PHLEGMATIX


Erst vor kurzem erschien die neue EP der HC-Skate-Punkband PHLEGMATIX und wurde mit Lob nur so überschüttet. Auch mir selbst läuft die Platte gut rein und ich musste mir gleich auch die anderen Scheiben, zwei an der Zahl, besorgen. Nun ergab sich die Gelegenheit, die Band selbst mal zur neuen Scheibe zu befragen und auch etwas zu aktuellen Themen mit ins Gespräch zu bringen. Aber lest selbst:

Hallo erstmal… Wie immer bei mir: zuerst die Vorstellrunde. Sacht doch mal kurz wer ihr seid und was ihr so macht!

Basti: Hi, ich bin Basti und bin für den Gesang zuständig.

Klebo: Moin, ich bin der Klebo, zuständig für Hackfressen ziehen, Hintergrund Geschmunzel und den Bass „arbeiten“

Czassi: Hi, ich bin Czassi und spiele Gitarre.

Vor kurzem habt ihr Eure neue EP veröffentlicht. Zufrieden? Die Reaktionen darauf waren bisher ja recht ansprechend.

Basti: Spätestens nachdem wir das erste Mal die Aufnahmen gehört haben war uns klar, dass wir uns positiv weiterentwickelt haben. Ich denke, dass wir mit diesen 6 Songs einen großen Sprung gemacht haben. Die Reaktionen darauf sind der Hammer und zum Teil kaum zu glauben. Auch live kommen die neuen Songs super an.

Klebo: Scheiße, ja! Der neue, etwas rotzigere Sound von „Blastbeat Productions“ gibt den Songs den richtigen Kick! Ich bin voll geflasht, was der junge Mann an den Knöppen drauf hat, leider hat er von Musikinstrumenten keine Ahnung…Und falls Olli dies lesen sollte: NIEMAND SAGT MEIN BASS IST HÄSSLICH! Das werde ich dir für immer vorhalten!

Basti: Also ich finde ihn nicht hässlich, er klingt nur scheiße. (Lach)

Die ersten beiden Scheiben habt ihr in Eigenregie herausgebracht. Die neue EP ist nun bei Impact-Records erschienen. Wie seid ihr denn zu dem Deal gekommen?

Basti: Das ist nicht ganz richtig. Die erste Scheibe „Calling for a Revolution“ haben wir komplett in Eigenregie aufgenommen, gepresst und vertrieben. Die „We won’t follow“ ist dann bei unseren Freunden von „Tief in Marchellos Schuld“ erschienen. Die aktuelle EP ist nun bei „Impact“ erschienen. Die Geschichte zur Zusammenarbeit kann Czassi besser erzählen, er war da deutlich nüchterner.

Czassi: Wir haben mit den Dödelhaien in Cottbus gespielt und der aufmerksame Punkrocker wird vielleicht wissen, dass die Haie auch das Impact-Label betreiben. Nach einer langen alkohlgeschwängerten Nacht konnten wir uns ganz gut leiden – denke ich ;-) Wie sie uns an dem Abend musikalisch gefunden haben, da bin ich mir nicht mehr so sicher. Nach einigen Mails haben wir dann das Angebot bekommen, dass die Jungs uns unter die Arme greifen wollen. Zu unserer EP ist noch zu sagen, dass diese bald auf 12“ in farbigen Vinyl mit Siebdruck kommen wird!! Da geht auch noch mal ein großer Dank an Obey Records, Pest&Cholera, Impact, Tief in Marcellos Schuld Records, Fucking awesome music every day Records und Qualitativus Recordicus raus.

Klebo: Ohne Czassi wäre das nicht möglich gewesen, er ist so etwas wie der Motor, das Getriebe und die Kupplung gleichzeitig! Sollte er mal zurückstecken würde nur noch die Handbremse, der Warnblinker und der Verbandskasten übrig bleiben

Was sind denn die Vorteile, von einem erfahrenen Label betreut zu werden?

