FAHNENFLUCHT


Am 13.05.16 erschien auf Aggressive Punk Produktionen ein langersehnter, neuer Longplayer von FAHNENFLUCHT. Ein guter Anlass, um Sänger und Texter Thomas mal ein paar Fragen rund um die neue Scheibe zu stellen. Das Endergebnis unserer Frage-Antwort-Runde liest sich wie folgt:

Ugly Punk: Hallo Thomas! Ähnlich wie man bei einer Geburt die Eltern beglückwünscht, kann man Musiker sicherlich auch zum Erscheinen ihres neuen Albums beglückwünschen. Es ist endlich da! Wie war die Stimmung im Kreissaal (Studio) und wie zufrieden sind die Musiker mit ihrem Baby?
Thomas:
Es ist ja inzwischen schon das fünfte “Baby” und da schaut man natürlich etwas kritischer auf das Ergebnis der, ähh musikalischen Fruchtbarkeit, oder so…. Nein im Ernst, wir sind mit der Produktion sehr zufrieden, zumal es auch sehr anstrengend ist, wenn man immer so lange schwanger ist wie wir.

Ugly Punk: Oft ist es ja so, dass mit ein wenig Abstand zum Produkt später Kleinigkeiten auffallen, die man hätte anderes machen können, für die es dann aber zu spät ist. Kennt ihr das?  Habt ihr das bei der “Angst und Empathie“ auch gehabt oder denkt ihr, dass das später noch kommt?
Thomas:
Ja, es gibt auf dem aktuellen Album ein Stück, das würden wir so wohl nicht nochmal machen, bzw. den Refrain auf jeden Fall umgestalten und anders vertonen. Welches Stück wir meinen, bleibt aber vorerst noch unser Geheimnis. So früh nach der Geburt fängt man noch nicht an, die Schwachstellen zu benennen. Insgesamt gab es diesmal im Nachhinein aber schon viel weniger zu diskutieren.

Ugly Punk: Die Abstände zwischen euren Alben sind sehr groß. Lassen die Umstände nichts Anderes zu? Braucht ihr die Zeit dazwischen? Oder nutzt ihr die Zeit dazwischen kaum und setzt euch erst in der heißen Phase vermehrt zusammen, um am geplanten Album zu werkeln?
Thomas:
Von Allem ein bisschen. Wir leben natürlich nicht von der Musik, sondern sind alle in ganz normale Verhältnisse verwickelt. Das lässt manchmal schon wenig zeitlichen Spielraum. Im Übrigen gab es bei uns ja wieder mal einen Besetzungswechsel am Bass. Statt Marc spielt nun Dennis am 4-Saiter. Mole ist vor kurzem nach München gezogen, bleibt aber an Bord und wir haben uns hier vor Ort noch den Kai an Land gezogen, der die aktuelle Besetzung nun noch um eine weitere Gitarre ergänzt. Das heißt natürlich wieder viel proben…Dazu aber demnächst mehr. Abschließend sei aber auch zugegeben, das wir auch gerne mal Zeit unproduktiv verstreichen lassen oder sie mit sinnlosen Orgadiskussionen verschwenden. De Facto entstanden einige Stücke erst im Studio, so gut waren wir vorbereitet ; )

Ugly Punk: Politisch trefft ihr mit “Angst und Empathie“ den aktuellen Nagel auf den Kopf, vermittelt allerdings den Eindruck, dass ihr eure Botschaft weniger mit Hass, sondern viel mehr mit Menschlichkeit rüberbringt. Könnt ihr diesen Eindruck bestätigen?
Thomas:
Es gibt nichts zu hassen. Es gibt viel zu kritisieren und auch vehement. Die Aggression im musikalischen Ausdruck ist das emotionale Fundament der Kritik. Es ist aber auch teilweise Verzweiflung, Anpassung, Zerfall. Vielleicht auch ein wenig undifferenzierte Wut, die sich ein Thema sucht. Menschlichkeit ist so ein doppelbödiger Begriff im Gewand des Guten. Aber definitiv, Hass ist kein guter Begleiter.

