Mutter, die sagte: „Das erste Mal dass ich mir wirklich etwas Sorgen mache“. Und dass wo mein Bruder schon Länder wie Pakistan, den Sudan, Somali-Land und diverse andere Krisengebiete bereist hat. Aber: Who cares? Passieren kann schließlich überall was. Und außerdem ist es mir wichtiger Land und Leute kennen zu lernen, als mir Gedanken darüber zu machen, damit vielleicht einem Staat Geld in den Rachen zu werfen, dem ich – sagen wir mal – kritisch gegenüberstehe. Einzige Ausnahme stellt hier allerdings die USA dar. Denn dort will ich weder Land noch Leute irgendwie gar nicht kennen lernen.

Tag 1 – Jerusalem:

Bin mit meinem schmalen Gepäck direkt von der Arbeit aus zum Flughafen und hab den Flieger über Thessaloniki nach Tel Aviv bestiegen. Den Flughafen Ben Gurion, der zwischen Jerusalem und Tel Aviv liegt, habe ich um kurz nach 3 Uhr morgens erreicht. Nach problemlosem, schnellem Passieren der Einreise-Kontrolle und nachdem ich mich etwas orientiert und Geld abgehoben hab, bin ich mit dem Zug nach Tel Aviv gefahren. Vom Bahnhof aus ging es dann zu Fuß knapp 3 km durch die noch menschenleere Stadt bis zur Strandpromenade. Um 7:30 Uhr sollte von hier meine Tour nach Jerusalem starten. Nachdem ich den tollen Blick vom Independence Garden über die Küste etwas genossen habe, bin ich in den am/pm-Markt und hab mir erst mal Frühstück geholt. Also zwei Teilchen (oder „süße Stückle“ wie man im Süden sagt) & ein lokales Bier. Der Bus hatte etwas Verspätung und so ging es gegen 8 Uhr los in Richtung Jerusalem. Da ich in der Nacht eigentlich nicht geschlafen hatte, hab ich die gut einstündige Fahrt leider verpennt. Unsere Reisegruppe war mit 32 Personen aus aller Welt relativ groß, wobei ich nicht der einzige alleine Reisende war, so dass es doch recht einfach war, ein paar Kontakte zu knüpfen.

Bereits kurz nach 9:00 Uhr war es ziemlich heiß bei unserem ersten Stopp am Scope Hill, der direkt neben dem Ölberg liegt und von wo aus man einen herrlichen Blick über die Altstadt hat. Unser Guide Norbert war ein lustig aufgelegtes Kerlchen, der viel über die Historie von Jerusalem zu erzählen wusste. Nicht nur was die religiösen Stätten angeht, sondern auch was die gesellschaftlichen und politischen Aspekte betrifft. Bei Letzteren hielt er sich aber sehr neutral und objektiv, was ich ausgesprochen gut fand. Schließlich ist die Nahostpolitik des Landes ja nicht unumstritten. So konnte sich jeder sein eigenes Bild über die Regierung machen. Viel interessanter war für mich das gesellschaftliche Zusammenleben in der nur 1 km² großen Altstadt von Jerusalem, welches er uns versuchte näher zu bringen. Hier leben auf engstem Raum Christen, Juden, Moslems und Armenier in ihren eigenen Stadtvierteln nebeneinander. Offenbar ist es dabei nicht ratsam, eines der anderen Stadtviertel zu durchqueren, da die Abneigung, oder besser das Misstrauen, gegen einander doch spürbar wird. In Nachbarschaft toleriert man sich, aber und lebt dann doch irgendwie neben einander her. Schließlich sind hier die größten Heiligtümer der Christen, Juden und Moslems auf einem Fleck vereint, weswegen man hier auch auf viele Fanatiker aller drei Religionen antrifft.

