
PASCOW mit P aus Gimbweiler mit G – und das geht so! So oder so ähnlich beginnen in der Regel die Konzerte von Deutschlands bester deutschsprachiger Punkband der Gegenwart. Gegründet 1998 hat man sich kontinuierlich in die Championsleague des Punkrocks katapultiert. Zeitweise hat man sich die Seele aus dem Leib getourt und in jedem verkackten Juz der Republik und Nachbarländern seine Visitenkarte hinterlassen. Auch heute noch wird fleißig getourt, wenn auch nicht mehr so intensiv, wie Anfang des neuen Jahrtausends. Mittlerweile sind die Jungs bei Rookie Records gelandet und ihr neues Album „Alles muss kaputt sein“ steht in den Startlöchern. Ich durfte die Scheibe schon hören und kann schon mal sagen, dass man wieder mal die näxte Stufe zum Olymp des Punkrocks erklommen hat. Aber nehmen wir nicht zuviel vorweg…
Ugly Punk: Hallo meine lieben asozialen Saarländer! Stellt euch doch bitte mal kurz vor, Name, Alter und Funktion in der Band! Und keine Angst, die interessanten Fragen kommen noch!
Flo: Bass und Nesthacken und das nicht nur wegen des Alters
Swen: Gitarre.
Ollo: Zarte 32, Schlagzeug und Kommerz.
Alex: Gesang und 2. Gitarre. Und ja, ich bin der Älteste in der Band. Aber einer muss diesen Job ja machen.
Ugly Punk: Ollo und Alex sind ja Urmitglieder. Welche Besetzungswechsel gab es bisher? Warum hauen immer die Bassisten ab?
Flo: Warum die anderen abgehauen sind kann ich nicht sagen, ich weiß nur dass es für mich keinen Grund gibt.
Swen: Die Basser sind bisher nie wegen musikalischer Differenzen ausgestiegen, sondern aus zeitlichen und organisatorischen Gründen.
Alex: Ollo und ich haben zu zweit angefangen Songs zu schreiben. Irgendwann sollten wir als Ersatz für eine befreundete Band auf einem Konzert spielen und so kam B.B. Blinn als Bassist dazu. Er war dann lange mit dabei, warf aber irgendwann das Handtuch, weil er Beruf, Konzerte und Beziehung zeitlich nicht mehr vereinbaren konnte. Danach kam Bieber und bei ihm lief die Sache nicht viel anders. Er ist selbständig, hat einen stressigen Job und wohnt 150 Kilometer vom Proberaum entfernt. Das war dann irgendwann alles zuviel für ihn. Bei Flo sieht es dafür jetzt umso besser aus und wir bekommen oft zu hören, dass er vor allem auf der Bühne wunderbar zu uns passen würde. Außerdem halten wir seine Arbeitsstelle und sein privates Umfeld genau im Auge. Und wehe, wenn das zu viel Zeit verlangt…
Ugly Punk: Ihr habt ja als Trio eure erste Mini CD raus gebracht und dann relativ schnell einen 2. Gitarristen eingestellt. Warum? Die Kritiken für die 5, damals noch recht einfach gestrickten Songs, waren doch sehr positiv.
Swen: Auf der Mini CD bin ich ebenfalls zu hören. Alex bat mich damals die Gitarren zu doppeln.
Alex: Stimmt, Swen war auch schon bei der Single als Ghostwriter mit dabei. Im Laufe der Zeit merkten wir dann, dass seine Art Gitarre zu spielen wunderbar zu unseren Songs passte und er die Songs damit bereichern und verbessern konnte. Hätten wir als Trio weitergemacht wären wir sich recht schnell an unsere Grenzen gestoßen und es wäre langweilig geworden. Ollo hat das Schlagzeugspielen genauso wenig gelernt wie ich das Gitarrespielen. Und zumindest ich spiele noch immer die gleichen beiden Griffe wie auf dem Demotape. Dank Swen hört es sich nur anders an.
Ugly Punk: Wer schreibt bei euch die Texte? Wie entstehen die Songs? Bringt einer eine fertige Komposition mit in den Proberaum und ihr baut das gemeinsam aus oder entstehen die Songs in Jam-Sessions?
