BLUTJUNGS

Brutal, ekelig, gemein, boshaft, schwarzhumorig. All diese Nettigkeiten, meistens sogar noch miteinander vereint, finden sich in den Texten einer Aschaffenburger Band wieder, die sich aus verschiedenen Stilen eine eigene Musikrichtung erschaffen hat, nämlich den Splatterpop. Nicht gerade unblutig geht es auch auf ihrem aktuellsten Werk “Godzilla auf Speed“ zur Sache. Da weiß man mit dem Beil umzugehen, es rollen Köpfe, Gedärme kleben an der Windschutzscheibe oder zuvor im Tierpark geklaute Pinguine werden für ein Festmahl fein säuberlich zerlegt. Natürlich wagen sich diesympathischen Katzenwerfer“, wie sie gerne genannt werden, auch an andere Themen und hüllen diese ebenfalls in den BLUTJUNGS typischen Satirenebel, der so dicht ist, das man an den vier stets gut gekleideten und blutjungen Musikern einfach nicht vorbei kommt. In einer nebeligen Vollmondnacht baten wir deshalb Sänger Martin bei Tee, Gebäck und Pinguinflossen zum Gespräch.

Ugly Punk: Blutjungs, Splatterpop seit 1996. Hört Ihr beim Splatterfilme gucken immer Popmusik oder wolltet Ihr Euch einfach eine eigene Schublade schustern, die sich noch keiner zuvor geschustert hat?
Zugegeben: Pop und Splatter gehen im ersten Moment nicht nahtlos zusammen, hat aber was. Aber im Ernst: Wenn schon Schublade, dann wollen wir die selbst beschriften. Passt ja auch richtig gut. Außerdem wollten wir unbedingt ein Genre gründen und prägen, das haben wir damit also auch erledigt.

Ugly Punk: Nur seid ihr bis jetzt in diesem Genre noch ein wenig alleine. Oder gibt es schon Bands die Euch nachmachen? Die MISFITS sind ja nicht poppig genug.
Wahrlich nicht, aber dadurch sind wir in unserer Schublade unangefochten auf Platz eins und an der Spitze ist es nun mal einsam. Falls uns doch jemand nachmacht, dann so erfolglos, dass wir ihn bisher nicht wahrgenommen haben.

Ugly Punk: Mit Euren Frisuren und Euerm Outfit könnt Ihr sicherlich nicht bei jeder Schwiegermutter landen. Sind Schminke und lange Haare nicht etwas gewagt für eine Kleinstadt wie Aschaffenburg?
Unverschämtheit, Aschaffenburg hat Weltniveau und ist im Landkreis Aschaffenburg die mit deutlichem Abstand wichtigste Stadt. Allerdings zielen wir ja nicht in erster Linie auf die Schwiegermütter. Wir interessieren uns mehr für die Schwiegertöchter und in dem Sektor sind die Quartalszahlen dunkelschwarz. Und die Schminkerei spricht auch durchaus den Einen oder Anderen Schwiegervater an. Aber zur Kernfrage: Hin und wieder fallen wir tatsächlich etwas auf im Landkreis AB, ein gutes Zeichen.

Ugly Punk: Wo wir gerade über Aschaffenburg reden. Der bekiffte Typ der Euer Wappen ziert, scheint ja ganz locker drauf zu sein. Ist Dir schon mal aufgefallen, dass er mit der rechten Hand das Peace Zeichen macht? Nicht schlecht für die damalige Zeit.
Ah, endlich mal einer, der sich für Heraldik interessiert, das geht den jungen Menschen ja sonst völlig ab. Und ja, der soll vermutlich suggerieren, dass kirchliche Ordensträger total locker drauf sind. Symptomatisch für den Aschaffenburger an sich ist diese Lockerheit allerdings nicht. Trotzdem spiegelt das Wappen nicht nur unseren Hang zu abgefahrenen Klamotten wieder. Wer genau hinschaut erkennt, dass der Kerl auf zwei Hunden sitzt, Abneigung gegen Tiere ist also durchaus historisch belegbar in Aburg.

