NORMAHL + GAFFA + BUMS (24.04.2015 Stuttgart, Universum)

NORMAHL + GAFFA + BUMS (24.04.2015 Stuttgart, Universum)

Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen an diesem Tag die ABSTÜRZENDEN BRIEFTAUBEN in Waiblingen anzuschauen. Kurzfristig hab ich dann aber von diesem Auftritt, der das CD-Release der neuen Scheibe „Friede den Hütten…“ darstellen sollte, erfahren; und da ich die Brieftauben erst im Herbst gesehen hatte, habe ich mich dann doch für dieses außergewöhnliche Spektakel entschieden. Als ich vor dem Universum eintraf, lungerte schon eine stattliche Anzahl an Besuchern vor dem Etablissement herum. Darunter ein beachtlicher Anteil an Personen im gehobenen Alter. War eigentlich aber auch nicht überraschend, da bei meinem letzten Konzert der Band vor vier Jahren der Altersdurchschnitt schon recht hoch war. Dafür stellte sich das Publikum im Laufe des Abends als reichlich skurril heraus. Natürlich waren ein paar Jungpunks vor Ort, aber doch deutlich in der Minderheit. Ein paar Hipster trieben sich herum und irgendwelche Party-People, von denen mich ein paar während des Konzerts ständig in den Arm nehmen, sich auf meine Schulter abstützend ausruhen wollten oder auf die Bühne drängten um von dort Beifall heischend in die Menge zu grinsen. Dann gab es da noch ein paar Schicksen, von denen auch eine meinte, es wäre eine cool Idee, sich mit dem Glitzerhandtäschen in der Armbeuge ins Pogogetümmel zu begeben, aber schmerzhaft erfahren musste, dass dem nicht so ist. Desweitern waren auch viele Veteranen anwesend, die nicht nur körperlich vom exzessiven Punkrock-Leben gezeichnet waren. Aber auch gediegenere Personen waren an diesem Abend zu Gast. So zum Beispiel etliche etwas betagtere, gut gekleidete Pärchen, die anscheinend ihre Theater-Abokarte an diesem Abend an die bereits ausreichend gymnasial edukierten Enkel abgegeben hatten, um auch mal in die niederen Abgründe der Kulturlandschaft einzutauchen. Vergessen sein sollen auch nicht diverse Fotografen mit ihren 50 cm langen Objektiven, die diese auch gerne mal einsetzten um den ein oder anderen Kopf, der Ihnen den ungehinderten Blick auf die Bühne versperrt und damit das Motiv versaut hätte, dezent aber bestimmt zur Seite zu schieben. Nicht zu sehen, mir vielleicht aber auch nur entgangen, waren die Rocker der Hells Angels, hatte doch Lutz Schelhorn, der Präsident der örtlichen Niederlassung und zudem angesehener Fotograf, die Bilder für die Illustrierung der aktuellen Scheibe geschossen. Nun gut, mir soll’s egal sein, denn es war ja eine ausreichend illustre Zuschauerschar anwesend. Aber kommen wir zum musikalischen Teil des Abends.

Beginnen sollte die Eislinger Deutschpunk-Band BUMS, deren erstes Album ich damals als junger Punk trotz der plakativen Texte eigentlich ziemlich geil fand. Leider kam danach nichts mehr was mich wirklich interessierte und so war ich sehr erfreut, dass die zum Trio geschrumpfte Band viele der alten Stücke spielte. Wider meinen Erwartungen muss ich deshalb gestehen, dass mir der Auftritt ziemlich gut gefallen hat. Glücklicher Weise verschonte man das Publikum mit den bekloppten BVB-Liedern und auch von den aktuelleren Sachen wurden hauptsächlich die temporeicheren Stücke gespielt, die Live dann auch ganz gut rüber kamen. Leider war vor der Bühne nicht allzu viel los, was die Band aber nicht sonderlich zu stören schien. Immerhin hatte sich ein kleines Grüppchen Pogender gebildet und auch die ein oder andere Textzeile wurde mitgesungen – nach kurzen Aufforderungen sogar hörbar. Ja, ich war wirklich positiv überrascht von dem Auftritt.


