THE LOST LYRICS

Immer wenn ich irgendwas von den LOST LYRICS lese oder ihre Klänge vernehme, denke ich automatisch an einen ungemütlichen Tag im Jahre´96 zurück, an dem ich mich vor dem Regen in den einzigen Plattenladen meines damaligen Wohnortes flüchtete. Natürlich wäre ich dort auch eingekehrt, wenn es nicht geregnet hätte, denn ich war mindestens 1x die Woche dort und durchforstete das Independent Fach (eine extra Schublade für Punk gab es dort nicht). Die ganzen Ladenhüter kannte ich in und auswendig und genau deshalb fielen mir Neuerscheinungen sofort ins Auge. An diesen Tag blendete mich ein knallig orangefarbener Schriftzug und ein Löffel auf dem Cover, von dem giftgrüne Rotze tropfte. Es war das LOST LYRICS Album mit dem Titel “Rotzlöffel“, welches ich mir schließlich auch ohne Hörprobe und auf Gut Glück zulegte. Ich sollte nicht enttäuscht werden. Es erwarteten mich 20 überwiegend deutschsprachige und ironische Punkrockperlen, mit der diese Band soviel Sympathiepunkte bei mir sammelte, das ich nicht drum herum kam, auch die folgenden Veröffentlichungen in meinen Besitz aufzunehmen. Lange Rede, kurzer Sinn. Auf meinem Zettel mit den Interviewwunschpartnern standen THE LOST LYRICS allein schon aus diesen nostalgischen Gründen ziemlich weit oben (kann man ein Erlebnis aus dem Jahre 1996 überhaupt schon als nostalgisch bezeichnen?) und da es mit dem Interview auch geklappt hat, kann ich hinter das Trio aus Kassel nun zufrieden ein Häkchen machen.

Ugly Punk: Ein kräftiges Hallo! Ihr steht kurz vor dem 20jährigen Bandjubiläum und könnt ganz entspannt auf 8 Longplayer zurückblicken. Gab es mal einen Punkt, an dem ihr gedacht habt: “Feierabend, alles ist gesagt, alle Ideen ausgeschöpft, bloß keine Wiederholungsfehler“?
Holger:
Nein, bei dem Punkt waren wir zum Glück noch nie. Es gibt und gab immer wieder Phasen der Aufbruchstimmung, die einen mitreißen und wo die Leidenschaft und die Lust, diese Band zu machen, besonders stark sind. Dann gibt es auch immer wieder ruhigere Phasen, auch das muss sein. Aber es gibt immer wieder Momente und Abende, die besonders sind und die einen tragen, und man weiß, so einer wird wieder kommen, ich freu mich schon drauf. Da wir in der komfortablen Situation sind, nicht von der Mucke leben zu müssen, können wir immer dann was rausbringen, wenn wir tatsächlich wieder neue Ideen haben, und nicht weil irgendein Vertrag oder Termin zu erfüllen ist. Ohne diesen Druck kann man eigentlich kaum Fehler machen. Die Ideen gibt einem das Leben, daher können die gar nicht ausgehen, solange man lebt.

Ugly Punk: Habt ihr diesen Traum, von der Musik leben zu können, mal geträumt, oder galt das für euch immer als utopisch?
Holger:
Das war vielleicht eine kurze Hoffnung, als wir noch ganz am Anfang waren und sehr jung und unerfahren. Wir hatten ja keine Ahnung, und so hatte sich das mit zunehmender Erfahrung im Musikbusiness und den dort herrschenden Strukturen dann auch recht schnell gelegt.
Steffen:
Der Traum ist aber noch nicht ausgeträumt, die Band ist jetzt 19 Jahre alt, also quasi ein klassischer Teenager. Da wird man doch noch weiter träumen dürfen, haha.

