SICK OF SOCIETY


Vor kurzem hab ich mich auf die anstrengende Reise ins nahegelegene Ulm begeben um den UglyPunk-Chef mit seiner Musikgruppe, deren Namen mir gerade entfallen ist, mal wieder Live on Stage zu sehen. Dabei konnte ich mich für die erste Band, die den Abend musikalisch eröffnen sollte, direkt begeistern: SICK OF SOCIETY, wahrlich keine Newcomer mehr, mir aber bis dato aber weitgehend unbekannt, haben mich mit ihrem kraftvollen, energiegeladenen Sound ziemlich von den Socken gehauen, weshalb ich mich gleich mal mit genug Material eingedeckt und das Trio zum Interview gebeten habe. Also  lest mal bitteschön, was Drummer Oliver und Sänger/Gitarrist Fizzi so zu sagen haben:

Aloha. Mittlerweile gibt’s Euch ja schon über 20 Jahre. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch nie was von Euch mitbekommen hab. Woran könnt das denn liegen?
Oliver: Wenn eine leere Bierflache auf einem Punkkonzert umfällt bekommst das ja auch nicht mit… kleiner Spaß am Rande. Nee, die Tatsache, dass Du jetzt ein Interview mit uns führst, zeigt mir, dass wir wohl doch etwas bedeutender als eine leere Bierflasche sind. Ein Grund ist sicher, dass wir erst seit „Weekend Anarchy“ auch über Süddeutschland hinauskommen. Davor waren Konzerte mehr oder weniger auf unsere Regionen beschränkt. Abgesehen davon waren Promo und Engagement davor auch nicht immer auf höchstem Level. Diesbezüglich hat sich bei uns in den letzten Jahren sicher einiges zum Positiven entwickelt. Darüber hinaus ist die Qualität unserer Alben über die Jahre sicher auch gewachsen, was zusätzlich etwas Schub verliehen hat. Jedenfalls arbeiten wir im Rahmen unserer Möglichkeiten hart daran, hier etwas zu ändern. Ich hoffe es gelingt uns…
Fizzi: Ich sehe den Hauptgrund darin, dass wir damals einfach mittelmäßigen bis schlechten Metal/HC gemacht haben. Dadurch hatten wir kaum Beziehungen zu anderen Bands/Veranstaltern, dadurch wenige gute Konzerte und deshalb auch kaum Publikum. Wir waren mit dem Herz nicht so bei der Sache wie heute. Wahrscheinlich wollen wir schon immer Punk-Musik machen, haben aber den Zugang zum Punk – aus welchen Gründen auch immer – nicht gefunden und darum waren wir einfach nicht authentisch und deshalb auch nicht gut – so zu sagen wie ein Mensch, der im falschen Körper geboren wird…

Dann erzählt doch einfach mal was ich bisher verpasst habe.
Oliver:
Angefangen hat alles 1989 als wir den Vorläufer Sick of Society gründeten. 2 Jahre später kam dann Fizzi zur Band. 1993 haben wir uns in Sick of Society umbenannt, weil der Sound immer mehr weiter weg vom Metal in Richtung Crossover mit Punkeinschlägen ging. In den Folgejahren haben wir dann so nach und nach einen Gitarristen und unseren Bassisten verloren, so dass 2002 der Platz für Steini frei wurde. Dieses Line-Up hat nach wie vor Bestand. In alle den Jahren haben wir unzählige Demos, CD’s und letztlich auch eine DVD an den Start gebracht und mittlerweile auch so um die 250 Gigs gespielt. Bandgeschichten sind meistens recht langweilig, drum lass uns hinter die paar Zeilen mal einen Punkt packen.
Fizzi: Folgendes hast Du verpasst: jede Menge Spaß, Punk, Pogo, Politik und Promille (Achtung: Klischeealarm…)

Fizzi, du sagtest, vielleicht ward ihr nicht authentisch genug. Was versteht ihr denn unter Authentizität?
Fizzi: Wenn man sich nicht verstellen muss, wenn man so ist wie man wirklich ist, wenn man so redet, wie einem der Schnabel gewachsen ist, wenn man zu sich steht, so wie man ist und einem scheissegal ist, was die Anderen über einen denken. Wenn man nicht authentisch ist, merken es die Mitmenschen sofort und nehmen einen als künstlich oder unecht wahr. Authentizität kommt von innen heraus.

