ABSTURZGEFÄHRDET


In der Mehrheit der Fälle dürfte es so sein, dass der Ziner erst auf die Band aufmerksam wird und dann, also mit dem Interview, die Menschen dahinter kennenlernt. Bei ABSTURZGEFÄHRDET war es anders, die (bzw. die Hälfte davon) hab ich einst auf dem grandiosen “Save The Scene Festival“ kennengelernt, wo beim gemeinsamen Pfeffitrinken die Sympathien füreinander gegossen wurden und schließlich ins wachsen kamen. Man traf sich fortan mal hier und dort und blieb in Kontakt. Irgendwann, mehrere Monate später, vernahm ich dann die ersten Klangbeispiele, Anfang dieses Jahres folgten schließlich die ersten “richtigen“ Aufnahmen und denen folgt nun dieses kleine Interview. Auch wenn ABSTURZGEFÄHRDET als junge Band noch ziemlich am Anfang ihrer Geschichte stehen, so ist es um so erfreulicher zu lesen, dass sie wissen was sie wollen (und was sie nicht wollen) und das sie in Punkto Einstellung manch alten Hasen was voraus haben.

Sei gegrüßt ihr ABSTURZGEFÄHRDETEN. 2012 war euer Geburtsjahr und in der kurzen Zeit bis jetzt hat sich eine Menge getan. Wie war das, wenn ihr euch zurück erinnert? Wer war die treibende Kraft zur Gründung dieser Band und warum der Name ABSTURZGEFÄHRDET?

Sei gegrüßt, du Ugly Punk. Ja, lange ist’s her. Gismo, unser Gitarrist, spielte schon Jahre vor Absturzgefährdet in sämtlichen kleinen Bands, die leider nie eine Zukunft hatten und auseinanderbrachen. Doch Tatsache war, er wollte Musik machen, irgendwie. Mit Absturzgefährdet gelang ihm dann ein „Neuanfang“. Einfach nur rumlungern, vielleicht arbeiten und Musik hören, hat uns nicht ausgelastet. Wir wollten Spaß haben und etwas Neues erfinden, etwas Eigenes. Vor allem, da zu dieser Zeit in unserer Stadt nicht mehr so viel los war, wie es vor mehreren Jahren war. Die Stadt und der Alltagstrott haben uns gelangweilt, wir hatten quasi nur uns und die Idee einer Band, die das Leben wieder ein wenig aufregender gestalten sollte. Gismo suchte sich also im Freundeskreis diejenigen, die auch Bock darauf hatten und los ging’s. So, und mit viel Motivation aber leider zu wenig Kreativität suchten wir einen Namen, der uns allen gefallen sollte. Irgendeinen lustigen vielleicht, oder einen ekligen… Ach, was weiß denn ich. So saßen wir im Proberaum und hatten uns am runden Tisch versammelt und grübelten, brainstormten (oder so) und googelten, wir wollten ja einen einzigartigen Namen. Mit unserer ersten Namensgebung HPS (Herpes PaketShop) waren wir nach 2 Wochen auch wieder unzufrieden, wobei zu dem Zeitpunkt auch wieder Mitgliederwechsel stattfand. Nach der 2. Runde am runden Tisch wurde der Name Absturzgefährdet in den Raum geschmissen und ein paar Minuten später, also Anfang 2012, waren wir Absturzgefährdet. Der Name passte einfach, weil genau das auf alle von uns zutraf und irgendwie immer noch zutrifft. Wir waren in Gefahr, von der Schule, Arbeit oder vom Alkohol abzustürzen, oder gar vom Leben. Die Gefahr abzustürzen begleitet jeden auf Schritt und Tritt, aber solange man nur gefährdet ist und der Fall nicht wirklich eintritt, ist alles ok. Jugendlicher Leichtsinn.

Das Bandkarussell hat sich in dieser Zeit ja auch ein wenig gedreht. Ihr habt einen zweiten Gitarristen mit an Bord genommen und seid vom Trio zum Quartett gewachsen und an der Schießbude gab´s kürzlich auch eine Änderung… in Schweinfurt und Umgebung scheint man bei den Musikern ja aus den Vollen schöpfen zu können, oder?