Basti: Also ganz oben steht, dass man mehr Reviews bekommt. (lach) Im Allgemeinen ist die Resonanz größer, die Zahl der Facebook Likes steigt schneller und stetig, wir haben mit „Broken Silence“ Zugang zu einem großen Vertrieb und auch von der langjährigen Erfahrung profitieren wir.

Klebo: Vorteile sind mir da Schnuppe, auf einem so renommierten Punkrocklabel erscheinen zu dürfen, quasi da wo man früher die Platten gekauft hat, ist einfach GEIL!

…und die Nachteile?

Basti: Ich kann für uns keine Nachteile erkennen.

Klebo: Es soll wirklich Menschen auf diesem Planeten geben, die glauben, dass wir von unserer Musik leben können, auch weil wir bei Impact sind. Das ist so was von absurd! Wir sind froh, dass wir es soweit geschafft haben, dass wir keine Schulden mehr haben.

Seit ihr in nächster Zeit wieder vermehrt Live zu sehen oder ruht ihr Euch erstmal auf den Lorbeeren aus?

Basti:
Wir spielen dieses Jahr zwar weniger konstant Konzerte, in der Summe aber fast so viele wie letztes Jahr. Das hat weniger damit zu tun dass wir uns ausruhen, als mit den privaten Umständen. Jetzt mal im Ernst, ich würde am liebsten jedes Wochenende die Bühne entern, aber ich muss auch das Geld für die Miete erarbeiten. Lorbeeren? Ausruhen? Das ist nicht unsere Baustelle. Wir ackern für die Band, weil es genau das ist, was wir machen wollen. Klar geht es runter wie ein kaltes Astra wenn man von den Fanzines gute Kritiken bekommt, dennoch besteht diese Band nur deshalb so lange, weil wir uns Live ausleben können. Das ist sicher nicht das richtige Statement um Platten zu verkaufen, aber für mich persönlich passiert Phlegmatix auf der Bühne. Wenn mich jemand auf der Straße fragen würde welche Platte er sich kaufen soll, so würde ich ihm sagen, dass er die Taler in das nächste Live-Konzert investieren soll und die Platte „illegal“ downloaden. Ich gehöre zu der komischen Art und höre unsere Platten regelmäßig selbst. Es gibt sogar Menschen die behaupten, dass ich unsere Lieder immer mitsinge (lach). Um die Antwort auf den Punkt zu bringen, die Sommerpause ist vorbei. Czassi ist fleißig am booken und wir wollen dieses Jahr noch viele Konzerte spielen. Im Oktober sind wir mit unseren Freunden „Starry“ aus Essen unterwegs und zerlegen auf der Tour auch die ein oder andere deutsche Stadt.

Klebo: Richtig, was zählt is auf’m Platz… Die Energie von Phlegmatix kann man schwer auf eine Scheibe pressen, wer uns mal Live gesehen hat, der weiß, dass wir das aus purem Spaß machen und diese positive Energie versuchen wir Live zu transponieren.

Ich hab in letzter Zeit mehrfach Zeug von jungen Bands aus Lübeck bekommen, die einen ähnlichen Sound machen wie ihr. Wie sieht denn die Szene in HL z.Zt. so aus?

Basti: Nachdem es lange wenig Nennenswertes gab, haben sich in den letzten 2 Jahren wieder einige gute Formationen ergeben. Meiner Meinung nach hat sich auch die Unterstützung untereinander in die richtige Richtung entwickelt.

