OLIVER USCHMANN – FEINDESLAND – HARTMUT UND ICH IN BERLIN

OLIVER USCHMANN – FEINDESLAND – HARTMUT UND ICH IN BERLIN
(Scherz / S.Fischer-Verlag)

Wer kennt sie mittlerweile nicht: Die Geschichten des Katastrophen-Philosophen Hartmut und dem Ich-Erzähler, dem Packer von UPS, mit ihren abstrusen Abenteuer. Dies ist mittlerweile der fünfte Roman der ‘Hartmut und ich’-Reihe von Oliver Uschmann. Nachdem in den ersten zwei Bänden das Leben von Hartmut und ‘ihm’ in einer Bochumer Chaos-WG geschildert wurde, der dritte (etwas schwächere, surrealere) Teil die beiden mit ihren Freundinnen in die Hohenloh’sche Provinz verschlug und im vierten Teil das Team die Autobahn-Raststätten Deutschlands unsicher gemacht haben, führt Uschmann seine Protagonisten diesmal ins Feindesland – mitten nach Berlin. Genauer gesagt ins Weddinger Ghetto. Natürlich sollte man die ersten vier Teile bereits gelesen haben, bevor man sich der Lektüre des neuen Werkes widmet, aber auch so findet man sich schnell in der Welt ‘Hui’-Welt zurecht.

Zum Inhalt: Nachdem Hartmut seine Steuerschulden abtragen muss und ein Verlag für sein „Manifest der Unvollkommenheit’ in Berlin gefunden hat, nehmen sich die 2 Kumpels mit ihren Freundinnen einen 1-Zimmerwohnung in einem Wohnsilo in Wedding. Schließlich ist die Kohle knapp und die 100.000€ Steuerschulden drücken. Nachdem sich die WGler mehr schlecht als recht um Jobs bemüht haben, kommen sie auf die Idee, mit ein paar alten Bekannten, aber auch neuen Kampfgefährten, eine neuartiges, individuelles Taxi-Unternehmen zu gründen. Nicht zuletzt, um aus dem abgefuckten Viertel, in dem Problem-Jugendliche & Schutzgeld-Erpresser ihr Unwesen treiben, wegzukommen. Allerdings hat die ‘neue Regierung’ mittlerweile einige absurde Moral-, Toleranz- und Umwelt-Gesetze erlassen, die es dem Team um Hartmut und ich nicht gerade leicht machen.

Mit dem fünften Teil führt Oliver Uschmann die vier also wieder in die Großstadt, wo sie sesshaft werden wollen. Die vier sind eben erwachsener geworden, ebenso wie Uschmann, was man dem Buch auch anmerkt. Natürlich fließt dabei auch wieder einiges an autobiographischem in den Roman mit ein, schließlich hat Uschmann auch eine Zeit lang in Berlin gelebt. Mit dem Moralministerium und den abstrusen Gesetzen spinnt er dagegen sehr fantasiereich den Faden weiter, wie es den wäre, wenn jeder in allen Belangen gesetzlich berücksichtigt, gleich bzw. gleicher gestellt und total durchleuchtet wird. Ein wirklich interessanter und zynischer Aspekt im Buch, der einen auch wütend werden lassen kann – denn davon sind wir gar nicht so weit entfernt. Man kann es auch als einen Abgesang auf den Sozialismus verstehen. Die politischen Ideale werden allgemein etwas durchgerüttelt. Hartmut und er müssen sich von den verhassten Nazis bei einer Schlägerei helfen lassen, hippen Werbefuzzis in den Arsch kriechen, für die Moral ein Fremdwort ist;  Sie beginnen selbst, ganz konservativ, eine eigene Firma zu gründen und ganz altmodisch ihre Familien zu besuchen. Auch wenn der Stil reifer und ausgefeilter ist, hat er immer noch den alten Witz der ersten Bände, vor allem in seinen Vergleichen, Verweisen und Zitaten. Uschmanns Faible für die Gamer-Kultur und die 80/90er Jahre bekommt natürlich auch wieder etwas Platz eingeräumt. Trotzdem ist der Roman nachdenklicher als seine Vorgänger. Da passt das tragische, absolut Hui-unübliche Ende auch ganz gut rein. Uschmann ist jedenfalls eine kurzweilige Fortsetzung der Romanreihe mit viel Witz, aber auch ernsthafteren, fiktionalen und kritischeren Momenten gelungen. Mirko

www.hartmut-und-ich.de