Swen: Die Songs, bzw. die Musik an sich, kommt meist von Alex oder mir. Der rohe Song wird dann im Proberaum bis zur Endversion gemeinsam erarbeitet. Texte schreibe ich aber keine.
Flo: Ich glaube die einzigen Lieder, die von Swens Antwort abweichen, sind „An die Maulwürfe“, der ist tatsächlich in so etwas ähnlichem wie einer Jam-Session (ganz schreckliches Wort) entstanden und „Ich bin dann mal durch“ der ist auf Ollos Zurufen von vier Akkorden entstanden.
Alex: Derjenige, der mit einer Songidee kommt, darf zunächst einmal bestimmen. Er sagt den anderen wie sie was zu spielen haben. Wenn dann die Grundstruktur des Songs steht und für gut befunden wird, können die anderen Änderungsvorschläge einbringen und so verändern sich die Songs dann noch. Allerdings hat das letzte Wort derjenige, der die Songidee hatte. Das ist auch wichtig, da derjenige auch eine konkrete Vorstellung davon hat, wie der Song klingen soll. Wenn gleich zu Anfang jeder seinen Senf dazu gibt, wird die Sache schnell schwammig und von der ursprünglichen Songidee bleibt nicht mehr viel übrig. Und so kann es dann passieren, dass eine gute Idee durch zu viele „fremde Ideen“ kaputt geht. Du kennst das ja…zu viele Köche, Suppe versalzt. Die Texte schreiben Ollo und ich. Meistens schreibe ich einen Text fertig und Ollo kommt dann als Lektor und sagt ziemlich deutlich, was er gut findet und was nicht. Dann knallt es zwischen den Brüdern und es wird hart um einzelne Stellen gekämpft.
Ugly Punk: An Punkbands aus dem Saarland fallen mir noch JA+AMEN ein und INKOMPLEX. Hat da jemand von euch mitgespielt oder kennt ihr die Leute? Gibt’s außer euch noch was Erwähnenswertes?
Swen: Nein, bei den von dir genannten Bands hat keiner von uns mitgespielt. Im Saarland gibt es massig Bands. Da wir aber eher selten in unserer Heimat spielen, kenne ich die wenigsten saarländischen Bands persönlich. Erwähnenswert ist z.B. SZEAKKNIFE.
Alex: Das stimmt, im Saarland gab es immer schon recht viele Bands und ein paar davon sind richtig gut. Ich bin noch immer großer Fan von WERMUT, Jörkks erster Band, die es leider nie geschafft haben ihr Demo zu veröffentlichen. Aktuelle finde ich PLANKE aus Lebach sehr gut oder eben PRINZESSIN HALTS MAUL und wer auf großspurigen Glamrock steht, sollte sich CHISTMAS mal ansehen. Ein bisschen wie die jungen MINOR THREAT sind X URLAUB X.
Flo: Musikalisch Erwähnenswert wären für mich noch IN THE EVENT OF FIRE, das hat mit Punk Rock allerdings nicht mehr soviel zu tun.
Ugly Punk: Hattet/habt ihr noch Bands neben oder vor PASCOW? Wo habt ihr schon alles mitgespielt?
Ollo: Ich hatte vor PASCOW noch ein knappes Jahr in einer Band namens IDIOT SAVENT gesungen. Das war so ne Art HC/ Punk. Da gab es ein paar dufte Songs und sogar eine Aufnahme, die allerdings nie veröffentlicht wurde.
Flo: Ich habe jahrelang in der Lokalband FLOWERS OF ROMANCE gespielt, deren letzte Live-Aufnahmen ich mir immer noch in nostalgischen Momenten anhöre.
Swen: Wir machen schon seit Ewigkeiten zusammen Musik. Auch vor PASCOW waren wir zusammen in anderen Bands aktiv. Das kann man aber eher unter Schülerband abhaken. Musikalisch also nicht weiter nennenswert.
Ugly Punk: Nun aber zum neuen Album! Ich finde, ihr habt mit „Alles muss kaputt sein“ noch mal einen draufgesetzt. Ich finde die Songs melodischer und die Gitarrenarbeit noch ausgereifter. War das so beabsichtigt? Seid ihr zufrieden mit dem Ergebnis? Für mich ist es euer bestes Album!
