WÖLLI (Die Toten Hosen)

Um der Einberufung zur Bundeswehr zu entkommen, flüchtete er Ende der 60´ger Jahre in die Hausbesetzerszene nach Berlin. Er arbeitete in diversen Tonstudios, u.a. für Bands wie ABWÄRTS oder die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN, bevor er Mitte der 80´ger für über ein Jahrzehnt den Takt als Schlagzeuger der TOTEN HOSEN angab. Die Rede ist natürlich von Wolfgang Rohde, den meisten besser bekannt unter dem Namen Wölli.  Seit einigen Jahren betreibt Wölli das Label Goldene Zeiten Records und seit kurzem lässt er auch musikalisch wieder aufhorchen. Wir plauderten mit ihm über Höhen, über Tiefen und über diverse Stationen seines Lebens – aber lest selbst.

Ugly Punk: Hi Wölli! Steigen wir ohne große Umwege doch mal direkt ein. Du betreibst seit einigen Jahren ein eigenes Label namens Goldene Zeiten Records. Wann und warum hattest Du die Idee dazu und wie würdest Du die Umsetzung beschreiben?
Wölli: Ich mache seit über 40 Jahren Rock Musik. Durch einen Autounfall musste ich meine Karriere bei den Hosen beenden. Ich wollte ein wenig von dem Glück das ich hatte und von dem, was mir die Musik gegeben hat, zurückgeben und junge Bands fördern. Durch die Globalisierung der Musikindustrie, die uns nur noch Einheitsgrütze, Casting Mutanten, Superstars oder Manga Figuren präsentiert, reifte die Idee, das eine Nische für Alternative Bands, Musik, Labels usw. entstehen müsste, abseits vom Mainstream. Die Vision wurde umgesetzt und das Label Goldene Zeiten Records und der Trallala Musik Verlag gegründet. Mit ganz vielen Ideen, ganz viel Arbeit und Enthusiasmus ging es ans Werk, und in 4 Jahren und  mit 14 Alben von verschiedenen Bands habe ich meinen 1 Mann Betrieb gestartet. Mit meinen Visionen bin ich allerdings wieder ziemlich auf dem Boden der Tatsachen zurück, denn dass es so schwer werden würde, hätte ich nicht gedacht. Die Medien, also Radio, TV und auch Print, sind voll in der Hand der großen Plattenfirmen oder sagen wir ruhig Musikmafia. Da kriegst du kaum ein Bein an die Erde. Aber was soll`s… Der Kampf/Spaß geht weiter!

Ugly Punk: Liegt es vielleicht auch daran, dass Deine Labelbands von den Medien als “nicht massentauglich“ genug empfunden werden oder wie würdest Du die Hürden, die es zu meistern gilt, konkreter umschreiben?
Wölli: Ich glaube nicht, dass die GZ Bands nicht massentauglich sind. Auch die HOSEN oder ÄRZTE hatten in den Anfangstagen ähnliche Probleme. Die Hürde ist einfach die Kohle. Es ist heutzutage üblich dass du eine Kooperation mit den Sendern eingehen musst, wenn du willst dass die eigenen Videos bei MTV oder VIVA gespielt werden. Nur wenn du die Sender an den CD Verkäufen beteiligst, wirst du überhaupt gespielt. Wenn die Verkäufe dann allerdings nicht so laufen wie die Sender sich das vorstellen, wirst du sofort wieder aus dem Programm genommen. Und als Musiksender kann man die beiden oben genannten doch eh nicht mehr bezeichnen. Beim Radio sieht`s ähnlich aus. Welcher Sender spielt denn noch Musik die nicht Mainstreamig ist oder so klingt wie die Grütze, die sonst im Radio läuft? Trotzdem glaube ich, dass sich Qualität irgendwann durchsetzen wird. Wenn die Medien es so nicht schlucken wollen dann hilft nur noch eins… PENETRIEREN.

Ugly Punk: Neben TV SMITH hast Du auch die Bands MASSENDEFEKT und PLANLOS auf Deinem Label. Zwei Bands, die musikalisch ja gar nicht so weit von den HOSEN entfernt sind. Sollen oder wollen diese Bands irgendwann mal in die Fußstapfen der TOTEN HOSEN treten oder sind die musikalischen Ähnlichkeiten nicht unbedingt beabsichtigt? Oder anders gefragt: Wo siehst Du diese beiden Bands in 5 Jahren?
Wölli: Ich weiß nicht ob MASSENDEFEKT oder PLANLOS in die Fußstapfen der HOSEN treten werden, aber ich finde beide Bands einfach geil. Es macht Spaß mit diesen Bands zu arbeiten, auch weil wir richtige Freunde geworden sind und beide Bands ein Riesenpotential besitzen. Ich bin mir eigentlich sicher, dass sowohl PLANLOS als auch MASSENDEFEKT auf jeden Fall in der deutschen Musiklandschaft noch eine Rolle spielen werden. Vielleicht in 5 Jahren, evt. auch früher oder später. Ich glaube an meine Bands, sonst würde ich nicht mit ihnen arbeiten.

