DIE SHITLERS


Schon mal ein geiler Bandname, dachte ich mir, als ich vor kurzem die bereits zweite CD von DIE SHITLERS in die Hände bekam. Und nach dem Hören hab ich mich auch gleich in die Scheibe verliebt. Einfacher, schneller Deutschpunk mit Melodie und einem deutlichen Hip-Hop-Einschlag. Dazu nicht immer politisch korrekte Texte, die durchaus als Satire – eher Realsatire – anzusehen sein könnten. Nun wollte ich die Intention des Trios aus Bochum doch etwas genauer hinterfragen. Und das habe ich auch versucht.

Ugly Punk: Hallo erst mal. Ihr kommt aus Bochum und würdigt die Stadt auch in ein paar Songs. Was macht Bochum zur Punkrock-Hauptstadt?

Frank: Punk wurde in New York erfunden, kam von dort aus nach Kalifornien und anschließend nach England. Verbindet man diese drei Punkte, so erhält man ein Dreieck. Bochum liegt teilweise exakt in der Mitte dieses Dreiecks. Hinzu kommt, dass man sich die Stadt bzw. die Region, in der man geboren wird, nun mal nicht aussucht. Das sagte auch die Band Operation Semtex schon.

Martin: Nichts. Bochum ist eher so das Punkrock-Bochum würde ich sagen. Stark unterschätzt, aber deshalb noch lange nicht richtig geil.

Tristan: Wir.

Ugly Punk: Ihr macht ja eher so lustige, schnelle 3-Akkord-Musik, driftet aber auch mal in den HipHop ab. Als was würdet ihr Eure Mucke eigentlich beschreiben?

Martin: Wir versuchen, melodischen Skatepunk und Pop-Punk zu mischen. Mitunter gelingt uns das ganz gut, insgesamt gibt es aber noch viel Luft nach oben. Irgendwann in der Zukunft werden wir vielleicht richtig gut! Bis dahin recyceln wir erstmal Lieder, die wir mit unseren alten Bands hatten.

Frank: Wir lassen uns da in keine Schublade stecken.

Tristan: Unsere Musik soll vor allem etwas in den Menschen auslösen. Was, ist dabei eigentlich recht egal. Geil ist, wenn dann benutzte Klobürsten auf die Bühne fliegen. Nicht so geil ist, wenn die Leute hinterher kommen und sagen es wäre sehr gut gewesen, obwohl es sehr schlecht war. Aber okay ist das dann immer noch.

Ugly Punk: Prägt das Umfeld die Musik die man macht?

Martin: Ja, aber ich weiß nicht genau, wie. Dass wir bodenständig und nicht affektiert sind, ist auf jeden Fall nur vorgeschoben. Tatsächlich haben wir alle Geisteswissenschaft studiert.

Frank: Bei mir ist es wohl eher mein Medienkonsum, der mich geprägt hat. Ich hab immer Punk gehört, das meiste andere kann ich mir echt nicht antun. Selbst die meisten Punkbands gehen gar nicht klar. Vor allem so neue deutsche Sachen, wo die Leute komische Klamotten anhaben und die Sänger mit hohen und unverständlichen Stimmen irgendwelche pseudointellektuellen Texte kreischen. Hinzu kommt natürlich auch, dass ich nicht besonders musikalisch bin. Ist also unvermeidbar, dass ich, wenn ich schon Musik mache, auch Punk mache.

Tristan: Ja. Die andere Band in unserem Proberaum lässt immer überall Flaschen rumstehen und raucht da fürchterlich viel. Dadurch können wir sehr viel Hate in die Musik stecken und müssen uns kein eigenes Punkumfeld schaffen.

Ugly Punk: Darf man denn überhaupt Punk oder HipHop – oder was auch immer -  machen, wenn man in einem ganz anderen Umfeld aufgewachsen ist? Dann ist man ja gar nicht authentisch, oder?

Martin: Es ist sogar sehr wichtig, dass Leute das machen. Worüber sollten die Rapper sonst reden?

Frank: Ist bei Punkern nicht anders. Was bleibt denn noch, wenn man niemandem mehr „Scheiß Wochenendpunker“ hinterherschreien kann?

Tristan: Ich weiß nicht. Das Umfeld, in dem ich aufwuchs, bestand in meinen ersten 14 Jahren vor allem aus Untervierzehnjährigen. Dann war ich bereits 1,88m groß, also war da nicht mehr viel mit aufwachsen.