Ugly Punk: Auf Eurem neuen Album “Punchline Party“ gibt’s mal wieder massig Ohrwürmer und neben sozialkritischen Texten, findet sich auch ironisches wieder. “Aus und vorbei“ z.B., das Beziehungsprobleme beschreibt, weil die Partnerin keinen Punkrock hört, was anschließend zur Trennung führt. Mal abgesehen von aller Ironie: Ist es in einer Partnerschaft wichtig, wenn die Musikgeschmäcker identisch sind? Wie sieht es da bei euch persönlich aus, bzw. was haben eure besseren Hälften im Plattenschrank stehen?
Holger:
Da die Musik ja ein Lebensgefühl ausdrücken soll, ist das vielleicht wichtig als Spiegel dessen, dass man ungefähr auf derselben Wellenlänge funkt. Aber im Grunde wird das, glaube ich, überbewertet. Meine Frau und ich sind beide sehr vielseitig und haben ganz verschiedene Sachen im Plattenschrank, alle beide. Und ich habe sie schon dermaßen indoktriniert, dass sie sogar zu AC/DC mitgekommen ist, haha. Aber wie du schon sagst: Das ist ein Funpunksong, die Fortsetzung von „Du magst meine Freunde nicht“, wo die Frau dem Typen alles verboten und abgewöhnt hat, was ihr nicht passt, Musik z.B. Da wurde es Zeit, dass der Mann mal Prioritäten setzt, Arthur Pewtey, bist du ein Mann oder eine Maus?
Steffen:
Es sollte nicht ausschlaggebend für eine intakte Beziehung sein, hilft aber extrem dazu bei, dass Frieden im Haus ist, haha. Ich gehe gerne auf Konzerte und regelmäßig im Plattenladen gucken, da ist es gut zu wissen, dass das auch im Interesse der Freundin ist.

Ugly Punk:“Dass wer strauchelt und friert, sich nicht solidarisiert, weil er sprachlos ist – wusstest du das schon?“ Eine Textzeile aus dem Song “Frau Brandes“. Auch wenn der Traum vom “Kaiser für einen Tag“ nur Wunschdenken ist. Aber was könnte der Kaiser für Frau Brandes tun. Wie könnte er denen eine Stimme geben, die eigentlich keine haben?
Holger:
Tja, das Problem der Unterprivilegierten ist ja, dass sie kein Drohpotenzial haben. Jemand, der Arbeit hat, kann immerhin damit drohen, sie niederzulegen. Aber ein Arbeitsloser? Da der Kaiser in dem Lied ja nur einen Tag Zeit hätte, könnte er im Falle der Frau wohl in der kurzen Zeit gar nix tun, um Lebensumstände nennenswert zu verbessern. Aber er könnte wohl erstmal auf ihre Stimme überhaupt hören, das ist genau das, was die Regierenden ja in aller Regel zu tun versäumen.

Ugly Punk: Politik spielt in euren Texten keine unwesentliche Rolle. Zum Zeitpunkt dieses Informationsaustausches steht die Bundestagswahl kurz bevor, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Interviews war sie bereits gewesen. Habt ihr Angst vor der schwarz/gelben Koalition?
Holger:
Haha, wir haben 16 Jahre Birne überlebt, wovor soll ich denn jetzt Angst haben? Und im Ernst: Die 7 Jahre rot-grün fand ich, nicht nur wegen dieser Hartz-Gesetzgebung, recht enttäuschend. Nee, Angst habe ich vor ganz anderen Dingen, wirklich.
Steffen:
Selbst wenn es nicht schwarz/gelb werden würde, wo sind die tatsächlichen Alternativen. Das nimmt sich doch leider alles nicht viel von den Inhalten her, was „die Grossen“ anbieten. Als Außenwirkung wird Soziales propagiert, doch am Ende heiße Luft. Zu sehr Abhängig von den Lobbyisten in der Wirtschaft und Industrie, so scheint es. Die kleineren Parteien legen deshalb zu recht immer mehr zu.

Ugly Punk: Demnächst wird das japanische Label SP Records den japanischen Markt mit einer Neuauflage eures Debütalbums “ Some Things never change“ beschenken. Wie kam dieser Deal zustande?
Holger:
Der Labelchef mag die CD, scheinbar u.a. wegen „Japanese Girl“, und er macht das im Grunde genau deswegen. Er kam via Myspace auf uns zu und dann ging alles ganz schnell. Die zweite englischsprachige CD gefällt uns besser, aber eben ihm nicht. Aber egal, es ist wirklich eine besondere Ehre für uns!
Steffen:
Er schrieb schon mehrmals, dass es auch für ihn eine große Ehre sei. Nach gegenseitiger Lobhudelei wollen wir mal abwarten, was tatsächlich geht mit der VÖ im Kirschblütenland. Wir erwarten nicht zu viel, freuen uns aber natürlich sehr über diesen Deal. Vielleicht schicken wir schon bald Ansichtskarten aus Japan nach Hause, haha.

