
Schon mit ihrem Debut-Album ‘Dreck unter den Nägeln’ konnte mich GLOOMSTER aus Eisenach durch ihre Wut, ihre Direktheit mit klaren politischen Statements, aber auch einem heftigen, abwechslungsreichen Sound zwischen HC-Punk und Metal überzeugen. Nun hat die Band ihr zweites Album, das dem Erstling in nichts nach steht, als kostenlosen Download veröffentlicht. Also habe ich Sänger und Texter Julian mal zur Band, aber auch zu aktuellen Themen – die unter den Nägeln brannten – befragt. …und auch klare Antworten erhalten.
Zu Beginn natürlich wie immer erst mal das Selbe. Stellt Euch doch kurz vor.
Die Band besteht aus Krischaan (Gitarre, 32), Marc (Bass, 32), Anna Chie (Schlagzeug, 31) und mir (Gesang, 27).
Ihr habt mit Grind/Crust begonnen, seid nun aber beim HC gelandet. Auch der Bandname und die Plattencover lassen auf düsteren Metal schließen. Warum der Wandel?
Hier muss ich etwas weiter ausholen: Krischaan und ich sind schon seit längerem zusammen in der Doom/Sludge Metal Band Devil´s Mother aktiv und irgendwann hatten wir beide Lust auf etwas mehr Geschwindigkeit. Da Krischaan ein eigenes Studio hat (www.myspace.com/rauschverteilung), kam uns die Idee, zusammen mit einem fähigen Drummer aus unserer Region einfach mal ein paar Grind Nummern einzuhämmern. (Wer diese Aufnahmen gerne hören möchte, kann sich bei uns melden). Da wir jedoch großen Spaß daran hatten und auch Live spielen wollten, haben wir Marc, mit dem ich früher sehr lange bei der Band Raw Edge musiziert habe, und Anna Chie mit ins Boot geholt. Da die „Neulinge“ und ich eher einen Hardcore/Punk Backround haben, gingen die neuen Songs ziemlich automatisch eher in die Hardcore Richtung. Und dieser Sound ist meiner Meinung nach auch das perfekte Mittel, um unsere Message nach außen zu transportieren. Der Bandname „Gloomster“ heißt ja übersetzt nichts weiter als „Schwarzmaler“ und dies passt meiner Meinung nach recht gut zum Hardcore/Punk. Das aktuelle Fahnenflucht Album trägt ja auch diesen Titel.
Das neue Album ist nur als Download und nicht als physischer Tonträger erschienen. Wie kam es dazu?
Da wir eher Vinyl Junkies sind und die meisten Leute auf unseren Konzerten ebenfalls, wollten wir keine CD´s machen. So eine Vinyl Produktion ist jedoch recht teuer und ein Label, welches bereit war, uns dies zu finanzieren, hatten wir auch nicht an der Hand. Wir wollten jedoch nicht ewig nach einem Label suchen. Wir wollten die Songs möglichst schnell unter die Leute bringen und hierfür ist die Download-Geschichte einfach eine gute Möglichkeit. Außerdem war/ist Gloomster in der Szene noch relativ unbekannt und um dies zu ändern, haben wir die Songs einfach gratis für jedermann zur Verfügung gestellt. Auf diesem Weg kann man einfach viel mehr Leute erreichen. Weiterhin konnten wir so die Gema gut außen vor lassen.
Seid ihr also eher der Diy-Szene, wenn man das so nennen kann, zuzurechnen?
Ich würde uns schon der DIY-Szene zuordnen, aber meiner Meinung nach, ist die komplette Hardcore/Punk Szene eine DIY-Szene. Konzerte werden von Leuten wie du und ich organisiert, die Fanzine-Betreiber kommen aus den gleichen Kreisen, ebenso wie die Musiker. Alles läuft fernab einer Produktion, wie sie zum Beispiel in der Industrie üblich ist, jedenfalls in den Kreisen, in denen wir uns bewegen. Wir haben die Songs in Eigenregie aufgenommen, das Artwork hat ein guter Freund von uns gemacht (Bäppi, Human Parasit) und die Songs stammen auch aus unserer Feder (außer der ein oder andere Cover-Song) – also DIY. Wir suchen nun auch nicht krampfhaft nach einem Label, da wir alles was Gloomster betrifft, lieber selber steuern möchten. Wenn sich aber jemand findet, der unsere Songs auf Vinyl veröffentlichen will, der kann gerne anklingeln. Unsere erste Scheibe „Dreck unter den Nägeln“ gibt es ja bereits als LP und diese hat das befreundete Label Brundlefly Recordz aus Berlin veröffentlicht. Von der „Randkultur“ Scheibe erscheinen auch bald ein paar Songs auf einer Split EP mit der Band E620. Dies ist dann eine Kollaboration von mehreren, kleineren Labels.
