ICHSUCHT


Noch gar nicht so lange her, da führte ich während einer Autofahrt mit meinem Beifahrer ein Fachgespräch über “interessante neue Punkbands“, (also solche, die sich vor noch nicht all zu langer Zeit gegründet haben und aus der Masse positiv herausstechen). Wir waren bei den Kandidaten die uns einfielen allerdings nicht immer einer Meinung, aber bei ICHSUCHT kamen wir sofort auf einen Nenner. Die Band hat was, die Band kann was – keine Frage! Sie gehört zu dem Schlag von Bands, die noch einiges zu sagen und den Kopf noch nicht ausgeschaltet hat. Die “Stadtkind“ EP, die Anni (Gesang), Kalle (Bass), Chrizzler (Gitarre) und Olli (Drums) als erste Veröffentlichung vom Stapel ließen, erntete zu Recht viel Applaus und bevor ich Gefahr laufe das Vorwort mit Lobgesang in die Länge zu ziehen, lassen wir es an dieser Stelle ausklingeln und gehen direkt über zum Interview.

Die traditionelle Vorstellungsrunde hat bereits das Vorwort vorweg genommen. Darum steigen wir doch mal direkt mit den Tätigkeiten ein, die ihr neben der Band verübt. Maloche, Studium, Staat ausbeuten u.s.w.
Ja genau, also Olli ist schlicht angestellt, Kalle betätigt sich als Erzieher in einer Grundschule. Anni pierct seit kurzem wieder und Chrizzler arbeitet als Heilerziehungspfleger in einer Einrichtung für behinderte Menschen.

Wie trug sich die ICHSUCHT Entstehungsgeschichte zu? Kanntet ihr euch vorher alle? War das geplant oder geschah das zufällig aus einer Laune heraus?
Nein, wir kannten uns vorher überhaupt nicht. Kalle hat die Nummer 2009 ins Leben gerufen und hat hierfür eine Anzeige im Bandnet geschaltet, in der er Musiker/innen für ein Punkrockprojekt gesucht hat. Aufgrund dieser Anzeige gab es dann ein Treffen mit Anni und Chrizzler. Mit Marcus haben wir dann auch recht schnell einen Gitarristen gefunden, von dem wir uns dann allerdings im Laufe der Zeit aus musikalischen/inhaltlichen Gründen getrennt haben. Weiter gegangen ist es dann mit Olli, der das Schlagzeug übernommen hat und Chrizzler ist an die Gitarre gewechselt.  Bei der Besetzung ist es dann auch geblieben.

Anhand eurer Texte erkennt man recht schnell, dass es euch nicht nur um den Spaß an der Musik geht, sondern in allen Texten auch noch ne´ Message steckt. Gehören Punk & Aussage für euch zusammen? Und was haltet ihr von der “Ficken, Saufen, Party – Attitüde“, die in dieser Szene ja nicht gerade wenig Anhänger hat. Kann oder muss man das trennen? Oder lässt sich das sogar alles unter einen Hut bringen?
Wir werden in unseren Texten immer inhaltlich/politisch bleiben, das stand/steht für uns auch nicht zur Diskussion. Punk war für uns immer eine Absage an das Establishment, sowie dem kritischen Auseinandersetzen mit Themenbereichen die uns persönlich interessieren bzw. auf die wir aufmerksam machen möchten. Also mit einer Portion kritischem Bewusstsein durch das Leben zu gehen und auf den Tisch zu hauen und/oder auch mal in die Hände zu klatschen. Wenn das „Feiern“ zum einzigen Inhalt wird, wird’s  natürlich eng. Wenn der Fernseher sein 5 Stunden Tagessoll erreicht oder das Smartphone wichtiger ist, als die Unterhaltung in der man gerade steckt, allerdings auch…! Also im Prinzip alles „Überflüssige“ was von aktiven Nummern wegbringt und irgendwann komplett bestimmt, ist irgendwie kritisch und kann der Szene schaden, oder der Sache oder dem Kopf…

