HAGEN LIEBING (Ex-Die Ärzte)

“Wie viel sind eintausend Mädchen plus eintausend Mädchen?“ Diese Frage von Hagen Liebing, einigen vielleicht besser bekannt als The Incredible Hagen, dürfte vor allen den Musikexperten der Achtziger, aber vielleicht auch einigen Teilen der jüngeren Generation, bekannt vorkommen. The Incredible Hagen war der Nachfolger von Sahnie und der Vorgänger von Rod und zupfte den Viersaiter bei den ÄRZTEN von 1986 bis zur damaligen Auflösung im Jahre 1989. Den großen Konzertbühnen hat Hagen längst den Rücken zugewandt und sich anderen spannenden Aufgaben gewidmet. Wir wühlen gemeinsam ein bisschen in Vergangenem und Gegenwärtigem. Auf geht’s!

Ugly Punk: Hallo Hagen! Deine Page begrüßt die Besucher als Heimatseite von Hagen Liebing und The Incredible Hagen. Siehst Du Dich selbst nicht als ein und dieselbe Person an oder möchtest Du damit vergangenes und gegenwärtiges bewusst trennen?
Hagen: Weder noch. Ich bin beide Personen und wollte damit zum Ausdruck bringen, dass auf dieser Seite auch Beides zusammen fließt. Mittlerweile habe ich aber durch einen Computerabsturz die ganzen Zugangsdaten und Software für die Site verloren und lange schon nichts mehr darauf  erneuert. Es gibt ja längst andere Kommunikationsformen im Netz – ich schriebe meist auf Facebook.

Ugly Punk: Bevor sich DIE ÄRZTE im Jahre´89 getrennt haben, hatten sie mit Dir am Bass ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. War Dir bei Deinem Einstieg im Jahre´86 schon klar, dass Du bei einer Band gelandet bist, die gerade dabei ist, sich zu einer gefragten deutschen Rockgröße zu entwickeln?
Hagen: Als ich 1986 eingestiegen bin, war das für mich schon die beste deutsche Band, die ich überhaupt kannte. Dass die dann solch einen Erfolg haben würde, hatte ich mir damals natürlich nicht vorstellen können.

Ugly Punk: Angeblich soll Bela Dich ja angerufen und Dich gefragt haben, ob Du Popstar werden willst. Kamst Du Dir bei dieser Frage in irgendeiner Form verarscht vor?
Hagen: Nicht nur angeblich – das hat er genauso gesagt. Es kam ja nicht ganz aus heiterem Himmel, weil wir vorher schon Mal darüber gesprochen hatten, dass sie sich von Sahnie trennen würden. Ich kam mir gar nicht verarscht vor. Das ist für einen Musiker etwa so, als würde jemand um Deine Hand anhalten – und ich hab auch gleich „ja“ gesagt.

Ugly Punk: Wie kam Bela ausgerechnet auf Dich? Welche Beziehungen bestanden da im Vorfeld?
Hagen: Bela und ich kannten uns damals schon seit Jahren. Ballhaus Spandau, Punkrock, wir hatten eine gemeinsamen Freund, Jörg Buttgereit, in dessen Super-8-Filmen wir beide kleine Rollen übernommen hatten, zudem spielten wir mit unseren damaligen Bands (Bela – SOILENT GRÜN, ich – RUBBERBEATS, NIRVANA DEVILS) auf Festivals. Wir waren einfach in einer gemeinsamen Szene und befreundet. Und da ich auch noch Bassist war, passte die Kombination.

Ugly Punk: Du warst während Deiner aktiven ÄRZTE Zeit ja immer der sympathische und gelassene Bassist, der nicht übermäßig viel gesagt hat und nicht die geringsten Ambitionen hatte, sich in den Vorgrund zu stellen. Bist Du einfach mehr der zurückhaltende Typ oder war Deine Rolle in der Band festgelegt?
Hagen: Ich bin schon mehr der zurückhaltende Typ, das war einfach mein naturell, was es auf der Bühne zu sehen gab.

