SIR JAN OFF


Durch das erfolgreiche Interview mit VampirVampy bin ich auf den Geschmack gekommen und so möchte ich mich heute einem weiteren Grafen der Finsternis widmen. Es handelt sich hierbei um den genialen Sir Jan Off.

Sir Jan Off, in welchem zarten Alter ist Euch Eure kriminelle Schreibader das erste Mal so richtig bewusst geworden?

Junge Dame, das Schreiben von Büchern habe ich mit etwa 27 begonnen. Kriminell bin ich dagegen nie gewesen. Da könnt Ihr sämtliche meiner Freunde aus dem Rotlichtmilieu fragen.

Aus Eurer äußerst edlen und gewählten Erzählweise hört man deutlich Eure adlige Abstammung heraus. Auch Buddha war ein Prinz, der sich dazu entschieden hatte, sein Leben mit Obdachlosen in Pinienwäldern zu verbringen und dabei das Leid der Welt voller Mitgefühl zu beobachten. Er kam zu dem Schluss, dass man dieses Leid letztendlich nur durch gnadenlose Bewusstmachung und einen bewusstseinserweiterten Zustand überwinden kann. Mir scheint eine verdächtige Ähnlichkeit zwischen Buddhas und Eurem Werdegang zu bestehen. Seid Ihr nicht nur mit einem kriminellen Schreibtrieb gesegnet, sondern besitzt auch noch heilige und weise Züge?

Ich wiederhole: Meine Lust am Bücherschreiben besitzt weder krankhaften noch kriminellen Charakter. Eine Aussage, die sämtliche meiner ehemaligen Mitinsassen der Haftanstalten Fuhlsbüttel, Ossendorf und Moabit bei der Ehre ihrer Vorväter werden beschwören können. Was Eure eigentliche Frage betrifft: Wer wie ich Nacht für Nacht einsam an der Computertastatur ausharrt und dabei auf sämtliche Freuden dieser Welt verzichtet, um eine kleine Schar wackerer Getreuer mit Erbauungsliteratur zu versorgen, ist zweifelsohne ein Narr zu nennen.

Was treibt Euch an, diesem doch recht trostlosen Schicksal tagtäglich aufs Neue die Stirn zu bieten?

Ich betrachte das Schreiben in erster Linie als Akt der Notwehr. All die Überheblichkeit, die da ohne Unterlass durch die Welt wabert, verdient regelmäßig einen Tritt vors Schienenbein. Wobei es ja, dem Herrn sei’s geklagt, gerade auch mein eigener Berufsstand ist, der gern dem Dünkel anheimfällt. Sich beispielsweise selber zu erhöhen, indem man anderen deren vermeintliche Bildungsdefizite vorhält, ist in Schriftstellerkreisen leider keine Seltenheit. Na, wenn die Welt, wie wir sie kennen erst einmal auseinandergefallen ist, werden die entsprechenden Kandidaten schon sehen, was ihre sogenannte Bildung wert ist.

Mir ist zu Ohren gekommen, dass das Leseranschaffen auf Euren legendären Lesetouren oder gar auf Buchmessen nicht gerade zu Euren Lieblingsbeschäftigungen gehört. Könnt Ihr mir näher erklären, warum das so ist. Lasst Ihr Euch nicht gern feiern?

Mademoiselle, ich erlaube mir, Euch abermals energisch zu widersprechen. Dass ich meine Leser anschaffen schicke, ist eine glatte Lüge. Richtig ist dagegen, dass ich mich höchst gern feiern lasse. Wenn vor dem Bad in der trunkenen, völlig enthemmten Menge nur nicht immer die Arbeit, sprich: das Vorlesen stünde.

Es gab Zeiten in Eurem Leben, in der Eure Durchlaucht als gefeierter Poetry Slam-Meister durch die Lande gezogen sind, und auf die Ihr heutzutage nur ungern angesprochen werdet. Ich tue es nun trotzdem: Gab es ein Schlüsselerlebnis, aufgrund dessen Ihr dieser Szene letztendlich den Rücken gekehrt habt?

Wie so vieles, was am Beginn seiner Existenz noch unberechenbar und schwer zu zähmen ist, bald darauf aber träge und teigig daherkommt, bewegt sich auch dieses Poetry-Slam-Dingens mittlerweile in recht überschaubaren Bahnen. Langeweile stellt sich da, so du nicht rechtzeitig den Absprung findest, fast von selbst ein. Und langweilige Erlebnisse zu sammeln, ist nun wahrlich nicht der Motor meines Schaffens.

