CONTRAREAL


Letztes Jahr immer Sommer verschaffte sich die 10Inch des Hamburger Trio hier bereits ordentlich Gehör. Für Deutschpunkhörer_innen ein wahrer Leckerbissen, da der Sound ziemlich ursprungsorientiert ist, also mit anderen Worten – es rappelt und rumpelt ordentlich in der Kiste und wird immer direkt und geradeaus auf den Punkt gebracht. Nebenbei hat man es bei CONTRAREAL nicht nur mit Musikern zu tun, die über etwas singen und es anprangern, sondern mit Musikern die selbst aktiv werden, die die Fresse aufbekommen und auch gerne auf die Straße gehen. “Wer Deutschpunk liebt und Deutschland hasst“, so sagen sie, ist bei ihnen genau richtig. Diese Aussage ist zu unterstreichen und nach der Platte und dem Besuch eines Live-Konzertes (und weil ich die CONTRAREAL Menschen auch sympathisch finde) war ein kleines Interview längst mal an der Zeit.

Seid gegrüßt! Erzählt doch zu Beginn mal ein wenig über euch. Seit wann gibt es euch als Band, auf welche Namen hört ihr und welche Instrumente kann man diesen Namen zuordnen und was macht ihr, wenn ihr nicht gerade in Diensten von CONTRA REAL steht?
Ach, was sind schon Namen? Aus Gründen, die wir nicht mehr wirklich rekonstruieren können, hören wir auf die Namen Benjamin (Bass), Viktor (Gitarre) und Mathilda (Schlagzeug). Singen tun wir irgendwie alle – wenn auch nicht immer gleichzeitig und überwiegend Mathilda. Was wir tun, wenn wir nicht gerade Musik machen? Wir sind zum Teil seit vielen Jahren politisch aktiv, unterstützen verschiedene Projekte und Initiativen. Das heißt, wenn wir singen, dass man aufstehen und was machen soll, meinen wir das durchaus ernst. In dieser Welt müssen die meisten ja leider irgendetwas tun, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das machen wir auch – aber wir sehen zu, dass das nicht überhand nimmt. Schließlich gibt es wirklich viele wichtigere Dinge im Leben.

Ihr seid zu dritt und habt eine Schlagzeugerin, das ist erst mal nichts Ungewöhnliches. Dass diese allerdings am Drumset auch noch den Maingesang übernimmt, findet man nicht allzu oft. Waren die Aufgaben von Anfang an klar verteilt oder hat sich das nach den ersten Proben einfach so ergeben.
Nee, ursprünglich hat unser erster Gitarrist fast ausschließlich gesungen. Er hatte vorher mal bei der Hamburger Punkband Kjan gespielt, und Mathilda war Schlagzeugerin bei Prak, auch aus Hamburg. Wie es der Zufall so wollte, hatten Kjan dann ein einmaliges Revivalkonzert, das gleichzeitig das Abschiedskonzert von Prak war. Und an dem Abend haben sich die beiden überlegt, ne neue Band zu gründen. Der Gitarrist meinte, er kenne da noch so nen Bassisten. Und dann musste Benjamin halt Bass lernen, weil er eigentlich Gitarrist war. Aber viele Dinge im Leben beginnen mit einem Missverständnis – und manchmal hat das eben auch sein Gutes. Als der Gitarrist ausstieg, wollten wir unbedingt weitermachen. Nur ist uns mit der Gitarre dummerweise auch der Sänger abhanden gekommen. Also dann eben d.i.y., so ne Art Drum’n'Bass mit Doppelgesang. Mit unserer neuen Gitarristin haben wir das einfach beibehalten – mal abgesehen von dem Drum’n'Bass. Vor zwei Jahren verließ sie uns dann auch und Viktor kam dazu. Wir haben also ein paar Jahre gebraucht, um uns zurecht zu ruckeln. Aber jetzt bleibt alles wie es ist, Traumbesetzung könnte man sagen.

Ihr seid ganz frisch von der Riot Bike Labeltour zurück und habt die ganzen Eindrücke sicher alle verarbeitet. Was waren die schönsten Momente, was ist euch negativ in Erinnerung geblieben?
Die Labeltour war natürlich großartig – IchSucht und Gloomster sind tolle Bands, und in die Notgemeinschaft hatten wir uns eh schon verliebt. Da gehen drei Tage wie im Flug vorbei. Echt ätzend war allerdings, dass sowohl in Mühlheim als auch in Gotha so Grauzonenspinner meinten, zum Konzert gehen zu müssen. Denen wurde sehr schnell und sehr anschaulich deutlich gemacht, dass es besser ist, sich zu verpissen. Da fasst man sich doch echt an den Kopf: Alle Bands bei Riotbike positionieren sich klar antifaschistisch und entschieden gegen alles, was unter dem Begriff Grauzone diskutiert wird. Was wollen solche Vollpfosten dann bitteschön auf unseren Konzerten?