Ugly Punk: Ihr habt bis zum dritten Album eure Songs noch auf Englisch gesungen. Gab es zu dieser Zeit denn auch Feedbacks aus dem englischsprachigen Ausland?
Holger:
Eben nicht, oder kaum. Mit englischen Texten waren wir eine von vielen Melodic-Punk-Bands zu der Zeit. Ein Grund mehr, das umzustellen.

Ugly Punk: Welche Gründe waren denn noch ausschlaggebend dafür, das ihr gesanglich zur Muttersprache übergegangen seid?
Holger:
Das war ohnehin eine Zeit des totalen Umbruchs in allen Bereichen: Das Line-up zurück zum Trio, nur noch Basti und ich waren von der vorangegangenen Besetzung übrig; der Wechsel zu Hulk Räckorz. Und ja, nachdem „Trauerspiele“ und „Glatteis“ auf den englischsprachigen Veröffentlichungen so gut funktioniert hatten (und der neue Bassist Totte deutsche Texte ohnehin viel mehr mochte), probierte ich das immer öfter aus. Das hatte ich vorher ja schlichtweg nie gemacht, war mir nie in den Sinn gekommen. Aber wir merkten, dass man die Leute mit der Muttersprache doch viel direkter erreicht. Es machte auch Spaß. Natürlich kam der Vorwurf, jetzt damit aus Berechnung auf den WIZO Zug aufspringen zu wollen, aber das war nicht der Fall, und dazu waren die Bands auch ohnehin viel zu unterschiedlich. Die „Rotzlöffel“ klang z.B. wirklich nicht nach WIZO. Aber wir wussten, was kommen würde, und bald ließen die Stimmen auch nach. Wenn man wo hinter steht, sollte man unbeirrt den Weg gehen. Und nun spricht man schon seit 14 Jahren deutsch.

Ugly Punk: War es der Vorwurf, jetzt einen auf WIZO zu machen, oder mehr der Vergleich, der euch genervt hat? Denn die Assoziation mit WIZO ist ja an sich keine schlechte Werbung?
Holger:
Vorwurf und Vergleich gingen ja Hand in Hand, aber wir waren davon überzeugt und mussten halt da durch. Die „Rotzlöffel“ und die „Uuuuaaaarrgghh“ klangen ja beileibe nicht gleich, aber zu der Zeit wurde alles, was deutsch und nicht Deutschpunk war, mit WIZO verglichen. Und wir waren dann ja auch eine Hulk-Band. Die Eigenständigkeit wurde erst mit der Zeit anerkannt. Und der Kommerzvorwurf war ja seit jeher Quatsch.

Ugly Punk: Laut eigener Aussage macht ihr keinen Deutschpunk, sondern Punkrock mit deutschen Texten. Worin liegen zwischen diesen beiden Schubladen denn die Unterschiede?
Holger:
Der typische Krautpunk ist rauer, härter, politischer auch, und steht in der Traditionslinie von frühen 80er-Jahre Bands wie CANALTERROR, VORKRIEGSJUGEND oder SLIME. Grandiose Bands damals, gar keine Frage. Aber in der Schublade stecken wir wie gesagt nicht, und Deutschpunkfans können mit uns auch fast nie wirklich was anfangen. Wie der Name schon sagt: Wir stehen in der Tradition von Bands, die englische und vor allem amerikanische musikalische Einflüsse aufnahmen und dann dazu deutsch texteten. Die TERRORGRUPPE z.B. war nie „Deutschpunk“. Wir sind poppiger, ironischer und rockiger als Deutschpunkbands, das ist einfach was anderes, auch textlich. Punkrock mit deutschen Texten eben. Den Beweis treten wir mit den ersten beiden CD`s an: Das ist bestimmt kein Deutschpunk mit englischen Texten.
Steffen:
Zu deiner Frage fällt mir immer eine lustige Anekdote ein. Wir haben vor ein paar Jahren mal in München im A5 gespielt und kurz vor unserem Gig bekam ich ein Gespräch zwischen zwei Punks mit, die sehr nach Iro, Hass und Anarchie aussahen. Der Eine fragte den Anderen, was oder wer LOST LYRICS ist. Die Antwort war: „Nix echtes, kannste haken!“ Bei unserem Auftritt sah ich aber beide direkt vor der Bühne und sie legten einen bösen Blutpogo hin. Von daher gehört doch irgendwie alles zusammen, auch wenn wir nicht so Wert auf die Phrasenschiene legen.

