TOXIC WALLS


Sehr überrascht war ich, als ich vor wenigen Tagen bemerkte, dass sich bei einer großartigen, fast vergessenen Band wieder etwas bewegt. Nach 12 Jahren Pause haben die TOXIC WALLS aus Hannover wieder zusammen gefunden und eine neue EP eingespielt. Auch will man in naher Zukunft einen Longplayer nachschieben. Grund genug, Sänger Alex ein paar Fragen zu stellen und auch die Bandgeschichte Revue passieren zu lassen.

Hallo erstmal! Bevor wir zur aktuellen Scheibe kommen, möchte ich Euch gerne erst einmal über Eure Vergangenheit ausfragen. Zum Einstieg dient aber das auf der Zunge brennende: Euch gibt es mittlerweile seit über zwanzig Jahren. Allerdings war von TOXIC WALLS eine gefühlte Ewigkeit  nichts mehr zu hören. Das letzte Album datiert jedenfalls auf das Jahr 1998. Was hat Euch denn bewogen, jetzt nochmals in den Ring zu steigen? Doch nicht etwa die Midlife-Crises, oder?

Ich denke mal es gibt mehr als einen Grund für uns weiterzumachen und dabei nicht zuletzt der, das uns TOXIC WALLS Spaß macht. Nachdem Bassel und Klausi aus der Truppe ausgestiegen waren, haben Martin und ich noch bis ca. 2000 mit diversen Musikern versucht TOXIC WALLS weiterleben zu lassen, aber der ständige Wechsel war irgendwie zermürbend, so dass wir uns entschlossen TW erst mal auf Eis zu legen. In all den Jahren danach waren Martin und ich dennoch im Kontakt und uns war eigentlich auch klar, dass das Kapitel TW noch nicht abgeschlossen war, im Gegenteil wir trafen uns regelmäßig und tüftelten an neuen TW Songs. Was soll ich sagen, dieser Druck wurde von Jahr zu Jahr stärker und jetzt rocken wir wieder los. Einen Stein ins Rollen gebracht hat dabei allerdings Andi, der todesmutig aus den kultivierten südlicheren Gefilden in den kühlen Norden wechselte um TW zu reanimieren. An dieser Stelle sei mal kurz erwähnt, das Andi  wirklich, wirklich ein begnadetes musikalisches Talent ist und jeder von TW nur empfehlen kann, sich mal sein Nebenprojekt Saitenstreich anzuhören.

Ihr habt Anfang der 90er Jahre mit zwei Demo-Tapes begonnen, bis im Jahr 1993 die erste CD „…gottverdammte Scheiße!“ auf Hulk-Räckorz (die ja auch die weiteren Scheiben veröffentlicht haben) heraus kam,  Wie ist es denn zu dem Deal gekommen?

Wir hatten damals das Glück als Vorgruppe von WIZO auftreten zu können und so kamen wir mit Fratz ins Gespräch und wurden uns einig.

Die erste Scheibe bedient eher das klassische Deutschpunk-Publikum, auch wenn einige metallische Gitarrenspiele zu hören sind. Mit der zweiten LP, die den Titel ‘Deutschland dunkel ist’s in Dir’ trägt, seid ihr textlich von der kämpferischen auf die emotionale und fast depressive Schiene übergesprungen. Was war denn da der Auslöser? (für mich persönlich übrigens die beste Platte!)

Es ist immer spannend zu hören wie TW Songs von Anderen interpretiert werden, aber du hast schon Recht, „Deutschland dunkel ist´s in Dir“ ist wesentlich emotionaler als sein Vorgänger GVS.
Ob von der Diagnose allerdings eine Depression gebastelt werden kann, bezweifel ich noch. Sicherlich sind viele Texte etwas trauriger bzw. regen zum Nachdenken an. Die „Deutschland dunkel ist´s in Dir“ ist meiner Meinung nach eine emotional überlagerte Bestandsaufnahme des Hier und Jetzt (bzw. damals, denn heute ist ja alles jut).

Zwischenzeitlich sind auch einige Sampler-Beiträge (Sicher gibt es bessere Zeiten, Schlachtrufe…) veröffentlicht worden, die diverse Stimmungen und Sounds präsentieren und auch diverse Neu- oder Umbesetzungen aufzeigen. Was ist denn da passiert?