Es ist ja nicht so, dass alle Meister vom Himmel fallen. Fast alle Bandmitglieder haben mehr oder weniger mit dem Musizieren angefangen und hatten vorher keinerlei Erfahrungen. Tomo beispielsweise hat von Gismo einen Bass in die Hand gedrückt bekommen und durfte dann Bass lernen. Natürlich hat Tomo davor schon ein wenig Gitarre gespielt und wollte insgeheim auch in der Band mitspielen, das war ja auch keineswegs aufgezwungen. Auch Pepe, unser damaliger Sänger, hatte keine Gesangsausbildung und Frank, der Schlagzeuger, hatte auch erst vor ein paar Wochen angefangen, zu spielen. Wir waren einfach Leute, die Bock darauf hatten und wenn man etwas will, dann lernt und schafft man das auch irgendwie. Als wir uns dann Ende 2012 mit unserem damaligen Sänger zerstritten hatten, spielten wir danach als Trio weiter. Tomo übernahm den Gesang, was natürlich eine gewaltige Veränderung mit sich ziehte, denn von Männer- auf Frauenstimme umzustellen, ist schon ein Unterschied, wobei wir trotz alledem ein noch positiveres Feedback bekamen. Diese Reaktionen hatten uns dazu überredet, keine männliche Ersatzstimme zu suchen, sondern als Female Fronted Punkband weiterzumachen. Kurze Zeit später kam von irgendwo der Fred her, der sich vorstellte mit: „Sers. Ich will in eurer Band spielen.“. Und da uns sein russisches Temperament und seine Trinkfestigkeit nach ein paar Wochen in den Bann zog und er nicht locker ließ, war er also unser zweiter Gitarrist und genauso absturzgefährdet wie wir. Nach einer gemeinsamen Bandprobe ging es dann auch schon an die Aufnahmen ran. Vor allem für unseren Frischling Fred brauchten wir viel Geduld, aber gut Ding will ja bekanntlich Weile haben.

Das sich in einer Band auch mal Wege trennen ist ja ganz normal und warum und weshalb darf auch gerne bandintern bleiben, aber der letzte Wechsel brachte ja sogar einen kleinen Shitstorm für euch mit sich. Wie geht man als Band mit so was um? Nimmt man das so hin, zeigt sich kritikfähig und sitzt das aus? Oder reagiert man auf diverse Vorwürfe, kommentiert und klärt diese auf?

Der letzte Wechsel drehte sich um unseren Schlagzeuger Frank. Wir gaben den Wechsel öffentlich in facebook bekannt, damit die Leute darüber informiert sind und sich keine anderweitigen Gerüchte verbreiten, was da denn los ist bei uns. Das war sicherlich keine Entscheidung, die wir von Heute auf Morgen trafen, aber für manche facebook-User sah das so aus. Wir schreiben ja nicht unser Tagebuch da rein, sondern nur wichtige Infos. Und da wir die Gründe und Ursachen dafür nicht öffentlich ausdiskutieren wollten, haben wir auch auf sämtliche Fragen in facebook dazu nicht reagiert und haben uns von dem Shitstorm, der nach der Veröffentlichung des Posts losging, ausgeklinkt. Es war uns klar, dass hauptsächlich die Kritiker kommentieren. Bei manchen, teils auch richtig bösartigen Kommentaren spielte man natürlich schon mit den Gedanken, jetzt voll loszulegen und all denen mal das Maul zu binden. Manchmal haben die Finger schon gekitzelt und man konnte es kaum erwarten, sich dafür zu rechtfertigen oder die Band zu verteidigen. Aber keiner von uns kommentierte in facebook irgendwas dazu, wir haben das sozusagen auf uns herab prasseln lassen und haben uns das alles still angeschaut. Wenn es Zufälle gab (und die gab’s), dass man sich mit so einem Kritiker auf offener Straße begegnete, kam es schon vor, dass man sich mal etwas lautstarker über diese Sache unterhielt, die Wut, dass es manche nicht verstehen wollen, ist einfach da. Aber trotzdem akzeptieren wir das und können ja auch nichts dagegen machen, dass es Leute gibt, die’s einfach Scheiße finden. Wir sind Leute, die das lieber persönlich mit jemanden klären wollen, denn wenn man sich gegenseitig ins Gesicht schaut, kommt meist was ganz anderes rüber, als wenn man hinter dem Schutzschild „Internet“ sitzt.

