AUF BEWÄHRUNG


AUF BEWÄHRUNG – Die um die Jahreswende 2005/2006 formierte Band zählt sicherlich mit zur Gruppe der fleißigen Punkrockbands. Tausende von abgerissenen Kilometern, eine mittlerweile dreistellige Anzahl an Shows, die von Kellerlöchern bis hin zu großen Bühnen reichen, und in regelmäßigen Abständen immer wieder neue Veröffentlichungen, wie z.B. aktuell die “Zurück auf Start“ 7Inch. Da sich die Jungs momentan ein paar freie Wochenenden gönnen, haben wir die Gelegenheit ergriffen und mit Sänger und Gitarrist Archi das altbekannte Frage- und Antwortspielchen gespielt.

Ugly Punk: Und? Wie ist die Lage? Alles entspannt?

Archi: Na klar. Unsere neue Platte ist nach Monaten voll Ärger und Stress endlich draußen, wir gönnen uns ein paar freie Wochenenden, arbeiten an neuen Songs und lassen die Seele baumeln.

Ugly Punk: Live seid ihr, vor allem in der letzten Zeit, ja ziemlich aktiv. Wenn ich das richtig überblicke steht auch keine Booking Agentur hinter euch, sondern ihr regelt die Konzertgeschichten alle selber. Von jüngeren Bands hört man oft, dass es nicht immer leicht wäre an Auftrittsmöglichkeiten zu kommen. Wie läuft das bei euch? Einfach hartnäckig und frech bleiben und die Veranstalter nerven? Habt ihr da ein heiße Tipps für die ständig Suchenden?
Archi: Die Punkszene ist ja zum Glück gut vernetzt, so nach dem Motto „Hilfst du mir, helf ich dir“ – da werden Kontaktdaten hin- und hergeschickt und sich gegenseitig ausgeholfen. Bis vor ein paar Jahren habe ich auch noch selbst immer mal wieder Shows veranstaltet, da kommt man mit Bands ins Gespräch und sammelt Kontakte. Geile Sache eigentlich! Ansonsten hast du schon recht „einfach frech bleiben“ und immer mal wieder anklopfen, grade, wenn es neue Songs gibt und so. Und vor allem muss man als Band bereit sein, auch mal 500km zu fahren, keinen Pennplatz zu haben und vielleicht grade so das Spritgeld rauszubekommen oder ein bisschen aus dem Merchtopf in den Tank zu stecken. Eigentlich geht es ja im Grunde genommen einfach um das „Unterwegs-Sein“, besser als in der Kneipe oder zuhause rumzuhängen.

Ugly Punk: Auch die Labelgeschichte habt ihr bisher nicht aus der Hand gegeben. Kein Bock auf ein Label oder einfach noch nicht das Passende gefunden?
Archi: Teils teils. Wir hatten schon ein paar Angebote, die uns aber nicht so wirklich zufrieden gestellt haben und klopfen auch immer mal wieder bei unseren Wunschlabels an. (Das ist wohl das gleiche wie die Sache mit den Konzerten. Hehe!) Oft denken wir uns, mal abgesehen vom Vertrieb, können wir den Kram doch gut alleine regeln – darum lasse ich das alles über mein eigenes kleines Ding „Riotkids Records“ laufen, was aber im Prinzip nur ein Name ist, der hinten auf den Platten steht und kein richtiges Label. Es ist auch ein tolles Gefühl, zumindest für mich, sowas wie eine Plattenveröffentlichung alleine (bzw. mit der Hilfe von Freunden, die z.B. das Artwork, die Videos oder die Fotos machen) gestemmt zu haben.

Ugly Punk: Ein Foto von euch, über das ich kürzlich gestolpert bin, zeigt euch mit wesentlich kürzeren Haaren und einem Outfit, dass auf den ersten Blick auf eine klassische Oi-Band schließen lässt. Liegen dort eure Wurzeln?
Archi: Wir fanden es zu einer gewissen Zeit „schick“ wie Skinheads rumzulaufen. Oi waren wir eigentlich nie, wir haben Punkrock gemacht und eben Glatzen gehabt. Zu der Zeit (2007 etwa) haben wir angefangen LOIKAEMIE und BROILERS und sowas zu hören – was ja nicht grade typischer Oi war und ist. Wir waren dann immer „die Punker ohne Haare“, die WAHREN Skinheads mochten uns nicht wirklich. Die Wurzeln liegen ganz klar bei SLIME, DRITTE WAHL, TERREOGRUPPE, WIZO und auch (typisch ostdeutsch) bei SCHLEIMKEIM.