Ugly Punk: Aus eurer Sicht – Wie legitim ist Gewalt, um Missstände zu bekämpfen oder auf sie aufmerksam zu machen und was wären mögliche Alternativen?
Thomas:
Dazu gibt es keine “Bandmeinung”.  Jeder Einzelne von uns würde darauf wohl sehr differenziert antworten wollen. Und die Antworten würden wohl auch sehr unterschiedlich ausfallen. Angefangen bei totaler Ablehnung, bis hin zur Rechtfertigung von legitimen Formen des Widerstandes. Hierzulande verliert man schon mal sein Augenlicht durch einen Wasserwerfereinsatz oder wird schlicht aus dem Weg geknüppelt, wenn man Nazis daran hindern möchte, ihre menschenverachtende Propaganda kund zu tun. Das ist auch Teil von Normalität und es gibt Grenzen des Erträglichen, aber auch Grenzen in den Antworten darauf. Wir brauchen keine zunehmende Dynamik in der Spirale von Gewalt und Gegengewalt.

Ugly Punk: Im Song “Lichterketten“ singt ihr von diesem Land, in dem einst Lichterketten brannten. Und da hier nichts besser geworden ist, stellt ihr die Frage, warum nichts getan wurde und stellt anschließend selbstkritisch fest – “Und auch ich hab nichts getan“. Ist das Ohnmacht? Hilflosigkeit? Resignation? Warum hat man, obwohl man ja was macht (sei es Vorbild zu sein und als Musiker und Mensch auf der Bühne, der Arbeit, im Privatleben etc. Toleranz zu predigen) immer das Gefühl zu wenig zu tun?
Thomas:
Hmm, das ist nicht einfach zu beantworten. Vielleicht resultiert das Gefühl, nicht genug gegen Intoleranz, Fremdenhass und Bewusstwerdung in diesem Land getan zu haben, am ehesten aus einer persönlich empfundenen Ohnmacht. Die gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen entwickeln sich gefühlt unabhängig und autark vom eigenen Tun. Der eigene Tellerrand ist zum Greifen nah, doch absolut unerreichbar. Die Möglichkeiten der eigenen Einflußnahme auf abstrakte Prozesse werden jedoch gerade im “Informationszeitalter” und dem Stand der Vernetzung als scheinbar unbegrenzt empfunden, sind sie aber nicht. Jeder Einzelne kann einen Teil beitragen, trägt seinen Teil der Verantwortung. Wir resignieren nicht, aber es ist manchmal auch vernichtend, das primitive Sichtweisen so dominant bleiben.

Ugly Punk: Wie erklärt man einem Kind, dass Menschen sich aufgrund von Andersartigkeiten hassen, sich gegenseitig Töten oder aufgrund von Ausbeutung verhungern oder unterdrückt werden? Diese Fragen stellt ihr im Song “Kind“, welcher darauf schließen lässt, dass einige von Euch bereits Väter sind. Auch wenn ihr in dem Lied nach Antworten sucht, als Väter werdet ihr wohl früher oder später mit diesen Fragen konfrontiert werden und eine finden müssen. Ich weiß nicht wie alt eure Kinder sind, aber was habt ihr euch für eine Zielsetzung bei der Erziehung gesetzt? Wie sensibilisiert man sie für das, was tagtäglich um sie herum passiert?
Thomas:
Stimmt. Zwei von uns sind inzwischen auch in dieser Rolle angekommen. Wie das dann im Einzelnen praktisch im Alltag abläuft, bleibt natürlich jedem erstmal selbst überlassen. Ich glaube, wenn wir auf diese Fragen, wie im Refrain von “Kind” formuliert, bereits unsere jeweiligen Antworten hätten, gäbe es dieses Stück nicht. Es gibt keine einfache Antwort auf solche Fragen. Das macht einen manchmal verrückt, weil man sich natürlich gerade für den Nachwuchs, und nicht nur für den eigenen, eine lebenswerte Zukunft wünscht. Ich glaube, dass man einfach nicht lügen und schönfärben sollte, sondern die Dinge je nach Alter beim Namen nennt und dennoch Hoffnung und Vertrauen für eine lebenswerte Zukunft signalisiert.