Swen: Freut mich, dass es dir gefällt. Wir geben bei jedem neuen Album unser Bestes und nehmen nur die Songs auf, welche uns selbst begeistern können. Das mehr an Erfahrung durch Gigs und Studioarbeit fließt natürlich in jeden neuen Song mit ein. Ich glaube, wir schreiben Songs mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf.
Alex: Ich fand das Songwriting dieses Mal ähnlich entspannt wie zu Zeiten der „Discopistole“. Es gab wenig Stress innerhalb der Band und wir sind alle unverkrampft an die Sache gegangen. Außerdem haben wir schnell gemerkt, wenn sich ein Song in die falsche Richtung entwickelt hat. Somit hatte ich während des Songwritings schon ein echt gutes Gefühl und als die Sache dann eingespielt war, verflogen auch die letzten Zweifel. Ja, wir denken auch, dass es ist eine gute Platte geworden ist.
Ugly Punk: Wo habt ihr das Ding aufgenommen? Wie lange wart ihr im Studio?
Swen: 14 Tage Blut, Schweiß und Tränen im Tonstudio-45 mit Zuchtmeister und PS2 König Kurt Ebelhäuser.
Alex: Diese 14 Tage hatten es in sich. Zunächst dachten wir noch, dass wir in einer Woche mit allem durch sein würden, aber weit gefehlt… Wir wurden am frühen Abend des letzten Tages mit dem Mixen des letzten Songs fertig. Danach waren wir allesamt platt und froh, mal wieder was anderes zu sehen und zu machen. Im Nachhinein muss man aber sagen, dass die Wahl des Studios und der ganze Ablauf der Sache gut getan haben. In diesen 2 Wochen ging es nur um die Platte und alles andere war ausgeblendet. Wir waren in einem kleinen Dorf in der Nähe von Koblenz, hatten einen Auftrag und wussten, dass wir 14 Tage Zeit hatten um das Beste aus der Sache rauszuholen.
Ollo: Danach waren auch alle deutlich besser im Konsolen-Fußball ;- )
Ugly Punk: Habt ihr euch einen Produzenten geleistet oder mixt ihr alles selbst?
Swen: Kurt hat produziert und einen verdammt guten Job gemacht. Er hat so ziemlich das Beste aus jedem von uns heraus gekitzelt. Es hat einfach gepasst!
Alex: Nachdem die Songs eingespielt waren, hat Kurt die einzelnen Songs nach seinen Vorstellungen gemixt. Wir sind anschließend dazugekommen und konnten dann Änderungsvorschläge machen. Gitarre hier lauter, Gesang dort etwas weniger, Bass mehr in der Vordergrund etc. Dabei haben wir uns mit Kurt sehr gut verstanden. Weder er noch wir hatten bei Änderungsvorschlägen Egoprobleme. Was am besten klingt, wird genommen. So einfach war das. Ich glaube auch, dass Kurt sehr schnell gemerkt hat, wie wir ticken und welchen Sound wir uns vorstellen. Und er hat uns dann gezeigt, wie das umgesetzt werden kann.
Ugly Punk: Bekommt ihr auch die Folgen des Downloadzeitalters zu spüren? Werdet ihr noch genügend Platten los? Denkt ihr, Musikproduktionen mit individuell gestaltetem Layout haben noch Zukunft? Oder wird sich das bald eher nur noch im Internet abspielen?
Swen: Platten verkaufen wir bisher mit jeder Veröffentlichung ein paar mehr. Ohne Internet würden wir vielleicht mehr verkaufen, vielleicht aber auch nicht. So lange es begeisterte Musikfans gibt, wird es auch Nachfrage nach einem Medium wie CD oder Vinyl geben. Zumindest ist das meine Ansicht.