Kaum ist die eine Tour vorbei, seid ihr auch schon wieder inmitten der nächsten größeren Tour-Herausforderung. Es geht von Januar bis Anfang Februar auf Malaysia und Indonesien Tour. Wie kamen die Kontakte zustande, wer hat die Tour organisiert und welche Erwartungen habt ihr im Vorfeld?
Auch das war mal wieder Zufall. Die Tour war eigentlich für ne andere Band gedacht, und wir wurden gefragt, ob wir nicht mitkommen wollen. Und dann hat die andere Band abgesagt. Bei der Probe haben wir also zusammengesessen und über unsere Bedenken geredet, wegen Geld, Arbeit, Zeit … Einer von uns fragte: Und jetzt? Machen wir’s oder nicht? Und alle gleichzeitig: Ja! Durch einen weiteren Zufall hatten Absturtz parallel dieselbe Idee. Da bot es sich an, das in Teilen zusammen zu machen. Was wir erwarten? Naja, hauptsächlich sind wir irre aufgeregt, weil wir nicht wissen, was da so auf uns zukommt. Abgesehen davon wird garantiert eh alles anders als wir uns das vorgestellt haben. Vor allem Indonesien hat ne echt große Punkszene, und so viel ist uns jetzt schon klar: Die Punks dort haben es nicht gerade leicht. Zum einen wegen der zum Teil doch recht strikten Moralvorstellungen in der Gesellschaft und zum anderen wegen der korrupten Polizei und einem repressiven Staat. Umso cooler ist es, dass die d.i.y-mäßig so viel auf die Beine stellen – auch wenn das manchmal bedeutet, kreativ und spontan zu sein und so’n Konzert kurzfristig einfach mal umzulegen. Wir sind in den letzten Wochen mehrfach von Leuten aus Malaysia und Indonesien angeschrieben worden. Die hatten mitgekriegt, dass wir dort auf Tour sind und freuen sich auf uns. Das ist natürlich megacool.

In Eurer Bandinfo heißt es: “ContraReal ist ein noch immer ziemlich kleiner und wenig feiner Stern am Hamburger Punkrockhimmel, jedoch mit einer Besetzung, die schon lange Jahre weiß, was vernünftige Musik ist und bei der Motivation und Engagement mehr zählt als musikalische Professionalität.“ Habt ihr als Band irgendwelche gemeinsamen Ziele, wo die Reise hingehen soll oder wo ihr euch in einigen Jahren sehen möchtet?
Also für 2014 steht erst mal ne Platte an. Außerdem ist unser erstes Musikvideo in Arbeit, das neben unserer neuen Website Anfang des Jahres an den Start gehen wird. Und eigentlich wollen wir auch eine Split-Single mit unserer Lieblingsband rausbringen. Allgemein läuft es für uns gerade ziemlich gut, viele Konzerte, coole Touren – das kann gerne so bleiben.


Bei einigen Punkbands hat man schon mal das Gefühl, dass das Gesungene nicht (oder nicht mehr) dem Gelebten entspricht, weil Professionalität oder auch Kohle vor Motivation und Engagement stehen. Is so´n Gefühl, was mir vor allem bei vielen Reunions immer im Hinterkopf rumschwirrt. Mal aus euer persönlichen Sicht: Wie viel Unglaubwürdigkeit oder hohe Gagen verträgt der Punk? Oder trifft die Bands gar keine Schuld, sondern diejenigen, die alles mit Kusshand hinnehmen? Oder darf man älteren Punkrockstars ruhig den schnellen Euro ruhig gönnen?

Oh ha! Da haben wir schon oft drüber diskutiert – meist beim Bier nach der Probe. Das ist echt ne ambivalente Geschichte. Wir arbeiten zwar dran, diesen scheiß Kapitalismus endlich abzuschaffen, aber vermutlich wird das noch ein bisschen dauern. Bis dahin geht’s leider in dieser Gesellschaft kaum ohne Geld. Und da ist es natürlich geiler, wenn Leute nicht am Fließband stehen oder auf irgendeine andere ätzende Art ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, sondern von Sachen leben können, die cool und selbstbestimmt sind und einem Spaß machen. Aber es kommt halt echt drauf an, wie man das dann umsetzt. Denn auf der anderen Seite ist das schon auch ein Problem. Als große Fans des d.i.y.-Gedankens finden wir, dass am besten alle coole Konzerte gucken und gute Platten hören können sollen – egal, wie dick der Geldbeutel ist. Wenn Musikmachen aber wirklich nichts weiter ist als ein Job, bleibt der eigene Anspruch leider meist auf der Strecke. Und wenn bei nem Konzert eine Band das zehnfache an Gage bekommt als die anderen Bands, weil sie aus irgendeinem Grund als berühmt gelten, wird’s schon irgendwie schräg. Andererseits ist es auch verständlich, wenn man nach 30 Jahren keine Lust mehr hat, immer nur Nudeln mit Rot zu essen und auf abgeranzten Matratzen zu pennen.