Ugly Punk: Mittlerweile befindet ihr euch, wenn ich richtig gerechnet habe, im zwanzigsten Bandjahr. Und wenn man älter wird, wir kennen das alle, geht viel von der jugendlichen Unbekümmertheit und Freiheit flöten und andere Dinge (wie Familie, Arbeit u.s.w.) erfordern Zeit. Wie schafft ihr es, dass Feuer für die Band nicht ausgehen zu lassen und trotzdem alles irgendwie unter einen Hut zu bekommen? Wo müssen Abstriche gemacht werden? Wo müssen Prioritäten gesetzt werden? Was ist heute anders als zu Anfangstagen?
Thomas:
Genau dieses verankert sein in der Normalität, in stinknormalen gesellschaftlichen Bedingungen, erzeugt unter anderem die Energie und die Wut auf die Verhältnisse und irgendwie auch den Wunsch nach Ausbruch/Aufbruch. Wenn wir uns jeden Tag bei Sonnenschein unter Palmen und der Gewissheit, dass dem morgen auch noch so ist, entspannt die Eier kraulen dürften, würde es diese Band wohl so nicht geben. Wir leben stinknormale, langweilige Leben und mit der Band vertonen wir einen Teil dieser Realität. Alles unter einen Hut zu bekommen, ist definitiv schwieriger geworden. Einerseits durch persönlich bedingte Veränderungen, aber auch durch abstrakte Notwendigkeiten. Band braucht Proberaum, Mietbus für Auftritte, Techniker für Sound etc. etc. etc. und das alles und noch mehr zuverlässig realisiert zu haben, ist schon eine Aufgabe für sich in unserem Genre. Privatleben braucht noch ganz andere Dinge und manchmal ist der Hut einfach nicht groß genug.

Ugly Punk: Die Grauzone-Diskussion ist eine Diskussion die viele vielleicht als müßig empfinden, die aber keineswegs unwichtig ist. Es gibt Bands, die darauf scheißen und auf jeder Hochzeit tanzen und es gibt welche, die ihre klaren Grenzen haben. Könnt ihr die Grenzen euer Toleranz diesbezüglich definieren? Wo hört der Spaß auf und was ist noch im Rahmen?
Thomas:
Die Bühne im Club oder auf einem Festival zu teilen, kommt für uns nicht in Frage. Wir grenzen uns, nach unserer Auffassung, ausreichend gegenüber rechtsoffenen Deutschrockkappellen ab. Bestenfalls schon durch die Musik und die Texte.  Der Einfachheit halber bräuchte es dann jetzt nur noch ein “Grauzonenwiki”, an dem sich jeder glaubwürdig orientieren kann. Das Thema bleibt immer aktuell, wird manchmal aber auch aberwitzig diskutiert.

Ugly Punk: Oftmals, wenn man Leute aus Punkbands nach den Bands fragt, die sie privat so hören oder die sie inspiriert haben, werden überraschende, ja sogar punk-untypische Namen genannt. Genau solche Namen will ich jetzt von euch hören. (Und damit das Klischee wenigstens ein bisschen bedient wird, vielleicht eine Punkband bei der Aufzählung ;- ))
Thomas:
Hmm, also einen Teil der Bands die ich jetzt hier hin schreiben soll, kenne ich persönlich nicht, hoffentlich ist da jetzt keine Grauzonencombo bei ; ) Defeater, Royal Blood, Stray from the Past, Dover, Band of Horses, State Radio, Antemasque, Muse, und zu guter letzt mein Beitrag, natürlich Radiohead! Ach so eine Punkband fehlt, wie wäre es mit Alarmsignal!

Ugly Punk: Haha, super, dann bedanke ich mich für dieses kleine Interview und möchte den Refrain des Liedes “Hoffnung“ als Abschluss nehmen. “Bitte verliere nicht die Hoffnung, denn dann verliere ich sie auch / Bitte verliere nicht den Mut, weil ich mehr als meinen brauch / Bitte verliere nicht den Glauben, meine letzte Zuversicht / Und was immer auch geschieht, vergiss mich bitte nicht.“ Ist übrigens mein Favorit der neuen Platte. Sich gegenseitig stärken und halten, wenn der andere Part gerade schwächelt, Hilfestellung geben, Zusammen halten, menschlich sein und menschlich bleiben. Macht weiter so!
Thomas:
Besser könnte man es nicht zusammenfassen. SOLIDARITÄT!