Alex: Man hört immer wieder von den guten alten Zeiten, in denen auch kleine Bands Unmengen von Tonträgern verkaufen konnten. Das war aber vor unserer Zeit. Zunächst kamen die CD-Brenner und danach die Tauschbörsen im Internet. Heute ist es sicher schwieriger Platten zu verkaufen, was aber auch an der riesigen Menge an Neuveröffentlichungen liegt. Denn nicht nur das Kopieren von Musik ist einfacher geworden, auch das Veröffentlichen von Musik. Ein PC, ein paar Micros und ein paar hundert Euros für die Vervielfältigung genügen um eine Platte zu veröffentlichen. Zum Thema Downloads. Dieser Bereich wird weiter zunehmen, auch die legalen Downloads. Trotzdem wird es auch weiterhin klassische Tonträger geben und ich bin mir sicher, dass vor allem Vinyl hier den Gegenpol zu den Downloads bilden wird. Es ist und bleibt einfach was ganz anderes, eine Schallplatte mit großem Cover, dickem Booklet, Texten und schönem Artwork in den Händen zu halten, als die nackten Songs auf der Festplatte. Ich finde, dass man eine Band oft erst richtig begreift, wenn man sich das Komplettprodukt anschaut. Und von daher ist es auch nicht verwunderlich, dass gerade die Bands und Label am wenigsten mit der Verkaufskrise zu kämpfen haben, die großen Wert auf die Gestaltung und Aufmachung ihrer Platten legen. Das waren in der Vergangenheit vor allem Indie-, Punk- und Hardcorelabel. Mittlerweile haben das auch die „Großen“ erkannt und jetzt veröffentlichen auch Chartbands ihre Alben wieder auf Vinyl in fetter Aufmachung.
Ugly Punk: Bekommt ihr vom Label Zuschüsse fürs Studio oder finanzieren die, wie so viele heute, nur noch die Platten-Pressungen und Cover-Druck? Müsst ihr die Aufnahmen selbst bezahlen?
Swen: Wir haben die Aufnahmen komplett selbst finanziert und sind damit auf Labelsuche gegangen. Platten, CDs, Promo usw. hat Rookie Records übernommen. Danke Jürgen.
Alex: Ich glaube, dass es sehr selten geworden ist, dass ein Label seiner Band die Studiokosten bezahlt. Es ist sogar oft so, dass sich die Band auch an den Kosten für die Vervielfältigung beteiligen muss damit ein Label eine Platte veröffentlichen kann. Wichtig für beide Seiten ist es in jedem Fall hier mit offenen Karten zu spielen und dem anderen alle wichtigen Infos zu geben.

Ugly Punk: Ihr seid ja auch neben der Band schwer aktiv. Ihr habt zwei Läden in Trier und St.Wendel und betreibt noch das Label Kidnap-Music mit, richtig? Außerdem habt ihr noch den Online-Shop Tante Guerilla am Start. Sind da alle Bandmitglieder involviert? Lebt einer von euch nur von diesen Projekten? Was macht ihr nebenher noch für Jobs?
Alex: Den Tante Guerilla Kram mache ich zusammen mit Measy. Jörkk schmeißt den Laden in Trier. Mit der Band hat das nicht direkt etwas zu tun, auch wenn die Verbindung natürlich eng ist und wir in vielen Dingen zusammenarbeiten. Beim Label Kidnap Music ist die Verknüpfung dann schon etwas enger. Das Label wurde nicht zuletzt deswegen gegründet, um die erste PASCOW Platte zu veröffentlichen. Daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. An allen PASCOW Veröffentlichungen war Kidnap Music beteiligt. Mal mehr… mal weniger. Mittlerweile veröffentlichen wir in unregelmäßigen Zeiten auch Platten von anderen Bands, die wir gut finden. Leider ist die Zeit für das Label viel zu wenig und wir können die Bands oft nicht so sehr pushen, wie sie es verdient hätten. Das ist oft ärgerlich, aber momentan einfach nicht zu ändern. Die nächsten Veröffentlichungen werden übrigens die Debut 7“ von LOVE ACADEMY und die Debut 7“ von PRINZESSIN HALTS MAUL sein.
Swen: Wir machen die Band nebenher und jeder von uns arbeitet. Natürlich wäre es klasse wenn die Band uns unseren Lebensstandard sichern könnte. Andererseits will ich bei der Musik keinerlei Kompromisse machen müssen. Von daher ist es mir ganz lieb nicht von den Einnahmen der Band abhängig zu sein.
Ugly Punk: Welche Berufe habt ihr gelernt?
Alex: Ollo ist Konzertveranstalter, Swen ist jetzt 33 und Elektroingenieur, Flo arbeitet in einem Pharmalabor und ich bin der zwanghafte Part bei Tante Guerilla. Aus heutiger Sicht betrachtet, hat wohl jeder von uns einen Job gewählt, der genügend Zeit für die Band lässt. Zum Glück.