Ugly Punk: Auch Du selbst bist kürzlich mal wieder musikalisch in Erscheinung getreten und zwar mit einem Projekt namens GOLDENE ZEITEN ORCHESTRA. Euer erster Song “Ein bisschen Nikotin“ beschäftigt sich mit der Situation rund ums Nichtraucherschutzgesetz. Was ist Deine persönliche Meinung zu diesem ganzen Heckmeck um den Glimmstengel und welche Resonanzen gab und gibt es auf diesen Song?
Wölli: Nach meiner HOSEN Karriere ist es mein erster musikalischer Versuch, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Dabei geht es mir gar nicht so sehr um die Nichtraucherschutzgesetze, sondern um diesen bescheuerten Gesetzes und Verordnungswahn. Wir schlucken alles was von oben kommt ohne uns dagegen zu wehren. Keiner macht mehr sein Maul auf gegen diese Bevormundungen. Ein bisschen mehr bürgerlicher Ungehorsam würde uns allen gut tun. Ich war immer ein Typ, der sich gegen Dummheit, Ungerechtigkeit, Arroganz und staatliche Ignoranz gewehrt hat. Das war und ist bei mir vor, während und nach den HOSEN so gewesen.

Ugly Punk: Wie würdest Du Dir diesen “bürgerliche Ungehorsam“ im Bezug auf den Gesetzes und Verordnungswahn denn in etwa vorstellen?
Wölli: Wir müssen uns organisieren, mit unseren Anliegen und Protesten wieder auf die Straße gehen. Wenn uns keiner wahrnimmt, werden wir auch nichts erreichen. Wenn es die Montagsdemonstrationen in Leipzig  nicht gegeben hätte, würde die Mauer immer noch stehen. Es geht, wir müssen nur den Arsch hochkriegen. In Leipzig waren es am Anfang auch nur eine Handvoll Menschen, dann ein paar hundert, dann tausende und irgendwann fiel die Mauer.

Ugly Punk: Wird das GOLDENE ZEITEN ORCHESTRA ein Projekt aus mehreren “Goldene Zeiten“ Labelmusikern bleiben oder soll sich irgendwann eine feste Band daraus formen?
Wölli: Durch mein Label Goldene Zeiten habe ich so viele gute, aber auch sehr unterschiedliche Musiker kennen gelernt, dass ich mich musikalisch nicht festlegen wollte. Ich benutze die unterschiedlichsten Musikrichtungen und spiele meine Songs deshalb mit ganz unterschiedlichen Musikern ein. “Goldene Zeiten“ ist wie eine große Familie und daran will ich auch festhalten. Die Songs werden  alle nur noch im Internet veröffentlicht. So kann ich viel schneller aktuelle Themen aufgreifen und muss nicht ein halbes Jahr oder ein Jahr bis zur Veröffentlichung warten. Außerdem ist das auch viel kostengünstiger. Ab Oktober werde ich jeden Monat 1-2 neue Songs ins Netzt stellen. Z.B. habe ich noch einen Song zusammen mit Vom eingesungen, der “ Two drunken Drummers „ heißt und in dem der alte und der neue HOSEN Drummer von ihren Partyerlebnissen singen werden. Und das ist noch längst nicht alles was ich so auf Lager habe. Ihr werdet noch viel von uns hören…!

Ugly Punk: Die Partyerlebnisse könnte ich mir auch gut als Hörbuch vorstellen. Singt Ihr von Euren Erlebnissen dann auf Deutsch, Englisch oder benutzt Ihr beide Sprachen?
Wölli: Vom und ich singen beide auf Deutsch. Vom halt so gut er kann, was den Song aber sehr sympathisch macht. Musikalisch ist das eine hammergeile Metal oder Hardrockparodie. Der Song macht einfach nur Spaß und kann vom ersten Refrain an mitgesungen werden.