Das war die Phase der ersten Bandkrise, in der mir persönlich alles zu viel wurde und ich erstmals eine Pause brauchte. Ich hatte zwar noch die beiden Lieder ‘Es ist Zeit’ und ‘Vertrauen…’ komponiert aber eingespielt haben es unser damaliger Schlachtzeuger Bassel und Klausi. Wobei Bassel zu dem Zeitpunkt von Schlagzeug auf Gitarre wechselte und kurzzeitig ein neuer Schlagzeuger seinen Auftritt hatte. Aber nach wenigen Monden war das Spektakel wieder vorbei und Bassel und Klausi holten mich zurück an Board zusammen mit Martin, der vorher bei der Band Olsenbande aktiv war.

Danach habt ihr euch ein paar Jahre Zeit gelassen, bis im Jahr 1997 ‘Der Herbst in deiner Seele’ erschien. Das Album ist für manch einen bestimmt schwer zugänglich oder befremdlich, da ihr noch weiter in die Depression absteigt. Wart ihr damals wirklich so destruktiv?

He,he, destruktiv ist gut, also da fallen mir ja auf Anhieb so einige Bands ein, die einen wesentlich destruktiveren Ansatz an den Tag legten und legen, wohin gegen TW doch auch das ein oder andere Mal eher konstruktive Kritik äußert, anstatt die Keule tatsächlich destruktiven Denkens zu schwingen. Das Lied “Neues Land” z.B. oder “Keine Sorgen” (Anm.: das sind für mich auch die größten Hits der Scheibe) sind doch  hoffnungsvolle Lieder und sollen Mut machen. Natürlich beim Titelsong fällt man in ein tiefes schwarzes Loch. Aber wie sagt man so schön:” Es existiert!”. Zumindest haben uns damals einige Fans  geschrieben und sich bedankt, dass wir einen ihnen bekannten Gefühlszustand zum Ausdruck gebracht hätten.

Mit diesen zwei Songs hast du sicherlich Recht, aber die Grundstimmung ist doch eher nachdenklich und reflektierend. Allein das Cover und das darin zu findende Tolstoi-Zitat  strahlen dies ja schon aus. („Bevor sich eine Wandlung in der Welt vollziehen kann, muss sie erst in der menschlichen Seele vollzogen werden“) Warum gerade dieses Zitat?

Weil der Spruch sehr gut beschreibt, wie wir selbst die Welt erleben und mit welchen Augen wir sie sehen. Viel zu oft setzt unsere Spezies den Schalter auf puren Überlebensinstinkt und vergisst dabei den Anteil an Empathie, der notwendig ist, um tatsächlich irgendwann in einer alternativen friedlichen Gesellschaftsform leben zu können. Neid, Missgunst und Egoismus beherrschen uns und davon müssen wir uns frei machen, wenn wir etwas erreichen wollen.

Die nächste Platte ‘Ihr seid nicht frei, ihr glaubt nur dran’ war dann wieder kämpferischer. Hab ihr also doch neuen Mut geschöpft?

Nee, wir hatten den Mut bei der Herbstgeschichte ja noch nicht mal verloren.

Jedenfalls geht ihr wieder direkter zu Werke und das kopflastige des Vorgängers drängt sich in den Hintergrund. Es erscheint mir etwas wie ‘jetzt haben wir genug nachgedacht, gelitten und Utopien erträumt, jetzt müssen wir endlich wieder was machen!’. Gedicht-Interpretationen waren ja schon in der Schule meine Schwäche aber so ganz falsch liege ich doch nicht, oder?