Wir fuhren also vorbei am Felsendom und der Al-Aqsa-Moschee, dem Garten Gethsemane und der Kirche der Nationen zum Dung-Tor, eines der 8 Altstadt-Tore, von welchem man direkt sowohl zur Al-Aqsa-Moschee als auch zur Western Wall, wie die Klagemauer auch genannt wird, und dem Tempelberg gelangt. Hier gab es strenge Sicherheitskontrollen mit Röntgengeräten für Taschen und Rucksäcke sowie Körperscanner, die man passieren musste.  An der Mauer sind neben den Touristenmassen auch hunderte von orthodoxen Juden anzutreffen, die dort Ihr Gebete abhielten und Ihre Wünsche auf kleinen Zettel in die Mauerritzen steckten. Für mich, als Mischling aus Atheist und Agnostiker, ein bizarres Bild, das ich mit ungläubigen Augen betrachtet habe. Mir war ja schon bekannt wie das da abläuft, dennoch ist es etwas anderes, die Rituale mit eigenen Augen live vor Ort zu sehen, anstatt nur darüber zu lesen oder Fotos davon zu sehen. Aber jedem das Seine und solange man mich mit dem Gedöns in Ruhe lässt, und das wird man dort auch, nicht weiter schlimm.

Danach ging es durch enge Gassen, vorbei an vielen kleinen und mit allem Möglichen vollgestopften Läden durch das muslimische Viertel bis kurz vor das östliche Damaskus-Tor. Einen Tag später sollte hier ein Anschlag von drei Palästinensern stattfinden, bei dem neben den Attentätern auch eine junge israelische Soldatin getötet und einige weitere Menschen verletzt wurden. Als ich dies einen Tag später las, wurde ich doch ein wenig nachdenklich. Allerdings hatte ich auch das Gefühl, als ob es sich bei solchen Anschlägen meist um ein paar wenige, auswärtige Spinner handelt. Denn das Nebeneinander und das gegenseitige Leben und leben lassen wird, so wie ich es erlebt habe, von dem meisten Menschen die hier leben, trotz aller religiösen Unterschiede, bevorzugt. Meiner Ansicht nach spielt hier der politische Disput der Mächtigen eine größere Rolle, wobei die Religion gerne zur Aufwiegelung genutzt wird. Damit bekommt man die Ungebildeten am einfachsten aber auch rationalere Menschen emotional zu fassen, wodurch sich erstere leicht für solche Gewalttaten einspannen lassen. Vielleicht ist dies aber auch nur ein naiver Glaube meinerseits, der durch die wenigen Eindrücke, die ich dort sammeln konnte, geprägt ist.

Über die Via Dolorosa, auf der Brian damals schon sein Kreuz zu tragen hatte, ging es weiter ins christliche Viertel. Neben der Erlöserkirche befindet sich hier die von unzähligen Touristen belagerte Grabeskirche, die zum Teil auf dem, da alles zugebaut ist, heute nicht mehr zu sehenden Hügel Golgota liegt. Hier wurde der Legende nach Jesus aufgebahrt und soll auch hier wieder auferstanden sein. Die Kirche ist wirklich sehenswert und mit Symbolen verschiedener christlicher Glaubensrichtungen ausgestattet. Wer das Grab betreten wollte, konnte sich auf Grund der Menschenmassen jedoch gerne mal zwei bis drei Stunden anstellen. Nix für mich. Sollen die Gläubigen machen. Nichts desto trotz ein wirklich faszinierender Ort, der eine große Ausstrahlung besitzt. Dabei ist es immer wieder erstaunlich, wie viel Energie, Aufwand und Vermögen in so etwas mystisches gesteckt wird, während man im realen Leben am Hungertuch nagt oder auf andere Art ums Überleben kämpfen muss.

