FAHNENFLUCHT


FAHNENFLUCHT gehören zweifelsohne zur Speerspitze der Deutschpunkszene. Mit kritischen und nachdenklichen Texten und einem wuchtigem Soundgewand, verschaffen sie sich bereits seit Ende der 90´iger Jahre Gehör und sind über die Jahre kein bisschen leiser geworden. Aktuell haben sie ihr neues Album “Schwarzmaler“ im Gepäck, für uns ein guter Grund, die Fahnenflüchtigen mit ein paar Fragen zum neuen Werk, aber auch zu anderen Dingen, zu löchern. Rede und Antwort standen seitens FAHNENFLUCHT: Sänger Thomas, Bassist Marc, Gitarrist Mole und Drummer Jan.

Ugly Punk: Starten wir mal mit einer ungewöhnlichen Frage… wenn heute Wahl wäre, welche Partei würdet ihr wählen und warum?
Thomas:
Keine. Darum!
Mole:
Ich sehe derzeit keine Partei als pflichtbewusst genug um von mir unterstützt zu werden. Ich denke auch nicht, dass es in absehbarer Zeit eine geben wird.
Marc:
Würden Wahlen etwas ändern, wären sie verboten…

Ugly Punk: Mit “Schwarzmaler“ habt ihr kürzlich euren vierten Longplayer veröffentlicht. Es gibt viele Durchhalteparolen (u.a. “Augen auf!“), aber auch Stücke wie “Schwarzmaler“, die resignierter klingen. Ist eure Gefühllage ein ständiger Kampf zwischen Hoffnung und Resignation?
Thomas:
Naja, Resignation klingt mir persönlich jetzt zu endgültig. Die naive Hoffnung auf eine etwas bessere Welt trage ich immer noch in mir, aber ein Blick auf die realen Umstände und Aussichten, lässt mich auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkommen. Aber wie gesagt, Resignation wäre Selbstmord.
Marc:
Ich schließe mich dem an, resignieren heißt die Hoffnung und somit sich selbst aufgeben. Würden wir das machen gäbe es keine neuen Songs und wir würden aufhören nachzudenken bzw. anfangen alles lautlos hin zu nehmen!
Jan:
Auf der einen Seite sehe ich noch die Hoffnung. Auf der anderen Seite bin ich immer wieder tief erschrocken und enttäuscht, wenn ich sehe was auf der Welt passiert.

Ugly Punk: Im Song “Insel Freiheit“ prangert ihr den Überwachungsstaat an, der unter der Überschrift des Antiterrorkampfes seine Sicherheitsvorkehrungen und Kameras rechtfertigt. In welchen Punkten fühlt ihr euch besonders in eurer Freiheit bedroht, eingeschränkt oder überwacht?
Thomas:
Für mich ist das so ein diffuses Gefühl, die Maschen werden halt irgendwie immer enger. Dieses ungute Gefühl entsteht bei mir aus der empfundenen Ohnmacht gegenüber der Technik. Ich verstehe davon eigentlich nichts und gleichzeitig habe ich als denkender Mensch eine grundsätzliche Ahnung davon, wie allumfassend die „neuen Medien“ jeglichen Lebensbereich erschließen werden. Wir liefern die Daten und der Staat, die Konzerne etc. vernetzen diese Daten zu immer detaillierteren Bildern eines jeden Einzelnen. Seht was entsteht…
Marc:
Du wirst heutzutage überall beobachtet und in gewisser Weise auch kontrolliert! Nehmen wir beispielsweise Payback, wer kauft wann wie oft und was zu welchem Preis wo ein? Ist vielleicht ein wenig übertrieben von mir, aber die Möglichkeit einer Kontrolle durch zweite bzw. dritte ist damit gegeben, genauso jede EC oder Kreditkartenbewegung… Von dem Überwachungsapparaten an Flughäfen, Bahnhöfen oder den Innenstätten mal ganz abgesehen! Selbst Online oder bei Spielkonsolen kannst Du Dir heute nicht mehr sicher sein unbeobachtet zu bleiben! Außerdem was bringen Überwachungskameras, schreckt man dadurch „Kriminelle“ Individuen wirklich ab? Ist seit der Überwachung die Kriminalität wirklich gesunken? Traue niemals einer Statistik die Du nicht selber gefälscht hast!
Jan:
Es sind ja nicht nur Kameras. Thomas erwähnte bereits die neuen Medien. Diese finde ich persönlich viel schlimmer. Ich kann es nicht nachvollziehen, warum so viele Menschen den Drang verspüren meist persönliche Informationen im Netz preiszugeben und damit transparent werden. Soziale Netzwerke hin oder her. Man sollte selbst schlau genug sein, um zu wissen wann es reicht.