Fühlt Ihr Euch manchmal von der eigenen Klientel missverstanden? Interpretiert man manchmal Dinge in Eure schmutzigen Werke hinein, die Ihr so nicht gemeint habt?

Ich fühle mich fast immer missverstanden. Und das ist auch gut so. Denn wenn die geschätzte Leserschaft meine Bücher so interpretieren würde, wie ich mir das wünsche, wäre ich entweder ein recht simpler Autor oder meine Leser nicht die kritischen Geister, Querulanten und Krawallschachteln, die es unbedingt braucht, um sich als Künstler lebendig zu fühlen.

Auch ich habe am eigenen Leib erfahren dürfen, wie Ihr Euch kleinkriminellen Schreiberschützlingen uneigennützig und großzügig annehmt. Ist es Euch ein inneres Anliegen, Eure langjährigen Erfahrungen in den schmierigen Gassen der Literaturunterwelt weiterzugeben?

Mit Kleinkriminellen habe ich nichts zu tun. Wäre ja auch noch schöner, schließlich bin ich auf Bewährung draußen. Für den schreibenden Nachwuchs habe ich allerdings tatsächlich ein Herz. Mir ist zu Beginn meiner strahlenden Karriere allerlei Hilfe von Seiten der Kollegenschar zuteil geworden. Diese guten Ratschläge („Zu jedem Kaffee mindestens drei Zigaretten.“ „Niemals mehr als drei Papstwitze pro Seite.“) gilt es unbedingt weiterzugeben.

Passiert es Euch manchmal, wenn Ihr einen Roman ausheckt, dass Ihr Euch während der Handlung in eine der agierenden Personen verliebt? Oder seid Ihr schon vorher verliebt und strickt dann einen Roman um diese Gestalt herum?

Ich verachte sämtliche meiner Romanfiguren. Und das ohne Ausnahme. Demgemäß existiert auch kein Buch aus meiner Feder, in dem am Ende nicht sämtliche Protagonisten eines üblen Todes gestorben wären.

Immer wieder liest man von Eurem innigen Verhältnis zu all den Ordnungshütern dieser Welt. Seid Ihr ein Ordnungsfanatiker?

Ich würde die Sicherheitsorgane noch deutlich mehr lieben, wenn sie sich endlich dazu durchringen könnten, Helme, Knüppel und Reizstoffsprühgeräte beiseitezulegen und gemeinsam mit Euch, mir und weiteren Tagedieben Regierungsgebäude, Bildungseinrichtungen und Fabrikanlagen zu besetzen.

Am Ende würde ich Eurer Hoheit gern noch eine persönliche Frage stellen: Zurzeit kursieren im Untergrund diverse, sich widersprechende Gerüchte zu Eurer Person. Es haben sich zwei Lager gebildet. Das erste behauptet, dass Ihr anstatt zu schreiben lieber mit der Waffe im Anschlag und einem „Venceremos!“ auf den Lippen in eine gerechte Schlacht ziehen würdet. Das andere Lager erklärt dagegen, Euer mysteriöser Nachname wäre die Abkürzung eines Geheimbundes, der ausgesprochen „Organisation freier Feen“ lautet. Ihr wärt der Kopf dieses illegalen Bundes, die sogenannte Oberfee, die obwohl sie die Gestalt eines Türstehers angenommen hat, in Wahrheit ein zartbesaitetes, kleines Persönchen darstellt, das den vielen Verlierern am Rande der Gesellschaft jederzeit zu Hilfe eilt und glücksbringende Nasentropfen verteilt. Hand aufs Herz, was ist dran an diesen verstörenden Behauptungen?

Beide Lager irren, Baronesse. Das zweite allerdings deutlich weniger als das erste. Denn was meine Existenz angeht, verhält es sich so: Ich bin eine unbedeutende Filzlaus im Flaumkleid einer Fee, die es sich wiederum in der Rückenbehaarung eines Höhlentrolls gemütlich gemacht hat. Von dort aus steuert sie per Gedankenkontrolle ein Millionenheer willenloser Sklaven, die sie im privaten Kreis gern als „Opfer, Furunkel, Fickfressen“ bezeichnet.

Sir Jan Off, ich bedanke mich für Eure klaren Worte!

* Fotos von Lucja Romanowska