AGROTÓXICO

Agrotóxico sind von den brasilianischen HC-Punkbands wahrscheinlich die bekannteste, seit fast 20 Jahren auf der Bühne, haben sie klein Angefangen, und machen mittlerweile große Tourneen durch Europa und haben sich in der internationalen Punkszene einen guten Namen erspielt. Was sie bei ihrem Erfolg allerdings sympathisch macht, ist der Umstand, dass sie ihren DIY-Idealen immer treu geblieben sind und nie aufgehört haben, kritische Songs zu schreiben und ordentlich auf den Putz zu hauen. Grund genug also, mit ihnen mal das gute alte Frage-Antwort-Spiel zu spielen. Was mich wirklich überrascht hat, war der Umstand, dass ich Marcos, seines Zeichens Gitarrenmann und Sänger der Band, mittags nach dem Aufstehen meine Fragen per Mail zuschickte, und ich sie Abends schon fertig beantwortet in meinem Postfach liegen hatte. Rockstarallüren gehen anders! Das hat mich echt von den Socken gehauen. Jedenfalls ein sehr sympathischer Mensch, der Marcos, und mit seiner Kapelle im September diesen Jahres auf Deutschlandtour, also nicht verpassen!
Nun aber zu dem Interview.

T=Tammo
M=Marcos

T: Wie und wann wurden Agrótoxico gegründet? Spielt ihr immer noch in der Originalbesetzung?
M: Agrotóxico wurde 1993 als Gruppe von Freunden gegründet, die ihre Ideen ausdrücken und ordentlich Krach machen wollten. In den letzten 17 Jahren hat sich die Besetzung ständig geändert, aber jetzt haben wir das beste Line-Up bisher mit: Marcos (Gitarre/Gesang), Jeff ( Bass/ Gesang), Arthur (Gitarre/Gesang) und Pedrunk (Drums).

T: Und wo liegen eure Haupteinflüsse? Gibt es noch irgendeine Band, mit der ihr gerne mal touren würdet?
M: Unser Haupteinfluss sind Bands aus Skandinavien wie z.B. Rattus, Anti-Cimex, Lama, Appendix, oder auch andere Bands aus den 80ern wie Discharge, Varukers und Canal Terror, amerikanische Bands wie 7 Seconds, D.R.I. zum Beispiel und zu guter Letzt brasilianischer Hardcore wie Olho Seco, Fogo Cruzado, Armagedom. In der langen Zeit die wir getourt sind, sind weitere Einflüsse dazu gekommen wie z.B. von Rawside oder Rasta Knast, mit denen wir immer wieder liebend gern auf Tour gehen!

T: Mit Red Star Records habt ihr euer eigenes Label ins Leben gerufen. War geplant, nur eure eigenen Platten herauszubringen, oder wolltet ihr die Szene in Brasilien voranbringen und  kleinere Bands unterstützen?
M: Ich habe Red Star Records mit Jeff zusammen gegründet, um Agrotóxico-Platten rauszubringen, aber nach der ersten Veröffentlichung haben wir dann auch angefangen, Platten anderer Bands rauszubringen. Einige Jahre später habe ich dann das Label verlassen und seitdem leitet Jeff  es alleine. Red Star Records hat großartige Bands von Übersee in Brasilien veröffentlicht, wie zum Beispiel  D.O.A., Rasta Knast, Gee Strings und einige der Besten brasilianischen Bands wie Lobotomia, Ação Direta, Periferia S/A und so weiter.