Ugly Punk: Als DIE ÄRZTE sich 1993 wiedervereinten, taten sie dies mit einem neuen Bassisten. Warst Du sehr darüber enttäuscht, dass nicht Du gefragt wurdest?
Hagen: Ja, das hatte mich sehr enttäuscht.

Ugly Punk: Angenommen DIE ÄRZTE hätten Dich gefragt. Hättest Du ja gesagt?
Hagen: Für ein paar Auftritte, also ein paar Wochen lang, hätte ich es sicher gerne gemacht. So intensiv aber, wie es DIE ÄRZTE dann wieder gab und bis heute gibt, hätte ich mich der Band gar nicht mehr widmen können. Ich hatte ja bereits ein ganz anderes Leben, weg vom Musikersein. Hatte mein Studium abgeschlossen, war mittlerweile Musikjournalist, hatte eine Freundin und in Gedanken war auch schon ein Kind ins Auge gefasst – das ist ein Lebensentwurf, der weit weg ist von Rock´n´Roll und monatelangen Tourneen. Also hätte meine Antwort „nein“ lauten müssen.

Ugly Punk: Hast Du denn den andern beiden Deine Enttäuschung irgendwann mitgeteilt und gab es ihrerseits dafür eine Begründung?
Hagen: Es gab zunächst eine lange Funkstille zwischen uns. Später dann habe ich mit Jan und Dirk darüber gesprochen. Ich denke beide Seiten konnten die gegenseitigen Beweggründe verstehen. Und letztlich hatten DIE ÄRZTE ja auch richtig eingeschätzt, dass ich für eine Rückkehr, wie sie sie seither betrieben haben, gar nicht mehr in Frage kommen würde. Noch dazu muss ich einräumen, dass sie mit Rod einen sehr begabten Musiker hinzu gewinnen konnten, der ihrer Musik wirklich sehr zu Gute kam. Das darf man bei dieser Angelegenheit nicht außer acht lassen.

Ugly Punk: Bei einem ÄRZTE Jubiläumskonzert vor sieben Jahren hast Du ja sogar noch mal mit den alten Bandkollegen zusammen auf der Bühne gestanden und 2000 Mädchen zum Besten gegeben. Wessen Idee war das?
Hagen: Das waren die Jungs, die das vorgeschlagen hatten. Gefragt hatte mich dann der Manager Axel Schulz.

Ugly Punk: Die Fans hatten Dich nicht vergessen und wenn ich mich recht erinnere, gab es sogar “Hagen“ Sprechchöre. Ein über die Jahre fremd gewordenes Gefühl für Dich oder ein gewohntes mit Nostalgiefaktor?
Hagen: Es war und ist ein schönes Gefühl, wenn Dich die Leute positiv in Erinnerung behalten. Das deckt sich auch mit meinem eigenen Verhältnis zu der Zeit bei den ÄRZTEN. Es ist zwar schon so lange her, dass ich bei DIE ÄRZTE mittlerweile längst an BelaFarinRod und nicht etwa an Jan, Dirk und Hagen denke, aber es ist auch immer noch „meine“ Band.

Ugly Punk: Wie würdest Du in diesem Fall “meine Band“ genauer definieren?
Hagen: Die Band, in der ich einige Zeit gespielt habe und der ich mich immer noch emotional verbunden fühle.