Ugly Punk: Schon euer erstes Werk “Beissreflex“ war in ein fettes Soundgewand gehüllt. Ist der Anspruch, sich immer wieder zu steigern und noch einen drauf zu setzen erdrückend oder geht das alles ganz leicht von der Hand?
Thomas:
Der CD-Sound entsteht bei einem Teil der Band schon im Kopf, in der Produktion ist das dann aber Sache von Matze vom Docmaklang Tonstudio, schöne Grüße! Wir haben natürlich unsere Vorstellungen und die versuchen wir dann bestmöglich mit Matze zu verwirklichen. Für die nächste Aufnahme haben wir aber bereits ein paar Sachen im Hinterkopf…
Mole:
Ich denke der Anspruch steigert sich schon, noch eins drauf zu setzen. Aber es ist nicht so, dass wir uns da sehr unter Druck setzen um unbedingt noch mal eins drauf zu setzen. Wenn ich eine neue Idee habe spiele ich sie z.B. den Jungs vor und man arbeitet gemeinsam in Ruhe dann an einem Song.
Marc:
Man entwickelt sich ja mit jedem Album weiter, auch im Anspruch! Mir persönlich fällt das Arbeiten an neuen Songs nicht wirklich schwer und ich empfinde auch keinen Druck, zumindest geht dieser beim Basteln neuer Songs unter…
Jan:
Ich würde behaupten, dass es uns durch die Mithilfe von Matze ganz gut von der Hand ging. Er wusste ganz gut wo man uns soundtechnisch einordnet. Wir haben dann mit ihm den Feinschliff und die Besonderheiten ausgearbeitet. Wenn man als Band einen passenden Sound gefunden hat, muss man ihn nicht überproduzieren und immer wieder einen draufsetzten.

Ugly Punk: Es gibt ja vereinzelt Stimmen, die sehen das “Wer Wind sät…“ Album durch “Schwarzmaler“ nicht unbedingt getoppt. Welche Unterschiede seht ihr zwischen diesen beiden Veröffentlichungen?
Thomas:
Hmm, echt? Also in den meisten Reviews ist von einer Steigerung sowohl musikalisch als auch textlich die Rede, sehe ich persönlich übrigens auch so.
Mole:
Der größte Unterschied zwischen den Veröffentlichungen ist, dass ein Besetzungswechsel stattfand. Mit Jan und mir kamen zwei neue Individuen in die Band, die zusätzlich zum schon vorhandenen FF Sound ihre eigenen Ideen mit einbrachten. Ich denke man merkt das im Album „Schwarzmaler“ auch, da es um einiges hardcorelastiger ist.
Marc:
“Schwarzmaler“ ist aggressiver und stellenweise härter als “Wer Wind sät”.
Jan:
Das zu hören ist mir auch neu. Den Unterschied nennt bereits Mole.

Ugly Punk: Die “Wer Wind sät…“ wurde ja von eurem neuen Label noch mal aufgelegt. Ist nicht mehr viel los in Sachen Neuerscheinungen bei eurem alten Label “Suppenkazpers Noize Imperium“ oder wie sieht die Lage aus?
Thomas:
Die Frage wäre dann wohl eher Endie vom Suppenkazpers Noize Imperium zu stellen, schöne Grüße…

Ugly Punk: Schöne Grüße mit ironischem Unterton?
Thomas:
Nein, keineswegs! Die Differenzen der Vergangenheit sind ausgeräumt und ich denke wir wüschen uns gegenseitig alles Gute.

Ugly Punk: Bands wie SLIME werden hierzulande immer als Paradebeispiel alter Punkbands genannt. Was die neueren, für moderneren Punkrock stehenden Bands dieses Genres angeht, fällt häufig der Name FAHNENFLUCHT. Seht ihr euch selbst auch als eine Art Vorreiter der neuen Generation an Punkbands?
Thomas:
Ich denke SLIME fährt auch heute noch ganz gut mit diesem positiven, wegweisenden Image. Wenn uns gleiches widerfährt hätte ich nichts dagegen. Nee im Ernst, ich denke, das z. B. die Aufnahmetechniken insgesamt viel besser geworden sind. Wenn wir heute dann als Referenz für modernen deutschsprachigen Punkrock genannt werden ist das natürlich ein großes Lob, aber auch nicht mehr.
Marc:
SLIME waren, sind und bleiben das Vorbild mehrerer Punkgenerationen, meiner eingeschlossen! Hoffe das die Szene, wie Du gesagt hast, es mit FAHNENFLUCHT so sieht…

