ALEX TSITSIGIAS (Schrottgrenze)

SCHROTTGRENZE – eine experimentierfreudige Band, die stetig auf Weiterentwicklung und Veränderung fixiert ist und sich schon lange nicht mehr in einer Schublade gefangen halten lässt. Angefangen als jugendliche Provinzpunker mit unbeschwerten und dem Alter entsprechenden Texten, machte sich die Band um Alex Tsitsigias und Timo Sauer Ende der Neunziger einen recht bekannten Namen. So wie der Wohnort, von Peine nach Hamburg, änderte sich auch der Stil des Quartetts. Man betrat neue Pfade und ließ anderen Einflüssen freien Zugang ins allseits bekannte musikalische Handwerk. Der Beliebtheit und dem Bekanntheitsgrad tat dies allerdings keinen Abbruch. Im Gegenteil, die Fangemeinde wuchs weiter an, es wurde das Interesse von Funk, und aufgrund von produzierten Musikvideos, auch das von Fernsehen geweckt. Der Mut zur Veränderung, der Drang sich um jeden Preis nicht wiederholen und im Kreis drehen zu wollen, machten SCHROTTGRENZE schließlich zu einer festen Indie-Rockgröße. Momentan pausieren die Hamburger und widmen sich den Dingen, die ansonsten immer zu kurz gekommen sind. Wir platzten einfach mal in die Pause rein und erkundigten uns bei Alex wann es weiter geht, was überhaupt so geht und über einiges mehr.

Ugly Punk: Hi Alex! Erstmal schön, dass es mit dem Inti geklappt hat. Ihr macht schon seit längerer Zeit eine Pause, weil es in Sachen SCHROTTGRENZE nicht mehr “juckt“. Habt ihr dieses Jucken alle nicht mehr gespürt oder reicht es schon, wenn es bei einem von euch schon nicht mehr kribbelt?

A: Hi! Timo und ich waren nach der letzten Tour 2007 einfach müde. Wir haben von 2002- 2007 4 Alben aufgenommen und eine Menge Konzerte gespielt, daher war unser Burn-Out für alle in der Band nachvollziehbar. Seitdem haben wir viele andere Dinge in Angriff genommen die bis dato immer zurückgestellt wurden. Ich hab ein Album mit Das Bierbeben gemacht, Timo hat eine neue Band, die gerade ein Album produziert, es gab diverse Diplom- und Magisterarbeiten zu schreiben und so weiter. Ugly Punk: Kannst du denn versichern, dass es irgendwann wieder Jucken wird? Oder könnte es auch sein, dass der Juckreiz, was SCHROTTGRENZE betrifft, nicht wiederkehrt?
A: Wir haben auf jeden Fall wieder angefangen zusammen Musik zu machen. So etwa seit 2 Monaten, mal sehen was dabei rauskommt. Wenn die Musik zu Schrottgrenze passt, wird das ein neues Album, wenn nicht, wird es was Neues geben. Veröffentlichungstermine oder Konzerte sind aber noch nicht geplant.

Ugly Punk: Ob die Musik tatsächlich zu SCHROTTGRENZE passt entscheidet ihr dann mit dem Bauch oder mit dem Ohr?
A: Es muss in beiderlei Hinsicht passen.

Ugly Punk: Kürzlich sagte mir jemand, dass die einzige noch aktive (Punk)Band aus den 80´ger Jahren, die sich permanent weiterentwickelt hat, die GOLDENEN ZITRONEN wären. Wenn wir in den 90´gern ansetzen, würde diese Aussage ja auch auf euch zutreffen. Wie wichtig ist es für dich, musikalisch immer wieder neue Wege zu beschreiten? Ich mein, manche Bands machen ja seit über 20 Jahren dasselbe und sind trotzdem erfolgreich.
A: Weiterentwicklung ist mir wichtig. Gerade wenn ein Album gelungen gut ist, bin ich eher nicht geneigt das gleiche noch mal zu versuchen, denn das funktioniert selten und mündet schnell in einem lauwarmen Aufguss. Auf der anderen Seite kann man Veränderungen nicht erzwingen, für mich gehört immer Inspiration dazu und die Ideen anderer einfach nur nachzubauen ist mir zu öde. In den letzten Jahrzehnten gab es gerade aus Deutschland soviel Epigonenmusik, das ist für mich ein ähnliches Prinzip wie die Arbeit von Top 40-Bands und nicht die Veränderung die ich suche. Das ist einer der Gründe, warum es seit zwei Jahren kein neues Album von Schrottgrenze gab. Es braucht seine Zeit.

