RUHRPOTT RODEO 2010

Ruhrpott-Rodeo 2010
22./23.5.2010 Hünxe

Tag 1:
Da ich in meinem Leben schon genug Nächte mit wenig Schlaf in irgendwelchen Zelten verbracht habe, hatten wir bereits vor einigen Monaten ein Zimmer auf einem Bauernhof gebucht. Der Grundgedanke war, unseren Hund Lemmy mitzunehmen und nur zu den Bands, die uns wirklich interessieren, zum Gelände zu fahren. Der Rest sollte eine Art Kurzurlaub aufm Bauernhof mitten im Ruhrpott werden. Den Plan verwarfen wir dann, da Lemmy zu Anjas Eltern in Ferien sollte. So weit so gut. Kurz vor dem Rodeo wurde der kleine Racker dann plötzlich krank, Fieber, dicke Drüsen und so, was die ganze Mission fast zum scheitern verurteilt hätte. Die Behandlung beim Tierarzt schlug aber gut an, so dass sämtliche B-Pläne wieder in die Tonne gekloppt wurden und alles planmäßig starten konnte. Wir fuhren lediglich etwas später, nämlich erst Samstag um 12.30 Uhr los, statt früh morgens. Soviel zu unseren Problemen im Vorfeld, die natürlich keinen interessieren.
Nach problemloser dreistündiger Fahrt, meine erste längere Autobahnfahrt als Fahrer, nach zehn Jahren ohne Lappen übrigens, kamen wir gegen 15 Uhr am Bauernhof an. Schnell eingecheckt und ab zum Festivalgelände, welches 15 Minuten Autofahrt vom Bauernhof entfernt lag, damit wir das erste Highlight CASANOVAS SCHWULE SEITE noch sehen konnten. Schon ging der Ärger los. Aufs Gelände konnte man nicht mehr fahren, alles dicht, parken an der Strasse war angesagt. Also noch 10 Minuten Fußmarsch bis zum Gelände. Dort angekommen, standen da doch tatsächlich wieder diese 2 mickrigen Kassenhäuschen, die auch immer bei Punk im Pott stehen und das bei ca. 7500 Besuchern. Kann nicht wahr sein. In der verdammten Bullenhitze war also warten angesagt. CSS waren natürlich schon am spielen, toll. In den Kassenhäuschen war wohl Kaffeepause, denn erstmal tat sich da gar nix. Wenig später kam dann endlich Bewegung in die Schlange und nach ner endlosen halben Stunde hatten wir dann endlich unser Bändchen. Weiter gings über den Zeltplatz, welcher jetzt schon dem Vorhof zur Hölle glich, durch die erste Security-Schleuse. Am eigentlichen Konzertgelände angekommen, ab in die nächste Einlasskontrolle, was wiederum Warten bedeutete. Super. Aber ohne Kontrolle geht’s ja leider nicht, bei der hohen Quote von Intelligenzbolzen. Immerhin bekamen wir noch ein paar Hits von CSS zu sehen, z.B. Mein Kühlschrank, In Grafenwöhr, 1980 und Höllenfeuerlicht. Hinter der Bühne stand die gesammelte Kölner Prominenz, wie The Kollege, Frank Kremer, seines Zeichens Tourbusfahrer von allen Claus Lüer Bands und weitere bekannte Gesichter. Auf einem Barhocker hockte W$K-Bassist Raki und las den Lebenslauf von Mr.Casanova (ja, der berühmte Namenspate) vor. Gelungene Geschichtsstunde. Es war schon recht viel los vor der Bühne, einige Fäuste wurden schon gen Himmel gereckt und fleißig gegröhlt. Alles bei Bombenwetter und Gluthitze wohlgemerkt. Weissen war schon voll wie Unke und von oben bis unten verdreckt. Auch einige Fußabdrücke hatte er auf seinem Körper, keine Ahnung woher. Als nächstes waren FAHNENFLUCHT aus Düsburch an der Reihe. Sie haben wieder mal einen neuen Gitarristen im Gepäck und seit einiger Zeit ja auch nen neuen Drummer. Die Besetzungswechsel taten ihnen auf jeden Fall gut. Vor allem der neue Drummer versteht sein Handwerk. Live haben sie ja früher oft verkackt und der letzte (Metal)Drummer war nicht so berauschend. Inzwischen hält Thomas auch seine Stimme übers ganze Konzert aufrecht, was früher oft nicht der Fall war. Ein Blick hinter die Bühne, wer steht da rum und säuft Bandbier? Ilona und Hanna, die ollen Promiluder, hehe. Alle Hits am Start, wie das Terroristenlied, Nothammer glaub ich, F.Wagner und natürlich Deutschland, wobei diesmal auch nicht der Strom abgestellt wurde, wie