T: Ihr scheint einen sehr guten Draht nach Deutschland zu haben, der Beschreibungstext auf eurer Homepage lautet „Wir sind der Widerstand“, ihr habt eine Split-LP mit Rasta Knast herausgebracht und euch verbindet eine enge Freundschaft zu den Leuten von Break The Silence aus Verden. Wie ist es dazu gekommen? Ich meine, Verden ist nun von Sao Paulo aus nicht unbedingt um die Ecke….
M: Wir geben nicht wirklich viel auf Grenzen, also ist es uns einfach egal, ob wir jetzt weit weg wohnen, eine andere Sprache sprechen oder eine andere Hautfarbe haben. Wir glauben, wir sind alle eine Einheit sind und seit vielen Jahren haben wir nun einige unserer besten Freunde in Deutschland, was der eigentliche Grund für den guten Draht ist, den du erwähnt hast. Wir haben die Rasta Knast-Leute 1999 kennen gelernt, während der Olho Seco Tour und haben dann auch großartige Leute wie den Volker von Dirty Faces Records getroffen, der dann alle unsere Platten in Deutschland rausgebracht hat, was auch einer der Hauptgründe dafür war, dass wir dort so viel getourt sind. Wir haben auch gute Freunde in Bands wie  Molotow Soda, Gee Strings, Cut My Skin, Hass, Rawside etc. gefunden. Aber auch viele Leute aus dem Publikum, Booking-Agenturen, Squats, Clubs, Mailordern, Fanzines usw. usw….Unsere Hoffnung ist es, Brasilien Deutschland immer näher zu bringen, dort zu touren sooft es geht, und deutsche Bands zu unterstützen, wenn sie bei uns touren wollen.

T: Kommen wir zur Politik. Kannst du uns einen groben Überblick über das politische System in Brasilien geben? Man hört nicht besonders viel darüber in Deutschland…
M: Brasilien ist eine junge Demokratie, denn für mehr als 20 Jahre wurde das Land von einem Militärregime regiert. Man kann sehen, dass sich das Land in den letzten Jahren weiterentwickelt hat und viele Menschen einen höheren Lebensstandart erreicht haben. Trotzdem herrscht in Brasilien immer noch viel Armut und mangelnde Information. Der Zugang zu Bildung und medizinischer Hilfe ist schlecht, die Polizei ist brutal und repressiv und das politische System ist korrupt. Manchmal scheint es, als würde sich nie etwas ändern, aber der Glaube an diese Veränderung ist notwendig, um nie aufzuhören für eine freiere und gerechtere Gesellschaft zu kämpfen.

T: Also nehme ich an, dass du in einem politischen Netzwerk aktiv bist? Bei welchem?
M: Ich bin in einer politischen Gruppe, die DIY-Aktivitäten macht, wir machen Kampagnen gegen Repression und Korruption, meist wenn Wahlen sind, da die Politiker zu diesem Zeitpunkt angreifbarer sind. Nebenbei unterstützen wir noch einige ökologische und tierrechtliche Gruppen und spielen viele Solikonzerte.

T: Wie aktiv ist die Punk Bewegung in Brasilien? Ich weiß, dass die Rawpunkband Luta Armada aus Sao Paulo 2007 versucht haben ein Festival unter dem Namen Chaoz-Day-Festival auf die Beine zu stellen, was dann letztlich von der Polizei verhindert wurde. Kennt ihr die Leute oder wart ihr damals beteiligt?
M: Ich kenne die Leute nicht persönlich, aber habe schon von ihnen gehört. Ich glaube, sie wohnen gar nicht in Sao Paulo, und muss sagen, dass ich von diesem Chaoz-Day-Festival noch nie etwas gehört habe, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Wir machen ein Festival namens Punk Na Pàskoa, was soviel heißt wie Punk Im Osten, und jedes Jahr laden wir über 15 Bands ein, die dann auf 2 Nächte verteilt Konzerte spielen, das alles zu einem symbolischen Eintrittspreis. Außerdem haben wir Touren von Bands aus anderen Ländern organisiert (z. B. Rasta Knast und Gee Strings) und arbeiten daran, eine Gruppe von Leuten zu organisieren, die das dann öfter und besser machen können, zu besseren Konditionen für sowohl Bands als auch Publikum. Es gibt außer uns noch andere Gruppen, die Konzerte usw. organisieren, wie zum Beispiel die Leute von Ataque Frontal, die jetzt schon seit mehr als 2 Jahrzehnten Bands nach Brasilien holen oder Hangar 110, die auch viel in dem Bereich machen.