Ugly Punk: Durch wen oder was lässt du dich zurzeit inspirieren?
A: Ich höre viel alte elektronische Musik, von Delia Derbyshire bis Vanity 6… Experimental z.B. Nurse with Wound, Sun Ra, Skaters… Aber auch punkige Sachen, die neue Jay Reatard gefällt mir, Abwärts hab ich grad wieder ausgegraben. Alles mögliche…

Ugly Punk: Begonnen habt ihr als blutjunge Deutschpunkband mit, na ja, sagen wir mal pubertären Texten. Hörst du dir die “Auf die Bärte, fertig los!!!“ heute noch gerne an oder ist das mittlerweile ein Album, das du am liebsten wieder rückgängig machen würdest?
A: Weder noch. Ich habs neulich mal wieder gehört, es ist schon sehr naiv und leider sehr stark geprägt von der (größtenteils öden) Deutschpunk-Musik der frühen Neunziger. Aber es war eine energiegeladene Zeit für uns, während der wir viel gelernt haben. Und eine handvoll guter Sachen gab es auch, uns fehlte eigentlich nur der Blick für die Differenzierung zwischen Gut und Pubertär. Hätten wir die besten Stücke unserer ersten beiden Tapes aufgenommen, wäre das Album sicher viel besser geworden, aber so weit waren wir da noch nicht.

Ugly Punk: Ihr habt ja irgendwann einen kompletten Bandumzug von Peine nach Hamburg vollzogen. War die neue Heimat auch für euren Sound prägend oder haben Musikhochburgen darauf keinen Einfluss?
A: Hab ich mir noch nie drüber Gedanken gemacht. Klar, wir mochten Hamburg-Punk immer gerne, das hat bestimmt Spuren hinterlassen. Aber es gibt noch viele andere Sachen aus allen möglichen Ländern, die uns genauso begeistern. Peine war insofern maßgeblich, als das wir durch die Tristesse der Stadt schon seit 1994 regelmäßig getourt sind, um da rauszukommen. Es gab da kaum Punk-Bands und zudem sehr wenige in unserm Alter, also sind wir losgefahren um Leute kennen zu lernen und spielen zu können.

Ugly Punk: Von wem wurde der Entschluss denn damals gefasst, der Provinz den Rücken zuzukehren und in die Großstadt zu ziehen, und hat diese Entscheidung im Endeffekt das gehalten, was sie versprochen hat?
A: Das hat sich so entwickelt. Wir waren schon mit 16 viel in Hamburg unterwegs, hatten dort Freunde und fanden es dort natürlich um einiges interessanter als in Braunschweig oder Hannover. Wir haben auch eine Menge Hamburger Bands gehört, viele davon haben in Peine oder Hannover gespielt. …But Alive, Dackelblut, Zitronen, etc.

Ugly Punk: Vor der “Vaganten und Renegaten“ habt ihr euer Glück ja mal kurzzeitig unter anderem Namen versucht, seit aber schließlich, nach einer MC Veröffentlichung, wieder zum alten Namen zurückgekehrt. War der Namenswechsel einfach eine neue Herausforderung noch mal ganz von vorne anzufangen oder war dieser Schritt mehr dazu gedacht, den alten Bandnamen irgendwie loszuwerden?
A: Das war im Grunde eine Maßnahme von Timo, um damals bei der BMG einen Verlagsvorschuss zu bekommen. Mit dem Namen Schrottgrenze war damals nix zu holen, also hat er uns dort unter anderem Namen angemeldet. Wir haben zwar auch mal darüber nachgedacht den Namen zu wechseln, aber niemand von uns wollte unter dem Namen „Fingers“ wirklich was machen. Das war eine total doofe Idee, die Rocko Schamoni mal hatte, er meinte so was wie „Fingers – klingt wie ein Feinschmecker-Restaurant.“ Die MC kam erst Jahre danach und war so was wie ein privater Witz, da ist nur Recording-Abfall drauf, der nicht länger als 45 Sekunden geht.

Ugly Punk: Euer Werk von 2004 “Das Ende unserer Zeit“ hat euch dann sogar ins Fernsehen katapultiert. Es wurden Videos gedreht und ihr habt live bei Sarah Kuttner im Studio gespielt. Habt ihr zu dieser Zeit gemerkt, dass das Interesse an euch noch mal ordentlich angestiegen ist oder hat das Musikfernsehen doch nicht so einen großen Einfluss auf die Zuschauer, wie immer behauptet wird?
A: Schwer zu sagen, Feedback gab es auf diese Auftritte schon. Wir wurden auf Viva 2 oft in diese Clip-Shows gevotet, da hat man vor allem gemerkt, dass es mehr Leute interessiert. „Fernglas“ wurde da dauernd gespielt. Es ist schwierig so was in Verkaufszahlen zu messen, aber die Summe solcher Promo-Sachen bewirkte, dass die Touren besser besucht waren. Man konnte vor allem noch mit DIY-Videos dort ankommen, unsere Videos waren alle total Low-Budget, meist unter 500 Euro.

