STEFFI BELLA

Den Spagat zwischen Punkrock und Musicaldarstellerin meistert sie seit Jahren gekonnt und mit ihrem “Tribute To France Gall-Album“ beweist sie, dass sie auch andere Spagate perfekt beherrscht, nämlich den zwischen Punkrock und nostalgischem Schlager-Pop. Lange Rede, kurzer Sinn. Da die Platte bereits seit mehreren Wochen meine Anlage blockiert und rauf und runter dudelt, war ein kleines Interview naheliegend. Bitteschön.

Hallo Steffi, dein Album (und das deiner Freunde) dudelt jetzt schon seit einigen Wochen in meiner Anlage und macht nicht die geringsten Anstalten diese wieder verlassen zu wollen. Hast du selbst schon Erfahrung mit dem Überhören der eigenen Songs und kannst mir ungefähr sagen, wie lange es noch dauern wird? ;- )

Huhu Steff, ich hab das Album nun auch schon mehrere Male rauf und runter gehört, es läuft immer wieder nebenbei im Auto oder in der Küche wenn ich koche ; ) Im Nachhinein fällt einem dann immer auch mal wieder das ein oder andere auf was man evtl. hätte anders machen können oder auch was einem super gut gelungen ist. Wie lange es noch dauert bis die Scheibe deine Anlage verlässt kann ich dir leider nicht sagen, aber es freut mich sehr, dass sie Dir so gut gefällt : ) Ich kann sie auf jeden Fall immer weiter hören und sie wird nicht langweilig, obwohl ich zu Beginn etwas sorge hatte das mich meine eigene Stimme irgendwann nervt… ; )

Wer bisher auch mal über den musikalischen Tellerrand geschaut hat und nicht zu den Allerjüngsten gehört, für den sind FRANCE GALL und viele ihrer Hits nicht unbekannt. Warum musste es für dich ausgerechnet FRANCE GALL sein (und nicht Mireille Mathieu oder so)? Was verbindest du persönlich mit ihr?

Eigentlich bringst du es da schon genau auf den Punkt mit dem Vergleich von Mireille Mathieu und France Gall. Während Mireille Mathieu für meine Begriffe schon damals, sprich in den 60ern, eher die konservativere Schiene bedient hat, war France Gall doch mehr das süße, aufmüpfige und freche Mädchen mit vielen verschiedenen Facetten. Ganz gleich ob es da eher um einfachen Schlager-Pop ging oder doch eindeutig doppeldeutige Liebeslieder. Sie ließ sich musikalisch nicht festlegen und war in vielen Richtungen offen, was zum Beispiel auch der kleine Ausflug in Richtung Blue Beat beim Stück Computer Nr.3 bewiesen hat. Wenn ich dann noch an Nummern wie dem Song Laisse Tomber Les Filles denke… Das ist ein astreiner 60ies Beat-Song mit jeder Menge Ausstrahlung. Kein Wunder also, das Quentin Tarantino den Song für seinen Film Death Proof benutzt hat, wenn auch nur in einer nachgesungenen Version von April March, aber auch bei ihm hat der Song also seine Wirkung nicht verfehlt. Dazu kommt dann noch der hohe Wiedererkennungswert viele ihrer deutschen Stücke. Für mich war also der erste Funke wie schon angedeutet auch der Song aus dem Film Death Proof. Durch Zufall bin ich dann auf den Original-Interpreten gestoßen und wusste gar nicht wie viel Songs ich doch tatsächlich schon von France Gall kannte. Es tauchten immer mehr Songs auf, die man hier und da schon mal gehört hatte und irgendwie haben sich dabei auch jede Menge Stücke von ihr tagelang im Ohr festgesetzt. Aber um mal auf Mireille Mathieu zurück zukommen, da denke ich das France Gall ihr eine ganze Ecke voraus gewesen ist und definitiv damals wie heute einen direkteren Draht zur jüngeren Generation hatte. Nimm nur mal Ella Ella aus den 80ern, der damals in den Charts gewesen ist und selbst dort noch ein junges Publikum begeistern konnte. Mireille Mathieu war für mich dann doch eher immer für ein älteres Publikum reserviert.