Ugly Punk: Nicht nur was Phrasendrescherei angeht – auch von den Frisuren her, werden keine Klischees bedient. Legt die Punkrockszene allgemein mehr oder zuviel Wert auf Äußerlichkeiten, anstatt auf Herz und Hirn?
Holger:
Ich denke, das war lange so, weil man sich subkulturell auch optisch abgrenzen wollte. Aber heute, wo man Punkmode überall kaufen und sehen kann, und sogar Yuppies Iros tragen, verschwindet das zusehends. Von der Seite her, kann ich daher der Mainstream-Kommerzialisierung des Punk sogar positive Seiten abgewinnen! Es stimmt zwar, dass sogar SLIME, die absolute Vorzeige-Deutschpunkband, selbst nie so punktypisch gekleidet war, aber das war eher die Ausnahme als die Regel. Wie viel tausende Scheiben von totalem Müll hat Rock-O-Rama verkauft, bloß weil ein paar Nietenkaiser auf dem Cover abgebildet waren? Grauenhaft! Klar, waren eben auch andere Zeiten. Aber ich finde, es kommt immer weniger auf das Äußere an und finde das richtig gut.
Steffen:
In gewissem Maße ist das „Uniformieren“ schon okay finde ich, solange daraus kein Regelwerk wird. Wenn dann noch die Einstellung stimmt, ist es noch besser. Aber einen Iro macht auch noch lange keinen Punk und warum sollten wir alle gleichgeschaltet rumlaufen. Dann könnten wir ja auch zur Bundeswehr gehen.

Ugly Punk: Bloß nicht! Wo soll oder darf die Geschichte der LOST LYRICS noch hinführen?
Holger:
Wir haben ja wie gesagt zum Glück kein Endziel, so dass es noch lange so weitergehen kann. Und der Japaner könnte da unten mal was klarmachen. Steffen hat letztes Jahr schon mal Fliegen ohne Kotzen geübt.
Steffen:
Wir haben momentan eine gute Zeit, sind alle sehr zufrieden mit der neuen Platte und auch die meisten Reviews waren durchweg positiv, von daher sind wir für alle Schandtaten bereit. Auch für Japan, haha!

Ugly Punk: Angenommen es würde wirklich eine Touranfrage aus Japan kommen, wäre es euch denn berufsgedingt möglich, diese wahrzunehmen?
Holger:
Ich denke, wir würden das für eine Stippvisite hinkriegen, ja.
Steffen:
Dass würden wir definitiv organisieren, zur Not mit gelbem Schein.

Ugly Punk: Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich mal 3 langweilige Stunden Aufenthalt am Kasseler Bahnhof. Vielleicht zum Schluss noch mal der Tipp von Leuten, die durch und durch Hessen Nord sind. Sollte so was also noch mal vorkommen – wie kann ich die Wartezeit in Kassel am besten überbrücken?
Holger:
3 Stunden sind nicht lang. Hm, du meinst tagsüber? Sommer? Hauptbahnhof? Also, ich würde entweder über den Altmarkt zur Fulda gehen und dort oben im Biergarten sitzen oder durch den Vorderen Westen in den Kirchweg zum Plattenladen vom Frieder Klemm gehen – Frieder ist ein alter Punkrockkollege, der unzählige Geschichten kennt. Er hat die PISTOLS schon gesehen, als sie noch gar nicht gegründet waren.
Steffen:
Als Punkrocker sollte der Weg in Kassels Zentrum für gepflegte Randexistenzen führen, nämlich in die Kneipe „Mutter“ in Kassels Nordstadt. Selbst wenn die noch zu hat, kann man dann erzählen, dass man da war. Ansonsten hat die Stadt sehr schöne Parks und viel Kultur zu bieten. Ein paar Dosenbier am Herkules (Kassels Wahrzeichen) mit Blick über die ganze Stadt, lässt die Ungerechtigkeit der Welt einen Moment vergessen, haha. Am Bahnhof gibt es übrigens auch eine sehr leckere Currywurstbude, die der original Berliner in nix nachsteht.

Ugly Punk: Dann danke ich den Touristenführern für diese Informationen und wünsche, dass es auch weiterhin ordentlich in der Kiste rappelt.
Holger:
Wir haben zu danken, fürs Interesse und die Fragen…
Steffen:
…sowie für euern Support !!!