Ihr sagt ihr habt Anfangs Metal gemacht und seid dann immer mehr in die Punk/HC Ecke gerutscht. Wie kam’s denn dazu?
Oliver:
Wir alle kommen wirklich aus dem klassischen Metal Segment. Fizzi als Haupt-Songwriter stieß dann so Ende der 80’er, Anfang der 90’er auf den Punk. Diese Einflüsse gewannen über die Jahre immer mehr und mehr an Einfluss und haben uns letztlich dahin gebracht wo wir heute sind. Punk, durch und durch, aber im Kern hört man mit Sicherheit noch immer woher wir eigentlich kommen.
Fizzi: …und das ist auch gut, das bringt Farbe in die Musik. Ja, Oliver hat recht ich habe mit 13 oder 14 mit den ersten Scheiben von den Brieftauben, den Hosen und Exploited angefangen. Mit ca. 20 habe ich dann Bad Religion / NOFX entdeckt und ab da immer mehr Punk-Elemente in die Band eingebracht. Die Initialzündung zum D-Punk war ein Konzert mit Konrad K.‘s letzter Band WKA kurz vor seinem Tod. Ab da ging dann alles ganz automatisch, fast wie von selbst!

Es gibt ja auch die Textzeile ‘Früher waren wir Metaller aber Punker im Herz’… warum nicht gleich Punk-Mucke?
Oliver: Du bist mit 16 Jahren auch noch kein allwissender Universitätsprofessor… bis es soweit ist, gilt es einiges zu lernen und sich zu entwickeln. Dies und jenes zu entdecken, letztlich viele Erfahrungen zu machen und zu sammeln. Genauso hat sich unser Sound entwickelt. Wir haben viel ausprobiert, angehört und sind letztlich zu dem geworden was wir heute sind. Hinterher ist man immer schlauer und so ist es halt auch mit unserer musikalischen Entwicklung. Schätze ich zumindest mal…
Fizzi: Warum nicht gleich Punk? Das habe ich mich auch schon sehr oft gefragt, habe aber bisher keine richtige Antwort gefunden. Damals war die Metal-Sache einfach das Richtige für uns und es hat auch Spaß gemacht, nicht so viel wie heute, aber es war auch cool! Die Punk-Einstellung hatte ich auch damals schon, habe sie aber noch nicht bewusst wahrgenommen und konnte sie deshalb noch nicht ausleben. Und genauso war das dann auch mit der Musik.

Was sind denn heutzutage die Unterschiede zwischen der Metal- und der Punkszene? Früher war das ja eher so gemischt. Ich bin damals ja durch meinen Bruder, der Metaller war und der auch mal Punk-Mucke angeschleppt hat, zum Punk gekommen.
Oliver: Ich für meinen Teil höre nach wie vor überwiegend Metal und bin da auch sehr tief verwurzelt. Allerdings würde ich mich keinesfalls als Szenegänger bezeichnen, auch wenn ich inzwischen wieder für ein Metal-Online-Mag schreibe. Die Szene ist mir einfach zu engstirnig und nichts mehr, mit dem ich mich identifizieren könnte. Im Punk ist einfach alles viel entspannter, offener, lebendiger, freundlicher… einfach leichter. Schwer zu beschreiben, aber in jedem Fall fühle ich mich auf einem Punk-Konzert 1000 x wohler als auf jedem Metalkonzert… nur eins ist dabei wichtig… Bier oder Sambuca (da fällt mir ein, darf ich jemanden Grüßen? „sambucanische“ Grüße an einen geilen Abend am Kofferraum bei Mondenschein und einer Pulle Sambuca an Atti – am 26.7. hauen wir uns zwei Flaschen rein) sind dabei ein absolutes muss. Punk ohne Alkohol geht einfach gar nicht!
Fizzi: Ich habe mich in der Metall-Szene nie richtig wohlgefühlt, alles ist irgendwie so verklemmt und düster. Die Punk-Szene ist da viel offener, chaotischer, bunter und vor allem weiß man bei den Punx wo man politisch dran ist. Das ist und war mir schon immer sehr wichtig, nämlich LINKS!