Ein Doppelalbum mit 20 Songs und 20 verschiedenen Bands oder Künstlern klingt nach einem Mammut-Projekt. Wie lange hat sich das Ganze hingezogen? Wann entstand die Idee, wann ging´s ans Eingemachte und wie lange hat das alles unterm Strich gedauert?

Also die Idee mit France Gall hatte ich ja gerade schon mal angedeutet. Angefangen hat alles als wir uns den Tarantino Streifen “Death Proof” reingezogen haben. Da Tarantino ja immer bekannt ist für coole Soundtracks ist, gab es da den Song “Chick Habbit” von einer gewissen April March. Irgendwie hat mich der Song dermaßen mitgenommen, das er tagelang dank meines musikbesessenen Freundes bei uns im heimischen Wohnzimmer rauf und runter lief. Ziemlich schnell stellten wir natürlich fest, das der Song im Original gar nicht von April March ist, sondern eigentlich “Laisse Tomber Les Filles” heißt und von France Gall gewesen ist. Wir bemerkten schnell das France Gall in den 60ern und 70ern jede Menge Hits am Start hatte, die sich unwillkürlich als feinste Ohrwürmer herausstellten. In Deutschland zu Unrecht in die Schlagerrichtung abgestellt, war ich relativ fix davon überzeugt das France Gall ein verdammt großartiges Potential besitzt und eine bewundernswerte Sängerin ist. Zu diesem Zeitpunkt kam mein Freund mit der Idee doch mal was von ihr zu singen, was ich allerdings nicht wirklich ernst nahm und auch recht zeitig wieder verdrängte. Als ich dann eines meiner ersten Konzerte gab, konnte es sich Christian vom Sunny Bastards-Label als langjähriger Bekannter natürlich nicht nehmen lassen auch in dem Laden aufzutauchen und uns zu supporten. Christian und ich unterhielten uns nach dem Konzert ausgiebig über Musik und unabhängig von meinem Freund kam Christian ebenfalls irgendwie auf France Gall zu sprechen und fragte mich wie es denn mal mit einem Cover von France Gall`s “Computer Nr.3″ aussähe, da Christian ein großer Fan von ihr ist. Wohlgemerkt haben sich beide definitiv nicht miteinander abgesprochen, aber das war jetzt schon der zweite mit dem gleichen Gedanken. Christian und ich vertieften das Ganze dann in der kommenden Zeit und so war der Tribut-Sampler zumindest schon mal im Kopf geboren. Die Produktion von dem Album hat sich ca. 2 Jahre hingezogen und zwischendurch hab ich schon manchmal gedacht dass die Scheibe nie rauskommt… aber was lange Währt wurde dann doch noch gut. Zu Beginn ging es recht flott mit den ersten Songs. Der erste der im Kasten gewesen ist war “Ich Liebe Dich” den ich mit den Jungs von EK77 aufgenommen hatte. Wir trafen uns zweimal zum Proben und sind dann auch schon ins Studio gegangen, ähnlich war es dann mit Beatmartin und dem Song “Merci Herr Marquise”, auch der war fix im Kasten. Dies lag aber auch wahrscheinlich daran das die Bands aus meinem unmittelbaren Freundeskreis kamen und man sich mal eben treffen konnte um die Songs aufzunehmen. Schwieriger war es da dann schon mit den Songs von Bosky zum Beispiel, von den Hotknives. Er hatte die Musik komplett fertig gemacht und zu mir rüber geschickt. Ich sollte nun ins Studio gehen und darauf singen. Allerdings war das gar nicht so einfach, da ich gar nicht genau wusste wie Bosky sich das ganze vorstellte… ich hab dann einfach mal gemacht wie ich meinte und das wurde ihm dann zum überhören wieder zurück gesendet. Ihm hat es auf Anhieb gefallen und der nächste Song war fertig. Bei Dirty Harry war es so, dass er mir den Song direkt mit seinem Gesang schickte damit ich etwas zum orientieren hatte. Das fand ich super, so war es einfacher und schneller umzusetzen. Bei dem Song von Voxsturm musste ich erst noch den Thomas anschreiben und fragen wie sie den Text in dem Song umgesetzt haben wollen, da der Song viel schneller und länger als das Original war. Nachdem ich ihn eingesungen hatte gefiel er aber noch nicht so recht…es fehlte halt der letzte Schliff. Etwas später hatte ich aber dann Loek und Chris von Dutch SKA Express mit im Studio und sie haben mich ein bisschen gecoacht beim Singen und umsetzen ihres eigenen Songs und da diese Zusammenarbeit so gut klappte, haben sie mir auch gleich nochmal den ein oder anderen Tipp für den Volxsturm Song gegeben. Das hat super Spaß gemacht und ich bin ihnen für ihre Unterstützung sehr, sehr dankbar. Alles in allem war es schon recht langwierig, da dann auch noch Probleme mit dem Studio dazu kamen etc. Aber hey, am Ende ist ja dann doch alles noch gut gegangen und die Scheibe konnte ins Presswerk. Hier zog es sich dann allerdings auch nochmal etwas hin, weil die Vinyl Presswerke zu dem Zeitpunkt völlig überfordert waren, wegen der plötzlich wieder großen Nachfrage nach Schallplatten… aber nun ist sie draußen und ich stolz wie Oscar : D