Ugly Punk: Wie lief eure Sozialisation zu Punks ab? Habt ihr jemals am Bahnhof geasselt, geschnorrt und randaliert? Wie sieht´s aus mit Demos, Chaostagen und all dem Kram? Ihr gehört ja zu einer neuen Generation von Punks, die eher Taten statt Optik sprechen lassen, so wie ich euch kenne. Nähkästchen auf bitte!
Flo: Punk war für mich zu Beginn nur auf musikalischer Ebene ein Thema. Später habe ich dann angefangen, mich mit Politik und sozialen Fragen auseinanderzusetzen. Das heißt für mich auch auf Demos zu gehen. Über den Rest mach ich mir schon länger keine Gedanken mehr.
Swen: Rumasseln tu ich höchstens auf unseren eigenen Konzerten. Und richtig: Optik geht mir am Arsch vorbei.
Alex: Das sieht man. Uaahhahha… Bei mir war das Ganze eher umgekehrt. Mit 13 fand ich den Style super, mit 14 die Musik und mit 16 begann ich mich mit den Inhalten zu beschäftigen. Ich finde aber, dass die Optik nach wie vor ein Teil des Ganzen ist. Richtig gute Spikes z.B. finde ich nach wie vor super. Mit 16 oder 17 hatte ich auch einen Iro und damals war das in einem Ort wie Gimbweiler kein Zuckerschlecken. Ich vergesse nie, als ich in einer Gaststätte wegen meiner Frisur nicht bedient wurde. Und damals war ich mit meinen Eltern dort und nicht mit einem Haufen lärmender Straßenpunks. Die kleine ruhige Familie geht essen und die Sprösslinge kriegen nichts zu essen, weil sie bunte Haare haben. Herrlich. Heute ist es eher umgekehrt. In manchen Läden, in den wir spielen, wurden wir schon für Zivilbullen gehalten.
Ollo: Meine ersten Punkerfahrungen habe ich mit einem Tape unseres ältesten Bruder gemacht. Er hatte ne komplette Seite mit GANG GREEN Songs auf der Kassette, da war ich 10, 11 Jahr alt und ich fand sie alle super. Später war ich dann eher so ein Skatepunk-Kid. Gimbweiler hatte und hat leider keinen Bahnhof, vielleicht wäre dann alles anders gekommen…
Ugly Punk: Ihr seid ja alles schlaue Jungs. Ich kann es mir leider nicht verkneifen, euch auf die derzeit brodelnde Grauzonendiskussion anzusprechen. Was haltet ihr von dem ganzen Zirkus? Wird das ganze nur in einschlägigen Internetforen und Fanzines hochgekocht oder gibt es da eine reale Bedrohung? Manche Foren und Fanzines betreiben ja inzwischen eine ähnlich üble Meinungsmache, wie die BILD…
Flo: Die Diskussion spielt für mich überhaupt keine Rolle, rechtsoffene und „Grauzonen“ Bands haben im Punk Rock nichts verloren.
Swen: Grauzonen im Bezug auf Bands finde ich dumm und gefährlich. Bands welche sich nicht klar gegen rechts positionieren bzw. diesbezüglich mit ihrem Image kokettieren ohne vielleicht wirklich rechts zu sein, also “Grauzonenbands“, sind mir ein Dorn im Auge.
Alex: Man sollte auf jeden Fall immer 2x hinsehen. Eine Hexenjagd ist genauso gefährlich wie der Versuch in rechten Kreisen nach Anhängern zu fischen. Man kann eine Band auch kaputt machen, in dem man ihr zweifelhafte Inhalte unterstellt oder Äußerungen oder Symbole aus dem Zusammenhang reißt und dann umdeutet. Ich finde es gut und wichtig, dass es Leute gibt, die die Szene und ihre Bands genau im Auge haben und über zweifelhafte Sachen berichten. Ich finde es aber falsch, wenn sich solche Leute als Inquisition oder als Gralshüter des „reinen Punkgedankens“ verstehen. Und es ist nun mal ein Unterschied ob eine Band rechts steht oder einfach nur totale Scheiße ist. Beides sollte beim Namen genannt aber nicht verwechselt werden.