Klebo: Im Gegensatz zu anderen Städten ist Lübeck definitiv noch keine Hochburg des Punkrock. Aber als Anspieltipps kann ich mal so ein paar geile Kapellen rausscheueren:
Nasty Jeans – ultrafixer Skatepunk, wer Distillers mag, sollte mal ein Ohr riskieren
Latex Lovers – 77er Punkrock
I killed Bambis mum in a fistfight – hardcore
und natürlich all unsere Spaßprojekte, die wir uns nebenbei gönnen:
Sodium – Hardcore/Crust
Rotkäppchen und der braune Wolf – Hippiepunk
absolut Bastard – Mittelfingerpunk


Soweit ich weiß spielt Klebo ja auch bei absolut Bastard mit. Seid ihr ansonsten noch in anderen Bands aktiv?

Basti: Das ist richtig, aber bei weitem nicht alles. Am besten sagen die Jungs da selbst was zu.

Klebo:
Richtig, absolut Bastard besteht zum einen Teil aus Nasty Jeans (Evil – Gesang, Yannick – Drums) und zum anderen Teil aus mir und Dennis (Die Punkrocklegende aus Dänemark). Es ist ein komplettes Mischlingsprodukt aus verschiedenen Bands, mit einem großen Altersunterschied und komplett divergenten Ansichten und Hintergründen, daher auch der Name absolut Bastard. Es ist meine Möglichkeit meine Ansichten und meine Gefühlswelt in Sonx zu verpacken. Des Weiteren haben Czassi, Woomi und ich mit unserem Mercher (auch Gitarrist bei Sodium) eine Spaßkapelle Namens „Rotkäppchen und der braune Wolf“, hier zelebrieren wir Hippiepunk und freuen uns des Lebens, schön bescheuert…
Also ich spiele noch bei Sodium. Wir machen ganz düsteren aber total geilen Kram! Ich habe zwar nicht so viel Ahnung von der Musik, aber ich kann sagen es ist verdammt laut und macht richtig Spaß zu spielen! Momentan ist da eine 12“ auf Tief in Marcellos Schuld am Start.

Von euch gibt es in diversen Medienkanälen ziemlich viele Video-Clips, die ihr mit (wie ich vermute) befreundeten Filmfreaks gemacht habt. Artet das nicht in Arbeit aus?

Basti: Wirklich geplante Clips haben zwei. Wir haben das Glück viel brauchbares Live-Footage zu haben.
Klebo: Ja, definitiv artet das in Arbeit aus. Es geht ja nicht nur um Videos. Wir haben alles in der eigenen Hand und damit verschiebt sich das Verhältnis von Mucke machen zu Mucke organisieren zu 25% / 75%. Es geht ja um mehr als Musik, das ganze Drumherum ist ein Zeitfresser, ein sehr angenehmer, auf den wir Bock haben, aber ein Zeitfresser.

Basti: Ich pflichte Klebo da bei. Phlegmatix ist mehr als nur Musikmachen, wenn sich da nicht immer wieder jemand den Arsch aufreißen würde, dann wären wir heute nicht da wo wir sind. Wir können uns glücklich schätzen Menschen wir Dirk, Dennis und Paul von 1080° Media zu kennen, die uns im grafischen und Web Bereich so ziemlich alles abnehmen. Es wäre noch viel mehr Arbeit, wenn wir nicht Freunde und Bekannte hätten, die zum Beispiel unsere Videos filmen und schneiden, wenn wir nicht die 1080° Jungs hätten, die uns vor weiteren Paintdesigns von Klebo dem Schrecklichen schützen oder wir nicht Chris, Denny und Co hätten, die sich um den Merch kümmern.

Klebo:
Wenn wir schon in Dankesarien ausbrechen, dann fehlen natürlich noch Dennis von Tief in Marcellos Schuld, der auch so einiges an grafischen Sachen für uns gemacht hat und Pete von Bob Mosh oder Bonehouse, der das Cover für die „Make your mind“ gemalt hat. Ohne Hilfe würden wir es noch viel schwerer haben. Ach ja, spürt ihr die Angst von Basti? Das Paintmonster wartet im Schrank….Ich mal dich, Aller!