Ugly Punk: Gehen wir mal etwas weiter zurück in Deine Vergangenheit. Man erzählt sich, dass Du auf der Flucht vor der Bundeswehr ins damals rettende Berlin geflüchtet bist und Dich u.a. auch in der Hausbesetzerszene aufgehalten hast. Das war doch mit Sicherheit eine spannende und turbulente Zeit für Dich, oder? Kannst Du uns einen kleinen Einblick in diesen Zeitabschnitt gewähren?
Wölli: Ja, das war wohl die Zeit in meinem Leben die mich am meisten geprägt hat. Mit 18 zum ersten mal von zu Hause weg und dann direkt nach Berlin. Das war 1968 als der ganze politische Kampf begann und ich wurde sehr schnell Teil dieser Bewegung. Die Aktionen der APO fand ich geil und war dabei wo ich nur dabei sein konnte. Als der bewaffnete Kampf losging habe ich mich aber zurückgezogen. Ich denke selbst staatliche Gewalt sollte man nicht mit Gewalt bekämpfen. Aber das Beste war, dass es damals eine Generation gab die das Maul aufgemacht hat und die auch einiges verändert hat. Ganz ehrlich – das vermisse ich heute. Um mehr darüber zu erzählen, würde der Platz nicht ausreichen. Darüber könnte ich ein Buch schreiben. (Das ist übrigens eine Idee …ich werde darüber nachdenken).

Ugly Punk: Mitte der Achtziger bist Du dann nach Düsseldorf gegangen und hast den Job hinter der TOTE HOSEN Schießbude eingenommen. Wie kam der Kontakt zu den Düsseldorfer Punkrockern zustande?
Wölli: Das ist eigentlich ganz schnell beantwortet. Ich war mit Campinos Schwester 6-7 Jahre in Berlin zusammen und hatte somit Familienanschluss. Kenne Campi als er etwa 12-13 Jahre alt war. Dann habe ich seine ersten Versuche mit ZK beobachtet und in den Anfangstagen der HOSEN habe ich ja bei der Berliner Punk Band FRAU SUURBIER getrommelt. Als Trini Timpop dann bei den HOSEN aufgehört hat, war es nahe liegend, dass die Jungs mich gefragt haben. Ich bin also eingestiegen und hatte mit den HOSEN die schönste Zeit meines Lebens.

Ugly Punk: Stimmt, FRAU SUURBIER, da war ja noch was. Da hast Du doch damals Bela B. am Schlagzeug abgelöst, richtig? Ihr habt doch damals sogar eine Privatbrauerei gehabt, welche ein gleichnamiges Bier braute. Die existiert heute bestimmt nicht mehr, oder?
Wölli: Das ich Bela bei den SUURBIERS abgelöst habe ist richtig. Bei allen Gerüchten die so verbreitet wurden; wir sind bis heute beste Freunde. Zu den Bierdosen nur soviel: So gut und so erfolgreich waren wir dann doch nicht. Es reichte nur dazu dass wir Aufkleber machen ließen, die genau um eine Dose herum gewickelt werden konnten. Da war noch echte Handarbeit angesagt.

Ugly Punk: Noch mal zurück zu den HOSEN. Aufgrund gesundheitlicher Probleme musstest Du den Schlagzeughocker nach 13 Jahren TOTE HOSEN verlassen. Was ging da emotional in Dir vor?
Wölli: O.K., die Bandscheibenvorfälle hatte ich fast wieder im Griff, bis ich den Autounfall hatte. 2 Tage im Koma, fast alle Knochen gebrochen und 1 ½  Jahre Reha waren dann das endgültige Ende. Heute denke ich dass es irgendwie auch ganz gut so war. Dadurch konnte ich loslassen und mit 50 hatte ich eh das Haltbarkeitsdatum erreicht. Mit dem Schicksal habe ich aber nie gehadert, das war O.K. so. Die guten Momente haben überwogen!

Ugly Punk: Trotzdem gehörst Du ja weiterhin zur Familie. Ist das so eine Art Ehrenkodex innerhalb der Band – Einmal HOSE immer HOSE?
Wölli: Das war einer der ersten Sprüche als ich bei den HOSEN anfing: Bei uns kommst Du nur im Sarg raus!!! Die HOSEN sind nach wie vor meine besten Freunde.

Ugly Punk: Diese doch recht familiäre Atmosphäre innerhalb der Band geht sogar soweit, das Musiker und Crew auch nach Ihren Lebzeiten beieinander sein wollen und angeblich mit einer riesengroßen angemieteten Grabstätte auf dem Düsseldorfer Südfriedhof vorgesorgt haben sollen. Auch von einem Garagentor als Grabstein war irgendwann mal die Rede. Kannst Du das bestätigen?
Wölli: Auch das ist absolut richtig. Diese Grabstelle ( für bis zu 8 Personen ) ist reserviert und läuft sogar auf meinen Namen. Als das bekannt wurde, hat sich ein Automatenaufsteller aus Süddeutschland gemeldet, der dort einen Bierautomaten und eine Musikbox aufstellen wollte. Die Friedhofsverwaltung ist ziemlich ins Schleudern gekommen und als hunderte von Fans dort angerufen haben und die Gräber neben uns belegen wollten, hat die Tante von der Verwaltung erst einmal Urlaub genommen. (2 Wochen lief nur der Anrufbeantworter).

