
Die neue Scheibe von OPERATION SEMTEX hat längst ihren festen Platz bei mir im Regal eingenommen und da in letzter Zeit das Wetter schön war und deshalb das Fenster offen, denke ich mal, das auch die Nachbarn bereits den Sound der Ruhrpottcombo kennen sollten. Ein Album das gefällt, noch dazu von einer Band die (das muss ich zu meiner Schande und peinlicherweise gestehen) mir vorher kaum bekannt war, weckt natürlich das Interesse, weshalb somit fix den Fragensack ausgeschüttet wurde. Die Lesepflicht beginnt ab jetzt!
Ugly Punk: Klären wir doch eingangs erstmal das Geheimnis eures Bandnamens, sofern es überhaupt ein Geheimnis ist. Gibt es da ne´ spezielle Vorgeschichte, habt ihr Sprengstoffexperten in den eigenen Reihen oder sollte es von vornherein, passend zur Musik, irgendein wuchtiger Bandname sein?
Tassi: Wenn ich näher drüber nachdenke, könnten wir auch genauso gut ,,A-Team“ heißen, wo du uns grad auf unserem den Bandnamen ansprichst. Parallelen sind bei uns durchaus vorhanden. Ich wickel größtenteils das organisatorische drumherum ab und liebe es wenn ein Plan funktioniert, Kritze ist eher der ,,Face“ Typ und Womenizer, Schoko macht sich gut als Mr. T hinterm Drumset und Scheisse ist ganz klar Murdoc. Verrückt auf ganzer Linie, im positiven Sinn. Wir haben uns nie über unseren Bandnamen Gedanken gemacht. Scheisse schmiss OPERATION SEMTEX einfach mal in den Raum, nachdem er kurz zuvor in Köln seine Späße mit Passanten gemacht hat und einen imaginären Hund gesucht hat. OPERATION SEMTEX gefiel uns auf Anhieb und fertig war die Sache. Thematisch passte der Name, da wir als Band auch möglichst viele Menschen erreichen wollen. Das geht nur mit nem Knall!
Schoko: Scheisse hatte mal einen imaginären Hund namens Semtex, den er im Kölner HBF suchen musste, da dieser verloren ging. Wir waren alle erleichtert, als er wieder da war. Zur Feier des Tages haben wir uns OPERATION SEMTEX genannt.
Ugly Punk: Nun ist ja kürzlich euer neues Werk mit dem Titel “Vorstadtanekdoten“ erschienen, welches mit vielen Lobeshymnen garniert wurde. Im Vergleich zum Debüt sprach man musikalisch und textlich sogar von einem Quantensprung. Wie erklärt ihr euch diese Entwicklung/Veränderung?
Tassi: Nachdem Torsten die Band verlassen musste, stieg Kritze als Leadgitarrist bei uns ein. Kritze und ich hatten zu diesem Zeitpunkt schon vorher viel zusammen gesessen und Songs geschrieben, als ich noch in Oer-Erkenschwick gewohnt habe. Kritze hat echt ein gutes Händchen dafür, Melodien passend zum Song einzubauen. Das Grundgerüst mache ich meistens fertig, Kritze und die anderen dann den Rest bei den Proben. Die Arbeit an der ,,Vorstadtanekdoten“ dauerte rund 1,5 Jahre, wobei wir hart dran gearbeitet haben, bis schließlich noch die letzten Textzeilen im Studio vollendet wurden.
Schoko: Da gibt es mehrere Faktoren. Zum einen musste Thorsten die Band verlassen und Kritze hat die Leadgitarre übernommen. Kritze ist ein ausgezeichneter Gitarrist und hat viele gute Ideen, die den kreativen Prozess vorantreiben. Außerdem merke ich auch, dass wir einfach immer besser zusammen spielen.
Kritze: Ich denke mal jeder hatte damals gewisse Vorstellungen von Musik und auch seine Favoritenbands. Irgendwann verändert sich mal der musikalische Geschmack und man entwickelt sich weiter. Ich würde schon behaupten, dass der Stil der Band sich nicht geändert hat, das hätte ich Schade gefunden, wir sind unserem Stil treu geblieben, denn das ist auch genau das, was die Songs gedeihen und entstehen lässt, so wie wir uns wohl fühlen. Wir haben uns alle ein Stück weiterentwickelt.
Ugly Punk: Euer erstes Album erschien noch auf KB Records. Hat euer Weggang dort irgendwelche speziellen Gründe?
