

BONSAI KITTEN – Hier wurde im Jahre 2003 was gesät, was über die Jahre herangewachsen ist und was in nächster Zeit noch einen ordentlichen Schuss nach oben machen wird, und dass ist nicht schwer vorhersehbar. Die Berliner spielen Psychobilly, der sich aber nicht an dieses Genre festbindet, sondern den Blick auch gerne mal über die gewohnten musikalischen Tellerränder schweifen lässt und von der Band als Killbilly bezeichnet wird. In wenigen Tagen erscheint ihr neues Album “Done with Hell“ auf Wolverine Records und da uns als Musikmagazin schon ein Exemplar vorliegt (irgendeinen Vorteil muss der Job ja haben ;- )) welches qualitativ hochwertiges Musikgut beinhaltet, haben wir nicht lange gefackelt und Sängerin Tiger Lilly Marleen sowie Schlagzeuger Alexx DeLarge mit ein paar Fragen über Band, Szene und Zukunftspläne gelöchert.
Ugly Punk: Erstmal Glückwunsch zur neuen Platte. War es ein hartes Stück Arbeit oder war es am Ende doch stressfreier, als anfangs vorgestellt?
Tiger Lilly Marleen: Danke, ja wir sind auch ganz stolz drauf. Es war ein hartes Stück Arbeit!
Alexx DeLarge: Auf jeden Fall war´s eine schwere Geburt. Definitiv anstrengender, nervenaufreibender und zeitaufwändiger als wir uns je gedacht hätten. Das hatte viele unterschiedliche Gründe. Aber am Ende zählt nur: Was lange währt, wird endlich gut!
Ugly Punk: Wie viel Zeit hat die Aufnahme und der Mix letztendlich in Anspruch genommen?
Alexx DeLarge: So genau können wir das glaub ich gar nicht sagen. Wenn wir die Zeiten zwischen den Aufnahmen ausblenden, waren es insgesamt wohl ca. 14 effektive Aufnahme- und Mixtage. Dazu muss man sagen, dass wir ursprünglich wesentlich mehr Songs aufgenommen haben, teilweise Spuren neu einspielen mussten, wir viel am Mix rumschrauben mussten und sicherlich keine einfachen Kunden für unsere beiden Studios waren. Aber es hat sich gelohnt, wie wir finden.
Ugly Punk: In Berichten über Euch las ich oftmals, dass BONSAI KITTEN ein Projekt ist, mit Musikern, die eigentlich in anderen Bands aktiv sind. Ist aus dem Projekt mittlerweile eine feste Band geworden oder liegt ein gewisser Wert auf der Umschreibung “Projekt“?
Tiger Lilly Marleen: Ja, da hast Du recht, anfangs haben alle anderen – außer mir eigentlich – BONSAI KITTEN eher als Projekt gesehen. Inzwischen ist es aber definitiv kein Projekt mehr, sondern eine feste Band mit höchster Priorität bei uns allen. Wir wussten ja anfangs auch noch nicht, wie sich das entwickelt und haben uns erstmal aufeinander einspielen müssen und haben daher mit Coverversionen experimentiert.
Alexx DeLarge: Die anderen Bands in denen wir aktiv sind/waren, sind dabei zum Teil auf der Strecke geblieben oder müssen nun zurückstecken. Es hat einfach so gut funktioniert und die Reaktionen auf BONSAI KITTEN waren so umwerfend, dass wir mehr und mehr Energie investiert haben und das hat sich gelohnt. Die Verlagerung der Prioritäten lag aber nicht allein am Erfolg von BONSAI KITTEN, sondern auch zum Teil an der Stagnation der anderen Bands. Wenn man dann merkt, wie gut es laufen kann und wie mäßig es doch in den anderen Bands lief, fällt einem die Entscheidung, wo man seine Energie investieren möchte, sehr leicht.
Ugly Punk: Ihr habt Köfte DeVille von MAD SIN zum Gastsingen eingeladen und er hat selbiges getan. Stimmt es, dass bei der Aufnahme noch weitere gemeinsame Songs entstanden sind, die aber erstmal unter Verschluss gehalten werden?
Alexx DeLarge: Köfte hat bei uns nur bei dem Titel-Song “Done With Hell” mitgemacht. Aber die Beteiligung von Marleen an den Aufnahmen zum neuen MAD SIN Album war umfangreicher, als letztendlich erschienen ist. Aber dazu sagt Marleen besser was. Da waren wir nicht dabei.
Tiger Lilly Marleen: Ja, stimmt. Köfte hat mich gefragt, ob ich das Intro zum aktuellen MAD SIN Album einsingen könnte. Er wollte einen ganz anderen Stil, als ich erwartet hätte. Das Intro von “Burn and Rise” ist also ziemlich “kirchlich” gesungen und bildet einen starken Kontrast zum darauf folgenden Song, was echt geil ist. Ich habe auch noch bei einem anderen Song mitgesungen, der aber noch nicht raus gekommen ist. Ich bin selber gespannt, ob oder wann der Song noch rauskommt. Jedenfalls hatte Köfte mich noch eingeladen, live beim MAD SIN Walltown Rumble im September 2010 in Berlin ein Duett mit ihm zu singen. Das war auch ne coole Aktion, wovon es auch ein Video auf Youtube gibt. Da werde ich wohl auch auf der DVD zum Festival mit drauf sein J
Ugly Punk: Kommen wir mal auf den Bandnamen zu sprechen, bzw. seine Entstehungsgeschichte. Und was denkt ihr über das angeblich in Japan praktizierte Bonsaikitten-Verfahren?