Ugly Punk: Stichwort Tod! Dem hast du 1999 nach einem schweren, von Dir vorhin schon mal kurz angesprochenen Autounfall, glücklicherweise noch mal den Stinkefinger zeigen können. Was genau ist passiert?
Wölli: Ich hatte in  Mönchengladbach einen Frontalzusammenstoß mit einem anderen PKW. Ich Idiot war nicht angeschnallt, aber der Airbag ist zum Glück aufgegangen. Bin durch den Aufprall dann unter den Sack gerutscht und habe meine Kniescheibe zertrümmert, Oberschenkel mehrfach gebrochen, alle Rippen rechts, Schlüsselbein u. 5-6 Rippen links, also fast jeden Knochen auf meiner rechten Körperhälfte . Wie schon gesagt – 2 Tage Koma, 1 ½ Jahre Reha. Der andere Fahrer hatte sich angeschnallt und soweit ich weiß nur einen Schienenbeinbruch. Also: IMMER SCHÖN ANSCHNALLEN!!! Mir wäre einiges erspart geblieben.

Ugly Punk: Dein Steckbrief verrät uns, das eine, Dir von Deinen Eltern vererbte Charaktereigenschaft, die Toleranz ist. Wenn Du das System, die Politiker oder die Menschen unseres Landes mal durchleuchtest, wo fehlt es da am meisten an Toleranz?
Wölli: Wenn ich mir System und Politiker anschaue kann ich nur noch kotzen. Dort gibt es keine Ehrlichkeit oder Toleranz mehr. Da geht es nur noch um Macht. Macht haben, Macht behalten, vor allen Dingen Macht über andere zu haben. Die verkaufen ihre eigene Großmutter. Und wer darauf aus ist, Macht über andere Menschen zu haben, für den ist doch Toleranz ein Fremdwort. Im zwischenmenschlichen Bereich sollten wir alle Lernen unser Gegenüber, auch Freunde, Partner usw., so zu lassen wie sie sind, mit ihren Fehlern und Schwächen, mit ihren Eigenarten oder Macken. Wenn nur Abbilder von uns selbst herumlaufen würden, wäre die Welt ganz schön arm und langweilig. Und da kann jeder in seinem ganz privaten Bereich etwas tun. Toleriere die Meinung anderer, auch wenn du anders denkst und anders drauf bist. So wichtig und allwissend ist keiner von uns.

Ugly Punk: Als größter Utopie, was das Zusammenleben von Menschen betrifft, nanntest Du einst – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Hast Du den Glauben an die Menschheit komplett verloren oder gibt es zumindest noch irgendwelche Persönlichkeiten oder Gruppierungen, die diese Utopien mit einem kleinen Lichtblick versehen?
Wölli: Ich glaube immer noch an die Menschheit, ich glaube sogar immer noch an das Gute im Menschen, auch wenn`s manchmal schwer fällt. Wenn ich das nicht mehr tun würde, könnt ich mir doch gleich die Kugel geben. Gerade in Zeiten wo es einem schlecht geht, ist es das Beste, wenn man plötzlich Menschen trifft, die genau so oder ähnlich drauf sind wie man selbst. Daran kann man sich aufrichten. Mein Lichtblick sind meine beiden Söhne Alex (18) u. Joey (10). Ich wollte selber lange Zeit keine Kinder bis ich den Gedanken hatte: Man darf die Welt nicht den ganzen Arschlöchern überlassen…

Ugly Punk: Wohl wahr! Das Deiner Meinung nach beste Album der Hosen ist?
Wölli: “Learning English“ und “Opium für`s Volk“.

Ugly Punk: Das Deiner Meinung nach schlechteste Album der Hosen ist?
Wölli: Richtig schlecht ist keins! Im nach hinein würde ich aber bei dem einen oder anderen Song einiges anders machen.

Ugly Punk: Willst Du uns verraten bei welchen und warum?
Wölli: Das ist allein eine Schlagzeug- oder soundtechnische Frage. Ich denke das langweilt  nur. Musiker Quatsch!!!

Ugly Punk: O.K., wir sagen danke das wir dieses kleine Rede und Antwort Spielchen mit Dir spielen durften. Wie wäre es mit einem revolutionären Schlusssatz?
Wölli: Ich liebe euch alle!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!