Ollo: Es gab und gibt diese Bands und es wird sie auch wohl immer geben. Manche Veranstalter haben halt gemerkt, dass sie mit deren Unterstützung ihre Besucherzahlen aufbessern können. Andere haben gemerkt, dass diese Idee aber auch nach hinten losgehen kann. Die Frage sollte eher lauten, warum haben diese Bands einen solchen Zulauf? Es scheint ja auch eine Menge „Grauzonen-Hörer“ zu geben…
Ugly Punk: Denkt ihr, das die Meinung der größten Fanzines auch der des größten Teils der Szene entspricht oder sollte man das nicht so hoch bewerten?
Alex: Große Fanzines werden von vielen Leuten gelesen und haben dadurch schon einen großen Einfluss auf die Meinung der Szene. Aber es gibt auch genügend Beispiele dafür, wie vermeintlich kleine Zines oder Schreiber das Bild der Szene verändern. Von daher sind die kleinen Hefte genauso wichtig wie die großen. Der Inhalt entscheidet.
Ollo: Ein Fanzine ist ja ein Magazin von Fans für Fans. Deswegen haben sie auch das Recht bzw die Möglichkeit sich auch mal subjektiv zu Themen zu äußern. Ich denke im Großen und Ganzen spiegelt sich in Fanzines schon die Stimmung einer Szene wider, das heißt aber nicht, dass man alles übernehmen oder so akzeptieren muss, nur weil es schwarz auf weiß da steht.
Ugly Punk: Wie kann es passieren, das rechte und rechtsoffene Penner sich in unsere Szene einschleichen und das deren Musik reißenden Absatz findet?
Ollo: Gegenfrage? Wie kann es passieren, dass Teile „unserer Szene“ solche Bands unterstützten und deren Musik toll finden?
Swen: Ich glaube es liegt daran, wie diese Bands sich und ihre Musik in Szene setzen. Viele dieser Bands kopieren das, womit z.B. die BÖHSEN ONKELZ Erfolg hatten. D.h. sie versuchen durch ihre Texte ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu erzeugen. Das scheint leider auch zu gelingen.
Alex: Viele Kids wollen sich nicht gleich mit den großen, komplizierten Inhalten einer Szene auseinandersetzen. Sie wollen zunächst mal akzeptiert werden, Freunde finden und irgendwo dazugehören. Und wenn dann ein Band kommt und ihnen genau das auf eine klare und einfache Art verspricht, ist das erstmal verlockend. Und ich glaube, dass der Einstieg in die rechte Ecke für viele Kids am Anfang einfacher ist, da es nicht so viele Hürden im Sinne von Verhaltenserwartungen gibt wie in der linken Szene. Du kannst von einem 13-jährigen nun mal nicht erwarten, dass er sich schon mit Nah-Ost-Konflikt, Sexismus oder veganem Leben auseinandergesetzt hat.
Ugly Punk: Wie handhabt ihr das bei Festivals? Spielt ihr alle angebotenen Shows um eure Message zu verbreiten oder sagt ihr auch Festivals ab, auf denen zwielichtige Kapellen vertreten sind? Wir z.B. warteten jahrelang darauf, mal bei Punk im Pott spielen zu dürfen und möchten das nun auf keinen Fall absagen, weil solche Intelligenzbolzen wie PÖBEL & GESOCKS auch dabei sind. Und ich finde P&G sehr zwielichtig, nach allem, was über Willi Wucher bekannt ist. Der ist ja leider inzwischen sogar beim Plastic-Bomb fast wieder resozialisiert…
Swen: Wenn für uns klar ist, dass Grauzonenbands auf einem Festival spielen ist das auf jeden Fall ein Grund für uns dort nicht zu spielen.
Alex: Wir entscheiden dann aber auch selbst, welche Bands wir für „Grauzone“ halten. Und da wir nicht von der Musik leben, haben wir auch mal die Möglichkeit eine gute Gage sausen zu lassen, wenn wir auf eine Veranstaltung keinen Bock haben. Das kann an Bands liegen, es kann aber auch genauso gut daran liegen, wer das Konzert präsentiert oder wer sich mit dem Konzert in Szene setzten will. Hochpolitische Punkbands, ich meine nicht uns, auf der Telecom-Stage zu sehen, ist doch irgendwie bescheuert.
