WÄRTERS SCHLECHTE


Seit 1991 hinterlassen WÄRTERS SCHLECHTE ihre schon ihre Streetpunk-Duftnoten und sind dabei stets laut, schrill, bunt, kritisch und politisch. Ob auf irgendwelchen (etlichen) Samplern, ihren eigenen Scheiben oder nebenan im örtlichen Juzi. Irgendwo stolpert Mensch immer über diese Bande. Jetzt haben die Jungs um Urgestein NugGelE mit “Revolution occupied“ mal wieder eine neue Scheibe am Start und weil die Gelegenheit nicht nur passend sondern auch noch günstig war, kamen wir mal kurz mit einem kleinen Fragenkatalog um die Ecke.

Ugly Punk: Moin in die Runde. Neues Album am Start. “Revolution occupied“ heißt es. Ihr habt euch ja mit dem neuen Album ganz gut Zeit gelassen. Woran lag es?
NugGelE:
Hey Uglys! Nunja, wir sind keine Band die alle 2 Jahre ein Album produziert. Es kommt auch immer darauf an worauf man sich in der Band konzentriert. Mal sind es eben mehr die Konzerte, mal mehr Songwriting, mal hast Du privat viel um die Ohren und man kommt einfach nicht so schnell voran. 2012 war das Letzte, da finde ich 4 Jahre doch eine akzeptable Zeit.

Ugly Punk: Gegründet wurde eure Band zu einer Zeit, in der viele eurer Hörer_Innen noch nicht mal auf der Welt waren. War eurer Antrieb, damals Musik zu machen, derselbe der er heute ist?
NugGelE:
Zu Anfang waren wir eher ein dilettantischer Chaoten-Haufen, der vordergründig den Spaß und die Party auf Konzerten genoss. Unser Anspruch hat sich im Laufe der Zeit gewandelt, unsere musikalischen Einflüsse veränderten sich und wir hatten einen regen Wechsel an Bandmitgliedern. Unser Antrieb heute ist auf jeden Fall immer noch Spaß am Musik machen, jedoch freuen wir uns auch wenn wir Inhalte mit unseren Songs transportieren können. Gleichgeblieben ist die Verbundenheit zur Szene. Es gibt noch immer viele geile Läden und Veranstaltungen, wo die Leute in Eigenregie was auf die Beine stellen und auf finanziellen Erfolg pfeifen. Man trifft auch oft coole Leute, die halb so alt sind wie man selbst, man ist trotzdem auf einer Wellenlänge. So wird´s nie langweilig und das war und ist und bleibt Teil unseres Antriebs weiterzumachen.

Ugly Punk: Nun ist es auf Konzerten ja meistens laut und der Sound lässt die Texte nicht immer durchdringen. Noch dazu sind viele, bedingt durch diverse Rauschmittelchen, gar nicht wirklich aufnahmefähig oder die Prioritäten ruhen ausschließlich auf der Party. Habt ihr auf Konzerten tatsächlich das Gefühl, dass die transportierten Inhalte auch wirklich beim Empfänger ankommen?
NugGelE:
Sicher nicht bei allen. Es wurden in der Vergangenheit schon auch mal Lieder mitgesungen, die noch gar nicht erschienen waren, auch nicht im Netz oder so… Deshalb gibt´s bei Songs mit politisch oder sonst wie relevanten Texten ´ne kurze Ansage, die deutlich macht worum´s geht, das wird meistens verstanden.

Ugly Punk: Wärend viele Bands mit der Zeit ihre Richtung ändern, kam der Umbruch bei euch ziemlich plötzlich. Weg vom Deutschpunk, weg von den überwiegend deutschen Texten (wie noch auf dem ersten Album) – hin zum Streetpunk mit überwiegend englischen Texten. Was war damals dafür ausschlaggebend und warum wurde trotzdem am Bandnamen festgehalten?
NugGelE:
Am Bandnamen haben wir festgehalten, da wir ja noch die gleiche Band waren und sind. Es gab ja keine Neugründung. 1997/1998 muss das gewesen sein, wir hatten diverse Meinungsverschiedenheiten und trennten uns auf einmal von 2 Gitarristen. Wenn es Wechsel im Band-Lineup gibt, hat das meist auch eine Veränderung im Musikstil zur Folge, vor allem wenn es sich um einen oder gleich beide Gitarristen handelt. Genau das ist bei den Wärters inzwischen dreimal passiert und jedes Mal war die Musik danach ein bisschen anders.