Ugly Punk: Nun ist es ja normal (bzw. sollte normal sein), dass Bands sich weiterentwickeln. Vergleicht man euer erstes Werk mit eurem letzten, so merkt man diese Entwicklung nicht nur ein wenig, sondern mehr als deutlich. Gibt es Fans der ersten Stunde, denen die Entwicklung zu weit geht und die lieber wieder den alten Sound zurück haben wollen?
Archi:
Diese Vorwürfe bekamen wir eher beim letzten Album, da ging es aber mehr um die Texte, denn die waren um einiges politischer als die der ersten Platte. Zu Anfang war es ja eher reiner Fun-Deutschpunk, Songs über Aiman Abdallah und Mozart, gepaart mit 2-3 politischen Seitenhieben, „Schnauze voll“ war ja dann fast durchgehend politisch und vor allem auch plakativ. Die neuen Songs haben wir wieder im gleichen Studio aufgenommen wie unsere erste Platte und ich finde auch, dass ein Song wie „In dieser Zeit“ musikalisch nun nicht viel anders ist und fast auch mit auf die neue EP gepasst hätte. Aber generell finde ich Entwicklung gut, die ersten beiden Scheiben GIBT es, die Leute können sie immer wieder hören, aber wir als Musiker müssen nicht zwingend nochmal 1:1 eine gleiche Platte machen, weder textlich, noch musikalisch.

Ugly Punk: Man sagt ja immer, dass man als Band auch kritikfähig sein muss. Wie geht ihr als Band mit Kritik um und was war das gemeinste oder dümmste, was euch jemals über euch selbst zu Ohren kam oder was irgendwer mal über euch geschrieben hat?
Archi: Bei uns ist es so, dass wir selbst unsere größten Kritiker sind. Selbst wenn es irgendwelche Kritik gibt, dann wurde sie mit ziemlicher Sicherheit VORHER schon intern durchgekaut. Beispiel vergangenes Album: Es gab fast durchweg positive Reviews, aber WIR waren eben davon überzeugt, dass es besser werden muss. Der größte Unsinn, der mich nervt, ist der, dass Leute immer wieder sagen „die ROCKSTARS von AUF BEWÄHRUNG, mit ihrem eigenen Bus, ihren vielen Konzerten“ etc. – da scheinen die Leute zu vergessen, dass man eben nicht, wie wir es jahrelang gemacht haben, mit einem Kleinwagen zu 50-60 Konzerten im Jahr fahren möchte und genauso wird (evtl. wohlwissend) ignoriert, dass wir keine Mordskohle für die vielen Konzerte nehmen und oft genug auch Soli-Shows spielen, wo wir ganz drauf verzichten. Aber im Prinzip ist es auch egal, solange 5 Leute zu unseren Shows kommen und einem danach verschwitzt um den Hals fallen – mal mit ganz viel Pathos gesagt.


Ugly Punk: Kommen wir mal auf die Texte der neuen Platte zu sprechen. Parolen gibt’s keine, dafür aber viel persönliches. “Zurück auf Start“ oder “Bleib, wo Du bist“ drücken die Enttäuschung von Beziehung und Freundschaft aus. Wahre Begebenheiten die verarbeitet werden?

Archi: Wie schon gesagt, die plakativen Parolen haben wir im vorangegangenen Album abgearbeitet. „Nazis aufs Maul“ und „Klau dir dein Leben zurück!“ spielen wir immer noch gern, aber es gibt eben noch mehr…Und die Sachen von denen ich in den neuen Songs singe, sind tatsächlich so passiert, ja. Auch ein wenig autobiographisches Verarbeiten des vielen Unterwegs-Seins, des daraus resultierenden Auseinanderlebens und so weiter.