Ugly Punk: Neben Deinen musikalischen Tätigkeiten hattest Du Medienwissenschaft studiert. Deine Diplomarbeit handelte über die ARD Serie “Lindenstraße“, zu der Du einen Punksampler namens “Wir warten auf die Lindenstraße“ zusammengestellt hast. Loblieder auf die Lindenstraße kamen u.a. von den FROHLIX, den BRIEFTAUBEN, den MIMMI`S oder den GOLDENEN ZITRONEN. Mit einem Medienwissenschaftler habe ich ja jetzt endlich einen Fachmann für folgende Frage. Wie kannst Du Dir den Hype um diese Serie, die sich bei Teilen der Punkszene ja nach wie vor großer Beliebtheit erfreut, erklären?
Hagen: Zunächst ist da der „Echtzeitcharakter“, der die Serie von anderen TV-Serien abhebt und der einen besonders am Alltag teilhaben läst. Die Serie ist so konzipiert, dass Du denkst, dass alles direkt parallel zu Deinem eigenen Leben passiert. Dadurch wirkt die Lindenstraße nachvollziehbarer und echter. Natürlich auch, weil man sich bei der Themenauswahl bemüht, die Deutsche Wirklichkeit widerzuspiegeln. Heute gibt es ja viele realistische Serien, aber als die Lindenstraße eingeführt wurde, herrschte bei den Serien eine Scheinwelt aus „Traumschiff“, „Schwarzwaldklinik“ und „Dallas“ vor – also eine falsche Kitsch- und Glitzerwelt vor.

Ugly Punk: Kann sich der eingefleischte Lindernstraßen Gucker auch mit Serien der Sorte “GZSZ“, “Verbotene Liebe“, “Unter uns“ etc. anfreunden oder ist das nicht miteinander vergleichbar und eher eine Beleidigung für die Lindenstraßen Fangemeinde?
Hagen: Es ist eine Beleidigung.

Ugly Punk: Wieso wird das, was heutzutage über den Bildschirm flimmert, immer stumpfer. Errechnet sich das Fernsehangebot wirklich aus der Nachfrage? Steht die Mehrheit der Zuschauer tatsächlich auf Verkupplungs-, Koch-, oder Castingshows oder schlechte Reportagen über Polizisten im Dienst?
Hagen: Fernsehen ist ein Massenmedium. Und um eine Masse zu erreichen, muss man den kleinsten gemeinsamen Nenner bedienen. Vor allem das Privatfernsehen ist auf  Umsatz und Einschaltquoten angewiesen, und im Wettbewerb um diese unterbieten sich die Sender ständig gegenseitig im Niveau, um mehr Menschen zu erreichen.

Ugly Punk: Die Quoten werden ja von der Gesellschaft für Kosumforschung aus gerade mal 5.640 Haushalten erfasst und dann auf ca. 33 Million TV Haushalte hochgerechnet. Nach welchem Prinzip werden diese Haushalte ausgewählt und ist es überhaupt vertretbar, dass lediglich 5.640 Haushalte die Quoten repräsentieren?
Hagen: Prinzipiell sollte das vertretbar sein, denn es handelt sich um repräsentative Haushalte, die für den Durchschnitt der Bundesbürger stehen. De facto kann sich aber nie etwas zum Positiven ändern, wenn man sich nur am Durchschnitt orientiert, deshalb denke ich, man sollte solche Zahlen mit Vorsicht genießen.

Ugly Punk: Das heißt also auch mit anderen Worten, dass den Leuten, die sich nach einem niveauvolleren Fernsehprogramm sehen, quasi die Hände gebunden sind. Denn diese 5.640 Haushalte sind ja immer dieselben, wenn ich das richtig verstanden habe.
Hagen: Nein, so ist es nicht. Es gibt auch immer wieder Serien, die unterhaltsam, spannend und vor allem nicht dämlich sind. Selten aus Deutschland und meist hierzulande auch nur auf „schlechten Sendeplätzen“, also zu Zeiten gesendet, wo die Fernsehmacher erst gar keine Hoffnung haben, dass viele Zuschauer einschalten. Jedoch keine Dauerserien, die wie die Lindenstraße über Jahre laufen, sondern eher Mehrteiler. Zwei gute Beispiele, die mir sehr  gefallen haben: „Prison Break“ und „Bis in die Spitzen“.

Ugly Punk: Mir fällt bei diesem Thema sofort der Film “Free Rainer“ ein. Kennst Du den?
Hagen: Nein, nie gesehen.