Tiger Lilly Marleen: Haha, also ich finde ja gut, dass sich Leute immer noch darüber aufzuregen scheinen. Das ist für unsere Band nur zuträglich. Ich habe um das Jahr 2000 rum einige dieser Mails von Tierschützern bekommen, die geschrieben haben, dass es eine neue, perverse Mode aus Japan gäbe, die kleine, lebende Katzen in eckige Flaschen steckt, damit sie dort einwachsen. Sogar das FBI hat damals gegen die Macher der Webseite ermittelt, wo auch Bilder von der Herstellung der Katzen zu sehen waren. Wie man aber auch heute ausführlich auf Wikipedia nachlesen kann, war das alles ein Hoax, also ein Fake von Studenten aus Yale, die sich einen Spaß erlaubt haben. Ich fand es aus der ganzen Kontorverse heraus ganz lustig, meine Band so zu nennen.
Ugly Punk: Gibt es irgendeinen besonderen Bezug zu der von LALE ANDERSEN besungenen “Lili Marleen“?
Tiger Lilly Marleen: Nein! Mein Name “Tiger Lilly Marleen” setzt sich daraus zusammen, dass ich, die ich wirklich Marleen heiße, immer mit Zitaten aus dem Song “Lili Marleen” konfrontiert wurde. Gleichzeitig, da ich gerne Tiger- oder Leopardenmuster trage, wurde ich oft auch “Tiger Lily” gerufen. Irgendwann habe ich die Namen einfach zusammengesetzt und heiße von nun an “Tiger Lilly Marleen”. Hinzu kommt, dass Tiger Lilien meine Lieblingsblumen sind, die ich mir schon auf den Rücken hab tätowieren lassen. Es gibt auch eine Rosenart, die “Lili Marleen” heißt. Die lasse ich mir demnächst auch tätowieren!

Ugly Punk: Nun bin ich in die musikalische Psychobilly Szene sicherlich nicht so involviert wie ihr es seid und deshalb mal folgende Frage. Im Punkbereich gibt’s ja von Fun-Punk mit Spaß- und Sauftexten bis hin zum Punkrock mit politischen Texten ne´ gute Bandbreite an Themen, die abgedeckt werden können. Wie sieht´s da im Psychobilly Bereich aus? Muss man, um der Schublade gerecht zu werden, zwingend Themen rund um Psycho, Horror, Hell etc. machen oder gibt´s auch Psychobilly Bands, die z.B. spaßige oder politische Themen als Schwerpunkt haben? Denn immerhin können ja auch Fun und Politics ganz schön Psycho sein.
Alexx DeLarge: Allgemein gesprochen, trifft das Klischee sicherlich zu, dass Psychobilly-Bands sich ausschließlich mit Psycho-Horror-Friedhof-Leichen-Blut-und-Sex beschäftigen. Aber das ist wie mit allen Klischees, man muss sie ja nicht bedienen und den Stil Psychobilly definieren, aus meiner Sicht, nicht die Texte, sondern viel mehr die Musik. Meine persönlichen Psychobilly-Götter THE KREWMEN (die frühen, noch mit Mark MadDog Cole als Sänger) haben dieses Klischee zum Beispiel von Anfang an nicht bedient. Sie singen auf ihren ersten Platten über viele Sachen, angefangen vom “ElToreador” (einem unerschrockenen Stierkämpfer), den alltäglichen Problemen zwischen Mann und Frau (Don’t give toss) oder sogar ein Lied über einen historischen Feiertag in England und seinem Helden (Guy Fawkes). Grundsätzlich muss man aber dazu sagen, dass Psychobilly keine politisch ambitionierte Musik oder Szene ist. Aber da heutzutage ja die Grenzen zwischen den Subkulturen meist fließend sind und genaue Definitionen manchmal schwer, lässt sich das bestimmt nicht verallgemeinern.
Tiger Lilly Marleen: Dadurch, dass wir jetzt gar nicht zu 100% Psychobilly machen, müssen wir auch keinem Klischee gerecht werden. Ich finde politisch orientierte Texte gut und werde davon auch in Zukunft noch mehr schreiben. Es passieren so viele krumme Dinger auf der Welt und gerade in der Politik, dass man darüber wirklich genügen Horrortexte schreiben kann, ohne sich was Fiktives ausdenken zu müssen.