Eure Texte sind ziemlich angepisst. Euch scheint vieles anzukotzen. Seid ihr außerhalb der Band auch so engagiert bzw. politisch aktiv?
Natürlich bleibt neben der Arbeit und Band nicht mehr allzu viel Zeit. Unser politischer Aktivismus beschränkt sich schon größtenteils auf Gloomster, auch wenn ich in den letzten Jahren immer wieder versucht habe, auch außerhalb der Band etwas zu machen. Hier seien die Proteste gegen das alljährliche Burschenschaftstreffen in Eisenach zu nennen und auf der einen oder anderen Demo kann man uns auch antreffen. Wir versuchen halt bei Gloomster möglichst viele politische Themen kritisch zu verarbeiten. Ich denke einfach, dass man als Band einen gewissen Einfluss auf die Leute hat, bzw. kann man diese sicher zum nachdenken anregen und das sehe ich auch als große politische Verantwortung und Herausforderung.
Ihr haltet vor allem der eigenen Szene den Spiegel vor. Auch auf der neuen Scheibe wettert ihr gegen meinungslose Spaß-Punx. Ist euch das ein besonderes Anliegen?
Na ja, als besonders Anliegen würde ich das jetzt nicht bezeichnen. Aber es gibt halt auch in der eigenen Szene einige Sachen, die uns ankotzen, deshalb schreiben wir Texte darüber. Leider sind Homophobie und Sexismus im Hardcore/Punkrock keine Seltenheit. Da gerade dies hier nichts zu suchen hat, betrachten wir das kritisch und prangern es an. Ich kann es halt nicht nachvollziehen, wie man ein komplettes Album über Saufen, Ficken, harte Schwänze und dicke Titten schreiben kann und dies dann unter dem Deckmantel Punkrock veröffentlicht. Schlager Musik ist ähnlich inhaltslos und Punkrock ist es meiner Meinung nach nicht! Aber darüber hinaus ist mit „Last Action Hardcore Hero“ auch ein Song auf „Randkultur“, der das Proll-Gehabe beim Hardcore kritisiert. Ich liebe diese Musik, aber was teilweise auf Konzerten abläuft, finde ich unerträglich. Wir formulieren unsere Kritik dann auch gerne mal etwas überspitzt. Das bringt meiner Meinung nach dann einfach mehr Diskussionsstoff mit sich, als irgendwelche Mauerblümchen-Texte.
Ich kann mir ja gut vorstellen, dass einige gar nicht wissen/merken, dass sie selbst angesprochen sind, obwohl man manches ja nicht deutlicher sagen kann. Glaubst du die Songs können bei all der Wut auch zur Selbstreflexion anregen oder sind die kritisierten Typen hoffnungslose Fälle?
Das wäre natürlich der Idealfall, wenn unsere Songs zur Selbstreflexion anregen würden. Aber es gibt immer wieder Anlässe, die einem jegliche Hoffnung rauben. Auf einem Konzert haben wir beispielsweise letztens unseren Anti-Spaßpunk-Song gespielt. Ich bemühe mich wirklich immer auf Konzerten etwas zu den Songs zu sagen. Also habe ich auch hier eine erklärende Ansage gemacht, die man einfach nicht missverstehen konnte. Als wir dann fertig waren, kam dann tatsächlich ein stock-besoffener Besucher auf mich zu und fragte, ob wir Bock hätten, mit Pöbel & Gesocks zusammen zu spielen. Versteht mich nicht falsch, ich will Pöbel & Gesocks jetzt nicht als inhaltslose Band abstempeln, aber es ist definitiv nicht die Art von Punkrock, die wir mögen. Ich weiß einfach wie das Publikum auf solchen Konzerten aussieht und da sind Gloomster ganz einfach fehl am Platz.
Wie gestaltet sich denn die Szene in Eisenach, dass es da so viel ‘Hass-Potential’ gibt – oder ist das nicht lokal fest zu legen?