Schoko: Oh ja. Wir sahen uns gezwungen jegliche Zusammenarbeit mit KB Records abzubrechen. Mit einem Label, dass einer Band gehört, die regelmäßig mit FREI.WILD etc. spielt und anscheinend wenig Berührungsängste mit zwielichtigen Bands hat, können und wollen wir nicht zusammenarbeiten.
Ugly Punk: Ihr lasst gleich in eurem Opener ein kräftiges “Good Night White Pride!“ verlauten und eure MySpace hat Links zu diversen Anti-Nazi Kampagnen oder zu deutlich linkspolitischen Bands wie GUERILLA oder TALCO. Nun sagt man vielen Oi!Bands ja gerne ein gewisses politisches Desinteresse nach, was offensichtlich nicht für euch gilt. Was ist z.B. eure Meinung zur braunen Brut, die in diesen Tagen mit ihrer kranken Ideologie wieder durch Dresden marschieren will und welche Mittel wären für euch vertretbar, um sich den Nazis in den Weg zu stellen oder um Faschismus generell zu bekämpfen?
Schoko: Politisches Desinteresse ist bei uns nicht vorhanden. Wir sind alle linker Gesinnung. Jedes Mittel zur Bekämpfung des Faschismus ist unserer Meinung nach legitim. Es kotzt uns an, wenn auf Konzerten Shirts von Grauzonebands getragen werden und noch schlimmer ist es, wenn es geduldet wird. Jeder hat die Verantwortung, vor allem in einer linken Szene, dafür zu Sorgen, dass kein rechtsoffener Gedanke zugelassen wird. Wer das Hören von Nazibands als Provokation empfindet, ist jemand, der nicht versteht worum es bei Punkrock geht! Du hast recht, sie wollten in Dresden marschieren, aber die Nazis wurden ja erfolgreich blockiert!
Ugly Punk: Unpolitisch heißt für einige Bands scheinbar immer noch, dass man sich nicht positionieren muss. Aber kann man denn überhaupt komplett unpolitisch sein? Wird dieser Begriff vielleicht gerne mal als Lebenseinstellung missbraucht, um sich verschiedener Problematiken zu entziehen oder wird er manchmal von den Kritikern einfach falsch definiert? Wie sieht die ganze Sache aus eurem Blickwinkel aus?
Kritze: Ich finde, unpolitisch zu sein, das hört sich für mich ganz nach Ignoranz gegenüber dem Drumherum und allen anderen Vorgängen an. Es betrifft uns schließlich alle. Sich einfach aus allem raushalten ist sicher nicht die Lösung und man muss dazu auch kein Politikstudium absolviert haben und Stellung zu gewissen Sachen zu beziehen. Punk wurde zwar erst später in seiner Entstehungsgeschichte politisiert, aber für mich haben die kritische Auseinandersetzung mit Politik und Punk an sich eng miteinander was gemein.
Ugly Punk: Würdet ihr sagen, dass es auch in unseren Punkrock-anerkannten Reihen, Bands gibt, die sich nur deshalb nicht positionieren, damit sie beide Lager erreichen können und somit ihre Zuhörerschaft größer wird?
Kritze: Natürlich! Das ist nicht erst seit heute so. Ein leider sehr reales Problem in unserem Umfeld. Wir kennen ja alle den Begriff ,,Grauzone“ und mich nervt es bei gewissen Bands, ich möchte jetzt keine Namen nennen, die sich angeblich einen Dreck um links oder rechts scheren, aber in ihren Texten subtil Dinge verlautbaren die einfach nicht ok sind. Man muss sich ja nur mal das Publikum anschauen. Da sind Bands teilweise auch nicht ganz unschuldig dran, denn klare Statements sind schon die halbe Miete. Klarmachen, dass man braune Scheiße nicht duldet, Stellung beziehen gehört meines Erachtens einfach dazu. Die Bands wollen das Publikum nicht vergraulen, oder trauen sich nicht in eine Schublade gesteckt zu werden.
Schoko: Ich habe das Gefühl, dass es sich um einen schleichenden Prozess handelt, der vor einigen Jahren erst begann.
Ugly Punk: Kommen wir mal zur neuen Platte, bzw. zu einigen Songtexten. “Tränen aus Gold“ ist ein sozialkritisches Stück über einen Obdachlosen. Die Zeile “Gestern im Büro, heute auf der Straße“ zeigt auf, wie schnell es abwärts gehen kann. Gibt’s auch Momente, wo ihr so was wie Existenzängste verspürt oder verfahrt ihr mehr nach dem Motto jeden Tag so zu leben, als wenn´s der Letzte wär.