Ihr habt früher ja auch ausschließlich auf englisch gesungen. Mittlerweile sind auch viele deutsche Texte zu finden. Bringt das der Wechsel in andere Genres mit sich oder hat sich das einfach so ergeben?
Oliver: Das hat mit einem Genrewechsel überhaupt nix zu tun. Die Punk-Einflüsse waren in den Neunzigern schon deutlich ausgeprägt und da haben wir ebenfalls ausschließlich Englische Texte verfasst. Nee, es hat sich einfach gezeigt, dass wir inzwischen einfach mehr zu sagen haben und wir den Texten mittlerweile viel mehr Bedeutung beimessen als in früheren Tagen. Und wie kann man wichtige Themen an den Mann bringen… ganz einfach indem man in seiner Muttersprache singt. Sicher haben auch die unzähligen Gigs mit vielen Deutsch-Punk-Bands etwas abgefärbt. Ich für meinen Teil denke, dass uns die deutschen Lyrics ganz gut stehen, möchte zukünftig aber auch nicht ganz auf Englische Texte verzichten. Sofern mich Fizzi lässt…
Fizzi: Da muss ich Oliver leider etwas widersprechen. Es hat sicherlich etwas mit dem stärker werdenden Punk-Einfluss zu tun. Einen Genrewechsel kann man das aber grundsätzlich nicht nennen, da unser Werdegang eine langfristige Entwicklung darstellt, die keine wirklich harten Schnitte hatte. Und in unserem aktuellen Entwicklungsstatus machen wir eben viele deutsche Texte. Unsere Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende, mal sehen was noch alles kommt…

Waren die früheren Texte denn auch schon politisch?
Oliver: Würde ich aus meinem Blickwinkel betrachtet verneinen. Texte waren uns nicht unbedingt wichtig. Da wurden ab und an sicher extreme lyrische Albernheiten vertont, aber auch das ist Teil der Vergangenheit. Ich denke es ist wichtiger sich auf das zu besinnen was noch kommt und was aktuell passiert. Hierzu haben wir unter Garantie noch einiges zu sagen… da kannst Du Dir sicher sein.
Fizzi: Oliver, Du hast meine Texte wohl nie gelesen, oder? Meine Texte hatten thematisch schon immer den selben links-politischen Hintergrund. Auf Englisch hat das halt niemand verstanden und interessiert. Hier gibt es alte Songs wie „Brainwashed“, oder „Obey“, bei denen es, so wie bei den aktuellen Texten, um Freiheit, Toleranz, Antirassismus und Antikapitalismus geht. Natürlich muss ich zugeben, dass auch ein paar total sinnfreie lyrische Ergüsse dabei waren, aber grundsätzlich immer LINKS.