Eisenach ist eine Kleinstadt und genauso übersichtlich ist auch die Szene. Hier gibt es glücklicherweise viele korrekte Leute und auch Bands, aber eben auch schwarze Schafe. Viele Leute, zu denen ich mit 14-15 aufgeschaut habe, sind heute alkohol- oder drogenabhängig und haben kein Problem damit, auch mal mit den örtlichen NPD Aktivisten zu saufen. Das einzige was da noch vom Punkrock übrig geblieben ist, ist der Kamm auf dem Kopf (daher auch der Song „Virus“). Aber das „Hass-Potential“ resultiert eigentlich eher aus Erfahrungen und Erlebnissen in der gesamten deutschen oder auch internationalen Szene.

Auf beiden Platten sind jeweils noch Coverversionen von Deutschpunk-Bands zu finden. Habt ihr einen besonderen Bezug dazu, denn eure musikalische Ausrichtung ist ja schon eine andere?
Deutschpunk haben wir alle schon in unserer frühen Jugend gehört, außer Krischaan vielleicht. Der hat eher einen Metal Backround und hat die eine oder andere Punkrock-Perle jetzt erst lieben gelernt. Auf jeden Fall haben uns Bands wie Toxoplasma, Slime, Vorkriegsjugend, Schleim Keim oder Razzia maßgeblich beeinflusst. Auch wenn man es musikalisch nicht gleich auf Anhieb raus hört, textlich auf alle Fälle. Ohne eine Band wie Slime wäre ich heute vielleicht auch ein Popper ;- )
Der mittlerweile so genannte NSU ist ja in Thüringen beheimatet. Was geht Euch durch den Kopf, wenn man hört, dass solche Typen in unmittelbarer Nähe, unter Aufsicht des Verfassungsschutzes, ihre Aktionen planen & starten?
Das ist natürlich kein gutes Gefühl, zumal wir einigen von diesen Leuten sicher auch ein Dorn im Auge sind. Aber es ist ja schon lange bekannt, dass diese Strukturen in rechten Kreisen bestehen und es ist schon etwas abstrus, dass man angeblich erst jetzt den Ernst der Lage erkannt hat. Ich bin gespannt wie die Politik nun vorgehen wird. Aber vermutlich hat man das Thema in einer Woche wieder vergessen und dann läuft alles weiter wie bisher und in ein paar Wochen sind dann wieder die bösen „Linken“ dran. Unser politischer Idealismus und Aktionismus bleibt jedenfalls weiter bestehen und wir lassen uns nicht einschüchtern!
Natürlich steht auch mal wieder ein NPD-Verbot im Raum. Mach das in deinen Augen Sinn?
Ein NPD-Verbot ist sicher nicht das „Allheilmittel“, aber es wäre wenigstens ein erstes Zeichen von unserer Regierung. Im Moment bekommen die Nazis vom Staat durch die staatliche Parteienfinanzierung ja sogar noch Kohle in den Arsch geschoben und das geht wirklich gar nicht. Aber es müsste sich insgesamt etwas in der Denkweise der breiten Bevölkerung ändern. Rechtes Gedankengut ist doch schon lange in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen und weit verbreitet und das macht mir wirklich Angst. Der aktuelle Anlass hat es gezeigt: Es wurden mehrere türkische Läden in die Luft gejagt und allen war klar, dass hier die Mafia dahinter stecken muss. An Nazi-Terror hat niemand nur ansatzweise gedacht und wenn doch mal ein Verdacht geäußert wurde, hat man diesen schnellstmöglich unter den Tisch gekehrt. Grundsätzlich müsste man Nazis aus dem sozialen Leben komplett ausgrenzen. Man sollte ihnen keine Jobs geben, man dürfte ihnen keinerlei Plattform bieten. Diese verbohrten Köpfe müssen einfach merken, dass es so nicht geht. Aber im Gegenteil: Bei uns in Eisenach sitzt ein NPD-Funktionär mit im Stadtrat und er bekommt immer wieder tosenden Applaus für seine Beiträge von den bürgerlichen Parteien bei den Stadtratssitzungen. Das ist wirklich ekelhaft!
Offensichtlich spielt ja der Staatsschutz da eine nicht unerhebliche Rolle, wie beurteilst du die ‘Strategie’, obskure V-Männer einzusetzen?