Ugly Punk: In eurem Promoschreiben steht folgender Satz: “… wo Punk bequem in den Charts steht und Einzug in die Hipster Szene hat, bleiben wir echt und unbequem“. Wie würde sich das lesen, wenn ihr da konkreter werden würdet? Was oder wer nervt euch am meisten?
NugGelE:
Wir leben einer Zeit in der Ramones-Shirts bei H&M verschachert werden, an Leute die meinen das wäre eine Klamottenmarke, irgendwelche affigen Stars sich Lederjacken mit Nieten und Bandlogos drauf anziehen, die nicht mal im geringsten irgendwann einmal mit Punk in Berührung gekommen sind. Bands die vor einigen Jahren noch in AJZs und kleinen Clubs spielten, füllen heute große Hallen und draußen passen die Bullen auf, dass keinem die Bierbuddel aus der Hand fällt. Punk geht für uns anders – wenn Leute auf´s Konzi ins örtliche JUZ kommen, egal ob „große“ oder „kleine“ Band – und sich Nachbarn am nächsten Tag darüber aufregen, dass jemand vor die Haustür geschissen hat – so geht das! Rülps!

Ugly Punk: Angenommen die WÄRTERS, die heute noch die kleinen Clubs und AJZs füllen, würden (aus welchen Gründen auch immer) plötzlich an Aufmerksamkeit gewinnen und auch größere Hallen brauchen, weil sie mehr Publikum hätten. Würdet ihr euch dagegen wehren? Würdet ihr mitziehen, aber die Umsetzung komplett anders gestalten? Wie sähe das bei euch aus?
NugGelE:
Schwer zu sagen. In so einer Situation würde die Band zu einem Full-Time-Job, weil man Konzerte mit Tausenden von Leuten nicht so mal eben nach Feierabend buchen kann, da hängt einfach zu viel dran. Ich bin mir nicht sicher, ob wir da mitziehen könnten, wenn wir das überhaupt wollten. Man müsste sehr viel an Verantwortung abgeben, und damit auch an Kontrolle über Eintrittspreise und sowas alles…
Eddy:
Ob wir uns damit wohlfühlen würden ist schon Fraglich.
NugGelE:
Ich denke wir würden uns damit eher nicht wohlfühlen. Sicher wäre es auch schön öfter auf Festivals zu spielen – aber über eine überschaubare Größe wie z.B. das Resist To Exist sollte es dann doch nicht herausgehn. Ich möchte mit den Konzertbesuchern auf Augenhöhe sein, vorher und nachher unterhalten und auch am Tresen stehen, ohne überrannt zu werden. So wie es derzeit um die Wärters steht, ist es voll und ganz ok. Klein und trotzdem irgendwo bekannt. Des basst scho!

Ugly Punk: Die Texte eurer neuen Scheibe sind mal wieder sehr kämpferisch geworden. Wie sieht es denn generell in eurer schwäbischen Region aus? Schaut man da den Punkern noch kritisch hinterher? Ist ein Rechtsruck dort spürbar bzw. irgendwelche Auswüchse von Pegida oder AfD? Oder kann man dort als linke Zecke ein lockeres Lotterleben führen?
NugGelE:
Der Rechtsruck ist hier auch deutlich spürbar. Eine starke rechte Szene gab es im Stuttgarter Umland schon immer – heute spürt man jedoch wieder mehr davon. Es gab Brandanschläge in Pfedelbach, Backnang, Remchingen. Es gibt hier eine umtriebige „Identitäre Bewegung“, autonome Nationalisten, AfD Infostände und Parteitage und auch regelmäßig Aufmärsche von Gruppierungen wie „Fellbach wehrt sich“. Eine aktive antifaschistische Szene findest Du hier natürlich auch. Es gibt hier kein ruhiges Hinterland!