Ugly Punk: Das mit den Hunden ist mir auch aufgefallen, aber nicht nur das er darauf sitzt, sondern auch, dass er sie gelb angemalt haben muss. Überhaupt, farblich könnte man denken, dass man es hier mit dem Wappen eines schwedischen Städtchens zu tun hat. Klar, es ist zwar “nur“ ein Wappen, aber die farbliche Zusammenstellung ist, vor allem auch noch durch diese rote Burg, alles andere als miteinander harmonierend. Ist der Aschaffenburger so einzuschätzen, dass ihm solche Farbexperimente völlig egal sind?
Da bin ich definitiv der falsche Ansprechpartner, denn für mich gilt ja zumindest bei Bekleidung das Motto „die Farbe ist egal, Hauptsache schwarz“. Ich rate daher aus Überzeugung beim Hundeanstrich auch zu schwarzer Außenfarbe (selbstdeckend). Aber vielleicht passt Schweden doch, es gibt ja da historisch durchaus Kontakt von wegen Dreißigjährigem Krieg und Schweden in Aschaffenburg usw.

Ugly Punk: Stimmliche Ähnlichkeiten mit einem Schlagzeug spielenden Arzt aus Berlin sind nur zu überhören, wenn man sich die Ohren zuhält. Konntet ihr dadurch schon ordentlich im fremden Fanlager wildern oder welche Vorteile wurden durch diese Ähnlichkeit schon verbucht?
Hm, du bist der Erste, der das anspricht, den Vergleich haben wir bisher noch nieeeeeeeeeeee gehört. Jedes mal 5 Euro für so Fragen und ich könnte mir eine richtige Band kaufen. Vorteile sind uns daraus noch keine erwachsen, aber auch keine Nachteile. Naja, scheinbar gibt es da wirklich eine sehr geringe Ähnlichkeit…… Bitte beginne dein nächstes Interview mit betreffendem Arzt mit der Frage „Stimmliche Ähnlichkeiten mit dem hübschen und deutlich jüngeren Sänger der Blutjungs….“. An seiner Antwort werden wir dann unsere künftigen Reaktionen auf diese und ähnliche Fragen ausrichten. Und falls er mal während einer Produktion ausfällt würde ich ggf. gegen entsprechendes Entgelt einspringen. Tja, wer weiß. Vielleicht habe ich das ja in der Vergangenheit auch schon mal gemacht, achtet mal genauer auf die Zwischenatmung bei den Vokalen…….

Ugly Punk: Na, dass war mir natürlich klar, dass ich nicht der erste sein werde, der Dir diese Frage stellt. Das hab ich auch nur für unsere Leserschaft gemacht, denn mit dem Kauf eines Taugenix verpflichtet man sich gleichzeitig keine anderen Fanzines mehr zu lesen. Deshalb kennt unsere Leserschaft  keine anderen BLUTJUNGS Interviews aus anderen Fanzines und weiß daher auch nicht, ob und wie oft Dir diese Frage schon gestellt wurde. Jetzt hast Du natürlich alles kaputt gemacht, aber egal. Ähm, sagtest Du gerade was von deutlich jünger? Willste mal ne´ Hausnummer vorlegen?
Ich kann nur hoffen, nie so alt zu werden, wie ich mich fühle. Aus Rücksicht auf unser zahlreiches, weibliches Publikum sind wir seit unserer Bandgründung traditionell 17.

Ugly Punk: Eure Musik begeistert eine Hörerschaft aus verschiedenen Szenen. Von Punkern, über Grufties, bis hin zu Poppern oder Normalos habt Ihr ein breit gefächertes Publikum. Das Geheimrezept die Geschmacksnerven unterschiedlicher Musikliebhaber zu treffen lautet wie folgt?
1. Keine Geheimrezepte verraten.