Basti: Jetzt hab ich wirklich angst…

Wie wichtig ist es, mit Clips – aber auch generell – in den Social Networks vertreten zu sein?

Basti: Ich denke in Zeiten Youtube, Facebook und Co sind Videos mit das wichtigste Mittel um auf sich aufmerksam zu machen. Auch beim Booking helfen gute Livemitschnitte.

Klebo:
Es ist erst mal wichtig gute Musik zu machen, das geilste Video ist für´n Arsch, wenn du klingst wie die Kastelruther Spatzen auf Valium mit ner Stimmbandentzündung. Aber ohne geht es auch nicht, da man so auch auf das Feedback von anderen eingehen kann. Ohne Kritik, keine Reflektion, ohne Feedback keine Motivation.

Wie seht ihr die Entwicklung zur kompletten Digitalisierung, nicht zuletzt auch wegen Spionage-Vorwürfen und Whistleblower-Affären?

Basti: Ich denke man hat ausreichend Möglichkeiten sich zu schützen. Wenn du jetzt auf die Spionage des Staates anspielst, so denke ich, dass dieser auch vorher schon mitgelesen hat, wenn das Interesse groß genug war. Ich persönlich mag die Möglichkeiten, die sich mir dadurch eröffnen. Im Bezug auf die Band muss man zumindest erwähnen, dass sich das Booking dadurch vereinfacht hat. Leider bekommen die Veranstalter dadurch aber auch ein Überangebot präsentiert, was sich nicht nur finanziell wiederspiegelt.

Klebo:
So ein Quatsch! Wir haben keine Chance, jeder kleine Schritt, jedes installierte Passwort, jede erstellte Datei ist früher oder später zu knacken. Wir werden das Internet nie in den Griff bekommen, dafür sind wir einfach zu naive Anwender. Das Internet ist und wird immer ein Pool für kriminelle sein. Ob das nun legale kriminelle, wie abmahnende Anwaltskanzleien oder Phishing Mail Absender sind. Durch einen Mausklick kannste gefickt sein! Wobei ich persönlich die Anwaltswixer am schlimmsten finde, dass ist der Bodensatz der Gesellschaft. Pure Profitgier aus einer Gesetzeslücke bzw. aus veralteten Gesetzen gestillt. Hinzu kommt die relativ einfache Verbreitung von Scheiße. Ob Kinderpornos, Nazidrecksmucke oder kompromittierende Fotos oder Videos. Wenn man früher besoffen in einen Mülleimer geschissen hat war das eine abgefuckte Aktion, die aber in einem eingeweihten Kreis stattfand. Wenn mir heute nach dem Gig ein Ei aus der Hose hängt, kann man das morgen bei Youtube oder Facebook bewundern, das ist doch beschissen. Noch schlimmer wird es wenn Gewalttaten oder sexuelle Übergriffe aufgezeichnet und in der ganzen Welt verbreitet werden, das ist ein nicht aufzuhaltender Snowball.

Bleiben wir mal beim digitalen Medium. Aktuell sitzen ja immer noch Aktivistinnen von ‘Pussy Riot’, die ihre Aktionen hauptsächlich über das Netz verbreitet haben, in russischen Straflagern. Glaubt ihr, dass solche Aktion die Menschen im Ausland wirklich aufrütteln?