Ollo: Ich finde das ist oft eine schwierige Entscheidung, Spielen und ganz klar seine Meinung kundtun oder der „stille Protest“ und nicht spielen. Das muss jede Band für sich entscheiden. Wir haben mal ein Festival ganz schnell wieder abgesagt, als wir entdeckt haben, dass wir uns mit den Idealen der Veranstaltung nicht identifizieren können. Das fällt manchmal auch erst beim genauen Hinschauen auf. Mir ist auf jeden Fall mein Essen wieder hochgekommen, als auf einem Punkfestival die Zeilen „ein Baum, ein Strick, ein Antifagenick“ skandiert wurden. Und es waren nicht wenige, die diesen Chor angestimmt haben…
Ugly Punk: Gibt’s ne Lösung für das Problem? Oder sind die Grenzen schon zu schwammig? Die vielen Bands ala BETONTOD und FREI.WILD, die ins ONKELZ-Brackwasser springen, tragen ja auch genug dazu bei.
Alex: Als Band musst du wissen was du machst und du trägst die Verantwortung dafür. Daran kannst du gemessen werden. Ich habe keiner anderen Band zu sagen, was sie zu machen hat. Genauso wenig kann mir jemand sagen, welche Band ich gut finden soll und für welche Band ich mein Geld ausgebe.
Ollo: Sehe ich genauso, die Kaufentscheidung trägt der Kunde! Niemand zwingt dich diese Bands zu hören.
Ugly Punk: Noch was anderes. Wie siehts bei euch aus mit Umweltbewusstsein? Ihr bietet eure Bandshirts z.B. ja auch oder nur als Fair-Trade Ware an, was ich für eine Punkband auch als absolut notwendig erachte. Viele Bands predigen ja Weltverbesserung und machen sich selbst gar keine Gedanken und benutzen z.B. für ihre Shirts billige Sweat-Shop-Ware, wobei es da ja eher um fairen Umgang mit Arbeitskräften als um Umweltschutz geht, aber egal. (Info Sweatshops: http://de.wikipedia.org/wiki/Sweatshop. Achtet ihr sonst noch irgendwie auf die Umwelt? Denkt ihr, das man mit solch kleinen Schritten was erreichen kann oder ist das eher ein Tropfen auf den heißen Stein? (Natürlich kann man nicht jede Band verurteilen, die keine Fair-Trade-Ware benutzt, viele leisten ja anderweitig ihren Beitrag zu einer besseren Welt.)
Swen: Achtung Sprichwort: steter Tropfen höhlt den Stein.
Ollo: Zu einem gewissen Grad achten wir schon darauf, dass wir unsere Umwelt nicht zu sehr belasten. Aber wenn man am Wochenende hunderte von Kilometer auf der Autobahn abreißt, sieht das natürlich nicht so gut für unsere Ökobilanz aus.
Alex: Wer meckert muss auch was tun, sonst ist das Meckern das beste Argument für die Gegenseite. Du hast das Beispiel Merchandising genannt. Hier haben wir die Möglichkeit zu zeigen, dass es wichtig ist Textilien zu verkaufen, die unter fairen Bedingungen hergestellt werden. Das liegt in unserer Verantwortung und wir entscheiden welche Textilien wir verkaufen. Das ist kein großer böser Konzern, der das entscheidet, das sind wir. Es ist unsere Möglichkeit auf die Sache Einfluss zu nehmen. Und ich bin mir sicher, dass man dadurch was erreichen kann. Wir sind ja mittlerweile lange nicht mehr die einzigen, die darauf Wert legen. Es ist bei vielen Bands und Käufern ein Bewusstsein für dieses Thema entstanden und ich kenne genug Leute, die nur Sachen kaufen, von denen sie wissen, dass es keine Sweat-Shop Ware ist. Jeder von uns hat die Wahl zu entscheiden, wofür er sein Geld ausgibt. Und diese Wahl hat man nicht nur alle 4 Jahre…
Ugly Punk: Was haltet ihr von der SLIME-Reunion? Hat SLIME bei euch auch ne Rolle gespielt? Ich fand sie beim Rodeo schlecht, aber das war ja auch der erste Reunion-Gig. Denkt ihr das geht o.k., obwohl nur 3 Originale Mitglieder am Start sind? Habt ihr mal die Originalbesetzung live gesehen?
