Ein Mann, ein Tag, eine Katastrophe!
Der Wecker klingelt um 5.45 Uhr. Der Mann dreht sich auf die Seite, tastet mit der Hand nach der Nachttischsirene und versucht, diese mit der Hand auszuschalten. Dabei stößt er nicht nur den lärmenden Quälgeist, sondern auch ein Glas mit Wasser vom Tisch.
Zuerst schlägt der Wecker, immer noch laut seinen Dienst verrichtend, auf dem Fußboden auf, dann zerbirst das Glas auf ihm und ergießt seinen Inhalt über das 18,99 € teure Elektronikgerät.
Der Mann flucht leise, er will seine schlafende Frau nicht noch weiter stören, und steigt aus dem Bett. Sich müde die Augen reibend, setzt er erst einen, dann langsam den zweiten Fuß auf den Boden.
Er zuckt zusammen. Mit dem rechten Fuß ist er in Scherben getreten und mit dem linken in die Wasserlache.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelt der Mann aus dem ehelichen Schlafzimmer durch den Flur Richtung Badezimmer. Dabei stößt er sich die linke Flanke am Ikea Ivar Regal, welches er kurz nach dem Einzug im Flur aufgestellt hatte. Das sieht gut aus, ist billig und vermittelt mit seiner inzwischen dunkler gewordenen Kiefermaserung einen Hauch intellektuelle Bohème.
Kafka, Dalai Lhama, Brecht, Kinderbilder.
Er kann sein Fluchen kaum noch unterdrücken, aber da ist er schon im Bad angekommen.
Okay, nix schlimmes am Fuß, die Seite tut natürlich weh.
Zähneputzen.
Das Kind hat die Zahnpastatube nicht zugemacht.
Ein erbsengroßer Dentalpflegemittelklumpen verstopft den Ausgang. Sonst tun sie doch auch nur so, als putzten sie sich die Zähne, denkt der Mann und pröpelt mit der Nagelschere den Widerstand weg.
Nachdem er sich geduscht hat, fällt ihm auf, dass er zuvor vergaß, sich einen Kaffee zu machen. Nun hat er keine Zeit mehr.
Egal, er muss los.
Schnell noch einen Blick ins Kinderzimmer geworfen und ab dafür.
Es ist 6.30 Uhr.
Als er sein Auto startet, leuchtet die Tankkontrollleuchte auf und gibt einen schrillen Signalton von sich. Herzlichen Dank, gestern zu faul zum Tanken gewesen, nach der Arbeit und nun 5 Kilometer Umweg- das wird knapp.
Der Mann ärgert sich ein bisschen darüber, dass er seinen Stammradiosender heute nur rauschend hören kann. Er findet die Frequenz nicht richtig, da er sich auf den beginnenden Berufsverkehr konzentrieren muss.
Bremsen!
Das Arschloch hat einfach die Spur gewechselt, das war knapp. Da vorne ist schon die Tankstelle.
Super 95 Oktan: 1,54 €.
Der Mann stöhnt. Gestern Abend waren es 10 Cent weniger. Er tankt für 20 Euro.
20 Euro und 20 Minuten bis Dienstbeginn. Das wird nix.
3 Leute stehen in der Tankstelle vor dem Mann an der Kasse. Er schaut sich die bunten Auslagen an und wundert sich ein bisschen, in etwa so, wie jemand, der 15 Jahre auf einer einsamen Insel lebte, über das reichliche Sortiment und die vielen Dinge, die er dort kaufen könnte.
Er braucht auch noch Zigaretten und will mit EC Karte bezahlen.
„Kartenzahlung zur Zeit leider nicht möglich!“, lächelt ihn ein Schild an.
So sammelt der Mann einen 10 Euro Schein und den Rest in 1,- und 50 Cent Stücken aus der Tasche.
Die Kassiererin hat heute nicht ihren besten Tag: „Ich bin hier keine Wechselstube, Ihr sollt Euer Kleingeld hier nicht hinbringen!“, krächzt es ihm aus ihrem überschminkten, von Alkohol und Zigaretten gezeichnetem Gesicht entgegen.
Der Mann entschuldigt sich, bezahlt trotzdem mit dem Kleingeld, denn er hat ja nichts anderes und setzt sich wieder in sein Auto.
An der Säule vor ihm parkt ein Lieferwagen, hinter ihm ein …?
Lieferwagen.
Beide Fahrer kennen sich offensichtlich und unterhalten sich. Der Mann kann nicht weiterfahren. 10 Minuten bis Arbeitsbeginn.
Er bittet die Fahrer höflich, wegzufahren, da er weiter müsse. Der eine lacht ihn zahnlos an- und führt das Gespräch fort. Der andere beachtet ihn gar nicht erst.
Der Mann schluckt seinen Ärger runter und setzt sich zurück ins Auto. Mühsam gelingt es ihm, an dem Lieferwagen vor ihm entlangzuschleichen. Er hat es fast geschafft, da touchiert er mit seinem linken Kotflügel einen Betonpoller. Darum kümmert er sich nicht, er hat keine Zeit.
Er erreicht das Büro 20 Minuten zu spät.
Sollte sich das jetzt noch einmal wiederholen, so denke man über eine Abmahnung nach und die Zeit habe er nachzuarbeiten, teilt ihm sein Chef mit.
Der Mann entschuldigt sich. Das Aftershave seines Chefs verursacht bei ihm immer Schwindelanfälle und Brechreiz. Außerdem hat er einen Atem, der nach altem Kaffee und Kot riecht. Da fault was im Mund. Also lieber nicht diskutieren und weg.
So ein Arbeitstag verläuft immer nach dem selben Schema. Selbe Fragen, selbe Antworten.