Basti:
Wenn man die Szene in Russland die letzten Jahre nur etwas verfolgt hat, so hat man mitbekommen, dass ein großer Umbruch stattgefunden hat. „Pussy Riot“ waren nicht mal wirklich Teil der Bewegung, die sich seit Jahren dort entwickelt. Das waren Künstlerinnen die einen kreativen Weg gesucht haben zu provozieren. Ich glaube nicht, dass sie sich der Konsequenzen in dem Ausmaß bewusst waren. Wenn man sich dagegen eine Band wie „What We Feel“ ansieht, merkt man recht schnell wie gefährlich es sein kann in Russland eine kritische Meinung zu vertreten. „What We Feel“ haben sich zwischenzeitlich so sehr unter Druck gesetzt gefühlt, dass sie ihre Bandaktivitäten eingestellt haben. Umso mehr beeindruckt es, dass sie jetzt wieder Touren um Geld für einen ermordeten Antifaschisten bzw. seine Familie zu sammeln. Klar haben „Pussy Riot“ mit ihrer Aktion ein breites Spektrum angesprochen und die Medien haben sich weltweit darauf gestürzt. Die Aktion war richtig, wichtig und gut, hat meiner Meinung nach im Ausland aber nur mit bitterem Beigeschmack aufgerüttelt. Bei den meisten ist doch nur hängen geblieben, dass der böse Russe ein paar Mädels weggesperrt hat und diese ungerecht behandelt. Im benachbarten Ausland wurde kein Druck ausgeübt die angeprangerten Missstände zu verändern, sondern nur die Art und Weise, wie mit den vermeintlichen Staatsfeinden umgegangen wurde.

Wäre Eurer Ansicht nach ein Urteil ohne diese mediale Verbreitung anders ausgefallen wäre?

Basti:
Natürlich wäre das Urteil ohne den öffentlichen Druck anders ausgefallen. An dieser Stelle muss aber auch die Frage erlaubt sein, ob es zu der ganzen Aktion überhaupt gekommen wäre ohne die heute zur Verfügung stehenden Verbreitungswege. Ich solidarisiere mich ganz klar mit der Aktion, bin mir aber eben leider nicht sicher in wie weit „Pussy Riot“ auch bereit gewesen wären bzw. sind, ohne mediale Unterstützung auf die Straße zu gehen und gegen, ich nenne das jetzt mal so, Regierung zu agieren.

Ohne das Netz wäre auch die weltweite Solidarität bestimmt geringer. Denkt ihr, dass Solidaritätsbekundungen, wie der öffentliche Brief diverser Künstler an Wladimir Putin, das Schicksal der Aktivistinnen beeinflusst?

Basti: Ich würde mir wünschen dass es so wäre, glaube aber, dass es einen Herrn Putin samt Stab herzlich wenig interessiert. Die Solidarität wäre nicht geringer, es hätte nur länger gedauert entsprechende Solidaritätskampagnen auf die Beine zu stellen. Letztlich ist es spekulativ über das was wäre wenn zu sprechen. Wir müssen mit den Fakten arbeiten, und die sind eindeutig. Eine Gruppe hat friedlich protestiert und wurde dafür verknackt. Ein gutes Beispiel dafür, wie der Staat seine Exekutive nutzen kann, um unliebsame Gegenspieler mundtot zu machen.

In anderen Ländern wie in Ägypten, Libyen, Algerien, Tunesien und duzenden weiteren Staaten hat hauptsächlich die Kommunikation über das Internet die breite Masse in großen Städten auf die Straße gebracht. Welchen Anteil hat die digitale Kommunikation, dass sich die Aufstände so rasend schnell über mehrere Länder ausgebreitet hat?

Basti:
Der arabische Frühling ist ein Thema für sich. Ich bin kein Freund von Verschwörungstheorien, glaube aber durchaus, dass da auch die Geheimdienste ihre Finger im Spiel hatten. Ja, es ist richtig dass das Internet eine große Rolle gespielt hat um die Massen auf die Straße zu kriegen. Wir sprechen aber von Ländern, in welchen nicht alle Internet haben. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Unzufriedenheit schon lange existierte, und es jemanden gebraucht hat, der die Glut zu einem Feuer entfacht. Wir bedienen uns diesbezüglich eines Passus: Agent Provocatuer. Hier hat eben nicht ein Bulle den ersten Stein geworfen um eine Demo in Deutschland zum eskalieren zu bringen, hier haben so genannte Regierungen Menschen für ihre Interessen benutzt. Ein Gadafi war sicher kein toller Typ, aber ist das Chaos jetzt wünschenswert? Ich kann hier nur für mich persönlich sprechen, aber ich glaube, dass war der Krieg mit den wenigsten Verlusten, den die USA mit ihren Bündnispartnern je geführt hat. Die Frage muss also lauten:“ Revolution 2.0 oder Krieg 2.0?“ Wenn am Ende das Volk gewinnt und sich deren Umstände bessern, dann ist mir die Antwort egal. Ich glaube nur leider nicht daran, dass sich dort in den nächsten Jahren Demokratien im heutigen Verständnis bilden werden. Die Parlamentszusammensetzungen erinnern doch eher an die Weimarer Republik und bergen eine Menge Gefahren.

