NORMAHL – JONG’R

NORMAHL – JONG’R
(L.A.R.S. Musikverlag)

Deutschlands dienstälteste Punkbänd feiert Jubiläum. Das dreißigjährige Bandjubiläum wird pünktlich – also über zwei Jahre danach – mit einem bandeigenen Film gewürdigt. Die Idee zu dem 60-minütigen Film kam den Recken von NORMAHL selbst und die Story beruht laut eigener Aussage auf Tatsachen. Also schauen wir mal an, was die Schwaben da zusammengebastelt haben. August 1977. Der junge Punk Fred lebt bei seinem reaktionären Vater in einem schwäbischen Kaff. Er hängt mit seinem Kumpel rum, säuft, kifft, hat kein Bock auf Schule und Stress mit dem Dorfschläger. Als ihr Punker-Kumpel aus Berlin zu Besuch kommt, wird das beschauliche Leben im schönen Leutenbach auf den Kopf gestellt. Soviel erstmal zur Story.

Der Film wurde von einem jungen Team semiprofessionell produziert und NORMAHL übernehmen auch einige Rollen als Väter, Lehrer und Polizist – und das gar nicht mal schlecht, vor allem Lars als Vater und Elvisfan mit angeklebten Koteletten. Die unbekannten Jungdarsteller, die die Rollen der Punker spielen, sind wirklich gut und kommen absolut natürlich rüber. Man hat sich auch sichtlich Mühe gegeben, alles nach 70er Jahre aussehen zu lassen – auch bei der bekloppten Punkfrisur von Kumpel Güldenstein aus Berlin. Gut, manch Band-Shirt das getragen wird, gab es damals noch nicht und der Konzertauschnitt von NORMAHL (ich glaub das is das AKK in Karlsruhe) fallen da aus dem Rahmen, aber wurscht, is ja auch der Selbstverherrlichungs-Film der Band. Gut eingefangen wurde das Leben in der schwäbischen Provinz. Die Stammtischszenen im Dorfgasthof sind in breitestem schwäbisch. Daher wurden die Dialoge dort mit hochdeutschen Untertiteln versehen, die nicht minder komisch als der Dialekt sind. Ob sich der Nichtschwabe oder Neig’schmeggde für diese Mentalität erwärmen kann, wage ich allerdings nicht zu beurteilen. Der Film wird zwischendurch immer wieder in Scherenschnitt-ähnlichen Animations-Szenen weitererzählt, was sehr interessant und auflockernd ist. Allerdings gibt es hier ein Manko, dass auch auf erwähnte Stammtischszenen zutrifft: sie sind einfach zu lang! Da hätte man schon ein paar Minuten straffen können. Ansonsten hat der Film wirklich Charme und kann unterhalten. Die autobiographische Story ist jetzt nicht unbedingt tiefgründig, ebenso wie die Charakterzeichnung, aber der Anspruch besteht auch gar nicht. Jedenfalls konnte mich diese Provinzposse mehr begeistern als übermäßig gehypte ‘Chaostage’-Film.

Auf der DVD findet sich dann auch noch eine 30-minütige Bandhistory mit Interviews, Konzertausschnitten und ein paar Anekdoten aus der über 30-jährigen Geschichte. Leider werden darin nicht alle Fragen beantwortet, die man sich so wünschen würde, aber man erhält trotzdem einen guten Einblick. Drei Dekaden sind ja auch eine lange Zeit. Zum Fremdschämen dabei ist allerdings Lars’ gezwungenes Honoratioren-Schwäbisch. Auch geht mir die Bildschirmaufteilung, in meist 3 oder 4 verschiedene Frames gleichzeitig, mit der Zeit auf den Sack. Auf der beiligenden CD – die es auch ohne Film zu kaufen gibt – befindet sich der Soundtrack mit vielen alten NORMAHL-Songs von den Anfängen bis heute. Hinzu kommt ein schnulziger neuer Song, der extra für den Film geschrieben wurde (auch zu hören im Video zum Artikel ‘Normahl im SWR’). Man mag von NORMAHL nun halten was man will, dies wird sich auch durch die Bandhistory auf der DVD wohl bei keinem ändern, sondern eher verfestigen. Aber von dem Filmwerk bin ich wirklich positiv überrascht. Zwar hätte man das Werk ruhig um 10 Minuten straffen können, aber man bekommt trotzdem 60Minuten authentische Unterhaltung mit Witz, Humor und viel schwäbischem Lokalkolorit. Mirko

www.normahl.de