In “Nicht mit uns“ greift ihr das Thema Grauzone auf. “Wir feiern, wir spielen, wir reden nicht euch – ihr könnt uns mal am Arsch“ lautet eine Textaussage. Es gibt Bands, die sagen konsequent Auftritte und Festivals mit umstrittenen Bands aus dieser Richtung ab. Andere hingeben argumentieren, dass sie solchen Bands mit einer Absage das Feld überlassen würden und wieder andere haben in dieser Hinsicht scheinbar gar keine Schmerzgrenze. Wo fängt bei euch die Grauzonengrenze an? Wo hört der Spaß auf?
Wichtiges Thema! Schneiden wir immer wieder gerne an. „Nicht mit uns“ ist Anfang 2012 als Reaktion auf die sog. „Grauzone“ entstanden. Wir halten es für dringend notwendig, sich (als Band) in dieser Angelegenheit klar zu positionieren. Das bedeutet im konkreten Fall, dass wir uns bei Konzertanfragen sowohl mit dem/der Veranstalter/inn auseinandersetzen, ebenso gucken wir uns die Bands an, mit denen wir spielen sollen. Sollten uns dbzgl. Zweifel kommen oder Unstimmigkeiten auftauchen, sagen wir Konzerte ab. Das gilt ebenso für sexistisches Gehabe. Ein „GNWP“ Logo hast du dir schnell in die Seite reingebastelt. Also das „blenden“ um ja nicht aufzufallen (nichts auszulassen), bleibt der bequeme Weg. Trotzdem erleben wir bis dato eigentlich eine sehr konsequente Haltung, das Thema betreffend! Uns ist eine Szene mit klaren antirassistischen/antisexistischen Ansprüchen unglaublich wichtig. Je mehr Menschen/Bands sich da klar positionieren, desto mehr erreicht man da Aufmerksamkeit/Interesse für die Grauzonenproblematik. Für uns wäre das Teilen der Bühne mit entsprechenden Bands keine Option zur Veränderung.

Bleiben wir noch ein wenig bei den Texten eurer aktuellen Scheibe, die übrigens, ich schweife noch mal kurz ab, leider nur 6 Lieder beinhaltet. War nicht mehr Stuff vorhanden oder habt ihr euch erstmal nur die Rosinen aus dem Kuchen gepiekt?
Ja, dass mit den Rosinen haut hin. Genug Material für ein komplettes Album war aber auch noch nicht vorhanden. Zeit war ebenfalls ein wenig knapp bemessen. Wir haben dann kurzerhand das Auto vollgepackt und sind nach Eisenach zu einem Freund zum Aufnehmen gefahren und dann war das Teil auch in 2 Tagen im Kasten. Danach haben wir uns mit den Aufnahmen eigentlich nicht weiter gross beschäftigt, haben es zum freien Download online gestellt und uns über jede/n gefreut der uns gesagt hat dass ihr/ihm die Aufnahmen gefallen. Dann kam im August, des letzten Jahres das Label „Riot Bike Records“ und wir haben uns dazu entschlossen, daraus eine EP zu machen und das ganze auf Platte pressen zu lassen.

v.l.n.r.: Kalle / Chrizzler / Anni / Olli

Jetzt aber noch mal zurück zu den Texten. “Marie“, Thema Kindesmissbrauch. Ganz heißes Eisen. Wie schützt man Kinder am besten? Wie verfährt man mit den Tätern? Eure Meinung?
Der Song „Marie“ ist aus der Sicht des Opfers geschrieben. Uns ist es bei dem Titel wichtig, den Opfern von Missbrauch eine Stimme zu verleihen, unabhängig davon wie der Schutz für betroffene Kinder aussehen kann oder wie die „richtige“ Verfahrensweise mit dem Täter ist. Das sind dicke Themen die wir nicht kurz in einem Interview abreißen können und wollen. Primär geht es uns darum, auch für das Thema Kindesmissbrauch in der Szene und darüber hinaus, zu sensibilisieren. Auch hier ist klarer Aktionismus gefragt und zwar fernab von bescheuerten NPD Sanktionen…! Investiere dich in die Hilfe/Unterstützung von Missbrauchsopfern, das kann so vielfältig sein. Ehrenamtliche Tätigkeiten, schreib nen Song, gib ein wenig Geld von dem was du hast…etc.!