Funktioniert eine Revolte ohne das Internet nicht mehr oder nur einfach besser?

Basti: Tut mir leid diese Frage so zu übergehen, aber ich glaube, dass es nicht um das Internet geht. Die Geschichte hat gezeigt, dass sich die Menschen immer gegen ihre Herrscher erheben werden wenn es ihnen nur schlecht genug geht. Klar birgt das Internet Möglichkeiten in kurzer Zeit eine kritische Masse über eine bestimmte Aktion zu informieren, die Revolte an sich sehe ich aber völlig losgelöst von den medialen Möglichkeiten.

In Syrien hat sich die Protestwelle zum Bürgerkrieg entwickelt und auch in Ägypten kehrt keine Ruhe ein. Kann man sich denn da mit einer Seite solidarisieren? Sollte man das überhaupt?

Basti:
Wie ich vorhin schon sagte, die Länder sind nun instabiler. Ich würde mich höchstens mit der Revolution an sich solidarisieren, nicht aber mit einer Splittergruppe. Ich denke wir haben da Situationen wie in Afghanistan oder dem Irak, mit dem Unterschied, dass keine „Guten“ zu Schaden kommen. Profitieren werden am Ende nur die wirtschaftlich stärksten Länder der Erde. Die werden dort Rohstoffe zu Spottpreisen bekommen. „Cui Bono“, das ist wie immer die Frage. In einer Welt in der sich alles um Profit dreht, ist dies die erste Frage die man stellen sollte.

Aus den anderen Staaten in denen Revolten ausgebrochen sind nichts mehr. An was mag das liegen?

Basti: Die Frage ist doch viel mehr ob da nichts mehr stattfindet oder wir nur nichts mehr davon präsentiert bekommen. An dieser Stelle frage ich, wann man das letzte Mal was aus dem Kosovo gehört hat? Richtig, schon ewig nicht mehr, weil es bei anderen Konflikten mehr Opfer und somit auch mehr von dem zu berichten gibt, was der gemeine Sensationsnewsgucker sehen will. Ich oute mich mal als Pay-TV Abonnent, natürlich wegen dem FC St. Pauli, und somit als jemand der Zugang zu Al Jazeera hat. Nicht das ich mir dort täglich die Nachrichten ansehen würde, aber eben hin und wieder, was reicht, um ein differenziertes Bild von der hiesigen Nachrichtenkultur zu haben. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in der Regel, bis auf wenige Ausnahmen, nur zu sehen bekommen, was wir sehen sollen.

Klebo:
Hier gebe ich Basti uneingeschränkt Recht. Die Medien oder sogar die Staatsmachten entscheiden sehr häufig, was die breite Masse zu sehen bekommt, eine Meinungsbildung basiert also nicht auf Fakten, sondern auf einigen wenigen Informationen, die geschönt oder verdreht sein können. Wenn ich mir eine Meinung über einen Konflikt in meinem privaten Umfeld bilden möchte, dann muss ich mir auch hier alle Seiten eines Konfliktes anschauen und kann erst danach abwägen, was hier ausschlaggebend, richtig oder falsch ist.