Ihr habt’ne Scheibe mit dem – wie ich finde – ziemlich plumpen Titel ‘Porn’n'Roll forever’ und das scheint ja auch ein gewisses Motto von Euch zu sein (was auch Eure FB-Adresse bezeugt). Irgendwie will das gar nicht so recht zu dem passen was ihr so rüber bringt, denn ihr seid textlich ja mitunter schon ziemlich politisch unterwegs. Wie kam’s denn dazu?
Oliver: Haha … darauf habe ich gewartet. Wenn ich ehrlich bin stolpern wir über dieses Thema immer mal wieder. Dazu gab es auch schon etliche böse E-Mails und diverse Anfeindungen. Ich würde es einfach eine Mischung aus Jugendsünde in der Sturm- und Drangphase der Band und einem klassischen Missverständnis bezeichnen. Das Wort „Porn“ im Titel sollte uns nicht als abartige Pornofreaks outen, sondern lediglich unterstreichen, dass wir „dreckige“ Musik machen. Der ganze Porno-Kram wird doch in der Bevölkerung als etwas „dreckiges“ angesehen … darauf sollte der Titel auch in unserem Fall abzielen. Nach all den Jahren muss ich allerdings gestehen, der Schuss ging kräftig nach hinten los. Aber o.k., so gibt es in jedem Interview wenigstens etwas zu erzählen.
Fizzi: Ja, damals war „Porno“ noch etwas völlig verbotenes und war absolut am Rande der Gesellschaft angesiedelt. Und so wollten wir auch sein: unangepasst, provokativ, rebellisch und am Rande der Gesellschaft! Uns ist zur damaligen Zeit kein besseres Synonym eingefallen – aus heutiger Sicht sehr unglücklich gewählt! Dabei stellen wir uns ganz klar gegen jede Form von Sexismus. Die Darstellung von Schönheitsidealen und Jugendwahn, wie z.B. in der Werbung, macht so viel kaputt – man denke nur an die vielen magersüchtigen, bulimiekranken und schlaftablettenabhängigen Menschen in unserer Gesellschaft, da kriege ich sooooo einen Hals!!!

Eine andere Scheibe von Euch heißt ‘Weekend-Anarchy’. Was steckt hinter diesem Titel?
Fizzi: Hier greift wieder der Begriff Authentizität. Wir arbeiten alle unter der Woche in mehr oder minder angenehmen Jobs. Am Wochenende machen wir mit SOS Musik und lassen die Sau raus. Der Titel beschreibt also uns, so wie wir leben – ganz authentisch, ohne irgendjemand irgendetwas vorspielen zu wollen. Auszug aus dem Text: „Five days a babbit and two days alive”

Auf Eurer aktuellen Scheibe habt ihr haufenweise Gastsänger und auch einen Kinder-Chor mit am Start. Wie habt ihr es denn geschafft, die alle zu überreden da mit zu machen?
Oliver:
Wenn ich ehrlich bin mussten wir niemanden davon überreden. Alle Bands und involvierten Personen waren sofort bereit mitzumachen. Davon abgesehen handelt es sich bei allen Beteiligten um gute Bekannte, Freunde und Kumpels von uns. Was ich dabei aber ziemlich interessant finde ist die Tatsache, dass wir auf „Life Lines“ Max Cavalera in einer kleinen Sequenz dabei hatten und auf „Weekend Anarchy“ war Dani Filth von Cradle of Filth so frei und hat das Intro gesprochen. In beiden Fällen hat das niemanden interessiert bzw. man hat es uns erst gar nicht geglaubt. Bei „Niemals Wie Der Rest“ sind wir wohl inzwischen glaubwürdiger… Übrigens, frag mal Fizzi, was er seiner Tochter dafür zahlen musste, dass sie die Chor- und Flöten-Geschichte gemacht hat:
Fizzi: Sie war da noch nicht in der Pubertät, darum fand sie es cool – heute würde sie sowas niemals mehr machen, jetzt sind Eltern uncool mit allem was sie machen auch, aber diese Zeit geht auch wieder vorbei. Besonders hat mich gefreut, dass alle befreundeten Bands, mit denen wir so unterwegs sind, mitgemacht haben. Das war echt sehr bewegend!