Ugly Punk: Waren diese Videodrehs positive oder nervige Erfahrungen? Hat dadurch vielleicht sogar jemand von euch die Schauspielerei für sich entdeckt?
A: Nein, auf keinen  Fall. Videodrehs sind immer mit viel Warterei verbunden und meistens anstrengend, da viel aufgebaut werden muss und viele Dinge parallel unter Zeitdruck ablaufen. Einige Aktionen waren auch witzig, das Video zu „Fernglas“ mit den ganzen Fahrzeugen hat Spaß gemacht oder auch das Video zu „Künstler“, wo wir mit 30 Leuten von der Kunsthochschule in Stuttgart einfach gefeiert haben. Aber jeden Tag bräuchte ich das nicht.

Ugly Punk: Meine Frau, dass kann an dieser Stelle ruhig mal erwähnt werden, ist ja von deiner Stimme schwer begeistert. Hast du eine Gesangsausbildung gemacht oder wurde dir dieses prächtige Organ schon in die Wiege gelegt?
A: Danke! Nee, keine Ausbildung. Ich hab vor drei Jahren mal 5 Gesangsstunden genommen, da ich häufiger Kehlkopfentzündungen hatte, aber das hat nicht so viel gebracht, ist eher von alleine wieder weggegangen.

Ugly Punk: Die letzten beiden Alben haben sich vom punkigen Sound doch recht weit entfernt. Wie sind die Meinungen der Old School Hörerschaft? Können die mit dem neueren Sound auch was anfangen? Und wie sieht´s umgekehrt aus? Kann die neu gewonnene Zuhörerschaft den älteren SCHROTTGRENZE Scheiben was abgewinnen? Welche Feedbacks kommen dir diesbezüglich zu Ohren?
A: Schwer zu sagen, war mir auch nie so wichtig. Es war eigentlich bei jeder neuen Platte so, dass langfristige Hörer zunächst gemeckert haben, was sich aber ganz häufig nach einer Weile wieder geändert hat. War für mich eher ein Kompliment, wir haben immer versucht Musik zu machen, die man öfter als zweimal hören kann und dementsprechend brauchen manche Platten ein paar Durchläufe. Das Argument – „Ihr seid Scheiße geworden, weil ihr nicht mehr so schnell spielt wie auf der „Super“ fand ich immer total beknackt. Sollen die sich NOFX-Platten oder sonst was holen, wir hatten irgendwann die Schnauze voll von 200 BPM Punkrock.

Ugly Punk: Ordnest du dem Grundgedanken des Punkrocks in deinem Leben noch eine gewisse Priorität zu?
A: Kommt drauf an, was du darunter verstehst. Ich messe vor allem dem DIY-Gedanken eine hohe Priorität zu, das war uns selbst während unserer Zeit bei Motor sehr wichtig. Ich mache z.B. seit 2008 ein Tape-Label für Noise-Musik. Und auch da sehe ich für mich Parallelen zu Punk. Mir ist Krach immer noch sehr wichtig, sowohl als akustisches Phänomen, als auch in seiner ästhetischen Vielfalt. Darüber hinaus war es mir wichtig, meine musikalische Arbeit in den letzten Jahren stärker zu politisieren. Das war ein Aspekt, der bei Schrottgrenze erst in der Spätphase wieder an Gewicht gewann und den ich bei Das Bierbeben, Station 17 (spiele dort Gitarre) und Kommando Sonne-nmlich (Schlagzeug), gewissermaßen ‚vertiefen’ konnte. Das sind alles Gruppen, die in künstlerischer Hinsicht sehr vielfältig sind und die nicht auf eine Zusammenarbeit mit „der Industrie“ angewiesen sind. Ich sag das nicht um hier ein altes Feindbild heraufzubeschwören, aber für meinen Geschmack kommt aus der Ecke nur noch Scheiße, was meiner Erfahrung nach vor allem daran liegt, das diese Leute einen nicht in Ruhe arbeiten lassen. Das mündet in herausgepresster, geistloser Musik und da hab ich als Künstler keinen Bock drauf.

Ugly Punk: Habt ihr denn schon selbst Erfahrungen mit einem gewissen Druck gemacht, der von der Industrie auf euch ausgeübt wurde? So das die eigene Kreativität praktisch durch andere eingeengt wurde?
A: Ja! Vor allem dadurch, das der Apparat um die Band immer größer wurde. Dann gab es dutzende von Meinungen, es wurde viel Geld sinnlos verballert usw. Es ist erschreckend, wie schlecht in Plattenfirmen und Vertrieben zum Teil kommuniziert wird. Sich da durchzusetzen war im Endeffekt sehr nervig, und im Vergleich war unsere Zeit bei Weird System bzw. als wir unsere Sachen selbst raus gebracht haben, sehr viel effektiver und stressfreier.

Ugly Punk: Das beste SCHROTTGRENZE Album ist deiner Meinung nach?
A: Chateau Schrottgrenze, ist am stimmigsten.

Ugly Punk: Na das passt ja, denn auch das Interview war doch recht stimmig. Besten Dank und auf die musikalische Zukunft.
A: Danke auch!