MICRO (Abstürzende Brieftauben)

Die ABSTÜRZENDEN BRIEFTAUBEN gehören mit zu den bekanntesten Punkbands dieser Republik. Auch weit mehr als 10 Jahre nach ihrer Auflösung sind sie immer noch in aller Punkermunde und drehen immer noch auf den Plattentellern und in den CD Fächern ihre Runden. Das 1983 in Hannover gegründete Punkduo, das sich an der Gitarre und dem Schlagzeug immer fleißig abwechselte, erreichte Ende der Achtziger, auch bedingt durch die damalige Auflösung der ÄRZTE, durch diverse Jugendzeitschriften eine große Bekanntheit. Trotz Kommerzvorwürfen auf der einen Seite, galten sie auf der anderen Seite als eine Art Einstiegdroge in die bunte Welt des Punkrocks und ob Kritiker oder Fan, jeder kannte ihre Songs. Mich persönlich haben die BRIEFTAUBEN seit 1988 musikalisch begleitet und ich war glücklich wie ein kleines Kind an Weihnachten, dass ich sie 2002 in Hannover noch mal Live erleben durfte. Mittlerweile liegt auch dieses Konzert wieder 7 Jahre zurück und in diesen Jahren ist viel passiert. Das Traurigste war sicherlich der plötzliche Tod von Brieftaube Konrad K., der für Freunde, Angehörige und Fans völlig überraschend kam. Geblieben sind Erinnerungen und Aufnahmen von schönen und großartigen Zeiten einer Band, die an der Punkgeschichte einige wichtige Kapitel mitgeschrieben hat, was die kürzlich veröffentliche ABSTÜRZENDE BRIEFTAUBEN DVD auch eindrucksvoll unter Beweis stellt. Wir tauschten mit Brieftaube Micro einige Sätze aus, die sich wie folgt lesen:

Ugly Punk: Hi Micro! Wie geht’s, wie steht´s?
Mirco: Eine hervorragende Frage, zu der ich mich hier ausführlich äußern möchte: Soweit ganz gut!

Ugly Punk: Inwieweit bist Du musikalisch noch aktiv?
Mirco: Seit November 2008 eher nur sporadisch. Davor war ich lange Zeit Gitarrist der SMELLY CAPS und war an verschiedenen Projekten (DIE BOGUMILEN, DIE BETAKTETEN) beteiligt. Das ist mir mit der Zeit alles ein bisschen über den Kopf gewachsen – schließlich muss ich mich ja auch um meinen Lebensunterhalt kümmern. Eine 40-Stunden-Woche und gerne auch mal ein eingeschobenes Wochenende gehen nicht wirklich spurlos an einem vorbei. Also trete ich erstmal etwas kürzer.

Ugly Punk: Für welche beruflichen Aktivitäten opferst Du denn die 40 Stunden pro Woche?
Micro: Hab ich doch glatt wieder über die Arbeit gejammert… Tsts. Ich arbeite, wie das in Hannover so üblich ist, bei einer Messebaufirma. Da bin ich manchmal froh einfach nur Feierabend zu haben.

Ugly Punk: Hörst Du Dir (nach Feierabend) hin und wieder noch mal die alten Tauben Platten an?
Mirco: Nicht als Ganzes. Aber ich höre immer mal gerne wieder rein und muss dann doch feststellen, dass da ´ne ganze Menge Spaß drinsteckt.

Ugly Punk: Nach langer Wartezeit sind die Arbeiten an der ABSTÜRZENDEN BRIEFTAUBEN DVD nun so gut wie abgeschlossen. Was wird die Zuschauer vor dem Bildschirm erwarten?
Mirco: Nicht nur so gut wie… Sie ist fertig! Der Titel „25 Jahre sind genug“ ist dem Song „Punkrockrente“ entnommen, den Konrad und ich extra für die DVD geschrieben und aufgenommen haben. Außerdem erwarten euch 2 Live-Konzerte: Zum einen ein Remix von „Außer Kontrolle“, sowie das Glocksee-Jubiläums-Konzert. Ein zweistündiges Interview mit Kommentaren einiger Weggefährten (da sind ein paar Überraschungen dabei) und 6 Videoclips, die nie so richtig veröffentlicht wurden. Ein paar Schmankerl – und um dem Ganzen noch einen draufzusetzen, hat unser Haus- und Hofzeichner Josh noch einen neuen Buckligen für das Cover beigesteuert. Ich denke, das Ding ist voll und gut!