Ihr kommt ja aus Hamburg, einer Stadt in der viel passiert, deren Wandel viele negative Aspekte mit sich bringt, in der allerdings auch immer viele Menschen auf die Straße gehen, um für ihre Rechte oder die Rechte anderer zu demonstrieren. Welche Veränderung in Hamburg seht ihr aktuell mit sehr kritischen Augen oder welches politische Thema beschäftigt euch hier gerade am meisten?
In Hamburg ist ja echt richtig viel los. Das ist ganz schön cool, und das wurde auch echt mal Zeit. Schließlich geht es dabei um Themen, die alles andere als neu sind. Gentrifizierung nervt uns alle schon seit Jahren tierisch ab. Alles muss immer schicker werden, bezahlbarer Wohnraum ist kaum mehr zu finden, wer da nicht mitmachen kann oder will, wird an den Stadtrand verdrängt. Bei Initiativen wie jener zum Erhalt der Esso-Häuuser – die ja mittlerweile geräuumt sind – haben sich dann ganz unterschiedliche Leute zusammengefunden, um für ihr Recht und ihre Zukunft zu kämpfen. Und dank solcher Kämpfe merken gerade immer mehr Leute, dass hier so einiges schief läuft und machen teilweise das erste Mal die Erfahrung, dass man nicht alles schlucken muss, sondern dass es was in Bewegung bringt, wenn man das Maul aufmacht. Beim Thema Lampedusa in Hamburg ist das ganz ähnlich. Die Geflüchteten nehmen ihre Belange selbst in die Hand und erfahren dabei breite Unterstützung. Das ist super. Und während dessen macht sich der Hamburger Senat mit jedem Tag mehr lächerlich – Stichwort Gefahrengebiet. Die Leute gehen ständig auf die Straße und entwickeln kreative Formen von Protest. Ne Klobürste in der Tasche zu haben, gehört hier mittlerweile zum guten Ton.

Musikalisch tendiert ihr ein wenig in Richtung der guten 80´er Deutschpunk-Jahre. Es rappelt ordentlich im Karton und die Texte sprechen eine deutliche Sprache gegen Bullen, Staat und Nazis. Könnt ihr mit Bands wie TURBOSTAAT z.B. oder KETTCAR auch was anfangen oder sind die musikalischen Vorbilder und das was sich auf den heimischen Plattentellern dreht, ganz klar vor den Neunzigern zu finden?
Hmm, eigentlich haben wir uns da nie viele Gedanken gemacht. Wir machen simplen Punk, weil uns das gefällt – und vielleicht auch ein bisschen, weil wir nichts anderes können. Das klingt dann wohl eher nach 80er als nach 90er. Zu Kettcar Konzerten gehen wir in der Regel nicht, das können wir uns nicht leisten. Aber es waren schon Leute von Kettcar auf unseren Konzerten. Das hat uns sehr gefreut.

Zum Abschluss sonst noch irgendwelche Empfehlungen? Coole Bands, coole Platten, coole Läden, coole Filme, coole Getränke, coole Rezeptideen etc.?
Ach, wo soll man da anfangen? Die Notgemeinschaft Peter Pan natürlich. Ansonsten hier mal ein kleines unrepräsentatives Potpourri: Asthmateufel, Dead Kennedys, Hirnsäule, Snuff, Paragraf 119, Minor Threat … Auch bei coolen Läden weiß man gar nicht, wo man anfangen soll – Störte, Backbord, Skorbut, Jolly Roger, AK 47, Substanz, Alte Meierei, Hafermarkt, Alhambra … Und Getränke, ja Getränke mögen wir gern. Gern auch in großen Mengen. Und zum Schluss noch ganz exklusiv ein spitzen Kochrezept: Nudeln mit Rot nach d.i.y. Art. Viele Spiralnudeln in einen zu kleinen Topf geben – nicht umrühren! Wenn die Nudeln al dente sind, weitere zehn Minuten ziehen lassen, bis das Wasser vollständig verdampft ist. Währenddessen die Soße zubereiten aus allem, was rot ist (kein Obst!). Großzügig salzen falls Salz zur Hand. Mit Pulverpfeffer und einer alten trockenen Kräutermischung abschmecken. Dazu Tabasco reichen. Leckere Variante: Reis mit Gelb. Dafür Nudeln durch Reis ersetzen und gelbes Zeug zusammensuchen.


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