Hast du den Bands bei der Umsetzung komplett freie Hand gelassen oder hattest du als agierende Sängerin die Idee der jeweiligen Umsetzung schon im Hinterkopf?

Da muss ich sagen, das die Bands komplett freie Hand hatten bei der Umsetzung der Songs, ich hab mich überraschen lassen und dann meinen eigenen Einfluss in die Songs mit eingebracht. Ebenso wie ich es mir vorgestellt hatte. Auch wenn mir bei Dirty Harry zum Beispiel schon der Gesang vorgegeben war, konnte ich immer noch Phrasierungen vornehmen und schauen was ich wie wo betone und singe.

Und wie war das mit den Songs? Durften sich die Bands diese aus einer zur Verfügung stehenden Liste aussuchen oder war jeder Beitrag erlaubt, Hauptsache von FRANCE GALL und Hauptsache ein Stück aus ihrer deutschsprachigen Phase? Ich könnte mir vorstellen, dass es Überschneidungen gab und Kult-Kracher wie “Ein bisschen Goethe“ oder “2 Apfelsinen im Haar“ mehr gefragt waren als unbekanntere Songs ihrer Schlager-Schaffenszeit.

Es gab tatsächlich eine Liste mit verschiedenen Songs aus der deutschsprachigen Phase von France Gall, wo sich jeder einen Song raus suchen durfte. Überschneidungen gab es eigentlich nur bei dem Computer Nr. 3 soweit ich weiß. Den sollten eigentlich El Bosso und die Ping Pongs machen. Da diese aber leider aus zeitlichen Gründen dann abgesprungen sind, haben der Bunga Bunga Club diesen übernommen. Ich hätte ganz gerne noch den Song “Wir sind keine Engel” gemacht, aber hierfür hat sich leider keine Band gefunden. Das Stück “Ich bin Zuckersüß” hatte ich mit dem Alex von Slime angefangen aufzunehmen, aber leider konnte der auch aus terminlichen Gründen nie fertig gestellt werden.

Warum hast Du das Ruder auf CD/LP 2 komplett deinen Freunden überlassen? Du hättest ja eigentlich gleich alle Songs singen können.

Das war die Idee von Chris von Sunny Bastards, er hatte einige Bands im Kopf die auch France Gall Songs aufgenommen hatten. Zudem haben ihm Bands die er für den Sampler angefragt hatte gesagt, das sie gern einen Song beisteuern würden, aber nur mit dem eigenen Gesang und nicht mit meiner Stimme. Was ich auch ein bisschen nachvollziehen konnte. Da ich ja nun nicht so bekannt bin, kann ich natürlich auch verstehen, dass man einer Wildfremden seinen Song nicht unbedingt einfach so überlassen will.