Ugly Punk: Und angenommen es wäre oder ist nur ein Rezept und kein Geheimrezept?
Dann wird’s einfacher:
1. Nie auf das Hören, was irgendeiner sagt, der angeblich Ahnung von Musik hat
2. Nie das machen, was gerade modern ist (antizyklisches Rocken)
3. Nur Interviews in wirklich sehr wichtigen Magazinen geben
4. Keine klaren Aussagen zu Alter und Geschlecht

Ugly Punk: Punkt 3 imponiert mir natürlich am meisten. Obwohl manche Eurer Songs sicherlich Massen begeistern würden, blieb der richtig kommerzielle Durchbruch noch aus. Braucht Ihr einfach einen Manager oder ein Musikvideo? Oder ist beides nutzlos, da Euch im Falle eines noch größeren Bekanntheitsgrades die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sowieso einen Strich durch die Rechnung machen würde?
Richtig viel Angst haben wir da nicht, mittlerweile ist jedes mäßige Rapvideo heftiger als unser Gesamtwerk. Und diverse Managementangebote gab es ja auch schon, wir leiden nur leider unter Kontrollzwang und geben nichts aus der Hand, sind also D.I.Y. bis auf die Knochen. Außerdem sind wir ja noch sehr jung, ist also noch alles drin.

Ugly Punk: Phonowerke Luna, also Euer Label und den Onlineshop, machst Du das alles alleine oder macht das die komplette Band in Gemeinschaftsarbeit?
Dafür geben sich die Herren Rockstars nicht her, das muss ich leider (fast) alleine machen. Hat aber auch Vorteile, da ich die Abrechnung auch alleine mache und mir die Burschen leichtfertig die Bandkasse anvertraut haben.

Ugly Punk: Was man vielleicht als schwerwiegenden Fehler einordnen könnte? Du hast Dir doch sicherlich auch den Bandnamen BLUTJUNGS heimlich schützen lassen, was Deine Bandkollegen erst jetzt, also mit Erscheinen dieses Interviews durch die Presse erfahren werden.
Möglich wäre das sicher gewesen. Da wir aber schon so lange aufeinander hängen, ist mittlerweile jeder in der Band von jedem erpressbar. Schon allein deswegen möchte ich es mir mit den Burschen nicht verscherzen – und die es sich nicht mit mir!

Ugly Punk: Nicht jeder versteht Ironie oder hat schwarzen Humor. Gibt es Songtexte von Euch, die gerne mal missverstanden werden?
Nicht vom breiten Publikum, aber natürlich kommt immer mal wieder jemand und gratuliert dir zur Kernaussage irgendeiner Nummer, an deren Entstehung du dich nur bruchstückhaft erinnern kannst. Völliges Missverständnis kommt traditionell immer wieder mal vor, wir sind halt einfach zu intellektuell für das Pack da draußen. Das sollte bitte unbedingt auch auf meinem Grabstein stehen, bitte vormerken. An einem bestimmten Lied kann ich das jedoch nicht festmachen, wer will, kann alles falsch verstehen.

Ugly Punk: Z.B. dass Katzen gar nicht immer nur auf ihren Pfötchen landen. Oder kann man diese Aussage gar nicht missverstehen?
Nein, da ist nun wirklich noch keiner drüber gestolpert, ich denke, die Nummer ist deutlich angelegt. Eher muss man mal wegen „Keyboarder haben kurze Pimmel“, „Mama“ oder „Fred“ diskutieren, hält sich aber im Rahmen.

Ugly Punk: Bei Song – Covern “Dürfen nur Mädchen“ beschleicht mich immer das Gefühl, das er im Gegensatz zu den anderen Stücken vom neuen Album mehr Ernsthaftigkeit beinhaltet, als er vielleicht rüberbringen soll, ja dass er vielleicht sogar ein Stück Eurer Einstellung zu “Nachspielnutten“ widerspiegelt. Bin ich da total auf dem Holzweg?
Nein, das stimmt schon. Generell erlauben wir uns ja auf jedem Album einen ernsthaften Song, „Dürfen nur Mädchen“ war uns eine Herzensangelegenheit und ist aktueller denn je. Eine Nummer mit viel Wahrheit. Künftige Generationen sollten reine Coverbands auf der Bühne mit diesem Refrain beschimpfen oder sie alternativ auf dem Dorfplatz verbrennen. Eine Pflicht, die wir in Aschaffenburg einzuführen gedenken, ähnlich wie die „Nachspielsteuer“. Da kommt viel Arbeit auf uns zu. Und auf die Reinigungskräfte, die Montags den Dorfplatz kehren müssen. Abschließend möchte ich sagen: 10.000 Blutjungs-Konzerte verhindern eine Coverband.