Nun habt ihr kürzlich eure erste EP veröffentlicht. 7 Songs im Pappschuber und alles D.I.Y. Da steckt natürlich ein ganzes Stück Arbeit drin und damit verbunden auch Kosten. Wie finanziert man das als junge Band? Plündert man Sparschweine und packt alles auf einen Haufen? Hockt man sich in die Schweinfurter Innenstadt und schnorrt sich die nötigen Taler zusammen oder gibt´s schon so was wie eine Bandkasse?

Eine Bandkasse gab es tatsächlich von Anfang an. Anfangs mussten wir einfach alle zusammenlegen, damit überhaupt ein paar Euros drin waren. Es war uns immer wichtig, dass wir ein „Band-Sparschwein“ haben, das sich langsam füllte, mit was auch immer. Wir wollten damit eine kleine Basis aufbauen. Die ersten Shirts und Aufnäher haben wir auch selber zusammengebastelt, alles vom eigenen Taschengeld. Da mussten wir dann natürlich sehr tief in die Taschen greifen, als wir richtige Shirts bestellen wollten oder die Aufnahmen finanzieren mussten. Aber Mensch, waren wir da glücklich, als der erste Merch endlich angekommen ist. Zwar etwas ärmer, aber immerhin glücklicher als vorher. Durch den Verkauf der CDs, etwas Merch und der kleinen Spritkohle, die man ab und an für einen Gig bekommt, versuchen wir, die Ausgaben wieder etwas reinzuholen. Wir wollen nicht arm werden, weil wir die Band finanzieren müssen, aber natürlich auch nicht reich. Die Band soll einfach mit uns mit wandern, uns nicht belasten oder beflügeln, einfach auf unserer Ebene sein.

Für mich passt euer Erstlingswerk perfekt in die Fun-Punk Schublade. Textlich verbreitet ihr gute Laune und die Melodien sind bestens für den Sommer geeignet. Wenn ihr selbst die Scheibe beschreiben müsstet, wie würde sich das lesen?

In erster Linie haben wir die Aufnahmen gemacht, um Aufnahmen zu haben. Das war uns wichtig. Dann haben wir eben die Songs aufgenommen, die uns am besten gefallen und die auch schon ziemlich bekannt sind im „Fankreis“. Deswegen auch der Name „Best Of…“. Das sind Lieder und Texte, die zum Alltag von uns passen, Sachen, die uns mal passiert sind oder Dinge, von denen man träumt. Die Lieder passen einfach zum Leben. Es sind nicht unbedingt sozialkritische oder politische Texte, sondern solche, die zum Nachdenken anregen, z.B. „Lebe deine Träume“ oder solche, die man vielleicht einfach nur mal gerne mitsingt und dir geht’s gut dabei, z.B. „Neulich“. Das Lied „Hipsterloch“ hat einen ziemlich witzigen Hintergrund. Da geht es eigentlich darum, die neumodische, sexistische Gesellschaft von Heute, die gerne auch von Faschos kopiert wird, einfach in einem großen Loch zu vergraben, die braucht eh keiner. Und am besten dann noch ‘nen Haufen drauf setzen! Das erste Werk von uns lässt sich vielleicht in eine eher „Fun-Punk“-Schublade stecken, ja, aber wir haben jetzt auch schon etwas politischere Texte und möchten auf keinen Fall in dieser Schublade bleiben, das wäre zu schade. Von uns kann man also in Zukunft etwas Ernsteres, aber trotzdem immer wieder die Fun-Punk-Schiene erwarten.

Von diversen anderen Bands mit Frauengesang kommt mir des Öfteren zu Ohr, dass irgendwelche Prollo-Macker-Sprüche aus dem Publikum nie ganz auszuschließen sind. Habt ihr diese Erfahrungen auch schon mal gemacht? Wie geht ihr damit um oder wie würdet ihr damit umgehen? Ignorieren oder Ansage machen?

Zum Glück hatten wir als Band dieses Problem noch nicht wirklich. Ist bestimmt nur eine Frage der Zeit, bis so etwas derartiges kommt. Es gab des Öfteren positiv gemeinte Kommentare und Statements gegenüber dieser Combo mit Tomo als Leadsängerin, aber eine blöde Anmache oder Sprüche sind uns noch nicht aufgefallen. Vielleicht haben wir das auch gar nicht mitbekommen, man weiß ja nie, was hinter einem so geredet wird. Außerdem verstehen wir gerne auch etwas Spaß, wenn wir wissen, wie es gemeint ist und von wem genau welche Aussage kommt, aber trotzdem unterscheiden wir da gegebenenfalls zwischen Spaß und Ernst. Es war bis jetzt auch immer der so, dass wir recht viele gute Freunde im Publikum hatten und da der ein oder andere Macho vielleicht seinen Mund nicht aufbekommt, wenn er merkt, er ist in der Unterzahl. Falls das aber mal der Fall sein sollte, wüsste Tomo, dass sie da nicht alleine ist, denn jeder aus der Band achtet darauf, dass man gerecht und gleichwertig behandelt wird. Da werden wir auf alle Fälle Ansage machen, denn so Klugscheißergetue und Machogehabe können wir überhaupt nicht ab.