Das Ding dabei ist ja, hören zwei Menschen das gleiche Lied, dann hören sie noch lange nicht dasselbe Lied (Anm.: wie wahr!). Ein Politpunk wird vielleicht sein Augenmerk auf ideologische Aussagen legen, wogegen ein Emopunk erst mal schaut, ob seine Gefühle in dem Song transportiert werden. Alle lesen gerne zwischen den Zeilen, und da versuchen wir für jeden was zu hinterlegen und das auf jeder unserer Scheiben. Es gibt Momente der Wut, Momente der Kraft, Situationen voll Trauer und Glück und immer einen Funken Hoffnung  Die Gewichtung dieser Komponenten bei den einzelnen Scheiben ist schon so, wie Du sie durch deine Fragen beschreiben möchtest. Aber witzig dabei ist schon, dass ein Lehrer sich anmaßt so etwas wie Gedichtinterpretationen zu zensieren:)

Nach dieser Scheibe hat man dann nichts mehr von Euch gehört. Sang und klanglos sind die TOXIC WALLS aus meinem und vielens Bewusstsein geschwunden. Was ist passiert?

Es war damals sicherlich alles andere als eine leichte Entscheidung für uns, TW auf unbestimmte Zeit auf Eis legen zu müssen. Der Hauptgrund hierfür war allerdings der enorme Erschöpfungszustand, der letztendlich dazu führte. Wir benötigten eine kreative Pause um unsere jeweiligen Privatleben etwas sortieren zu können. Wir sind und bleiben nun mal menschlich, und zu der Zeit hat das Leben voll zugeschlagen und extrem an uns genagt. Wie bereits erwähnt war es auch sehr ermüdend nach Bassels und Klausis Ausstieg mit ständig wechselnden Mitgliedern immer und immer wieder die gleichen Songs einstudieren zu müssen. So kann man keinesfalls an neuem Material arbeiten und man bekommt zunehmend das Gefühl auf der Stelle stehen zu bleiben. Trotzdem hatten wir aber niemals vor TW sterben zu lassen und gaben auch deshalb bis dato kein Abschiedskonzert! Und nun ist die Zeit reif mit neuem Tatendrang, neuem Liedgut der Hoffnung und einem neuen Lebensgefühl denjenigen etwas zurückzugeben, die über all die Jahre treu und wacker zu und hinter uns gestanden haben. Denn dem Zuspruch dieser Menschen ist es zu verdanken, dass wir jetzt weitermachen!!!”


Komischer Weise kennen viele – auch mittlerweile ältere Punks (oder die es mal waren) -  TOXIC WALLS und schätzen die Band wegen ihrem Tiefgang. Trotzdem ist euch der große Erfolg in der ‘Szene’ immer verwehrt geblieben. Lag es vielleicht an dem ‘anspruchsvollen’ oder ‘ernsten’, was Euch ja schon etwas anhaftet?

Dafür gibt´s meiner Meinung nach mehrere Gründe. Zum einen waren wir selbst nie auf Erfolgsjagd. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern wie wir mal einen Gig als Vorband der BATES ausschlugen weil der Eintrittspreis uns zu heftig war. Wir wollten schon immer Musik machen auf die wir selbst Bock haben, ohne uns von irgendjemandem da reinreden zu lassen. Uns ist der persönliche Kontakt zum Publikum sehr wichtig, zumindest wichtiger als die Einnahmen der Abendkasse. Zum anderen sind wir halt auch keine Alpha-Punkrockstars, sondern eine Band mit
einem eigenen Kopf. Die einen lieben es, die anderen können es nicht ausstehen. Ob wir nun genügend Tiefgang in unserer Musik und Texten haben, mag Ansichtssache sein, ist zumindest nicht unser Anspruch. Darüber können wir uns ja noch mal im Frühjahr des nächsten Jahres unterhalten, wenn unser neuer Longplayer „Hier kommt die Wahrheit“ erscheint.

Gerne, ich freue mich ja schon auf das Teil. Deshalb kommen wir gleich zur neuen EP, die vor kurzem veröffentlicht wurde. Aber ich muss nochmals genauer nachfragen, wer denn jetzt die beiden neuen Mitstreiter sind.

Eigentlich sind es ja drei neue, wobei ich über Andi ja vorhin schon berichtete. Andi ist schon seit letzten Sommer bei uns. Dann kam wenig später Niklas hinzu, manche behaupten ihm hätte man das Schlagzeug schon in die Wiege gelegt, und wenn man so mit ihm zusammenarbeitet könnte man sich das glatt vorstellen. Vervollständigt wird  unsere Formation durch Hardy (ehemals bei „Rotz auf der Wiese“).

