VERLORENE JUNGS


“Refugees Welcome!!! …und alle die unsere Meinung nicht teilen, sollen sich hier endlich verpissen!!!“ – so der letzte Beitrag von VERLOIRENE JUNGS auf ihrer Facebook-Seite. Die Band macht sich frei von Vorurteilen, von einem alten Image und von Hohlbratzen-Fans aus dieser Zeit. Als tatkräftige Unterstützer der Pro Asyl Kampagne (1€ pro verkaufter Platte werden gespendet) gelingt ihnen das Stück für Stück und vor allem glaubwürdig. Warum die Band dazu den steinigen Weg ohne Namenswechsel geht, wie sich früher sah und heute sieht, von welchen Künstlern sie inspiriert wurde und so einiges mehr, erzählt uns Sänger Schwefel im Interview.

Einen schönen guten Tag erst mal. Da habt ihr ein Album am Start und das Kind trägt keinen Namen. Ist Euch kein passender eingefallen oder warum ein Self-Titeld-Album?

Hallo! Durch die längere Pause fühlt sich die ganze Geschichte irgendwo wie ein Neustart an. Es gibt auch tatsächlich Menschen die durch die jetzt laufende Promo dachten, es wäre unser erstes Album jetzt. Es liegen mehrere Gründe auf der Hand die uns dazu bewogen haben. Zwischenzeitlich gab es den Gedanken die Band umzubenennen und das Album dann „verlorene jungs“ zu betiteln. Letztendlich aber werden wir uns in dieser Konstellation niemals mit einem anderen Namen anfreunden können. Um dies auch nochmals zu unterstreichen haben wir uns bewusst dazu entschieden „verlorene jungs“ komplett alleine stehen zu lassen.

Die Scheibe ist überwiegend persönlich und sehr nachdenklich geworden. Ist sie ein Spiegel eurer Seele, ein Spiegel dessen, was in eurem Leben Phase war oder ist und durch die Musik besser verarbeitet werden kann?

Auf jeden Fall. Die Texte des Albums sind Momentaufnahmen der letzten 10 bis sogar 15 Jahre. Gedanken aufschreiben und daraus Texte formen ist eine sehr hilfreiche Methode Dinge zu verarbeiten und zu verstehen. Gerade wenn es Dir nicht gut geht, Du sehr oft alleine bist oder Dich isolierst.

Das Bands sich weiterentwickeln oder verändern ist nichts Neues. Eure Veränderung hingegen fand sozusagen um satte 180 Grad statt. Wie kam das? Was ist passiert? Warum weg vom klassischen Oi!-Punk?

Findest du wirklich? Ich sehe unsere Band musikalisch, bis auf die ersten beiden Alben, überhaupt nicht als klassische oi!Punk Band. Wenn man den alten Gesang wegnimmt, waren wir schon damals sehr weit von dem entfernt was den klassischen Stil ausmacht. Die Ansprüche steigen einfach, und es langweilt irgendwann.

Ein Namenswechsel hätte euch vielleicht ein paar Sachen erleichtert. Es gibt dadurch auf der einen Seite sicherlich alte Fans, die mit der musikalischen Entwicklung nichts anfangen können und auf der anderen Seite welche, die euch aufgrund des Bandnamens noch mit dem Sound von früher in Verbindung bringen. Wie sind denn die Resonanzen aus beiden Lagern so und was war der Grund, dass ihr das Schiff unter derselben Flagge weitersegeln wolltet?