beim 20 Jahre – Popperklopper – Festival. So was ist ja echt übel, einer Band beim größten Hit den Saft abzudrehen, weil die Zeit um ist. Naja, manche überziehen ja auch gnadenlos. Hier lief alles glatt, super Show und auch die neue Platte scheint ein Hit zu werden. Die REVOLVERS kenn ich nicht, juckt mich nicht, sorry. Wir nutzen die Gelegenheit, eine Runde übers Gelände zu drehen und die Verkaufsstände zu inspizieren. Bei Plastic Bomb kaufte ich mir das neue Heft. Man kann ja nicht warten, bis das Abo im Briefkasten liegt, wenn ein Review von der eigenen Band drin ist, haha. Was müssen meine verstaubten Augen da lesen? Ein 1A Verriss von Mr.Ullah. Soll ich mir den gleich vorknöpfen? Lieber nicht, bin ja heute nüchtern, hehe. Leicht angesickt, weil ich denke, man kloppt uns wegen unserem (ex)Labels in die Tonne, ohne sich die Scheibe richtig anzuhören, geht die Runde weiter. Erstmal ein paar Getränkebons holen, welche mit 2 Euro pro Stück (Getränk 0,3 Liter=1 Bon) für heutige Verhältnisse ganz ok waren und weiter ging die Runde. Jede Menge bekannte Gesichter am Start. Aus der Ferne dröhnten THE FREEZE, zumindest wären sie laut Plan an der Reihe gewesen. Da ich morgens noch auf der Bomben-Homepage gelesen hatte, dass deren Tour abgesagt wurde, war ich mir nicht sicher. Inzwischen hab ich gelesen, dass es wohl die V8WANKERS als Ersatzband waren. Soviel zu „Grauzonenfreies Festival“. Aber das war dann wohl die einzige leicht fragwürdige Band. Man kann ja alles übertreiben, haha. Zu HAMMERHEAD trudelten wir wieder vor der Bühne ein, warum auch immer. Die Musik der reformierten Radaubande fand ich grauselig. Für mich ist das recht uninspiriertes Geballer. Bei HC Bands hab ich schon mal bessere Riffs gehört, wenn ich auch keine Ahnung davon habe. Das prollige Verhalten der Musiker um T. Scheisse fand ich auch sehr unlustig, wobei hier das Bepöbeln der Fans wohl zum guten Ton gehört. Der Mob vorm Graben hatte Spaß. Ihr Hit “Ich sauf allein“ war natürlich auch am Start. Jetzt kam ein weiteres Highlight, die LOKALMATADORE! Immer Garant für gute Laune und Stimmung, die Jungs um Fisch. Muss ich hier die Hits aufzählen? Wohl kaum. Gänsehautfaktor wie immer bei El Lokalmatador, was wie immer vom gesamten Gelände mitgesungen wurde (ole ole ole, viva Lokalmatador). Hier sind tatsächlich Asis mit Niveau am Start, anders als bei den ekligen KASSIERERN, die dieses Jahr zum Glück nicht am Start waren. Zu erwähnen bleiben noch die rosa Rüschen-Hemden. Sehr schön. Den Lokalmatadoren muss ich auch immer wieder zu Gute halten, das sie sich klar gegen Rechts positionieren, anders als (fast) alle ähnlichen Konsorten. Jo man, passende Vorgruppe für SLIME oder wat? Tja, ich hatte meine Ablehnung gegen die SLIME-Reunion ja eigentlich ad Acta gelegt und freute mich aufs Mitgröhlen der alten Kult-Hits. Leider muss ich den Auftritt als Enttäuschung verbuchen. Als das gigantische SLIME-Banner hochgezogen wurde, konnte man die Gänsehautstimmung spüren. Als dann das Intro lief und nach endlosem Umbau die Musiker die Bühne betraten, für mich die erste Verwunderung: Eine blonde Frau am Bass? Dat is doch nich Eddi! Wie sich später rausstellte, war es Niki von den Mimmis. Na toll. Nur 3/5 Originalmitglieder, denn am Schlagzeug saß ja bekanntlich Veranstalter Alex Schwers, der Aushilfsdrummer der Nation. (Hass, Eisenpimmel, Knochenfabrik, Chefdenker,….) Der Anfang war noch recht vielversprechend, original mit ACAB und Legal Illegal Scheissegal. Dann kam schon Polizei SA/SS und kurz darauf schon der Mega-Hit Albtraum. Nur leider konnte die Bassistin den Kult-Bass-Lauf von Eddi nur einigermaßen imitieren, Elf spielte die Melodie sogar auf der Gitarre mit. Für meinen Geschmack voll verhunzt. Ab dem Zeitpunkt war mein Optimismus dahin. Wobei ich nüchtern war und sehr kritisch