Aufgenommen habt ihr das neue Material in Eigenregie und sowohl als EP als auch zum kostenlosen Download auf eurer Seite veröffentlicht. Wie sieht’s denn mit der kommenden Platte aus? Habt ihr ein Label am Start oder nehmt ihr das selbst in die Hand.

Wir fühlen uns nach wie vor bei Hulk ganz gut aufgehoben, ich denke mal wir werden uns da einig werden.

Die EP beschäftigt sich in fünf Lieder mit einem vom Leben gebeutelten Menschen Namens Karl Klein. War es geplant, solch eine Konzept-Platte zu machen?

Karl Klein beschäftigt uns schon seit 15 Jahren, denn da kamen die ersten Ideen zu Karl. So richtig geplant war die Karl Geschichte nicht, wir haben die Geschichte halt wieder angepackt und da lies sie uns keine Ruhe mehr. Da sich aber auch viel Material für unser großes Projekt „Hier kommt die Wahrheit“ angesammelt hat, dachten wir uns, bringen wir halt den Karl als so genanntes Lebenszeichen von uns in den Umlauf. Wie man bei der Aufnahme hört, haben wir auch den vorläufigen Endmix selber gemacht und wollen das noch mal überarbeiten bevor die Karl Klein Geschichte auf eine EP in begrenzter Auflage gepresst wird.

Die Songs sind ja eine durchgehende Lebens-Geschichte. Gibt es vielleicht sogar ein reales Vorbild?

Ach na klar, zumindest passieren Teile von Karls Leid jeden Tag tausendfach irgendwelchen Menschen, da brauch man gar nicht so weit schauen und schon hat jeder seinen kleinen Karl vor der eigenen Haustür, in der eigenen Familie oder ist es sogar selbst ein bisschen. Negative Kettenreaktionen, die einen das Leben zur Hölle machen können, kennt doch fast jeder von uns, sag ich mal so ganz spontan und aus dem Fenster lehnend. Gut, nicht jeder entwickelt gleich eine Psychose daraus, aber ich behaupte mal, dass das reale Leben viele mehr traumatisiert als sie es wahr haben wollen und das sollte man nicht vergessen bei seinem Gegenüber.

*Spoiler* & etwas Provokation. Karl rutscht ja später in den Nazisumpf ab. Wollt ihr entgegen dem Motto ‘jedem Nazi gleich auf’s Maul’, Verständnis für missverstandene Gesellschaftsopfer einklagen? …bin schon wieder am interpretieren

Da wären wir wieder bei besagtem Tolstoi Zitat. Aber es geht nicht darum irgendetwas einzuklagen, sondern Situationen aufzuzeigen und darüber in Diskussion zu kommen. Das aus Gewalt keine friedliche Lösung entstehen kann, dürfte doch eh jedem klar sein. Karl Klein ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Zumindest im negativen, kranken Sinne. Warum das so ist, wird auch Thema auf der „Hier kommt die Wahrheit“.

Kommen wir langsam zu Schluss. Da ihr noch ‘nen Longplayer nachschiebt, gehe ich davon aus, dass ihr auch Live wieder präsent sein werdet. Was können wir von Euch in naher Zukunft erwarten?

Dieses Jahr wird es noch einige Auftritte geben (aktuell immer auf unserer Page nachzulesen). Im Winter werden wir dann ins Studio gehen, damit die „Hier kommt die Wahrheit“ dann ab nächstes Jahr im Frühjahr bundesweit live präsentiert werden kann. So ist zumindest der grobe Plan.

…die berühmten letzten Worte-Frage lass ich diesmal einfach weg… ich hoffe, dir macht das nix aus! Alles Gute und ich hoffe das ich es schaff, Euch noch mal Live zu sehen.

(jetzt hab ich echt gedacht, Alex schreibt trotzdem noch was, aber die TOXIC WALLS lassen sich einfach nicht verarschen – und das solltet ihr auch nicht!) Danke für das Interview und ich bin gespannt auf die neue Scheibe. Mirko

www.toxic-walls.de
hier kann man übrigens auch die ‘Karl Klein’-EP kostenlos runter laden!