Ugly Punk: Ihr nehmt, wie man den Texten anmerkt, vieles nicht ernst und macht Euch auch über alles und jeden lustig. Der ein oder andere Assl-Punk oder Antifa-Aktivist könnte sich mit Eurem Humor, Eurer direkten Wortwahl und den textlichen Provokationen schwer tun. Woran könnte das liegen?

Martin: Das liegt daran, dass sich viele Leute sehr ernst nehmen und nicht gut mit Kritik umgehen können. Wir sind aber eigentlich sehr reflektierte, liebevolle Menschen, nur leider auch sehr enttäuscht. Bitte seht uns das nach und ärgert Euch weiter.

Tristan: Das liegt an Dummheit. Wie genau diese aussieht, hat Martin ja schon ganz gut erklärt.

Ugly Punk: Gab’s denn schon mal Probleme wegen euren Texten? Lieder wie „Gegen Nazis reicht“ oder aber auch „Kein Piercing…“ könnten im pc- oder ‘truePunk’-Sektor doch zu Anfeindungen führen.

Martin: Ja, gab es schon öfter. Einmal in der KTS wollte einer wissen, wie wir das mit Hurensohn meinen. Wir haben dann gesagt, dass wir nichts gegen Sexarbeiterinnen haben. Dann war es irgendwie okay. Einer hat auch mal eine empörte Mail geschrieben, in der er sagte, er wolle unsere CD nicht besprechen. Ansonsten fällt mir dazu gerade nichts ein.

Frank: Hin und wieder gibt es Anfeindungen. Aber je mehr man sich mit Trophäen schmücken kann, die in der Punkszene relevant sind (Konzert bei Punk im Pott, Interview bei Uglypunk, CD bei Subwix), desto mehr glauben die Leute, dass das, was wir machen, lustig, harmlos und legitim sei. Voll die Idioten, denn das genaue Gegenteil ist der Fall.

Tristan: Wie wir angefeindet werden, ist ja eigentlich egal, solange unsere Familien immer zu uns halten und Gott seine schützende Hand über uns hält. Problematisch ist vielmehr, dass wir in diesem Interview bis jetzt noch niemanden angefeindet haben. Darum mache ich das jetzt mal: Pizzaboy ist eine richtig beschissene Pizzeriakette. Wer da regelmäßig bestellt, kann sie nicht mehr alle beisammen haben.

Ugly Punk: Gibt’s für Euch einen Unterschied zwischen ‘Punk sein’ und ‘Punkmucke’ machen? Oder ganz profan: Was ist Punk? (ihr singt ja ‘viel mal mehr Punk als Du!’)

Martin: Das singt Frank. Er sagt aber „zehn mal mehr“ glaube ich. Den Unterschied, den Du beschreibst, gibt es m.E. auf jeden Fall. Viele Leute, die Punk machen sind sehr spießig und dumm. Dumm sein ist kein Problem, aber spießig schon. Wenn man spießig ist, kann man kein Punker sein. Das geht nur, wenn man sein Ding macht und seinen Weg geht, egal, was die anderen sagen.

Frank: „Zehn mal mehr“ ist richtig. Das möchte ich auch hier nochmal ausdrücklich betonen. Für mich drückt sich Punk hauptsächlich durch die Mode aus. So hart es klingt, aber ohne Lederjacke ohne eine Ratte auf der Schulter kannst du einfach kein richtiger Punk sein.

Tristan: Ich möchte mich an dieser Stelle gern selbst zitieren: Punk ist keine Bewegung, Punk ist ein Gefühl. Aber kein schönes. Und wie sich dieses Gefühl äußert, ist dabei ja eigentlich recht egal. Unser bereits erwähnter Proberaum ist extrem klein, feucht und allgemein scheiße. Das brauchen wir für das „Gefühl Punk“ einfach, damit wir für’s Punkmachen nicht zu Punkern werden müssen.

Ugly Punk: Also ist Punk (zumindest in unserer Wohlstandsgesellschaft) eigentlich oft nur so ‘n Spaß-Ding?!

Frank: Ja, ist es. Das wissen nur noch nicht alle.

Tristan: Manchmal ist Punk aber auch traurig. Das wissen dagegen die meisten.

Ugly Punk: Provoziert Punkrock eigentlich noch, außer vielleicht innerhalb der eigenen Zielgruppe?