Ugly Punk: In den letzten Jahren entstand ja ein regelrechter Psychobilly Boom. Was meint ihr? Sind das aufgehende Saatkörner, die noch von THE METEORS oder THE CRAMPS gestreut wurden, spielten die immer populärer werdenden Bands wie z.B. TIGER ARMY oder NEKROMANTIX eine Rolle oder ging es vielen vielleicht einfach nur um die Mode und nicht mal unbedingt um die Musik?
Alexx DeLarge: Nein, ich glaube das hat mit der Veränderung der weltweiten Kommunikation in den letzten zehn, fünfzehn Jahren zu tun. Psychobilly kannte früher einfach kaum jemand, es war eine sehr kleine, spezielle Szene. Heute ist durch das Internet jeder auf der Welt in der Lage, sich alle möglichen Arten von Musik anzuhören und kennen zu lernen. Die NEKROMANTIX zum Beispiel kannte ich schon vor 15 Jahren und fand sie geil. Wenn ich sie Freunden, die nichts mit Psychobilly zu tun hatten, vorgespielt habe, Leuten die sonst viel Punkrock gehört haben, fanden die meisten sie auch geil. Sie hatten sich aber noch nie wirklich mit Psychobilly befasst. Das ist heute viel einfacher, ein zwei Klicks im weltweiten Netz und schon weißt Du Bescheid. Und es ist einfach geile Musik, die sich von anderen Musikstilen das Beste rausgepickt hat und zu einem neuen, besseren Ganzen zusammengefügt hat. Der Kontrabass und die Art des Singens zum Teil vom Rockabilly, die Geschwindigkeit und Aggressivität vom Punkrock. Das ist das Erfolgsrezept, meine ich.
Ugly Punk: Stichwort Mode: Nervt es euch, wenn Leute den Style ohne jeglichen Bezug zur Musik kopieren oder tragen?
Alexx DeLarge: Nein, überhaupt nicht. Soll doch jeder tragen was er will und sich frisieren wie er will. Ich lass mir doch auch nicht vorschreiben, wie ich rumlaufe. Da hab ich überhaupt kein Problem mit.
Tiger Lilly Marleen: Ja, das sehe ich auch so. Die Mode ist einfach geil aus den 50ern und 60ern. Die steht vielleicht nicht jedem der es tragen will, aber grundsätzlich finde ich auch, dass jede/r da machen soll, wie er/sie will!
Ugly Punk: Euren Aufstieg kann man ja schon fast als kometenhaft bezeichnen und euer Erstlingswerk ist sogar auf einem japanischen Label erschienen. Wie kam es zu den Connections nach Japan?
Tiger Lilly Marleen: Oh danke, haha, kometenhaft… naja, das müssen wir noch mal definieren, aber ja, das war damals eine echt geile Aktion. Der Kontakt nach Japan kam eigentlich durch Alexx.
Alexx DeLarge: Eine befreundete Band – DAMAGE DONE BY WORMS – hatten mich mal vor einigen Jahren mit einem Cover für eine Single beauftragt, die dort in Japan erscheinen sollte. Dadurch hatte ich Kontakt zu diesem japanischen Label. Ich hatte, als wir das erste Mal mit BONSAI KITTEN im Studio waren, die Idee unser Logo mit den japanischen Schriftzeichen zu BONSAI KITTEN aufzupeppen und hab deswegen den Japaner angeschrieben und ihn darum gebeten, uns diese doch bitte zu schicken. In dem Zug hab ich ihm von der Band berichtet und ihm die Songs mal unverbindlich rübergeschickt. Er war sofort Feuer und Flamme und wollte die ursprünglich als Demo gedachten Aufnahmen sofort so herausbringen. Da haben wir nicht lange gefackelt und sind uns schnell einig geworden. Er bringt nun auch unsere neue CD “Done With Hell” als Lizenz auf den japanischen Markt.
Ugly Punk: Somit seid ihr in der japanischen Psychobilly-Szene bestimmt keine Unbekannten mehr. Steht eine Japan Tour auf eurem Wunschzettel?
Alexx DeLarge: GANZ OBEN!!! Welche Band träumt nicht davon, in Japan zu touren?
Tiger Lilly Marleen: Ja, das ist für dieses Jahr auf jeden Fall noch unser Ziel.
Ugly Punk: Apropos Wunschzettel. Gibt’s irgendwelche anderen Wünsche im Bezug auf BONSAI KITTEN? Ziele, die ihr euch gesteckt habt? Träume, die es zu verwirklichen gilt?
Tiger Lilly Marleen: Überhaupt möglichst oft unterwegs zu sein und auf der ganzen Welt Konzerte zu geben, das wär Klasse.
Alexx DeLarge: Aber in erster Linie wünsch ich mir, dass wir als Band so weiter machen können wie bisher. Wir uns auch in ein paar Jahren noch wie eine Familie fühlen und richtig gute Freunde sind, so wie jetzt. Wenn wir das hinbekommen, ist das schon die Erfüllung eines Traums.
Ugly Punk: Auf das er sich erfüllen möge! Besten Dank für die Antworten!
Tiger Lilly Marleen: Danke für das Interview!