Was sind deine 3 persönlichen Lieblingshits von FRANCE GALL?

Also an erster Stelle steht da der Song “Zwei Apfelsinen im Haar” da hab ich sogar beim aufnehmen im Studio die ganze Zeit in der Aufnahmekabine mittanzen müssen, der ist so super tanzbar. Dann mag ich total gerne “Lassier Tombe Le fils“, der setzt sich total im Ohr fest und bleibt da dann auch erst mal ein paar Tage. Da es diesen Song nicht auf Deutsch gibt, hatte ich die Idee ihn mit meinem Akustik Projekt einfach zu übersetzen und zu singen… aber auch da fehlte es am Schluss einfach an der Zeit für die Umsetzung. Song Nummer drei ist ganz klar, “Wir sind keine Engel” da dieser Song aber schon auf der zweiten CD vertreten war, konnte ich ihn leider auch mit keiner Band zusammen machen. Eigentlich könnte ich die Liste noch unendlich weiterführen, es gibt einfach zu viele coole Songs von France Gall.

Gab es auch Bands, die dir für dieses Projekt abgesagt haben oder welche, die du gerne dabei gehabt hättest, aber vielleicht aus utopischen Gründen gar nicht erst angeschrieben hast?

Tatsächlich hatte ich seinerzeit Köfte von Mad Sin auf dem Ruhrpott Rodeo gefragt ob er nicht Bock hätte mit seiner Band einen Song für den Sampler zu machen. Er war sich nicht ganz sicher wer France Gall war und zudem waren sie auch zu der Zeit mit Mad Sin für das neue Album im Studio, so dass er mir leider absagen musste. Das fand ich sehr, sehr schade. Aber mit Messerstecher Herzensbrecher habe ich ja einen sehr guten Ersatz für den Psychobilly Song auf dem Sampler gefunden ; ) Ich hatte tatsächlich kurz überlegt die Broilers zu fragen ob sie nicht Lust hätten an dem Projekt mitzuwirken… aber da ist mein Größenwahn wohl mit mir durchgegangen : D Hahaha

Was steht demnächst so bei dir an? Ich hab gehört, du bist auch im Musical-Business ganz gut verankert.

Zurzeit bin ich mit meinem Akustik Projekt in verschiedenen Pubs und Kneipen unterwegs. Das nimmt immer noch einen großen Teil meiner Bühnenpräsenz in Anspruch, da ich Akustik Musik einfach liebe! Ich bin aber auf der anderen Seite immer noch auf der Suche nach einer richtigen Band, um zum einen evtl. den Sampler auch mal auf die Bühne bringen zu können und auf der anderen Seite meine düstere Seite im Bereich Gothic, Batcave, New Wave musikalisch ausleben zu können. Hier bin ich aber leider noch nicht fündig geworden… oder habe einfach noch nicht intensiv genug gesucht (sollte jemand sich jetzt angesprochen fühlen darf er sich gerne melden ; ) hihi ) Das Musical Projekt liegt für mich jetzt erst mal bis nächstes Jahr auf Eis, da die Gruppe gerade ein Stück aufführt an dem ich aus zeitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte. Das Stück “Viel Lärm und Ich” in welchem ich eine von drei schottischen Hexen spiele, wird es aber sicher Ende nächsten Jahres wieder auf der Bühne zu sehen geben. Da freue ich mich auch schon sehr drauf, da es hier einfach nochmal eine ganz andere Möglichkeit gibt das Musikalische mit dem Schauspielerischen zu verbinden. Und immerhin hat ja auch alles ganz zu Anfang mit Musical begonnen bei mir. Deshalb musste auch unbedingt ein Musical Song auf dem Sampler vertreten sein.

Besten Dank Steffi.

Ich hoffe ich konnte Dir alle Fragen ausreichend beantworten und danke dir für dein Interesse und das Interview. Lieben Gruß, Steffi Bella