Ugly Punk: Auch ich bin echt gespannt auf das Teil. Wusste gar nicht, dass es 6 Videoclips von Euch gibt. Sollten die mal auf irgendwelchen Musiksendern laufen oder warum wurden die produziert?
Micro: Die wurden genau dafür produziert, aber die entsprechenden Musiksender waren wohl noch nicht bereit für diese Clips. Das Video zu „Zuviel ist nicht genug“ war allerdings für das Goetheinstitut in “weiß nicht mehr wo“ gedreht. Das ist wohl gelaufen. Ein kleiner Beitrag zum deutschen Sprach und Kulturunterricht.

Ugly Punk: Die Arbeiten an der DVD waren noch in vollem Gange, als Konrad plötzlich und unerwartet verstarb. Was ging in dem Moment, als Dich die Nachricht von seinem Tod erreichte, in Dir vor? Lernt man in solchen Momenten das Leben noch mehr zu schätzen?
Mirco: Ich war geschockt! Ich habe mit Konrad einen sehr langen und wichtigen Teil meines Lebens verbracht, mit vielen intensiven Erlebnissen und Erfahrungen. Ich habe mit Konrads Tod einen sehr wichtigen Menschen verloren und somit auch einen Teil von mir. Das Leben zu schätzen lernt man, glaube ich,  nicht durch den Tod. Das lernt man vom Leben selbst.

Ugly Punk: Würdest Du sagen, dass Du noch in direktem Kontakt zur Punkszene stehst oder betrachtest Du das bunte Treiben mittlerweile mehr von außen?
Mirco: Jetzt müsste ich lügen um gut dazustehen, aber ehrlich… Nein, in einem direkten Kontakt zur Punkszene stehe ich nicht mehr – aber ich freue mich immer wieder, wenn ich einen bunten Haufen junger Menschen durch die hannoversche Innenstadt ziehen sehe und ich besuche natürlich auch noch gerne einschlägige Konzerte. Punx not dead! Zudem tauche ich ja immer mal wieder in diesem Kontext auf und den Bezug zum Punk werde ich nie verlieren.

Ugly Punk: Welche Konzerte sind z.B. für Dich Pflichtstoff, bzw. zählen zu den Einschlägigen?
Micro: Nun ja, PETER und seine TEST TUBE BABIES besuchen uns immer um die Weihnachtszeit, DIE MIMMI´S sind auch immer noch fleißig und gehören zum Pflichtprogramm u.s.w. u.s.w. Es gibt hier und da immer mal wieder einen guten Anlass um zu feiern und ordentlich Pogo zu tanzen.

Ugly Punk: Ihr gehört ja zweifelsohne mit zu den bekanntesten Punkbands hierzulande. Der Aufstieg von der kleinen Underground Punkband, mit der die Medien nach der Trennung der ÄRZTE die Lücke schließen wollten, die sie hinterließen, bis hin zur großen Punkrockband, dauerte nicht lange. Die Kombination aus Kommerz und Punk wird in den meisten Fällen erstmal kritisch betrachtet. Wie sah die Lage bei Euch aus?
Mirco: Das wurde durchaus von vielen erstmal mit Unverständnis gesehen. Zum ersten waren wir ja plötzlich „stinkreich“ und zum zweiten waren Punk und die BRAVO zwei Gegensätze, wie sie größer nicht sein konnten. Wir konnten das so kritisch sehen wie wir wollten – die BRAVO war ein großartiges Medium zur Verbreitung unserer, im weitesten Sinne, unpopulären Musik und somit der Einstieg vieler junger Leute zum Punk-Rock.

Ugly Punk: Konntet Ihr, zumindest in Eurem damaligen Umfeld, unterscheiden, ob wirklich nur Unverständnis oder gar eine gehörige Portion Neid mit im Spiel war?
Micro: Neid ist ein Gefühl welches ich nicht wirklich kenne und lasse es deswegen auch nicht zu. Aus dem Unverständnis Einiger wurde ja auch mal ein Verständnis.

Ugly Punk: Habt Ihr Euch damals wegen den “stinkreich Vorwürfen“ versucht zu erklären oder war das ein Vorwurf, mit dem eine Band in Eurer Position nun mal leben musste?
Micro: Damit mussten wir leben. Ich weiß noch wie Konrad mir mal erzählt hat, das eine Dame mal bei ihm aufgewacht ist und gefragt hat, warum er denn so einen großen Fernseher habe – seine Antwort lautete: Damit ich mich besser sehen kann!