Ihr hab früher alles selbst gemacht, jetzt seid ihr bei SN-Punx gelandet. Wie kam’s dazu und was hat sich dadurch verändert?
Fizzi: Da kann Oliver mehr dazu sagen.
Oliver: Haha… Danke Fizzi. Freut mich, dass ich hierzu was sagen darf. Eigentlich hat sich für uns überhaupt nichts verändert und das ist auch gut so. Wir waren schon immer eine Band, die gerne alle Fäden selbst in der Hand hat. SN-Punx unterstützen uns tatkräftig in Sachen Promo, aber in allen anderen Belangen tragen wir nach wie vor selbst die alleinige Verantwortung. Aus unserer Sicht muss sich das auch nicht ändern. Wir sind mit dem Status Quo zufrieden. Trotzdem sind wir Dirk für seine bisher geleistete Arbeit natürlich extrem dankbar und hoffen, dass er es mit uns noch ein paar weitere Scheiben aushält. An uns soll’s nicht liegen…

Hab gelesen, dass ihr auch schon in England (Birmingham) ward, wie seid ihr denn da ran gekommen und wie waren Eure Erfahrungen?
Fizzi: Über eine alte Brieffreundin von Oliver, die sich nach über 20 Jahren plötzlich über Facebook wieder bei Oliver gemeldet hat. Deren Onkel organisiert zufällig Punk-Konzerte in England. Somit war der Kontakt hergestellt und dann kam eines zum Anderen und schon standen wir bei einem Punk-Half-Dayer in einem englischen Pub auf der Bühne. England war eine super Erfahrung. Wahnsinnig nette Leute, gleichgesinnte und Altpunks aus der Gründungszeit der Sex Pistols. Tolle Gespräche und literweise kühles Guinness. Leider war es nur ein Einzelgig! Ach ja: sogar die Jungs von GBH waren bei unserem Gig anwesend – wirklich coole Leute!

Gab’s denn noch mehr Auslandsgigs oder gar Tourneen?
Fizzi: Ja, wir haben auch schon in der Schweiz, Österreich, Tschechien und Italien gespielt. Dieses Jahr werden wir nochmal 3 Gigs in England (Derby, Birmingham, Nottingham) spielen, diesmal zusammen mit den SIFFERN. Dann sind wir dieses Jahr auch noch 2 Tage in der Schweiz (Davos, Bremgarten) mit ALARMSIGNAL und BOTOX. Und nächstes Jahr planen wir eine 14 Tages Tour durch Indonesien, das wird ein Abenteuer – wir sparen schon seit langer Zeit darauf hin.

Wie seht ihr eigentlich die aktuelle politische Entwicklung? Muss da mehr getan werden, als darüber zu singen? Welche Möglichkeiten hat denn der kleine Mann um etwas zu bewirken?
Fizzi: Die aktuelle Entwicklung auf der Krim beunruhigt mich sehr – hier tritt wieder blanker Nationalismus zu Tage. Putin hat mit viel Kalkül gewartet, bis die olympischen Spiele vorbei sind und dann zugeschlagen – so ein Arschloch! In Deutschland und gerade in Bayern, wo ich wohne, sehe ich mich tagtäglich mit rechtem Gedankengut konfrontiert. Es ist erschreckend wie unauffällig und zahm diese Meinungen daherkommen, sich verbreiten, toleriert und akzeptiert werden – immer unter dem Deckmantel der Bürgerlichkeit und des normalen. Hier hilft nur konsequent dagegenhalten, seine Meinung klar äußern und nicht aufgeben. Von Gewalt halte ich nichts – die Veränderung kann nur von innen heraus kommen. Man muss selber die Veränderung sein, die man in der Gesellschaft sehen will. Steter Tropfen höhlt den Stein – darum singe ich über diese Themen, mache eindeutige Ansagen und fürchte auch die direkte Konfrontation nicht!
Oliver: Jeder sollte im Rahmen seiner persönlichen Möglichkeiten das machen, wozu er fähig ist, um Veränderung herbeizuführen. SOS war noch nie eine Band, die sich in irgendeiner Art und Weiße aggressiv geäußert und verhalten hat. Wie Fizzi schon sagt, versuchen wir durch “unseren” steten Tropfen – also Songtexte und klare Statements auf der Bühne – unserer Verantwortung gerecht zu werden. Gewalt und Aggression erzeugt nur noch exzessivere Gegenreaktionen und das kann nicht Sinn und Zweck des Ganzen sein.