Ugly Punk: Früher durfte Punkrock ruhig mal schlecht, rau und unbeholfen wirken… machen aber heutzutage Punkbands genau diesen Old School Sound, wird er oft belächelt, denn das Perfektionieren der Aufnahmen ist für viele Voraussetzung. Seht ihr das ähnlich?
Thomas:
Wir nutzen gerne die Möglichkeiten und das Knowhow eines modernen Tonstudios. Wir wollen unseren Sound nicht künstlich alt oder schrammelig klingen lassen. Die Vorstellungen wie ein Punkalbum zu klingen hat, sind höchst unterschiedlich und das ist auch gut so. Wir haben unsere!
Mole:
Man muss aber auch bedenken, dass wie Thomas sagt, die Möglichkeiten besser geworden sind. Heutzutage kann jeder der sich reinhängt eine brauchbare Aufnahme selbst schustern. Damals gab es einige Bands wie SLIME oder NEUROTIC ARSEHOLES, die spielerisch sehr fit waren und auch recht gute Aufnahmen ohne die ganze Technik zustande bekamen. Ich persönlich mag aber auch den alten trashigen Klang, wie bei den alten BLAG FLAG, ADRENALIN OD oder DEAD KENNEDYS Alben.
Marc:
Ich persönlich mag es druckvoll, laut und etwas härter! Es sei jeder Band überlassen wie sie sich anhören mögen. Ich respektiere jeden Musiker der ehrliche handgespielte Musik macht und nicht die PC Synthi Chartscheisse!
Jan:
Wie Mole bereits sagt, die Möglichkeiten heute aufzunehmen sind viel besser und vor allem auch einfacher. Heutige „Demo Tapes“ sind mit denen von früher nicht mehr zu vergleichen. Wenn man sich dennoch für einen solchen Sound entscheidet – warum nicht. Geschmäcker sind ja verschieden. Unsere Voraussetzung war es die Stücke authentisch klingen zu lassen.

Ugly Punk: Das sich Sound und Bands entwickeln und sich nicht auf der Stelle drehen wollen, ist natürlich nachvollziehbar. Nur scheint es aber hier und da so, als würde der Deutschrockvirus vereinzelt auf die Deutschpunkszene übergreifen. Seid ihr gut geimpft?
Thomas:
Also wir  machen mit FAHNENFLUCHT kritikorientierten deutschsprachigen Punkrock. Wäre mein englisch besser, würde ich mich evtl. auch mal an englischsprachige Stücke wagen aber nee, lass mal. Lieber auf deutsch gut ausgedrückt als mittelmäßiges Quotenenglisch. Das andere Bands vom Deutschrockvirus befallen wurden und werden, ist deren Sache. Ich denke dies geschieht einerseits aus ökonomischen Gründen, andererseits ist das sicher auch ein Zeichen für einen „möchtegern unverkrampfteren“ Umgang mit diesem Land. Wobei es mir immer noch nicht einleuchtet, warum Mensch überhaupt einen Bezug zu Heimat oder Nation braucht. Macht das satt? Naja, harte Männer, weichen Keks. Gleichzeitig wird dann das unpolitische zum Dogma erhoben. Vielleicht bemitleidet sich die Deutschpunkszene aber auch nur selbst, angesichts der Zuwächse in der Deutschrockszene. Wie gesagt, wir sind FAHNENFLUCHT und wofür und wogegen wir sind, kann jeder für sich aus den Texten herauslesen.
Mole:
Ich persönlich bin sehr gut geimpft. Ich mag dieses Deutschrockgehabe nicht. Ich denke dass spürt man bei „Schwarzmaler“ auch sehr intensiv, dass wir da eine andere Richtung bevorzugen.  Genau so wenig mag ich diese ganzen Selbstbeweihräucherungen dieser so genannten Deutschrockbands und deren Ausdrücke missverstanden zu werden. Das ist doch eh nur Show, damit die Verkaufszahlen steigen.
Marc:
Dem ist nichts hinzuzufügen…!
Jan:
Ja, gut geimpft. Schließe mich da Thomas und Mole an.