Ein Schimpanse, der eine Kaffeetasse halten kann, könnte das. Manchmal fühlt der Mann sich sehr niedergeschlagen und ist sehr frustriert. Dann denkt er, während der Arbeitszeit!, darüber nach, was alles hätte anders laufen können, müssen, sollen.
Aber er muss eine Familie ernähren und er muss funktionieren.
Der Mann arbeitet zuverlässig und gut.
Er wäre lieber Schafhirte in Irland oder vielleicht Fischer oder würde wieder zu malen anfangen.
Er verdient 1764,23 Euro netto und hat 120 Überstunden.
Seine Frau ruft ihn an. Der Kleine braucht neue Schuhe und die Große kann „ in den Klamotten nicht nur Schule“. Wo die zweite Kontokarte sei.
Er trägt seit 2 Jahren die gleiche Jeans. Sie ist schon etwas fadenscheinig. Und ob er nach Feierabend schnell noch mal zu Lidl rein könne.
Milch, Käse, Aufschnitt, Klopapier und Salat.
Er sieht das eigentlich nicht ein und hat auch keine Lust dazu aber willigt ein.
Und was er heute morgen für ein Radau gemacht habe?
Feierabend!
Nein, noch nicht ganz, denn er muss ja noch nacharbeiten.
Feierabend.
Der Mann geht zu seinem Auto. An der Windschutzscheibe hängt ein Zettel, auf dem er aufgefordert wird, der Stadtkasse 15,- zu überweisen, er habe im Halteverbot gestanden.
Weil er heute Morgen ja etwas später kam, war kein Parkplatz, wie sonst, mehr zu finden.
Der Zettel ist vor 10 Minuten ausgedruckt worden.
Der Mann atmet tief durch und schaut die Straße entlang.
Geschäfte und Kioske säumen den Gehsteig. Leuchtende Reklameschilder versprechen ihm das Blaue vom Himmel.
Er zündet sich eine Zigarette an und schlendert die Strasse entlang.
Der Mann sieht sich die Auslagen der Geschäfte an und schreibt seiner Frau eine SMS.
„Komme später, warte nicht auf mich. Einkaufen musste selber“
Dann schaltet er sein Handy aus.
Er geht zum Geldautomaten, der in der Volksbank steht. Hier gibt’s auch günstige Kredite. Das weiß der Mann, denn er hat sich ja schließlich vor fünf Jahren hier beraten und zum Abschluss überzeugen lassen. Nur noch 25 Jahre, dann ist sein Haus abbezahlt.
Wenn nichts dazwischen kommt.
Er schaut sich seinen Kontostand an: 250 Euro Haben. Und noch 2 Wochen, bis es wieder Geld gibt.
Der Mann überlegt kurz und hebt 200 Euro ab.
Der Verkäufer ist sehr freundlich. Vielleicht etwas zu beflissen und aufgekratzt, aber das ist dem Mann egal.
Er bezahlt und verlässt den Laden.
In seiner Tasche wiegt es gar nicht so schwer, wie er dachte.
Er tätschelt den Stahl, der im Neonlicht des Geschäftes so blitzte und lächelt.
Auf der Straße trifft er einen Bekannten.
„Na, wie war Dein Tag?“
„Gut“, antwortet der Mann und blinzelt in die Straßenlaterne.
Er geht weiter und betritt eine Kneipe.
Kalter Rauch und Muff von 20 Jahren Zecherei schlagen ihm schwer entgegen.
Am Tisch sitzen drei Männer und schauen ihn prüfend an.
Der Mann setzt sich ganz nach hinten in die Ecke, neben die Musikbox.
Er bestellt sich ein Bier. Dann noch eins und dann noch eins.
Ein anderer, ungepflegt aussehender Gast verlässt seinen Tresenplatz und nähert sich dem Manne. Er wirkt stark betrunken. Er mustert unseren Mann und steckt einen Euro in die Wurlitzer.
Peter Maffay.
Der Mann steht auf, bezahlt und verlässt die Gastwirtschaft.
Draußen stehen 4 Jugendliche.
Der Mann atmet die frische Luft tief ein.
Die Jugendlichen spucken auf den Fußboden.
Das findet der Mann widerlich, sagt aber nichts.
Als er zurück zu seinem Auto kommt, sieht er schon von weitem die gelben Rundumleuchten.
Ein Abschlepper. Im Auftrage des ADAC. Die Dame und der Herr vom Ordnungsamt stehen daneben und schauen ihn gewichtig an.
Der Ordnungshüter spricht streng den Mann an und tadelt ihn ob seines rücksichtslosen Parkverhaltens.
Der Mann lächelt.
Er greift in seine Tasche und spürt den kalten Stahl.
Er umfasst den Kunststoffgriff der Pistole.
Während er so lächelt, zieht er die Waffe und richtet sie auf den Ordnungsamtmann, der ihn entgeistert anblickt.
Auf einmal ist dieser nicht mehr so selbstsicher und streng, sondern deutlich verängstigt und still.
Seine Kollegin flüchtet laut um Hilfe schreiend, der Abschlepper steht dumm glotzend am Auto.
Der Mann sagt:
„Hasta la Vista, Baby!“, das wollte er schon immer mal.
Der Ordnungsamtmann nässt sich vor Furcht ein.
Der Mann zielt immer noch mit der im Straßenlicht glänzenden Pistole auf des anderen Gesicht.
Er drückt ab.
Aus der Pistolenmündung schießt ein Stöckchen mit einer weißen Fahne.
Darauf steht in schwarzumrandeten, roten Buchstaben das Wort „PENG!“.
Der Mann steigt in sein Auto und fährt davon.
Er lacht. Heute zum ersten Mal.
Das war ein guter Tag.






Herrlich! =)