Ugly Punk: Dann habt Ihr noch wie viele Konzerte vor Euch, bis Ihr die erste Coverband verhindert habt?
Geht so, aber wir sind auf dem Weg. Wenn´s eng wird, spielen wir zum Schluss hin nur noch Doppelkonzerte.

Ugly Punk: Punk und Provokation gehören seit jeher zusammen. Bei den meisten findet Provokation nur in den Texten statt, bei Euch auch auf der Bühne. Vor Pöbeleien und sonstigen Grenzüberschreitungen seid ihr nicht unbedingt frei. Habt Ihr schon mal jemanden so auf die Palme gebracht, dass die Luft kurz vorm Brennen war?
Ja, ja, das passiert, kann dann auch mal körperlich werden. Solche Dinge klärt bei uns die Rhythmusgruppe, die können das. Ich mache dafür die Buchhaltung, ist ja auch wichtig.

Ugly Punk: Du sagst es! Nicht nur Biertrinken, sondern auch Buchhaltung ist wichtig.
Oja, denn ohne Buchhaltung kein Bier! Außerdem sind meine Leistungen als Rummelplatzwrestler sehr überschaubar. Und auch Leute verprügeln will gelernt sein.

Ugly Punk: Unterhaltung wird bei Euch größer geschrieben als die Message. Sind DIE BLUTJUNGS unpolitisch oder passen politische Aussagen oder Denkanstöße einfach schlechter ins Konzept?
Und schon ist das Interview zu Ende…..! Im Ernst: Kann man denn unpolitisch sein? Ich möchte bitte niemals in einer Kapelle spielen müssen, die sich als unpolitisch bezeichnet. Nur weil wir keine zerschlagenen Hakenkreuze auf das Cover pappen heißt das nicht, dass wir unklar positioniert sind, im Gegenteil. Kurze Anspielungen wie in „Faltenpolka“ sind zwar nicht so plakativ, aber ehrlich und genauso deutlich. Wir sehen uns keineswegs als unpolitisch, auch wenn das nicht die vorrangigen Themen unserer Texte sind. Naja und mit den Klamotten, dem undeutschen Auftreten und den ebenso undeutschen Pässen nimmt uns ja die NPD doch nicht. Obwohl, vermutlich kann man sich da für kleines Geld einkaufen. Kurz und gut: Ich glaube „unpolitisch“ ist eine Ausrede.

Ugly Punk: Eine Ausrede für was?
Für sich nicht festlegen müssen und jederzeit die Fahne in den Wind hängen, je nachdem, mit wem man gerade säuft.

Ugly Punk: Eine Zeitung schrieb mal über Euch: “Entweder man liebt oder hasst sie“. Die Leute die Euch lieben, lieben Euch warum?
Wegen dem süßen Sänger vermute ich (der übrigens der uneheliche Schwippschwager eines bekannten Berliner Schlagzeugers ist).

Ugly Punk: Und die Leute die Euch hassen, hassen Euch warum?
Wegen dem großmäuligen Arschloch von Sänger vermuten meine Kollegen.

Ugly Punk: Und ein dazwischen gibt es nicht?
Und ein dazwischen wollen wir nicht, die dazwischen soll gerne Grönemeyer haben.

Ugly Punk: Das ist zwar gemein aber konsequent. Wer sich nicht entscheiden kann muss fühlen, und Grönemeyers Gejaule zählt sicherlich mit zu den schlimmsten Foltermethoden.
Wir sind uns einmal mehr einig.

Ugly Punk: In der Regel würde jetzt an dieser Stelle der Befragte, also Du, nach ein paar abschließenden Worten gefragt werden. Was hältst Du davon, wenn wir heute mal eine Ausnahme geltend machen und dieses großartige Interview ohne Schlusssatz beenden?
Genau mein Ding. Sonst hätte ich mir mühsam was einfallen lassen müssen, was aggressiv und doch brillant ist (wie z. B.: „Immer alles kaputt machen, was zu schwer zum Klauen ist!“) oder gar hohen Intellekt vortäuscht. Oder ich hätte, um es auf die Spitze zu treiben, mich an den alkoholkranken Teil Eurer Leserschaft mit einem flachen Trinkspruch oder gar einem hurtigen „Oi!“ anbiedern müssen.  Es zeugt von deiner Menschenkenntnis, dass du mir das ersparst…..