Ugly Punk: Hatten Plattenfirmen, Berater oder Medien zu dieser Zeit großen Einfluss auf Euch oder wart Ihr immer Ihr selbst?
Mirco: Das ganze Spektakel, was um uns herum gemacht wurde, hat uns sicherlich beeinflusst und manchmal auch beeindruckt. Aber um es kurz zu machen: Die Musik, das waren wir selbst und wir sahen auch wirklich so aus! Sowie vor, als auch hinter und ganz weit weg von Bühne und Kamera.

Ugly Punk: Auch wenn der Spaß in den meisten Eurer Texte im Vordergrund stand, habt Ihr es nie versäumt Euch gegen Nazis auszusprechen. Anfeindungen und heftige Drohungen von der braunen Brut waren die Folge. Habt Ihr gewisse Drohungen ernst genommen oder gingen Euch die alle am Arsch vorbei?
Mirco: Da ging uns gar nichts am Allerwertesten vorbei. Die Drohungen waren ja auch zum Größenteil ernst gemeint und ab und zu sind wir ja auch gerade mal so mit einem blauen Auge davon gekommen. Es war tatsächlich nicht immer lustig. Es gibt viele, die der stumpfen Gewalt dieser Vollidioten nicht entkommen sind und wir standen bei denen ja im oberen Drittel auf der Liste. Das war aber kein Grund für uns, den Nazis weiterhin mitzuteilen, wie sinnlos sie auf diesem Planeten sind!

Ugly Punk: Was heißt “mit einem blauen Auge davon gekommen“ konkreter? Hast Du da ein krasses Beispiel parat?
Micro: Damit will ich nicht hausieren gehen. Aber wir mussten öfter mal einen schnelleren Gang einlegen oder uns von einer Frankfurter Sicherheitscrew begleiten lassen. Vielen Dank noch mal an die Jungs, wir haben euch gebraucht!

Ugly Punk: Das letzte Mal habe ich Euch beim legendären Glocksee-Jubiläumskonzert 2002 gesehen. Wenn ich mich recht erinnere, habt Ihr dort sogar ausdrücklich betont, dass dieses Konzi eine einmalige Sache war und es keine Reunion geben wird. Warum habt Ihr Euch immer konsequent gegen eine Reunion gewehrt?
Mirco: Wir wussten beide, dass wir das, was wir mit den Tauben erlebt haben, nicht wiederholen konnten. Wenn man so etwas hat im Leben, dann sollte man es festhalten und nicht durch ständiges Wiederaufkochen verderben.

Ugly Punk: Welchen Stellenwert hatten die BRIEFTAUBEN für Dich persönlich in Eurer Anfangszeit, welchen hatte sie in den Zeiten Eures absoluten Höhepunktes und welchen Stellenwert hat diese Band heute noch?
Mirco: Ich denke, dass mir die Tauben damals die Möglichkeit boten, etwas Eigenes zu machen. Schule, Lehre, der übliche Weg – das kam für mich immer von Außen. Das musste ich machen! Die Tauben wollte ich machen! Dass daraus jemals etwas wird, war erstmal dahingestellt. Den Höhepunkt hab ich gar nicht so wahrgenommen, sondern erst bemerkt, als er schon wieder vorbei war. Aber ich wollte immer aufhören, wenn es am schönsten ist – also habe ich die Reißleine gezogen. Lauf nicht blind dem Erfolg hinterher, dafür hast du das nicht gemacht! Ich hatte Spaß, der wurde Ernst. Also musste ich mir neue Wege suchen. Heute sind die Tauben immer noch ein interessantes Phänomen, das Konrad und ich ins Leben gerufen haben – und darauf bin ich schon ein bisschen stolz!

Ugly Punk: Also kam der Entschluss aufzuhören von Dir? War diese Entscheidung für den Rest der Band nachvollziehbar?
Micro: Zuerst nicht. Unterstützung fand ich erst nur bei Martin Propp, unserem damaligen Manager. Allerdings legte sich die Aufregung schnell wieder und alle Beteiligten konnten mit dieser Entscheidung leben.

Ugly Punk: Letzte Frage: Welches ist für Dich persönlich das beste BRIEFTAUBEN Album und welches steht bei Dir eher hinten an? (Sofern man überhaupt ein BRIEFTAUBEN Album hinten anstellen kann).
Micro: Also ich würde die Mini EP „Entschuldigen sie bitte“ vielleicht ein bisschen vorne anstellen, aber das ist natürlich Blödsinn. Die sind alle geil!!!