Auch in anderen Staaten wie Griechenland, der Türkei oder Brasilien gehen mittlerweile tausende auf die Straßen. Warum erheben sich in so vielen Ländern die Menschen annähernd gleichzeitig gegen das System?

Basti:
Die Gründe sind so verschieden wie die Länder. Mich persönlich haben immer die LKW-Streiks in Frankreich sehr beeindruckt. Im Ernst, wenn ich das jetzt ausführlich thematisieren würde, hätte ich Angst um die Kapazität deines Servers. Ich glaube nicht dass es im Moment mehr Brennpunkte gibt als noch vor 15 oder 10 Jahren. Hier greift tatsächlich die Tatsache, dass wir einfach viel mehr mitbekommen als damals. Wenn ich bei Facebook die Posts der anderen durchscrolle, dann habe ich in wenigen Minuten so viele Tabs auf, dass mein PC leuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Alles Artikel und Dinge, von denen ich früher nichts mitbekommen hätte. Ich bin froh, dass ich heute auf ein solch breites Spektrum an Informationen zugreifen kann.

Klebo: Diese Informationsflut ist ein Segen, aber auch ein Fluch, da man schnell durch Fehlinformationen in eine falsche Richtung denkt. Es kann schnell in ein „Die Ehre der Katharina Blum 2.0“ ausarten.

Der Auslöser für die Massenproteste sind ja nicht immer dieselben, die Gründe aber doch ziemlich ähnlich, oder seht ihr das anders?

Basti: Sicher sind die Gründe zumindest ähnlich. Wenn man es ganz einfach und platt formuliert geht es immer um Geld. Territoriale Konflikte drehen sich in der Regel um Ressourcen. Jeder Quadratzentimeter solide Erde bedeutet bares Geld für den, der es besitzt. Sei es die direkte Förderung der Rohstoffe oder der Transport, irgendwie geht es immer darum. Selbst ein Mensch der mit wenig zufrieden ist, ist abhängig von einem Stück Papier mit einer Zahl drauf. Ich könnte jetzt plakativ ansetzen und sagen, dass die Armen ärmer werden und die Reichen reicher, aber ich hab heute was wesentlich interessanteres gelesen. Mit 50 Milliarden $ könnte man sicherstellen, dass jeder Mensch auf der Welt Zugang zu sauberem Trinkwasser hat. Der reichste Mensch der Welt, Carlos Slim Helú, besitzt 71 Milliarden$ und könnte dieses Problem im Alleingang lösen und hätte immer noch genug Geld um halb Schwarzafrika zu ernähren ohne einen spürbaren Verlust. Als ich das heute gelesen habe bin ich wütend geworden. Wütend wie ich schon lange nicht mehr war. Genau diese Fakten die einen unvermittelt treffen sind dann der Auslöser für eine Revolte, und je mehr Menschen dieser Umstand betrifft, desto heftiger wird diese ausfallen. Hätte ich in dem Moment die Kohle gehabt, sind wir wieder beim Thema, ich hätte den nächsten Flughafen angesteuert und hätte angefangen vor seinem Haus die nächste Revolte anzuzetteln.

Klebo:
Wenn man nichts hat, nix zu essen, nix zu trinken, keinen sicheren Schlafplatz, dann ist man gezwungen etwas zu tun. Ich kann es mir gar nicht vorstellen in solch einer Situation zu sein, da es einem dann doch viel zu gut geht, alles was wir hier in Deutschland machen ist dagegen jammern auf hohem Niveau.

Vergleicht man die Aufstände mit der Situation z.B. in Deutschland. Wäre es denn hier auch angebracht für einen politischen Umsturz auf die Straße zu gehen?