Inwiefern haltet ihr es für realistisch, dass Punk auch politisch etwas bewegen kann? Oft wird man ja nicht wirklich ernst genommen oder man wird nur als Steinewerfer gesehen – und es gibt ja auch immer genug Leute, für die Punk nur ‘rumasseln’ bedeutet.
Fizzi: Ich bin der festen Überzeugung, dass Punk bereits sehr viel verändert hat und in Zukunft auch noch viel bewegen wird. Alleine ein einzelner Anti-Nazi-Button auf der Jacke veranlasst eventuell einen „normalen“ Bürger zum Nachdenken, wenn er ihn im Vorbeigehen sieht. Und damit wäre schon sehr viel erreicht! „Rumasseln“ ist bei weitem keine reine Eigenschaft der Punk-Szene. Der Unterschied zu den anderen gesellschaftlichen Schichten ist die Tatsache, dass Punks das eben öffentlich machen und darum fallen sie halt auf. Die „normalen“ Leute  verwahrlosen am Wochenende zu Hause vor dem Fernseher, ungewaschen im Feinripp mit Pizza und Bier, da sehe ich keinen wirklichen Unterschied! Aber nochmal zu Deiner Frage: Punk könnte noch viel mehr erreichen, wenn große linke Bands wie die Hosen oder die Ärzte deutlicher ihre politische Meinung äußern würden, anstatt nur über Belanglosigkeiten zu singen und zu reden – die hätten wirklich großen Einfluss. Aber da spielt wahrscheinlich der wirtschaftliche Aspekt eine tragende Rolle. Die denken: politische Texte = kein kommerzieller Erfolg. Das ist sehr schade!
Oliver: Sehe ich ähnlich wie Fizzi. Im großen Stil wird Punk sicher nichts verändern, aber die eigentliche Veränderung fängt immer im Kleinen an und deshalb geben wir auch, egal wie klein ein Gig auch sein mag, nicht auf, unsere Message an den Mann/die Frau zu bringen – linker biergeschwängerter Spaß und immer gegen Rechts!!!

Es gibt so einige Bands aus dem Punkbereich die mittlerweile auf größeren Bühnen oder Festivals spielen. Glaubt ihr, damit kann man auch bürgerliches Publikum (auch inhaltlich) erreichen oder verkauft sich da der Punkrock?
Fizzi: Wenn die entsprechenden Botschaften von den Bands auf der Bühne rüber gebracht werden, dann ist das sicherlich nützlich für den Punkrock. Viele Bands getrauen sich aber außerhalb ihrer Szene nicht, klar zu Ihrer Meinung zu stehen. Die haben wahrscheinlich Angst vor den Reaktionen des bürgerlichen Publikums und wollen sich den tollen Tag nicht verderben. Grundsätzlich lässt sich aber der Punk an niemanden verkaufen.
Oliver: Verkaufen? Wieso überhaupt “verkaufen”? Davon kann doch keine Rede sein. Ich finde es ziemlich obskur immer gleich eine Band in ihren Werten zu hinterfragen, nur weil sich plötzlich Erfolg einstellt. Diese hat im Normalfall auch was für den entsprechenden Erfolg getan. Was hat das mit Ausverkauf von Punkrock zu tun? Habe ich noch nie verstanden… das gilt im Prinzip auch für alle anderen Szenen. Den Erfolg macht doch letztlich der Konsument und nicht die Band… Aber zurück zur eigentlich Frage, sicher! Wenn die Message klar, präzise, deutlich und einfach formuliert ist – falls dies überhaupt von der Band gewollt ist – kann man alles und jeden damit erreichen. Die Frage ist halt nur, ob die Saat auf fruchtbaren Boden fällt.