Danach wurden wir in einer, offensichtlich nur von Teilnehmern von gebuchten Tages-Touren lebenden Futterstätte mit Falafel uns Shawarma verköstigt. War zwar OK, aber nix wirklich besonderes. Im Anschluss an diese Stärkung gab es ein klein wenig Aufruhr, da sich ein Teilnehmer unserer Gruppe von einem Händler bedrängt fühlte und dabei dessen Ware zu Bruch ging. Nach lautem Gezeter konnte das Problem von Norbert hinter verschlossener Tür aber schnell gelöst werden. Wäre aber reine Spekulation zu sagen, wie er das geschafft hat. Nun ging es durch das armenische Viertel, vorbei am Davidsturm und durch das im Westen der Altstadt gelegene Jaffa-Tor zurück zum Bus, der uns zur nicht weit entfernten Holocaust-Gedenkstätte YAD VASHEM brachte. Wie wenig das Wort „amazing“, das Deppen-Donnie kürzlich erst in das Kondolenzbuch schrieb, auf diesen Ort zutrifft, spürt man sofort. Denn das ganze Areal strahlt eine eher bedrückende Aura aus. Die Gedenkstätte besteht aus einem weitläufigen Freigelände, auf dem sich mehrere Mahnmale befinden. Am beeindruckendsten und auch etwas verstörend empfand ich das Gebäude zum Gedenken an die 1,5 Millionen durch die Nazis ermordeten Kinder. Durch einen engen Gang läuft man hier in eine völlig abgedunkelte Halle, die mit unzähligen Glasscheiben und von der Decke hängenden Lichtern ausgestattet ist. Die Lichter spiegeln sich in den Scheiben, so dass man rundherum von diesen umgeben ist und sich fühlt, als laufe man durch ein großes Nichts, das rundherum von diesen Lichtern umgeben ist. Dabei werden die Namen, die Herkunft und das Alter der ermordeten Kinder über Tonband abgespielt. Wirklich unheimlich und sehr bewegend. Ein Ort an dem man es, wen man nur ein klein wenig Empathie besitzt, kaum aushält und der seht berührt. Etwas weniger spektakulär, wenn das überhaupt das richtige Wort ist, fand ich das eigentliche Museum. Zwar wird hier ein allumfassender Blick auf die Gräuel der Naziherrschaft und den Holocaust geworfen, für mich persönlich gab es aber nicht viel Neues zu erfahren. Dennoch ist die multimedial aufbereitete Ausstellung mehr als sehenswert und ebenso bedrückend. Vor allem die sich am Ende des Museums befindliche „Hall of Names“ hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Da läuft es einem schon kalt den Rücken runter.

Ziemlich überwältigt von diesen Eindrücken, und auch sehr nachdenklich, setzten wir uns danach in den Bus, um den Rückweg nach Tel Aviv anzutreten. Dort angekommen, ging es für mich zu aller erst in das gebuchtes Hostel, das direkt an der Strandpromenade liegt. Nach einem kurzen Ausflug zu einem Straßenimbiss habe ich den wirklich ereignisreichen Tag auf der Dachterrasse bei einem warmen Bier und mit einem anregenden Gespräch mit einem anderen Gast ausklingen lassen.

Tag 2 – Tel Aviv:

Nach den Anstrengungen der letzten Tage und den überwältigenden Eindrücken in Jerusalem, wollte ich es heute etwas ruhiger angehen lassen und habe mich nach einem spartanischen Frühstück auf der Dachterrasse des Hostels  aufgemacht, Tel Aviv zu erkunden. Die Stadt am Meer gilt als lebenslustige Metropole und dies kann ich nur bestätigen. Religiöses tritt hier – zumindest oberflächlich betrachtet – absolut in den Hintergrund, was die Stadt fundamental von Jerusalem unterscheidet. Die Bevölkerung ist sehr aufgeschlossen, viele Badegäste und auch Einheimische (egal welcher Glaubensrichtung anhängig) frönen hier einem angenehmen Laissez-faire-Lifestyle, der vergessen lässt, dass wenige Kilometer entfernt das Leben von Krieg und Terror beherrscht wird. Irgendwie schon etwas bizarr. Zudem gibt es hier offensichtlich eine große Gay-Community und eine beachtliche Toleranz dieser gegenüber. Hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Hier sieht man an fast jedem zweiten Café oder Club die Regenbogenfahne wehen und auch im Stadtbild sind homosexuelle Paare, die Händchen haltend durch die Straßen laufen oder die Strandpromenade entlang schlendern, keine Seltenheit; und auch die (natürlich auch hier vertretenen) Orthodoxen haben sich daran anscheinend – zumindest im öffentlichen Raum – nicht daran gestört. Hat mich wirklich sehr positiv überrascht!