Basti:
Das kommt auf den Ansatz an. Da ich das kapitalistische System an sich als meinen Feind sehe, würde ich sagen, JA! Nehmen wir die letzte Blockupy-Demo in Frankfurt. Es ist mir unbegreiflich wie sich ein so großer, gewaltbereiter Block kesseln lässt. Spaß bei Seite, natürlich ist es Zeit auch hier für den Umbruch zu kämpfen. Verglichen mit anderen Ländern geht es uns aber zu gut, als dass der gemeine Bürger sich gegen das System stellen würde. Letztlich ist es nur eine Frage der Zeit bis auch hier eine Radikalisierung der Mittelschicht stattfinden wird. Die „Armen“ haben bereits resigniert, aber der Mittelstand befindet sich in einer Lage, aus der dieser sich nur durch Aktion befreien kann. Das ist das einzig schöne am Kapitalismus, das System wiegelt seine potentiellen Unterstützer früher oder später gegen sich selbst auf.

Klebo:
Hier widerspreche ich mal, zumindest teilweise, und mache mich unbeliebt. Die Not in anderen Ländern können beinahe alle Menschen in Deutschland gar nicht fassen. Wenn ich mir die platte Propaganda der Bild anschaue, wo die Mittelschicht mit Plattitüden zum Thema Benzinpreise oder Rente aufgewiegelt wird, wird mir klar, dass das keine Thematiken für eine Revolution sind, sondern für den Stammtisch. Die Not ist (noch) nicht groß genug, damit das Volk in Deutschland seine eigene Existenz aufs Spiel setzt.

Songs wie ‘Stand your Ground’ oder ‘Teenage Rampage’ sprechen dieses Thema ja an. Wäre es überhaupt möglich, hier solch eine Bewegung mit der breiten Masse und dem Bürgertum zu formieren?

Basti:
Ich verweise hier auf das vorher gesagte. Möglich natürlich, das System wird die Menschen irgendwann von ganz alleine an einen Punkt führen, an dem die Säulen das System bekämpfen. Traurig ist nur, dass daraus keine gerechtere Gesellschaft erwachsen wird, sondern das gleiche System auf den alten Trümmern errichtet wird, welches von den Erbauern des neuen Systems zu Fall gebracht wurde. Um nochmal auf die Songs einzugehen. Stand your ground ist kein ACAB-Song. Es geht darum sich nicht wegdrängen zu lassen wenn man im Recht ist. Jede Blockade einer Nazidemo, jede kreative Aktionsform ist unser gutes Recht. Wollen die Cops uns davon abhalten, agieren sie, meiner Auffassung nach, rechtswidrig. Es ist deren Job uns vor den Idioten zu schützen und zu verhindern, dass diese frei herumlaufen. Ich kann und werde Menschen nie verstehen, die gegen ihre Überzeugung, und ja, auch diese Bullen gibt es, ihren Körper schützend vor Nazis stellen. Teenage Rampage war mein Versuch, mit den Amokläufen umzugehen. Ich habe mich damit beschäftigt und letztlich diesen Text dazu geschrieben. Ich will die Taten nicht schönreden, aber die Amokläufer sind eigentlich die Opfer. In was für einer Gesellschaft leben wir, dass jugendliche keinen anderen Ausweg sehen, als sich auf diese Weise zur Wehr zu setzen?

Engagiert ihr Euch denn neben der Musik noch aktiv-politisch?

Basti: Keiner von uns ist in einer fest strukturierten Gruppe falls du das meinst. Wir kommen aus Lübeck, hier ist es als Antifaschist schon eine Kunst sich nicht an Gegenaktionen zu beteiligen. Wann immer wir können sind wir präsent und daran wird sich auch nichts ändern. In unseren Aktionstoleranzen sind wir recht unterschiedlich. Fest steht, Wir gehen für das woran wir glauben auf die Straße.

Das ist doch mal ein schönes Statement zum Abschluss. Dann bedanke ich mich bei den PHLEGMATIX und wünsche weiterhin viel Erfolg. Ab Oktober ist die Band übrigens auf Tour. Das sollte man nicht verpassen, also Augen offen halten! Mirko

www.phlegmatix.com