hinschaute, klar. Auf der Bühne null Bewegung, die Songs sehr langsam gespielt, der dumpfe Bass passte gar nicht und übertönte die Gitarren. Überhaupt war der Sound sehr mumpfig. Gitarren hörte man nur bei den Solos raus, wo Elf gewaltig aufs Volume-Pedal trat. Sorry, ich hatte mehr erwartet. Es waren natürlich alle Hits am Start und wurden auch mitgesungen, die Resonanz im Publikum kam mir aber trotzdem etwas verhalten vor. Kleiner Auszug aus der Set-Liste: Etikette tötet, Störtebecker, Alle gegen Alle, Schweineherbst, Gerechtigkeit, Bullenschweine(!!!), Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, Viva la Muerte, Wenn der Himmel brennt, Zu kalt, usw. Also ich empfand es als lustlose Rentner-Rock-Show, lahm, steif, ohne Druck. Ich glaub andere sind anderer Meinung. Ich aber habe sie 94 im AZ Aachen original gesehen, das war eine andere Welt. Vielleicht war deshalb meine Erwartung zu groß. Carsten von POPPERKLOPPER hat übrigens genau wie damals in Aachen kaum was mitbekommen, er lag mehr auf dem Boden als sonst was, hehe, er war mehr ein Ping-Pong Ball in der Menge, hehe. Tja, ich sag nur Rotwein aus Plastik-Säcken. SLIME – bitte sofort wieder auflösen! Zum Glück war der Haupt-Texter und Mastermind Stefan Mahler bei diesem Debakel nicht dabei. So bleiben sie für mich eine Legende. Er wusste wohl, warum er konsequent blieb. Während der letzten Töne von SLIME, machten wir uns auf den Weg zum Auto, vorbei an diversen Alkleichen und Müllbergen hoch wie der Mount Everest und fuhren zurück zu unserem Bauernhof, wo wir wie die Engelchen schlummerten.

Tag 2:
Um 10 Uhr ging´s zum Frühstück, welches uns die Bäuerin in der guten Stube des Hauses servierte, mit Eiern von glücklichen Hühnern usw. Jaja, nobel geht die Welt zu Grunde. Aber hey, 30 Eu pro Person mit Frühstück sind doch Top, zumal wir ne komplette Ferienwohnung für uns hatten! Derart gestärkt erkundeten wir dann den Bauernhof, besuchten u.a. Hasen, Ponys und Hühner. Auf dem Bolzplatz noch etwas Fußball gespielt (1 gegen 1, Mann gegen Frau), dann fuhren wir erstmal zur Tanke. Wir asselten dann noch bis ca. 15 Uhr rum, ehe wir mangels Beschäftigung wieder zum Gelände fuhren. Diesmal konnten wir mit dem Auto rein und parkten bei den anderen Moselanern, die schon wieder kräftig am tanken waren. Immerhin gab´s Schatten, denn heute war es noch wärmer. Schnell noch die Bäuerin angerufen, um für 8 Frühstück zu bestellen, mit Rührei, was von der Bierschinken-Crew sehr amüsiert aufgeschnappt wurde, unter Androhung der Erwähnung im Konzertbericht! Grüsse an die Gang um Fö!  SCHMEISIG, SNIFFING GLUE, THE OTHER, GENERATORS, VOLXSTURM, ANGRY SAMOANS und die BETON ONKELZ ähm – TOD lauschten wir aus sicherer Entfernung bei eiskalten Biermischgetränken. Ja, heute wollte ich etwas Bier trinken, denn Anja steuerte den Fluchtwagen. Carsten stand auch wieder und ergriff wenig später mit Ex-KLOPPER- Bassist Helga die Flucht nach Hause. Nach einigen sinnreichen Gesprächen, u.a. mit Kollege und Kremer, gings dann gegen 20 Uhr noch mal aufs Gelände, wo es immer noch sehr heiß war. Uns strömten ohne Ende Leute entgegen, die gerade von ihrer Heldenband BETONTOD kamen. Die haben echt nen Ausnahmestatus inzwischen, wobei mir die Aussage von Gitarrist Eule im Rockhard-Interview, das man sich in einer Reihe mit Deutschrock-Bands wie Freiwild sieht, sehr bitter aufstößt. Unsere erste Band für heute waren dann die grandiosen SNUFF. Gute alte Punklegende, rockten einige Hits der hochgelobten Tweet tweet my melody-Scheibe.  