Ugly Punk: Der Impfstoff scheint ja auch anderweitig zu wirken, denn kürzlich habt ihr das “Sprit from the Street Festival“ abgesagt. Viele Stimmen befürworten diese Entscheidung, aber es gab auf eurer Facebookseite auch vereinzelt kritische Kommentare zu lesen. Die Vorwürfe: Ihr hättet in der Vergangenheit auch schon auf dem Spirit mit ähnlichen Bands gespielt, ihr habt zu kurzfristig abgesagt (obwohl euch das Line-Up schon lange Zeit bekannt war) oder ihr habt den Spirit Veranstalter sogar mal als Booker verpflichten wollen. Könnt ihr diesbezüglich ein wenig Aufklärung betreiben?
Thomas:
Ja, wir haben bereits 3 x auf dem Spirit gespielt. Unsere Schwierigkeiten mit dem Line-Up der letzten Jahre haben wir mal halblaut, mal deutlich angebracht. Wir vertraten für uns letztendlich die Auffassung, dass unser Livebeitrag auch ein wenig als Gegenentwurf verstanden werden kann. Diese Einschätzung hat sich unsererseits nach und nach geändert. Die erwähnte Bookingtätigkeit bezieht sich auf ein paar Gigs in der Vergangenheit. Für die Zukunft hatten wir die eine oder andere Idee, jedoch nichts Konkretes. Es sei an dieser Stelle auch noch mal erwähnt, dass wir weder den Veranstalter persönlich noch das Festival als Ganzes anfeinden wollen. In der Öffentlichkeit wird das aktuell gerne anders dargestellt. Im Nachhinein wird häufig so getan, als wenn wir irgendjemandem persönlich eins auswischen wollten, Schwachsinn. Wir haben für uns, nach längerer Diskussion, eine Entscheidung getroffen und diese anschließend offiziell, sehr spät, begründet. Hätten wir der Einfachheit halber spontan wegen Krankheit absagen sollen, um dieser vermeintlich schwierigen Diskussion aus dem Weg zu gehen? In der Öffentlichkeit Stellung zu beziehen, bedeutet auch, Kritik und Schelte einstecken zu müssen. Die neuen Medien ermöglichen jedem seinen Senf. Der Vorwurf der kurzfristigen Absage trifft schon zu, wir hätten uns bandintern diesbezüglich schon eher einig sein können/müssen. Andererseits wurde vor ein paar Wochen eine Band dazu gebucht, der mittlerweile seitens des Veranstalters wieder abgesagt wurde. Scheinbar auch aus den von uns vertretenen Gründen. Dies in einen kausalen Zusammenhang zu bringen wäre jedoch zu viel. Jeder weiß wohl wer gemeint ist. Das wird zwar aktuell auch ausgiebig diskutiert, aber meines Erachtens oft am Thema vorbei. Wir reklamieren für uns weder den 100 %-igen Anspruch auf Wahrheit, noch wissen wir absolut was „Richtig“ oder „Falsch“ ist. Jedem seine Meinung. Wir wollen bestenfalls Unsere vertreten können.

Ugly Punk: Live seid ihr wieder etwas aktiver geworden. Wird man in Zukunft FAHNENFLUCHT öfter als bisher “On The Road“ sehen oder ist das zeitlich aufgrund anderer Aktivitäten nur in einem gewissen Rahmen möglich?
Thomas:
Da wir ja nicht von der Musik leben, steht ein Großteil der Bandmitglieder ganz normal in Arbeit, so bitter das auch ist.
Mole:
Im Rahmen unserer Dienstzeiten (zwei von uns arbeiten im Schichtdienst) und privaten Verpflichtungen ist es schon teilweise sehr schwierig, trotzdem möglichst oft Live zu spielen. Natürlich hoffe ich, dass wir noch öfters Live zu sehen sein werden.
Marc:
Leider ist dieser genannte Rahmen vorhanden, ja, aber wir geben uns Mühe so oft wie möglich Live präsent zu sein!

Ugly Punk: Wo wir gerade bei “anderen Aktivitäten“ waren. Punkrocker haben ja oft spannende oder außergewöhnliche Berufe, die man ihnen gar nicht zugetraut hätte. Womit verdient ihr euer Täglich Brot? Finger hoch, wer von Euch ist Arzt oder Anwalt?
Thomas:
Von Beruf Träumer.
Mole:
Ich bin Heilerziehungspfleger und arbeite in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung. Anwälte und Ärzte wirst Du bei uns nicht finden. Auch keine Studenten! ; )
Marc:
Herr Doctor Fahnenflucht?………..kein Kommentar!!!!!
Jan:
Pixelschubser. Ich bin Mediengestalter für Digital- und Printmedien