Das diese Strategie schon von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, ist mehr als klar und das haben ja auch die aktuellen Gegebenheiten gezeigt. Neonazis kassieren vom Verfassungsschutz großzügige Honorare und sollen daraufhin brisante Internas ausplaudern? Das ist doch lächerlich. Schon klar, dass man die Kohle gerne nimmt, aber mehr als geschönte Berichte werden da wohl nicht abgeliefert. Der Verfassungsschutz finanziert seit Jahren Nazi-Gruppieren – ein anderes Ergebnis hat die V-Männer-Strategie nie gebracht und das ist ein Skandal!
Was denkst du, wie weit die linke/alternative Szene mit dieser Sache umgeht / umgehen sollte – sowohl was den ‘neuen’ Rechtsterror an sich angeht, als auch die Sache mit V-Männern (die ja bestimmt auch bei den Linken aktiv sind, Beispiel ‘Simon Brenner’ in Heidelberg)?
Ich denke, dass man das nicht pauschalisieren kann. Die linke Szene ist sehr breit gefächert und jede Gruppierung geht damit anders um. Grundsätzlich kann die linke Szene nur das tun, was sie schon seit Jahren versucht: durch Aktionen jeglicher Art darauf hinweisen, dass es ein Naziproblem gibt und alles tun, damit in Köpfen der Menschen etwas passiert. Man kann hier auch nicht vom „neuen“ rechten Terror sprechen. Es gab schon vor Jahren Hausdurchsuchungen bei Nazis und bereits da wurden immer wieder scharfe Waffen und Bomben gefunden. Das diese nicht zur Zierde der Wohnung gedacht waren, ist ja wohl klar. V-Männer bei den Linken sind genauso sinnlos und lächerlich wie bei den Rechten. Leute, die sich vom Staatsschutz schmieren lassen, haben in der linken Szene nichts verloren. Das ist doch ein Widerspruch in sich!!!
Vehemente bürgerliche Proteste nehmen gerade stark zu (Stuttgart 21, Castor-Transporte, Atom-Demos, Euro-Krise, Occupy-Bewegung…), hinzu kommen die Volksaufstände in der arabischen Welt. Ist das nur ein Strohfeuer, katalysiert durch Internet-Vernetzung oder wachen die Menschen langsam auf? Politisch scheint sich ja bisher nicht viel zu verändern?
Es ist tatsächlich zu beobachten, dass die Menschen unruhiger werden. Aber die Proteste nehmen sicher nicht zu, weil man den Kapitalismus und das Bestehende an sich kritisieren will, sondern weil ein Großteil der Menschen, gerade in Deutschland, einfach Angst davor hat, dass man ihnen etwas von ihrem Wohlstand wegnehmen könnte. Die Proteste haben hier meiner Meinung nach oft einen sehr egoistischen Charakter. Genau darum geht es auch in unserem Song „Stop the Krauts“. Eine Revolution (auch wenn wir davon noch weit entfernt sind) unter Voraussetzung der aktuellen Gegebenheiten, würde meiner Meinung nach komplett nach hinten los gehen – eher in Richtung nationale Revolution und genau deshalb macht mir der jetzige Zustand auch eher Angst. Der Hass richtet sich wieder mal gegen die Falschen.
So, das war’s auch schon. Bleibt noch zu fragen, wie es in der Zukunft mit Gloomster weiter gehen wird? Gibt’s irgendwelche konkreten Pläne?
Nach einer 2-monatigen Konzertpause werden wir im Januar wieder loslegen und den einen oder anderen Club unsicher machen. Weiterhin wird im Januar die oben genannte Split Single erscheinen und neue Shirts wird es auch bald geben. News hierzu kann man dann unserer Homepage entnehmen. Sonst werden wir fleißig am Nachfolger für „Randkultur“ schreiben und wir hoffen, dass wir im Sommer auch ein paar Open Airs mitnehmen können.
Dann bedanke ich mich für die klaren Worte und überlasse die letzten Worte Dir:
Erstmal möchten wir uns bei dir und uglypunk für das Interview bedanken. Weiterhin gebührt dem Brundlefly Recordz Team ein Dankeschön für die Veröffentlichung der „Dreck unter den Nägeln“-Platte und last but not least ein Danke an die Leute, die die Szene am Leben halten, sei es durch das Veranstalten von Konzerten, durch das Betreiben von Fanzines oder durch sonstige Aktivitäten. Wir wissen euren Support zu schätzen!

Wer Gloomster noch nicht kennt, kann unsere Homepage besuchen und sich das neue Album runterladen. Wenn ihr Bock habt, Gloomster zu buchen, meldet euch!