Martin: Ich finde nicht, dass Punk viel in der eigenen Zielgruppe provoziert. Punker sind eigentlich eher konservativ und maintainen ihre Traditionen. Das ist teilweise korrekt, teilweise aber auch nicht gut. Neulich im Clochard wollte Atze Ben von der Terrasse auf die Reeperbahn pinkeln und die Punker, die da waren, haben ihn abgehalten. Ganz schön spießig.

Frank: In der eigenen Zielgruppe wird sehr wenig provoziert, alle Punker sehen sehr gleich und sehr szenekonform aus, haben meistens die gleiche Meinung und feiern die gleichen alten Idole (wie zum Beispiel den konservativen Christen Johnny Cash). Daher lassen die sich sehr leicht provozieren. Letztens hat sich ein Skinhead darüber beschwert, dass der Schirm meiner Mütze nicht gebogen genug ist. Davon fühlte der sich gestört.

Tristan: Fler meinte aber letztens auch, dass ganz flache Caps nur bei Schwarzen klar gehen.

Frank: Was die Außenwahrnehmung angeht, verliert man glaube ich (zumindest merke ich das bei mir) mit den Jahren den Bezug dazu, was „normale“ Leute außerhalb der Punkszene schlimm finden. Letztens hab ich etwas Interessantes beobachten können, was mir aber wieder schlagartig die Augen geöffnet hat. Am Bochumer Hauptbahnhof ging ein relativ normal aussehender Typ vor mir die Treppe herunter und hat dabei den Inhalt seiner halbleeren Wasserflasche (Wasser) ausgekippt. Da er sich am äußersten Rand der Treppe befand, wurde niemand von seinem Verhalten beeinträchtigt. Die beiden Perlen, die neben mir gelaufen sind, haben aber empört den Kopf geschüttelt und Dinge gesagt wie: „Krank, einfach nur krank“, oder „Boah, wie asozial ist das denn?“ Das war für mich ein intensiver Moment und ich musste mir die Reaktion der beiden vorstellen, wenn sie gesehen hätte, als Atze Ben am selben Ort in den Aufzug gepinkelt hat.

Tristan: Punk provoziert ja mittlerweile institutionalisiert. Klar befinden sich die Verhaltensweise, das Erscheinungsbild und so weiter von Punks immer noch bewusst außerhalb der gesellschaftlichen Normalität, aber das schockt ja schon ewig niemanden mehr. Man regt sich halt darüber auf, wie die aussehen, aber eben so, wie man sich auch über ein weinendes Kind aufregt, oder über schlechtes Wetter. Aber dafür ist die Ablehnung immerhin ehrlich.

Ugly Punk: Der Kommerz hat ja auch ganz schön Einzug gehalten. Bad Religion, NoFX und und und… spielen ja oft genug auf den fettesten Festivals. (is leider keine Frage, wüsste aber trotzdem gerne wie ihr das findet. Ich schau mir jedenfalls gerne abends auf ZDFneo noch’n Auftritt von den Hosen beim RaR an)

Martin: Hosen feier ich. Hört Euch den Track über Die Toten Hosen von dem Antilopen-Rapper Kolja an: https://www.youtube.com/watch?v=7NMzT6OJnmE

Frank: Wenn viele Leute daran Interesse haben, ein Konzert von NOFX zu besuchen, dann müssen die ja auf großen Veranstaltungen spielen. Also müssen sie natürlich nicht, aber die Alternative wäre ja, dass nicht alle Leute zum Konzert gehen können. Außerdem ist es bei Punkbands so, dass selbst große Namen wie Bad Religion oft einen finanziell ziemlich unsicheren Lifestyle, keine Ausbildung und keine Rentenversicherung haben. Die meisten Konzertbesucher sind jedoch Schüler, Studenten oder haben einen festen Job und sollten sich daher zurückhalten, wenn es darum geht, eine Band für ihre Festivalgage zu kritisieren.

Tristan: Mir ist das echt egal, wo wer spielt. Man könnte jetzt hier stundenlang von ökonomischen Gesetzmäßigkeiten rumlabern und dagegen dann die Kunstautonomie ins Feld führen, aber die Diskussion wurde ja schon öfter geführt, als die Frage überhaupt gestellt wurde. Ich find’s schön, wenn Leute von Musik leben können, und wenn deren Musik dann kacke wird, hör ich sie mir halt nicht mehr an. Die alte Musik verändert sich nicht, und auf Konzerte gehe ich sowieso selten. Daher betrifft mich das nicht so.