Schoko: Existenzängste kann man Wegsaufen. Nein Quatsch, genau andersrum. Wir haben einfach Leute aus unserem Umfeld abstürzen sehen und das ist nicht schön anzusehen. Existenzängste sind generell nicht so mein Ding. Wovor soll ich Angst haben? Das ich keinen ordentlichen Job bekomme? Mal davon ab, dass ich eh einen ordentlichen Job habe und noch weitere bekommen werde, täten mir einige Jahre Arbeitslosigkeit ganz gut.
Tassi: Ich hab den Song geschrieben, als bei mir der Strom abgeklemmt wurde. Das eingeschränkte Unterhaltungsangebot und die passende Stimmung bei Kerzenlicht ließen mir nichts anderes übrig, als mich mit der Gitarre zu befassen und diesen Song zu schreiben. Jeden Tag so leben, als wenn es der letzte wäre, gehört meines Erachtens nach zum Standard. Im Leben geht’s immer mal bergauf und bergab. Es gilt immer das Beste aus jeder Situation zu machen. Existenzängste habe ich somit nicht. Solange man eine Aufgabe hat, sollte man sich um so etwas keine Gedanken machen.
Ugly Punk: Der Spagat aus Ernst und Spaß ist euch ja gelungen und im Stück “Pfand“ geht’s wieder augenzwinkernd zur Sache. Sogar mit Unterstützung von Bärbel und Siggi von den mächtigen EISENPIMMEL. Mal ehrlich, ist der Dialog im Lied spontan entstanden? Freestyle sozusagen? Und welches Verhältnis habt ihr zu EISENPIMMEL?
Schoko: Die künstlerische Freiheit von EISENPIMMEL obliegt unserer Schweigepflicht. Zu unserem Verhältnis zu EISENPIMMEL müsst ihr einfach das Video „Füße hoch, Fernsehen an, Arschlecken“ von EISENPIMMEL angucken. Der Dicke im Rock ist der Tassi.
Ugly Punk: “Kollege Turnschuh“ befasst sich mit der Gabber Fraktion. Dort singt ihr u.a. “Fette Frauen mit Kinderwagen im Lonsdale Dekoltee, traurig aber wahr, doch bestätigtes Klischee.“ Ist es Fakt, dass dort ein Stück weit euer Kult durch den Dreck gezogen wird oder alles nur Ironie eurerseits?
Tassi: Das Lied ist unser voller ernst!
Schoko: Mal ehrlich, Gabbers sind schrecklich!
Kritze: Der Song spiegelt einfach die Realität dieser hirnfickenden Zappelphillipe wieder. Entweder ist mir so ein Pillenschmeißer mal dumm gekommen oder seine fette Olle fuhr mir mit ihrem Kinderwagen in die Hacken.
Ugly Punk: “Jeder Sommer hat wie immer einen Trend, eingefärbte Nackenspoiler, rosarotes Polohemd…“ Auf die Musik bezogen, geht gerade ein starker Trend Richtung Deutschrock. Was haltet ihr von dieser härteren Form des neuen Deutschrocks? Schlimm, toll oder euch völlig scheißegal?
Kritze: Da ich selbst so was nicht höre und ich keinerlei Bezug dazu habe, allein schon wegen der Tatsache, das Gruppen wie FREI.WILD sich dazu zählen, ist dieses Genre für mich gestorben. Ein Wagon mehr am Zug der Trends, auf den man aufspringen kann.
Schoko: Dem stimme ich zu! Die Rechtstoleranz, die in dieser „Szene“ an den Tag gelegt wird, lässt mir die Kotze hochkommen.
Ugly Punk: Gibt’s noch irgendein Thema, dass wir unbedingt anschneiden müssen oder irgendeine Frage, die ihr euch immer gewünscht habt, aber die euch bisher nie gestellt wurde? Dann mal ruhig raus damit!
Schoko: Ich denke, in diesem Interview wurde schon einiges gesagt und man soll ja nicht alles auf einmal rauskloppen! Außerdem sind wir unkreativ!
Kritze: Es wurde auch schon einiges geschrieben…
Schoko: …und manches nicht…
Tassi: …aber vieles wiederum doch.
Scheisse: Ich bin nicht da. Ich hör Herbert Knebel.