Um mal auf Eure neuesten Aktivitäten zu sprechen zu kommen. Ihr habt gerade ‘nen  Song für ein Theaterstück geschrieben. Wie kam es dazu?
Oliver: Der Dirk von SN-Punx wurde wohl von Klaus Bieligk (Schauspieler am Staatstheater Schwerin), das ist der werte Herr, der das Stück inszeniert, angesprochen, ob er nicht wegen seinem Label-Hintergrund die Musik liefern könnte. Dirk hat daraufhin einen Aufruf unter seinen Bands gestartet, dem wir dann auch auf den allerletzten Drücker gefolgt sind. Der Song “Der Wahnsinn Eines Lebens” wurde innerhalb von nur drei Wochen von uns geschrieben, komponiert und aufgenommen. Für unsere Verhältnisse sensationell schnell! Zusätzlich soll der Song dann auch auf einer von SN-Punx veröffentlichten Compilation-EP erscheinen.

Um was geht es denn in dem Stück und wo kann man sich das denn ansehen?
Oliver: Ich hatte gehofft, dass ich der Frage entgehen kann, aber dem ist wohl leider nicht so. Das Stück nennt sich “Norway.Today”. Ich habe mir von dem Skript eigentlich nur die ersten 2 Seiten durchgelesen, hatte dann aber sofort eine Idee für den Text. Weiter habe ich, das muss ich zu meiner Schande gestehen, gar nicht gelesen. Grundsätzlich geht es um eine Person, die über das Internet einen oder mehrere Gleichgesinnte sucht, die im Anschluss zusammen Selbstmord begehen wollen. Dieser Hintergrund hat mir persönlich vollkommen gelangt, um dazu meine Gedanken zu Papier zu bringen. Mehr will ich dazu aber nicht sagen, hört Euch den Song selbst an bzw. schaut Euch das Stück am Staatstheater Schwerin an. Premiere ist laut meiner letzten Info am letzten März-Wochenende in Schwerin. Angeblich soll es dann auch noch in Salzburg aufgeführt werden. Mich würde das Stück auch interessieren, aber Schwerin bzw. Salzburg liegt halt leider nicht unbedingt um die Ecke.

Gibt es (außer der Tour) schon sonstige Pläne für die Zukunft?
Oliver: Neben den ganzen Live-Geschichten, arbeiten wir aktuell an den Songs für den Nachfolger von “Niemals Wie Der Rest”. Einige der Songs haben wir auch schon live getestet und waren überrascht, wie gut die Stücke live funktionieren. Bis dato dürfte die Hälfte der Scheibe in trockenen Tüchern stehen. Wenn wir einigermaßen vorankommen, sollten wir Sommer/Herbst 2015 soweit sein, die Aufnahmen für das Album anzugehen. Wir hoffen mal, dass es  zu keinen wesentlichen Verzögerungen kommt.
Fizzi: Pläne? Wir planen so weiterzumachen wie bisher und hoffen, dass wir eventuell noch ein kleines Stück weiter kommen, soll heißen, ein paar mehr Fans, eventuell auch mal auf einem größeren Festival spielen – schlicht und einfach: etwas bekannter werden. Dafür ist es wichtig, dass wir drei (Oliver, Steini und ich) uns weiterhin gut verstehen und unsere Freundschaft pflegen. Ja genau, ein ganz großer Plan von uns ist, mit 60 noch so gesund zu sein, dass wir immer noch zusammen Musik machen und gemeinsam auf der Bühne zu stehen – das wäre schön!

Wollt ihr zum Schluss noch irgendwas was loswerden?
Fizzi: Danke für die guten Fragen und das interessante Interview!
Oliver: Dito… da hat sich endlich mal jemand Mühe gemacht und sich auch näher mit SOS beschäftigt. Respekt!

Auch ich bedanke mich. Zum einen für das Beantworten der Fragen und zum anderen für die Blumen und wünsche Euch alles Gute für die Zukunft.


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