T: Ihr macht immer euren Standpunkt klar und legt wert darauf, als politische Band wahrgenommen zu werden, außerdem unterstützt ihr alternative Netzwerke. Ich habe oft den Eindruck, dass die  lateinamerikanische Punkszene viel politischer ist als die in Europa oder den USA, siehst du das auch so?
M: Ich weiß nicht so wirklich… es gibt hier eine politische Szene, aber mit Sicherheit gibt es die auch in Nordamerika oder Europa. Fakt ist: Hier müssen wir mit größeren Problemen kämpfen, die es in den reicheren Ländern auf dem Niveau nicht gibt (Armut, Korruption, Repression…) und ich denke, dass ist der Grund, warum lateinamerikanische Bands diese Themen nie vergessen können, denn sie sind Teil des täglichen Lebens.

T: Ihr seid sehr engagiert was Tierrecht anbelangt. Ist es nicht unheimlich schwer, in einem sogenannten Dritte-Welt-Land wie Brasilien mit einem solchen Thema auf offene Ohren zu stoßen? Ich habe es schon immer als schwierig empfunden, die Menschen in Deutschland dafür zu sensibilisieren, wo es extrem einfach ist, Alternativen zu finden, was Essen und Kleidung anbelangt. Allerdings schien es mir nahezu unmöglich, Menschen in ärmeren Ländern zu überzeugen, man sagte mir dann, dass man ganz andere Probleme als das hätte. Wie geht ihr damit um?
M: Es ist wirklich ziemlich hart. Hier Veganer oder Vegetarier zu sein ist bei weitem nicht so einfach wie in Deutschland, wo man alle möglichen Alternativen in den Geschäften und Supermärkten findet. Außerdem haben die Menschen in ärmeren Ländern nicht das gleiche Niveau an Bewusstsein und Bildung, das macht es sehr schwer, dich verständlich zu machen, wenn du die ganze Welt mit dem Thema konfrontieren willst. Ein anderer Punkt ist: Die Fleischindustrie ist hier sehr mächtig und sie kontrollieren die gesamte Werbung in Zeitschriften und im Fernsehen, so dass es manchmal dumm rüberkommt, wenn man jemandem sagt, dass er kein Fleisch essen sollte, denn für die meisten Leute ist es normal und gute Tradition. Wenn du über Tierrecht redest, also das Recht einer anderen Spezies, ist das sehr hart, aber seit einigen Jahren entwickeln die Menschen immer mehr Bewusstsein für das Thema. Es ist aber immer noch sehr viel Arbeit für uns zu tun und wir brauchen dringend effektivere Gesetze gegen Tierquälerei.

T: Ihr habt letztes Jahr ein Konzert mit The Exploited in Sao Paulo gespielt. Es gibt um diese Band eine Menge hässliche Gerüchte, z.B. dass Wattie mit rechten Bands wie Haggis rumhängt. Ich selbst habe ein Foto gesehen, wo er vor einem Haufen Skinheads steht, von denen einige den Hitlergruß in Richtung Kamera machen. Habt ihr damals nichts davon gewusst? Oder war es euch einfach egal? Hattet ihr vielleicht die Möglichkeit, mit ihnen über dieses Thema zu sprechen? Und würdet ihr diese Show heute noch spielen?
M: Ich habe schon vor einigen Jahren Gerüchte diesbezüglich gehört, habe aber erst nach dem Konzert diese Bilder gesehen. Das ist wirklich, wirklich beklagenswert. Ich glaube nicht, dass die Jungs Nazis oder etwas in der Richtung sind, denn sie kamen extrem gut mit allen hier zurecht (ich meine, bei uns sind alle Latinos und viele sind schwarz), wobei ich eben auf der anderen Seite nicht weiß, wie sie sich Verhalten, wenn sie von solchen Idioten umgeben sind. Einige Wochen nach dem Konzert habe ich den Tourpromoter zu dem Thema befragt, weil mich all diese Gerüchte echt genervt haben und er sagte, die Band hätte ihm gesagt, sie hätten zu dem Zeitpunkt nicht gesehen, dass die Leute auf dem Foto den Hitlergruß gemacht hätten, und wären auch gegen diese Einstellung. Jedenfalls kann ich letztlich nicht sagen, ob sie, was das Thema anbelangt, jetzt Arschlöcher sind oder nicht, ich kann nur für Agrotóxico sprechen, dass wir 100% gegen jede Art von Vorurteilen und Faschismus sind und wir an Anarchie und unabhängige Meinungsbildung glauben.