Ugly Punk: Sido hat irgendwann mal sinngemäß gesagt, HipHop sei der neue Punk. Hat er damit recht? …und wie passt Money Boy da mit rein?

Tristan: Money Boy passt einfach überall rein (no homo). Spaß beiseite; wieso sollte eine sich mit Schmuck und Glitzer umgebende Figur, die obskure Dinge redet, die keiner versteht, und ständig neue Gruppen gründet, da nicht reinpassen? Ich sehe da nichts, was Punk widersprechen würde. Ansonsten ist die Aussage, im positivsten Sinne, Unsinn.  Aber Sido gilt ja auch als starker Kiffer, da kann man schon mal Identitätsstörungen entwickeln.

Martin: Ist mir scheißegal, diese Rapper reden viel, wenn der Tag lang ist.

Frank: Wahrscheinlich ist ihm ja selbst nicht ganz klar, was er damit gemeint hat. Wahrscheinlich irgendwas diffuses, was darauf hinausläuft, dass HipHop so rebellisch ist, wie Punk es früher mal gewesen ist. Kann ich nicht beurteilen. Als ich angefangen habe, mich ernsthaft für Musik zu interessieren, liefen Videos von Punkbands bei MTV. Find ich jetzt nicht so rebellisch. Angeblich war das früher mal anders,  und dieser Mythos hat ja bis heute überlebt. HipHop ist auf jeden Fall interessanter als Punk, weil es Beef gibt, der über Videos bei Youtube ausgetragen wird. Punk war früher mit Sicherheit nicht so spannend, weil es kein Internet und auch kein Beef gab.

Ugly Punk: Wird im Punk wirklich zu wenig gedisst oder vielleicht doch nur die falschen Bands?!

Martin: Es wird zu wenig gedisst, definitiv. Außer uns disst ja niemand. Ein positive Entwicklung ist die Newsplattform Punkupdate, da kann man sehen, wie Punk sich idealerweise entwickeln sollte.

Frank: Im Punk wird zu wenig gedisst. Hätten wir mehr Zeit und Aufnahmemöglichkeiten, würden wir gerne jede Woche einen Disstrack raushauen und eine Band nach der anderen zerficken.

Tristan: Es wäre sehr schön, auch gedisst zu werden. Vielleicht kommt das ja bald mal, und ein Beef eskaliert. Das wäre wohl das schönste, was dieser Band passieren könnte.

Ugly Punk: Wenn ich mich nicht täusche, haben ein oder zwei von Euch eine Schrift mit dem obskuren Titel ‘Punk in Deutschland’ erstellt und auch veröffentlicht. Eine Art wissenschaftliche Aufarbeitung des Faszinosum ‘Punk’. Was steckt denn da dahinter?

Frank: Ich habe damit nichts zu tun und kann zu der Frage nichts beitragen. Um jetzt aber nicht stumm zu bleiben, möchte ich die Gelegenheit nutzen, ein paar Leute zu grüßen. Ich grüße Simon Maier, Andreas Holz, Sebastian Faber, Atze Ben, das Shitlers Ultras Chapter Dormagen sowie Niklas aus Bochum und Malte aus Witten. Ihr seid alle richtig stabil, weiter so!

Tristan: Ich schließe mich den Grüßen von Frank, soweit bekannt, an, und möchte den letzten sechs, Frank und Martin zur Diskussion stellen, die übrig gebliebene Kohle von der Pauschalreise bei unserem Konzert im Intershop am 02.10. restlos wegzusaufen. Das wäre super.

Martin: Das war Philipp, ein Freund von mir, den ich aus dem Studium kenne, der hat uns auch mal interviewt, aber ich glaube, die Videomaterialien sind so schlimm und peinlich, dass wir seitdem nicht mehr drüber gesprochen haben. Das Buch war ein als wissenschaftliche Arbeit getarntes Liebhaberprojekt (pro homo). Gerade arbeiten wir an einem weiteren Ding über die Globalisierung von Skatepunk und Philipp schreibt noch ein Buch über Punkbands und Homosexualität. Das dauert aber glaube ich alles noch ein bisschen.

Ugly Punk: Den letzten Punkt (…den mit den Grüßen) habt ihr mir ja schon vorweg genommen;  und auf die neuen wissenschaftlichen Arbeiten bin ich bereits gespannt! Ich bedanke mich jedenfalls für eure Auskunftsfreude und verbleibe mit einem herzlichem Gruß…Mirko

http://dieshitlers.blogspot.de