Oh ja, ein Namenswechsel hätte so einiges erleichtert. Es gibt gerade im medialen Bereich viele Fanzines, Radios und Redakteure die uns pauschal ablehnen. Da mussten unsere Promoter teilweise schon echte Überzeugungsarbeit leisten. Aber ich kann das auch verstehen. Wir waren viele Jahre eine sehr sture Band. Uns war das alles egal, es lief ja trotzdem. Irgendwann kommst Du aber an den Punkt dir darüber Gedanken zu machen. Ich möchte nicht von Rechten gehört werden oder in der Deutschrocksuppe sitzen. Gerade in der heutigen Zeit, wo es wieder modern ist für „dieses Land“ auf die Straße zu gehen und die Fehler bei anderen zu suchen, ist die unpolitische Haltung vieler Bands einfach nur ein Teil des Ganzen. Als wir bei FB den post zu unserer Pro Asyl Kampagne veröffentlicht haben, sind über 100 Leute von unserer Seite gegangen. Das ist schon echt erschreckend. Aber es ist gut, wenn wir diese Leute aus unserem „alten Lager“ auf diese Weise los werden können. Im Großen und Ganzen spaltet sich alles natürlich auch musikalisch derzeit. Es sind viele neue Leute da, aber auch viele von früher die uns weiterhin begleiten. Das ist sehr erfreulich.

Was haben die VERLORENEN JUNGS von heute noch mit den VERLORENEN JUNGS von damals gemeinsam? Könnt ihr mit Oi-Punk noch was anfangen? Also gibt’s Bands aus diesem Genre, die ihr immer noch gerne hört oder zu denen ihr Kontakte pflegt?

Also hier sind immer noch die gleichen Leute die schon damals die Songs geschrieben haben. Bis auf die Texte natürlich. Die heutige Bandbesetzung hat vor 10 Jahren schon kaum oi-Punk gehört. Wir wollen da nichts schlecht reden, jede Musik hat ihre Daseinsberechtigung, aber wir haben fast immer zu den anderen Bands geschaut, die nicht in der Szene sind. Kontakte gibt es eigentlich keine festen mehr.

SCHROTTGRENZE-Bandleader Alex hat einen Song vom neuen Album mitproduziert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Schrottgrenze ist eine Band die ich schon seit Ewigkeiten liebe. Ich habe sie 2003 nach ihrer „Vaganten und Renegaten“ CD angeschrieben um ein Interview für unser damaliges Fanzine zu machen. Seitdem stehe ich in Kontakt zum Alex. Hier und da haben wir uns auf ihren Gigs getroffen und ich wollte eigentlich seine Stimme in unserem Song „Monoton“ haben. Er meinte das sei nicht nötig, und bot mir an klangliche Veränderungen bei sich im Studio in den Song einzubringen. Außerdem gibt es von ihm auch noch einen Remix zu „komm wir feiern…“. Den haben wir aber noch nicht veröffentlicht. Ich freue mich wirklich sehr über diese Zusammenarbeit und das es Schrottgrenze als Band jetzt auch wieder gibt.

Welche Bands oder Musiker haben euch inspiriert? Das Cover von “Menschenfresser“ lässt darauf schließen, dass RIO REISER dazu zählt. Wer kann sich noch in dieselbe Reihe mit einordnen?

Ich gehe gerade mal die Trackliste durch und versuche ein paar aufzuzählen die im Hinterkopf schwirrten. Nirvana, Turbostaat, Oma Hans, Schrottgrenze, QOTSA, Leistungsgruppe Maulich, the cure, Ton Steine Scherben/Rio Reiser haben uns da schon irgendwo begleitet. Aber das ist auch nichts neues das beim Komponieren immer andere Künstler im Hintergrund schwirren. Schon damals lehnte unsere flache Hymne „extrem unangenehm“ an Avril Lavigne´s „he wasn´t“. haha….

Wohin dürfte die Reise mit der Band gehen? Habt ihr euch Ziele gesetzt oder Wünsche im Hinterkopf?

Wohin die Reise gehen wird kann ich nicht beantworten. Wir werden weiterhin versuchen unsere Band anders als früher zu positionieren. Auch wenn wir dadurch deutlich weniger Platten verkaufen werden. Ich möchte das eines Tages gesagt wird: die Band hat sich inzwischen gut gemacht. Es gibt so viel Schlechtes hier. Wir haben zu lange den Underdog gespielt. Die sich in der Rolle wohl fühlen sind nicht mehr in der Band. Verlorene Jungs darf nicht als Grauzone, Deutschrock oder Macker-Band in Erinnerung bleiben.