T: Ihr habt grade eure DVD herausgebracht, ich habe zwar ehrlich gesagt bisher nur den Trailer gesehen, aber man sieht, dass eine Menge Arbeit und Herzblut drinsteckt. Wie lange hat es gedauert, von der Idee, eine DVD herauszubringen, bis ihr das Teil in Händen halten konntet? Und was ist auf der DVD zu sehen?
M: Wir sind total glücklich mit dem Film. Die DVD ist wirklich mit einer Menge Herzblut gemacht und es hat ungefähr ein Jahr gedauert, bis sie letztlich fertig war. Wir haben versucht, die ganze Bandgeschichte von den Anfängen in den Vororten von Sao Paulo bis zu den Europatouren aufzuzeigen. Wir haben eine Menge Gäste eingeladen, von wichtigen brasilianischen Bands wie z.B.  Ratos de Porão, Lobotomia und Invasores de Cérebros, um ihre Meinung zu hören. Außerdem haben wir noch das ganze Konzert in Sao Paulo aufgenommen. Die DVD-Box enthält außerdem eine Live-CD, ist also super für Leute, die die Band mögen.

T: Ihr tourt ja jede Menge, und das schon seit 1993, und seid schon so ziemlich überall auf der Welt gewesen, was ist eure geilste/ lustigste/ ekligste Tourgeschichte?
M: Das ist ziemlich unmöglich zu sagen, wir haben ne ganze Menge lustige Storys. Ich erinnere mich grad an ein großes Besäufnis in der Alten Meierei in Kiel in 2004, als Martin von Rasta Knast und ich versucht haben, den Bandpennplatz zu finden, und dabei den ganzen Laden aufgeweckt haben, und dabei viele schlimme deutsche Wörter zu hören gekriegt haben (ich erinnere mich da noch an „Arschloch“), während wir uns ohne jeden Grund kaputt gelacht haben. Letztes Jahr ist Dom (Rasta Knast Basser) vor dem Laden, in dem wir in Luzern in der Schweiz gespielt haben, aufgewacht und wusste nicht mehr, was in der Nacht zuvor passiert war. In 2004 war Arthur völlig betrunken in einem besetzten Haus in Leipzig und pisste von der Treppe, weil er dachte, er sei auf dem Klo, und wurde von den Bewohnern erwischt… es gibt wirklich jede Menge Geschichten, aber ich bräuchte mehr Zeit und ein paar Bier um mich zu erinnern.

T: So, die letzte Frage ist, was sind deine Alltime-Favourite-LP´s?
M: Ah, die schwerste Frage… okey, versuchen wir´s: London Calling (Clash), Back in Black (AC/DC), I Against I (Bad Brains), Hear nothing, See Nothing, Say Nothing (Discharge), Wasted…Again (Black Flag), Somewhere Between Heaven and Hell (Social Distortion), Thunder and Consolation (New Model Army), Botas, Fuzis e Capacetes (Olho Seco), Vivendo Cada Dia Mais Sujo e Agressivo (RDP), Static Age (Misfits), Tell me the Truth (Sham 69), Bandera Pirata (Rasta Knast), Never Mind the Bollocks (Sex Pistols), Ace of Spades (Motörhead), Reign in Blood (Slayer), Skandinavian Jawbreaker (Anti-Cimex) and Fresh Fruiting for Rotting Vegetables (Dead Kennedys).

T: Vielen Dank für das Interview, wir sehen uns auf der Deutschlandtour im September!!!

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