Als nächstes betraten GAFFA die Bühne, die, mit einer kurzen Unterbrechung, auch bereits seit ungefähr zwanzig Jahren existieren. Mir ist von der Band lediglich die aktuelle Scheibe bekannt, die ich auch recht ansprechend finde. Mit viel Enthusiasmus startete die Band dann auch gleich durch. Ruppiger Deutschpunk mit druckvollem Sound und viel Energie. Vor der Bühne wurde es etwas voller und Sänger MC Stimpy versuchte sympathisch, mit lockeren Sprüchen und seiner offenen Art die Zuhörerschaft zu animieren und mit diesem zu interagieren. Leider wurde es im Laufe des Auftrittes im vorderen Bereich dennoch wieder etwas leerer. Schade eigentlich, denn GAFFA machten ihre Sache wirklich sehr gut, hatten fetzige Songs am Start und einen schön rauen, erdigen und bodenständigen Sound. Hat mir sehr gut gefallen, was die fünfköpfige Truppe da abgeliefert hat. Hätte von mir aus ruhig noch ein bisschen so weitergehen können. Aber NORMAHL wollte ja schließlich auch noch ihr Stelldichein geben. So wurde das Schlagzeug, welches die Vorbands vor der Schießbude von NORMAHL aufbauen mussten, schnell abgebaut, damit die Heroen der 80er-Jahre loslegen konnten.


Während es in den vorderen Rängen nun zunehmend enger wurde betrat die Hauptband des Abends ganz in feinen Zwirn gekleidet die Bühne. Die ersten paar Lieder waren mir dabei gänzlich unbekannt, was vielleicht daran liegt, dass ich die letzten beiden Alben nie gehört habe. Ist wohl auch nicht so schlimm, denn die Songs waren doch eher von mittelmäßiger Qualität und ziemlich rockig. Hinzu kam das wilde Gefiedel von Mick Scheuerle auf der manchmal etwas klirrenden Gitarre, das mein Gehör ganz schön strapaziert hat. Erst nach einer guten Viertelstunde kam dann etwas Bewegung in die Meute als der Klassiker „Exibithionist“ intoniert wurde. Danach wurde es aber auch gleich wieder etwas ruhiger. Sowohl auf als auch vor der Bühne. Dabei hat Sänger Lars aber nicht verlernt, ungelenk herum zu wackeln und seltsame bis obskur anmutende Äußerungen von sich zu geben. So zum Beispiel „Stuttgart war früher mal ‘ne geile Stadt. Aber heute, äh Stuttgart is ‘ne geile Stadt“ oder „Das nächste Stück ist ein ganz neues Stück, aber eigentlich ist es gar nicht neu“. Zudem begann jede zweite Ansage mit einem retrospektiven „Damals in den 1980ern…“. Auch schön zu erfahren für mich war, dass Lars mit der S-Bahn zum Konzert anreiste. Wie damals, als er 1978 mit dem Verstärker in der Hand mit dem Bus zum Proben ins Georg-Büchner-Gymnasium gefahren ist. Einfach toll! Das restliche Programm, das dann auch tatsächlich ein paar Songs der neuen Platte enthielt, konnte mich indes nicht wirklich zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Das kam mir alles irgendwie viel zu träge und abgelutscht vor. Gut, manch einer spricht ja gerne von Entwicklung, hier geht diese aber eine Richtung, mit der ich mich nicht so recht anfreunden kann und will. Vermutlich war ich nicht der einzige der das so sah, denn wirkliche Stimmung und wilder Pogo kam nur bei den spärlich eingestreuten Klassikern wie zum Beispiel „Deutsche Waffen“, „Fahneneid“ oder „Biervampir“ auf. Als absolutes Highlight empfand ich allerdings die Präsentation von „Geh wie ein Tiger“, bei der Lars auf den rutschigen Bühnenbrettern ins Schlingern kam und sich gepflegt auf die Fresse legte. Großartige Showeinlage! Während sich Lars die Stimmung dadurch nicht vermiesen lies, sank meine Laune dagegen immer weiter ab. Zum einen lag das an der schwachen Songauswahl, aber auch an den immer nervigeren Ansagen und nicht zuletzt an der um mich herum stehenden, befremdlichen Zuhörerschaft. Zum Ende des offiziellen Sets erklomm dann noch ein junger Knabe die Bühne, um in diesem romantischen Ambiente um die Hand seiner Holden anzuhalten. Da in mir nun auch noch ein dezentes Gefühl des Fremdschämens aufstieg, entschloss ich mich, diesem Schauspiel den Rücken zu kehren und die obligatorische Zugabe, unter anderem mit dem lauthals geforderten „Fraggels“, von den hinteren Rängen aus zu betrachten. Nach guten 90 Minuten war der Spuk dann vorbei und ich wurde endlich erlöst.


Bleibt zu sagen, dass ich die beiden Vorbands – BUMS und GAFFA – wirklich ansprechend und unterhaltsam fand und mir beide Gruppen deutlich mehr zusagten als der Haupt-Act dieses Abends. Bei diesem erlangte ich die Erkenntnis, dass es manchmal vielleicht besser ist, mit einer Sache  abzuschließen, auch wenn es einen fast das ganze Leben lang begleitet hat. Von dem was ich von meinem ersten NORMAHL-, und gleichzeitig auch ersten Punk-Konzert überhaupt, in Erinnerung habe, war das hier jedenfalls meilenweit entfernt. Schade eigentlich! Mirko