Ugly Punk: Die Inspiration für die Texte bietet das tägliche Weltgeschehen, musikalisch gibt’s aber sicherlich auch einige Einflüsse. Welche würdet ihr als eure Größten aufzählen?
NugGelE:
Zuletzt wurde es ein gutes Stück Metal-lastiger, was auf den langhaarigen Höhlentroll an der Gitarre zurückzuführen ist, aber auch alte Slime, Dead Kennedys, altes englisches Zeugs schimmern noch hin und wieder durch. Wäre sicher auch für uns mal interessant zu analysieren, welche Passagen wir wo geklaut haben. Inspirierend finden wir z.B. Generators, Pistol Grip, Cashless oder Bombshell Rocks.

Ugly Punk: Die Musikszene aus Stuttgart und dem Stuttgarter Raum hab´ ich immer als sehr lebendig empfunden. Bands wie WIZO oder NORMAHL kennt (fast) jedes Kind. Und dann gibt’s ja auch noch die ganz coolen Bands wie z.B. euch… oder PRODUZENTEN DER FROIDE oder BLASENSCHWÄCHE, welche sich ja auch wieder zusammengerafft haben. Wie würdet ihr als Insider – und nach so langer Zeit auf und hinter der Bühne – die Stuttgarter Musikszene beschreiben? Eine große Familie? Konkurrenz? Jeder kocht sein eigenes Süppchen?
NugGelE:
Man kennt sich untereinander, das ist klar. Wir haben untereinander viele Berührungspunkte – eine große Familie ist das dann doch nicht unbedingt, da wurschteln schon die Einen oder Anderen alleine vor sich hin. Natürlich gibt es auch den einen oder anderen Musikerhaufen, der mehr zusammen runhängt oder zusammen auftritt, Proberäume teilt etc. Das ist denke ich wie in jeder anderen städtischen Musikszene. Einen Konkurrenzkampf sehe ich in unserer Ecke aber nicht.

Ugly Punk: Nach einen ¼ Jahrzehnt Bandgeschichte. Hat man da, in Bezug auf die Band, eigentlich noch irgendwelche Wünsche oder Träume?
NugGelE:
Nach 2,5 Jahrzehnten, sorry dass ich Dich da korrigieren muss – ja und ob – Träume und Wünsche haben wir natürlich. Es wäre schön quer durch die Welt zu touren, die Szene in anderen Ländern zu beschnüffeln.
Eddy:
Nochmal zweieinhalb Jahre durchzuhalten (Klugscheißermodus: aus). Das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Wir haben zwar schon viel erlebt-aber noch nicht genug. Eine Karamelbonbon-Kanone auf der Bühne? Ein Auftritt im Vorprogramm Von Schließmuskel? Ein Besetzungswechsel an der Gitarre? Mal ein Lied schreiben das jemand gut findet? Viele unerreichte Horizonte liegen noch vor uns!

Ugly Punk: Ui, das sollte natürlich ¼ Jahrhundert heißen. Hört sich dann nämlich nach mehr als 2,5 Jahrzehnte an. Bis auf die Karamelbonbon-Kanone auf der Bühne sind das ja doch recht bodenständige und bescheidene Wünsche, die jetzt nicht ungreifbar klingen. Typisch schwäbisch halt – um das Klischee mal zu bedienen. Ich wünsche euch für das nächste ¼ Jahrzehnt und die darauffolgenden 22,5 Jahre erstmal Gute. Aber wir riechen uns sicherlich in der Zwischenzeit nochmal.
NugGelE:
Das befürchten, äh, hoffen wir doch mal!!! Danke fürs Inti und man tritt sich im Pogo!