Da die Betontod-Army nach draußen geströmt war, war vor der Bühne nicht allzu viel los, was sich erst bei SONDASCHULE wieder änderte. Die Trompetenpunker verstehen es, ein großes Publikum in Tanzlaune zu versetzen! Auch der Sound war dank der bombastischen Bläser mit der Beste des Festivals! Ich werde mir mal die Platten der Band zulegen, denn bisher kenne ich sie nur dadurch, das Weissen und Ilona sie abfeiern. Doch, da sind einige Hits drunter! So meine Damen und Herren, nun zu unserem Highlight des Wochenendes! WIZO! Wer sie früher hasste, wird sie auch heute nicht lieben, klar. Ich bin schon mit WIZO-Shirt rumgerannt, als man dafür noch aufs Maul bekam, hehe. Negativ zu erwähnen ist die endlos lange Umbaupause. Da wurden Verstärkertürme auf die Bühne geschoben, die AC/DC locker Konkurrenz machten. 3 riesige Basskübel und ganze 10!!!  4×12er Gitarrenboxen. Es wunderte mich schon, warum auf beiden Bühnenseiten Gitarrenwände aufgebaut wurden, was sich später noch auflösen sollte. Tja, der gute Axel war ja schon immer etwas Größenwahnsinnig und peinlich, wofür er ja auch oft genug büßen musste, sofern meine Infos stimmen. Wie auch immer – nach ca. 45 min Gedöns erklang endlich ein Intro. Ach ja, WIZO hatten natürlich ein noch größeres Banner als SLIME, welches die gesamte Bühnenrückwand ausfüllte. Dann betrat die Band die Bühne und was muss ich sehen? Die sind zu viert! Kein Trio mehr! Erstmal war ich skeptisch – was soll der langhaarige Metalgitarrist? Erster Song war Nana von der Anderster, dann kam Kopfschuss. Es waren so ziemlich alle Festivalbesucher vor der Bühne und aus tausenden Kehlen tönte es: Kopfschuss, es war kein Selbstmord es war Mord! Kopfschuss war noch etwas langsam, man merkte die Nervosität der Band, aber sie fingen sich schnell. Auch der 2. Gitarrist fügte sich super ein, er unterstütze Axels Leadgitarre perfekt. Natürlich lieferte Axel wie in alten Zeiten seine Show ab, was mitunter auch etwas peinlich war, z.B. die endlose Vorstellerei der neuen Bandmitglieder,  aber druff geschissen, das ist WIZO. Sie hatten den besten Sound vom ganzen Festival, man konnte jeden Ton und Schlag der Instrumente raushören, was aber auch am klaren, hellen WIZO – Sound lag. Auszug aus dem Hitfeuerwerk gefällig? Nana, Kopschuss, Kadett B, Nix + Niemand (hier muss ich Axels Ansage hervorheben, das er es zum kotzen findet, das so viele Bands es nicht auf die Reihe bekommen, sich ganz klar gegen rechts zu positionieren, scheiß auf Grauzone (O-TON)), Jeder muss einmal sterben, Gute Freunde, das beknackte Käfer-Lied („ich bin 41 und sing immer noch son Scheiß für euch“),  Raum der Zeit, zwei neue Songs, die auf eine Hitplatte hoffen lassen, Hey Thomas, Die letzte Sau, Quadrat im Kreis (genial!), Tod im Freibad, Lug und Trug… Natürlich gingen sie noch bevor Kein Gerede gespielt wurde von der Bühne, um Zugabe-Rufe einzusacken, die natürlich auch kamen. Axel meinte, dass sie dieses Lied immer gespielt haben und natürlich immer spielen werden und ab ging die Post. Aus ca. 7500 Kehlen wurde Kein Gerede mitgegröhlt, als gäbe es kein Morgen. Geile Scheiße und das obwohl Kein Gerde eigentlich ne Persiflage auf Parolengedresche ist. Mit “Die letzte Sau“ klang ein grandioses Konzert aus. Für uns haben sich die Strapazen alleine wegen WIZO gelohnt. Da kann so manche junge Band kacken gehen, wobei Axel auch alles richtig gemacht hat, indem er sich junge Verstärkung ins Boot geholt hat. Wie gesagt, wer WIZO hasst, wird sie jetzt auch nicht lieben und das Duell der Reunions haben sie locker gewonnen. WIZO kommen um zu bleiben und das ist gut so! JAYA THE CAT ersparten wir uns und sahen zu, das wir vor dem großen Aufbruch zum Auto kamen. Fazit: Cooles Festival mal wieder, gefühlte 95% kaputte Jugend anwesend, viele nervige Honks, aber ich war ja auch mal jung. Einige Spackos ließen es sich auch nicht nehmen, mit Onkelz-Shirts oder Aufnähern rumzustolzieren. Ungehindert wohlgemerkt. Ohne Worte. Ich würde dann demnächst gerne mal aufm Rodeo spielen, Alex, denn als Band hat mans doch tausendmal besser, wie als gemeines Fußvolk… Amen.

Chris de Barg