Ugly Punk: Absolute Empfehlung von mir. Anderes Thema – Aktuell bist Du für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Spotvereins Tennis Borussia Berlin tätig. Wie bist Du an diesen Job gekommen und was verbindest Du mit TeBe?
Hagen: Ich bin bereits als Schüler Fan von Tennis Borussia gewesen, da spielte das Team noch in der Bundesliga. Als der Verein vor sechs Jahren in die Insolvenz ging, war Not am Mann und ich habe meine Hand gehoben und gesagt: ich mach das. Und nun mache ich es immer noch.

Ugly Punk: Was sehr zu begrüßen ist, ist die Tatsache, dass TeBe Fans bei der Jahreshauptversammlung 2001 die Ergänzung der Vereinssatzung um einen Antidiskrimierungsparagraphen vorgeschlagen haben, welcher ohne eine einzige Gegenstimme oder Enthaltung der Vereinmitglieder angenommen wurde. Wie lautet dieser Paragraph genau?
Hagen: § 1.9: „Der Verein versteht sich als weltoffen, tolerant und Völker verständigend. Deshalb sieht sich der Verein in der Pflicht, mindestens in Vereinsangelegenheiten aktiv nach seinen Möglichkeiten das Zusammenleben aller Menschen sowie die Integration von Minderheiten zu fördern. Infolgedessen werden im Rahmen seiner Veranstaltungen keine Äußerungen, Handlungen und das Tragen und zur  Schaustellen ebensolcher Symbole und Inhalte geduldet, die geeignet sind, Dritte aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung sowie ihres Geschlechts zu diffamieren.“

Ugly Punk: Auch zum Thema Homophobie habt Ihr als Verein einen klaren Standpunkt. So schmückt z.B. seit kurzem eine Werbefläche mit der Aufschrift “Schwul-Lesbischer Sport München“ Euer Stadion. Kannst Du die Aussage dieser Werbung genauer erklären?
Hagen: Die Werbung aus München ist über eine Sponsorenaktion zustande gekommen. Wir haben die Fläche als Brustsponsor für diese Saison verlost und daran haben sich auch die Schwul-Lesbischen Sportler aus München beteiligt – die Aktion ging ja überregional durch die Presse. Sie haben zwar nicht den ersten Preis gewonnen, immerhin aber eine Werbebande im Stadion.

Ugly Punk: Es soll ja diverse Fans anderer Vereine geben, für die Antidiskriminierung ein Fremdwort ist und denen ihr politisch zu “links“ und weltoffen seid. Auch homophobe Gesänge gegen Euch konnte man wohl schon aus der Gästekurve vernehmen. Wie geht Ihr als Verein damit um und kann man schon im Vorfeld gegen solche Störenfriede irgendwelche Maßnahmen ergreifen?
Hagen: Zunächst sind wir natürlich genervt, weil wir Toleranz und Weltoffenheit eben als sehr wichtig empfinden. Grundsätzlich aber begegnen unsere Fans solchen Anfeindungen mit sehr viel Humor. Gerade das zeichnet TeBe aus. Wenn man uns anpöbelt, dann singen sie eben selbst auch „Lilaweiß ist schwul“  oder „Westberliner Scheiße“ und amüsieren sich königlich über die Dummheit der Gegner, die glauben, dass Borussen die Herkunft eines Menschen oder seine sexuelle Ausrichtung als Schimpfwort empfinden könnten. Was ist so schlimm daran, wenn man Schwul ist oder hetero? Was ist so schlimm daran, wenn man aus West-, Ost-, Süd- oder Nordberlin kommt?

Ugly Punk: Diese Frage wird unsere Leserschaft mit einen deutlichen “Nichts“ beantworten, aber natürlich ist es traurig, dass Unverbesserliche immer noch glauben, jemand aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung beleidigen zu müssen. Hagen, vielen Dank für diesen Austausch und alles Gute, sowohl privat wie auch beruflich.