Ugly Punk: “Nur ein Hit entfernt“ – ein Lied über den Wunsch, irgendwann mal den großen Hit zu schreiben. Aber was wäre wenn? Was, wenn euch das gelingen würde, was z.B. den BROILERS gelungen ist? Möglich? Völlig ausgeschlossen? Oder in Arbeit?
Archi: Naja, diese Interpretation ist ja nur EINE Seite der Medaille, denn auf der anderen Seite geht es auch darum, „nur ein Hit VONEINANDER entfernt“ zu sein – wie, wenn sich fremde Menschen in die Arme fallen und zusammen „Mein Skateboard ist wichtiger als Deutschland“ singen. Und sowas, wie den BROILERS gelungen ist, kann sicher niemand „planen“, vor allem nicht, ohne das nötige Kleingeld. Außerdem bleibt die Frage auch offen WOVON wir denn „nur ein Hit entfernt“ sind – das kann ja auch der große Zusammenbruch eines „One-Hit-Wonders“ sein. Ich sehe das ein wenig differenzierter. Aber mit den BROILERS triffst du ja bei mir, wie erwähnt, einen Nerv. Denn letztendlich ist dieser Weg ja der Traum jedes Musikers: Jahrelang immer Stück für Stück zu wachsen, ohne sich wirklich verbiegen zu müssen (Ich kaufe den Jungs und dem Mädel das schon ab, dass auch die neueren Sachen genau ihr Ding sind) und dann eben „ganz oben“ zu stehen und niemand kann sagen, dass es unverdient ist.

Ugly Punk: “Kein Führer, keine Heimat“ heißt es im Song “Ne´ Buddel voll Ru(h)m“. Über divserse Deutschrockbands und ihrer Standpunkte zur Heimat wurde und wird zur Genüge berichtet. Aber welche Bedeutung hat das Wort “Heimat“ für eine linke Punkband bzw. hat es überhaupt eine oder darf es eine haben? Was fällt euch zum Begriff “Heimat“ ein und wie definiert ihr sie?
Archi: Nicht umsonst ist bei uns der Zusatz „Punkrock aus Facebook“ Programm. Haha. Wir haben keine wirkliche Heimat und daher einen eher ironischen Umgang damit. Unsere (Band-) Heimat lässt sich vielleicht am ehesten damit identifizieren wo wir unseren Proberaum haben. Uns ist es auch egal, ob auf den Flyern nun steht „…aus Meck-Pomm“, „…aus Ostdeutschland“ oder was auch immer. Das lassen wir jedes Mal unkommentiert – wir haben uns nie dadurch definiert und werden es vermutlich auch nie. Und ich finde auch nicht, dass das andere Leute tun sollen – seid stolz auf eure Band, eure Kumpels und meinetwegen auch auf euren Fußballverein – aber nicht auf etwas wie eine „Heimat“. Ich selbst bin schon so oft umgezogen, dass sich der Begriff für mich sowieso vollkommen verwässert hat und dadurch ist mir sowas wie Lokalpatriotismus völlig fremd. Für uns gibt es eher den Begriff „Zuhause“ und das ist dort, wo wir unsere Freunde und Familie haben – aber auch Städte, in denen wir gerne spielen, sind dadurch eine Art „Zuhause“ geworden – manche so sehr, dass wir unseren Lebensmittelpunkt einfach dorthin verlagern.

Ugly Punk: Eurem Heimatstädtchen Wismar seid ihr längst entflohen und habt quasi einen Bandkomplettumzug nach Leipzig gewagt. Was macht bzw. studiert ihr dort und was unterscheidet Leipzig (mal abgesehen von der Einwohnerzahl) eurer Meinung nach von den Musikergroßstadtmetropolen Hamburg und Berlin?
Archi: Leipzig ist etwas familiärer – du gehst raus und weißt, dass du bestimme Leute auf jeden Fall an bestimmten Orten triffst. Das ist schön. Andererseits haben wir in der Band auch einen unterschiedlichen Background: Ich, der aus Berlin nach Leipzig gezogen ist und mich freue, nicht jeden Tag auf eine Show zu „müssen“ (Haha!) und die anderen die sich freuen, dass sie jeden Tag weggehen können und es ist immer etwas los – aber halt auch nicht ZU viel. Man fühlt sich eher willkommen und weniger anonym. Obwohl ich diese Anonymität in Berlin auch sehr geschätzt habe… Schwer zu sagen, hat beides sein „für“ und „wider“.