Nach dem Frühstück begab ich mich also auf Stadtbesichtigung. Mein Weg führte mich zuerst zum Dizengoff-Center, einem riesigen Einkaufszentrum, welches an den Eingängen, wie so vieles, bewacht ist. Wollte aber nicht rein und bin weiter durch den Meir-Park, wo es auch einen großen Hundepark gibt. Weiter führte mich der Weg vorbei am Bialik-House, einem im Bauhausstil errichteten Museums über den gleichnamigen Dichter. Nicht weit davon entfernt befindet sich der Carmel-Market, der in der langen und schmalen HaCarmel Street liegt. Ziemlich voll und lebhaft war es hier und deshalb natürlich auch sehr eng. Dafür aber wirklich toll. Von überall her steigen einem die verschiedensten Düfte der Gewürz- und Lebensmittelstände in die Nase und es gibt eine reiche Auswahl der verschiedensten Alltagsgegenstände. Da vergisst man schnell die Warnungen, sich an solch belebten Orten aufzuhalten. Gleich nebenan war der Künstlermarkt, der nur Freitags stattfindet und auf dem hunderte Händler ihr Kunsthandwerk zur Schau stellen. War wirklich toll, hier ein wenig herum zu schlendern und die kreativen Gegenstände zu bewundern. In Richtung Norden liegt der „Prachtboulevard“ von Tel Aviv, die Rothschild-Avenue. Vorbei an der großen Synagoge, die trotz Ihrer große sehr unscheinbar wirkt, war dieser schnell erreicht. Schön gestaltet und von einigen Cafés und Glaspalästen gesäumt geht es vom Ende der Straße direkt ins alternative Künstlerviertel, das mit seinen engen Sträßchen sehr beschaulich und gemütlich wirkt. Nach einer kurzen Rast und einem kleinen Sanck im angrenzend Park bin ich dann weiter nach Old Jaffa, dass im Süden der Stadt liegt.

Jaffa ist der geschichtsträchtigste Vorort von Tel Aviv. Hier steht die große Moschee und die berühmte Peterskirche. Vom Hügel aus hat man einen herrlichen Blick über die komplette Stadt. Absolut großartig. Mittlerweile war knalle-heiß geworden und ich war froh mich am Brunnen neben der Peterskirche etwas frisch machen zu können. Durch verwinkelte Gassen, vorbei an einigen Schmuck und Kunst-Läden ging es dann bergab zum Hafen von Jaffa, wo ich mich erneut etwas ausruhen musste.  Mittlerweile war ich ja auch schon einige Kilometer gelaufen und die Sonne brannte unerbittlich. Also bin ich die Strandpromenade entlang zurück zum Hostel. Am mehrere Kilometer langen Strand tummeln sich sowohl Menschen jeglicher Couleur und das friedlich und unaufgeregt. Ganz anders eben als im hochreligiösen Jerusalem, wo das Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen und Religionsgemeinschaften viel strenger abläuft. Hier scheint sich kaum jemand an der Vielfalt zu stören. Ganz im Gegenteil. Schließlich ist die Stadt recht modern und gibt sich weltoffen.

Bevor ich mich zum Abendessen wieder in die Innenstadt begabt, stand noch ein für mich äußerst ungewöhnlicher Programmpunkt auf dem Plan. So zog ich mich schnell um, huschte über die Straße und stürzte mich in die Fluten des Mittelmeers um ein wenig herum zu plantschen. Nachdem ich mich daraufhin am Strand etwas in der Abendsonne getrocknet hatte, war es dann aber auch schon wieder gut. Irgendwie kann ich nicht nachvollziehen, wie man sich Tag für Tag und von morgens bis Abends hier herum räkeln kann, wie es viel der Touristen machen, bevor sie sich in den angesagten Clubs der Stadt volllaufen lassen. Mir wird da schon nach 20 Minuten langweilig und ich muss wieder etwas unternehmen. Also machte ich mich auf um mich in der City an lokalen Speisen zu laben. Nach einem ausgezeichneten, aber nicht ganz billigen Mahl (preiswert ist hier sowieso das wenigste) begab ich mich noch auf ein Gute Nacht Bierchen auf die Dachterrasse meiner Unterkunft, bevor ich erschöpft in meine Koje kroch. Schließlich ging es am nächsten Tag wieder früh los, denn es stand die Fahrt nach Nazareth und den See Genezareth auf dem Programm. Mehr dazu aber im zweiten Teil meines kleinen Berichtes.