Eine Aussage in eurer Bandbiographie lautet: “Keep the fucking Faschograuzonekackbratzen out of the scene”. Wichtige Aussage, bei der allerdings jede_r die Grenze woanders absteckt. Wie lässt sich eure Grenze diesbezüglich in Worte fassen? Wo hört der Spaß auf?

Unser Spaß hört definitiv dann auf, wenn jemand rassistische, faschistische oder irgendwie sexistische Sprüche ablässt. Nichts gegen „mal einen kleinen Spaß“ machen, aber wir entscheiden dann situationsbedingt, ob wir das noch als „Spaß“ auffassen oder nicht. Dass es manche Helden gibt, die sich in der Szene wohlfühlen und dabei ein Böhse Onkelz- oder Freiwild-Shirt tragen, das verstehen wir nicht. Man sollte sich doch über eine Szene informieren und sich im Klaren sein, was Ziele davon sind und was nicht. Bei manchen Spezialisten hilft jedoch auch keine Aufklärungsarbeit. Und das ist, finde ich, das Schlimme. Man wächst nicht mit einem Nationalgedanken oder als Faschist/Rassist auf, dazu wird man leider erst gemacht. Du kannst auch nichts dafür, wo du geboren bist. Für uns ist es einfach selbstverständlich, menschlich zu sein, hilfsbereit, antirassistisch, tolerant. Das sagt sich so einfach und wir wissen, dass es Menschen gibt, die das nicht als selbstverständlich sehen. Der Spaß hört also dann auf, wenn man merkt, bei diesem Menschen hilft kein Reden und Diskutieren. Man will es ja immer erst mit der sanften Methode probieren. Wir sind auf keinen Fall die, die große Reden schwingen, aber trotzdem achten wir auch bei Gigs, die wir spielen, immer auf die Bands, mit denen wir spielen und auf die Location, ob die z.B. eher bekannt ist für die Skinhead-Schiene. Da sind wir dann besonders vorsichtig und schauen uns Bands noch genauer an, weil sich in der Szene doch öfters mal ein paar ungebetene Gäste mit reinschleichen und es würde im Getümmel bestimmt nicht auffallen. Und da wir ja sowieso keine Skinhead-Mucke machen, würden wir in so einer Location wahrscheinlich eher nicht spielen. Es ist schon einmal vorgekommen, dass wir eine Anfrage abgeschlagen haben, weil der Veranstalter auf seinen Fotos und sonstigen Hobbies „Grauzone Rock’n'Roll“ angepriesen hat. Wir haben da einfach keine Lust drauf und irgendwie würden wir uns alle auch total unwohl dabei fühlen, mit solchen Leuten etwas zu organisieren. Wir haben unser Zepter quasi selber in der Hand und können selbst entscheiden, was wir machen und was lieber nicht und ich denke wir sind da auf dem richtigen Weg.

Wo seht ihr euch in 10 Jahren? Einmal in realistischer Version bitte und einmal in der mit Träumen angereicherten Wunschdenken-Version…

In 10 Jahren sehen wir uns so wie heute, nur etwas veraltet und reifer. Wir haben immer noch ein paar Gigs, sind vielleicht schon etwas bekannter und waren schon in mehreren großen Städten unterwegs. Sind in der Szene ziemlich bekannt und haben noch 3 bis 4 CDs aufgenommen. Blablabla. In Wirklichkeit sind wir die mega Rockstars, können von der Musik leben und gehen nicht mehr arbeiten, machen einfach nur Musik. Wir sind jeden Tag betrunken und unterwegs, haben hunderte von Freunden in Europa und Russland. Wir treten quasi in die Fußstapfen der Punkrocklegenden. Und nach 10 Jahren ist die Welt ein bisschen friedlicher, weil wir jeden, der dummes Zeug labert, in einem Loch begraben!