Ugly Punk: Von einigen Bekannten aus Mecklenburg-Vorpommern hört man immer wieder, dass die braune Szene dort sehr aktiv ist. Wie sieht es in Wismar mit dem brauen Gesindel aus?
Archi: Derzeit hören wir immer weniger aus Wismar, aber wir sind ja auch seltener oben. Die Faschos dort haben sich ja der autonomen Szene abgewandt und sind „seriöse“ Motorradrocker geworden, deren Club dann auch ganz schnell verboten wurde. Sicher ist Wismar bestimmt nicht, ich würde da nicht alleine auf Stadtfesten etc. rumlaufen wollen… Nicht zuletzt weil schon mehrere Konzerte von uns dort bedroht und angegriffen wurden und ein paar Tage nach der Veröffentlichung unseres ersten Videos, was wir in einem alternativen Wohnprojekt dort gedreht haben, eben dieses mit schwarz-weiß-roten Farbbomben attackiert wurde. Also gibt es in der Provinz sicher noch einiges zu tun und da ist es nicht förderlich, dass alternative Zentren entweder von der Schließung bedroht oder komplett im Stich gelassen werden.

Ugly Punk: Vor fast genau einem Jahr, wenn ich mich recht zurück erinnere, habt ihr mal bei einem kleinen ZSK-Gewinnspiel mitgemacht. Es ging darum, von welcher Facebook- Bandseite der dort gepostete ZSK Tourflyer am häufigsten geteilt wird und ihr hattet, so dachte man, die Nase vorn. Der Preis wär ein Platz als ZSK-Vorband gewesen, den aber dann doch einer anderen Band zugewiesen wurde. Rock´n´Roll Swindle? Technischer Fehler? Was war da los und wie haben sich die Parteien geeinigt?
Archi: Es war wohl eine Panne beim Auszählen, wenn ich mich richtig erinnere – unsere „Facebook-Fans“ haben bis zum Stichtag abends den Flyer wie verrückt geteilt und wir hatten mit Abstand die meisten „Shares“, die Messung der Offiziellen fand aber zu einem früheren Zeitpunkt statt, zu dem wir scheinbar nicht vorne lagen. Es gab dann auch keine Möglichkeit, das nachträglich nachzuprüfen und wir haben es so hingenommen. Uns wurden dann Gästelistenplätze für die entsprechende Show angeboten, aber wir haben uns einfach ein anderes Konzert gesucht, auf dem wir dann gespielt haben. Also kein böses Blut, aber mein 16-jähriges Skatepunk-Ich wird noch eine Weile brauchen, um den Schock zu verarbeiten.

Ugly Punk: Da fast jedes Interview mit “die letzten Worte gehören euch“ endet, möge dieses mit dem bis jetzt für dich/euch besten Album in 2014, dem bis jetzt besten Song in 2014 und dem bis jetzt besten zu Augen und Ohren gekommenen Konzert in 2014 enden. Bitteschön… und Dankeschön.
Archi: Ich teile das mal auf, denn das beste Album für die ganze Band ist ganz sicher: „Diene der Party“ von PASCOW, obwohl das beste Album sicher erst noch bevorsteht und zwar „Get Hurt“ von THE GASLIGHT ANTHEM. Der beste Song ist schwer, ich weiß, was der wichtigste Song des bisherigen Jahres ist und zwar „Ich will hier nicht sein“ von den BROILERS – andererseits ist auch „I don’t wanna be an Asshole anymore“ von THE MENZINGERS immer einen Ohrwurm wert. Beim besten Konzert muss ich kurz in meinen Veranstaltungskalender schauen: Anfang Januar fand ich WOLFxDOWN in Berlin ziemlich geil. Lang keine solche Gänsehaut gehabt, bei Musik, die eigentlich nicht mein Terrain ist. Und mit der Band haben wir einige tolle Konzerte in diesem Jahr gespielt, eines der Highlights war sicher das AGGROPUNK-Fest in Nürnberg. Vielen Dank