Swen: Ich hab sie auf der Schweineherbst Tour Live gesehen. Sicher geht die Reunion OK. Die sollen so lange Musik machen wie sie Spaß daran haben. Für mich selbst wäre eine Reunion (sofern wir uns mal auflösen) nur mit neuer Musik/Platte denkbar, wenn überhaupt…
Alex: Um zu denken wie SLIME, müsste ich SLIME sein. Als Zuhörer und Außenstehender kann ich sagen, dass ich es gut fände, wenn sie eine neue Platte machen würden. Und ich wäre froh, wenn Stephan Mahler mit von der Partie wäre. Ansonsten finde ich es aber okay, was sie machen und die Diskussion um deren Gagen finde ich langweilig. Wem das Ganze nicht schmeckt oder zu teuer ist, muss ja nicht hingehen. Live habe ich sie seit der Reunion noch nicht gesehen.
Ollo: Jeder wie er mag… ich habe nur mal RUBBERSLIME gesehen, das fand ich gut.
Ugly Punk: Ihr habt ja zeitweise übelst viel getourt, was ja sicherlich zu eurem heutigen Status beigetragen hat. Das ging ja zeitweise schwer an die Substanz, oder? Wie handhabt ihr das jetzt und in Zukunft? Wie sieht´s mit Plänen aus? Ich hoffe von euch kann man noch einiges erwarten!
Swen: Es hängt alles davon ab, wie lange wir mit der erforderlichen Begeisterung auf der Bühne stehen können. Jetzt wird erst mal live gespielt. Was dann kommt, weiß heute noch keiner. Ich hab aber schon ein paar neue Songideen, mal sehen.
Alex: Ich fand es einerseits schade, dass wir vor Veröffentlichung der neuen Platte so wenig gespielt haben, andererseits sind wir jetzt wieder heiß auf die Konzerte und gehen hungrig auf die Bühne, was der Sache in jedem Fall gut tut. Es gab eine Zeit, da wurde das Live-Spielen zu einer Art Job. Anreisen, aufbauen, essen, spielen, abbauen, viel zu spät ins Bett, schlafen und am nächsten Tag nochmals von vorne. Wenn du dann keine neuen Songs hast, wird es irgendwann zur Routine. Jetzt haben wir die neue Platte und es stehen viele Konzerte an, wir werden viele alte Bekannte treffen und wir haben nicht vor eine ruhige Kugel zu schieben. Im Moment sieht es so aus, dass wir als Band gut aufeinander eingespielt sind und wenn das so bleibt und genug Zeit zum proben da ist, werden wir auch schon bald damit anfangen, neue Songs zu schreiben.
Ugly Punk: Kurz noch mal zur neuen Platte: Habt ihr bewusst auf Filmeinspielungen in den Songs verzichtet? Oder sind diese nur auf der Promoversion vom Label noch nicht vorhanden? Ich finde es sehr angenehm, mal eine Platte völlig ohne solchen Firlefanz zu hören! Das nahm ja in letzter Zeit echt überhand, jede Band macht das inzwischen.
Alex: Beim Song „An die Maulwürfe“ wollten wir im Break zu Anfang des Songs das Seufzen des Maulwurfs aus der „Sendung mit der Maus“ einbauen, was technisch leider nicht geklappt hat. Ansonsten haben wir dieses Mal ganz bewusst auf Filmzitate etc. verzichtet. Das Thema ist einfach durch, wurde viel zu oft gemacht und hat dadurch jeden Reiz verloren. Mir geht es ähnlich wie dir, ich finde diese Zitate auf aktuellen Platten meistens langweilig.
Ugly Punk: Irgendwelche letzten Worte?
Alex: Du hast uns ganz schön aus der Reserve gelockt. Mit raucht der Kopf.
Swen: Wir sehen uns auf Tour.
Ollo & Flo: Danke!
Ugly Punk: Vielen Dank für die offenen, ehrlichen und ausführlichen Antworten! So macht das Spaß! Inzwischen ist ja auch die Release-Party gelaufen und ich kann sagen, dass die neuen Songs auch live wieder gut abgehen! Wir sehen uns!