Der Song “Stadtkind“ handelt von der zunehmenden Modernisierung Hamburgs, die vor allem in den so genannten Szenevierteln drastisch schnell vollzogen wird. Kann man sagen, dass ein dreckiges und verruchtes St. Pauli bereits der Vergangenheit angehört oder hat die Moderni- und Yuppiesierung noch nicht ihren Höhepunkt erreicht?
Genau die Gentrifizierung in Hamburg ist für uns ebenfalls ein sehr zentrales Thema mit dem wir uns auseinandersetzen und über das wir in diesem Song sprechen. Neben St. Pauli stehen da mittlerweile immer mehr Viertel auf der Liste, die sich zwangsweise einer Aufwertung unterziehen müssen. Wilhelmsburg sei da z.B. auch ganz klar noch mal mit benannt. Auf St. Pauli oder in der Schanze springt einen das Thema ja förmlich/baulich an. Bezahlbarer Wohnraum wird/ist knapp und die „Kultur“ eines  Viertels verändert sich zu teilen so rasend schnell, dass man die Faust überhaupt nicht mehr aus der Tasche gezogen bekommt. Glücklicherweise gibt es zu dem viele Initiativen in Hamburg, die sich mit dieser Problematik beschäftigen und Öffentlichkeit schaffen. Aber auch als einzelne Person kann man für dieses Thema sensibilisieren. Wir erinnern uns da gerne an einen handgeschriebenen Zettel eines Anwohners aus St. Pauli. der sich über zugezogene Anwohner/innen beschwerte, denen der Musiklärm bestimmter Läden auf die Nerven geht und somit für regelmäßige Polizeieinsätze sorgt. Das Schreiben hat auf jeden Fall die Runde gemacht und mit Sicherheit Menschen erreicht, die sich nicht zwingend mit der Thematik der Gentrifizierung auseinandersetzen. Dass die Spitze in dieser Angelegenheit erreicht ist glauben wir nicht, wir denken dass sich die Problematik weiter ausweiten wird. Wir beobachten das auch in anderen Vierteln Hamburgs, wo ganze Komplexe über Jahre leer stehen und zu Spekulationsobjekten verkommen. Zuviel Prestige und zu wenig bezahlbarer Wohnraum. Aktive/symbolische Besetzungen sind hier ein klares Zeichen in die richtige Richtung, auch die konsequente Teilnahme an Demonstrationen die sich dem Thema annehmen, empfinden wir als zwingend notwendig. Jede/r soweit wie sie/er das für sich verantworten möchte!

Gab es vor ICHSUCHT noch andere Bands, in denen ihr aktiv wart oder vielleicht auch noch aktiv seid?
Ja, in der Vergangenheit gab es einige…! Derzeitig aktiv, neben ICHSUCHT,  ist Anni mit einem „Rockcoverprojekt“ namens MRS. JONES. Chrizzler und Olli spielen noch in einer kleinen Trashpunk Combo namens AFFE RAUCHT, welches sich bis dato allerdings nur auf den Proberaum beschränkt. Kalle zupft nebenbei noch bei DRECK AM STECKEN den Bass.

Euer Label Riot Bike Records hat kürzlich ne´ Antifa Tiger Wilhelmsburg Tribut Single veröffentlicht und meine Ohren würden mir einen Streich spielen, wenn ihr bei diesem Projekt eure Fingerchen und Stimmchen nicht mit im Spiel hättet. Irre ich mich jetzt gewaltig oder hab ich da ein Geheimnis aufgedeckt was eins bleiben sollte oder was vielleicht auch gar keins ist?
Das ist definitiv ne´ schön aufgemachte Platte!

Aha, verstehe! ;- ) Auch wenn eure 6-Song CD erst kürzlich veröffentlicht wurde die Frage, wie es mit einem ICHSUCHT Longplayer aussieht? Gibt’s da schon einen ungefähren VÖ-Zeitraum der ins Auge gefasst wurde oder lasst ihr euch diesbezüglich nicht jagen?
Also jagen lassen wir uns damit natürlich nicht, aber grob geplant sind Album Aufnahmen zum Ende des Jahres. Wir haben reichlich neues Songmaterial welches wir definitiv im Laufe des Jahres umsetzen möchten und wenn alles gut geht, gibt es dann zum Ende des Jahres auch eine neue Platte.

Na, dann sind wir aber gespannt, ich für meinen Teil sogar wie´n Flitzebogen. Dankeschön für dieses kleine Interview und genauso weitermachen.


Musik, Termine, weitere Infos unter: http://ichsuchthamburg.blogspot.de